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Schweiz

Das zweite Leben der Strohhüte

Von Volker Mehnert
 - 08:44
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Der Chauffeur des Schweizer Postbusses meistert die aufreibende Fahrt in die alpine Sackgasse mit Bravour. Über dreiundzwanzig Kilometer lenkt er sein gelbes Gefährt bergauf durchs Valle Onsernone: durch winzige Dörfer aus grobbehauenem Granit wie Auressio, Loco, Russo oder Comologno; durch Kurven, Haarnadelkurven und noch mehr Kurven; durch Serien von schmalen Spitzkehren, einspurigen Passagen und extremen Engpässen am Abgrund, ständig haarscharf vorbei an Felswänden, Kirchenmauern, Brückengeländern und Leitplanken. Im Weiler Spruga ist Endstation für den Bus, aber die Verknotung der Serpentinen in den Steilhängen geht weiter, fortan als schmaler Wanderweg bergab.

Nach eineinhalb Stunden Fußmarsch steht man am Flüsschen Isorno vor einer bizarren Ruine. Mauerwerk und Gewölbekonstruktion erinnern an eine römische Badeanstalt, doch existiert hier, genau auf der unsichtbaren Grenze zwischen der Schweiz und Italien, kein antikes Monument. Vielmehr ist das Mauerskelett der Überrest der Bagni di Craveggia, eines beliebten Thermalbades aus dem neunzehnten Jahrhundert. Vom einstigen Kurhotel lassen sich die Grundmauern nur noch erahnen, die Badehäuser sind verfallen und ausgeweidet, nur sechs Badewannen schimmeln in den düsteren Katakomben vor sich hin. Es ist ein seltsamer Ort, beklemmend und anrührend zugleich, ganz so, als würde hier kurz vor der Apokalypse ein letzter Rest von Zivilisation zerbröckeln.

In Wirklichkeit wurden die Bagni di Craveggia von einer Lawine zerstört, und jetzt stehen sie symbolisch für den Niedergang einer alpinen Region, die seit je von Armut gezeichnet war und die den anderswo gelungenen touristischen Anschluss nur vorübergehend geschafft hat. Das letzte Wort freilich scheint nicht gesprochen. Denn beim Näherkommen entdeckt man neben den Gebäuden zwei nagelneue Badewannen aus glattgeschliffenem Granit, die der Wanderer bei Bedarf aus der gefassten, neunundzwanzig Grad warmen Quelle füllen kann. Vor den Ruinen der Vergangenheit wirken sie wie eine trotzig zuversichtliche Botschaft fürs einundzwanzigste Jahrhundert, und tatsächlich sind sie der Hinweis auf ein seit siebzehn Jahren beharrlich verfolgtes Vorhaben: die Einrichtung eines neuen Nationalparks im Tessin.

„Wir sind für alles offen“

Der Parco Nazionale del Locarnese wäre erst der zweite Schweizer Nationalpark überhaupt, und er soll eine völlig andere Zielsetzung verfolgen als sein Pendant in Graubünden. Während sich dort der mehr als hundert Jahre alte Park ganz dem Naturschutz verschrieben hat, geht es im Locarnese um mehr: um die nachhaltige Förderung von Natur, Kultur und Wirtschaft. Denn Naturschutz kann sich hier nicht auf die Bewahrung uralter Wälder oder Landschaftsbilder berufen, weil die Natur in den Tälern und auf den Berghängen erst in den vergangenen sechzig, siebzig Jahren herangewachsen ist: halbwüchsige Wildnis auf dem Boden einer jahrhundertealten Kulturlandschaft. Noch vor zwei, drei Generationen rackerten sich die Menschen auf einem ebenso mühselig wie kunstvoll errichteten System von Terrassierungen aus Trockenmauern ab oder hüteten ihre Kühe, Schafe und Ziegen auf Bergwiesen und Almen. Nur ein Zehntel der Fläche war damals bewaldet. Der seither durch Abwanderung der Bevölkerung und Vernachlässigung der landwirtschaftlichen Flächen entstandene Mischwald aus Buchen, Kastanien, Linden, Lärchen und Weißtannen ist also kein Urwald im eigentlichen Sinne, zumal sich mittendrin Hunderte von Rustici verstecken, verlassene Granitsteinbauten der ehemaligen Bauern und Viehhirten.

Weil sich auf dem zweihundertzwanzig Quadratkilometer großen Gebiet des Locarnese außerdem zahlreiche Dörfer befinden, deren Ortsbilder vom Schweizer Bundesinventar als schützenswert gelistet sind, soll ein kultureller und wirtschaftlicher Prozess in Gang gesetzt werden, um die Dörfer am Leben zu erhalten. Denn ähnlich wie andere Randregionen in der Schweiz war und ist das Locarnese vom Aussterben bedroht. Wiederholte staatliche Finanzspritzen haben sich als wenig effektiv erwiesen und konnten den Exodus der Bewohner nicht aufhalten. Inzwischen leben in manchen Dörfern des Valle Onsernone und im davon abzweigenden Valle di Vergeletto nur noch ein paar Dutzend Einwohner. Der Nationalpark soll ihnen neue Zukunftsperspektiven eröffnen.

Anstatt ein umfassendes Konzept von oben zu dekretieren, wurden die Bewohner ermuntert, sich über eigene Initiativen Gedanken zu machen. „Wir sind für alles offen, wollen ein Park auf dreihundertsechzig Grad sein“, sagt Samantha Bourgoin, die Direktorin des Nationalparkprojekts. So sind neben den neuen Badewannen von Craveggia mittlerweile mehr als hundert konservatorische, pädagogische und touristische Vorhaben verwirklicht oder im Planungsstadium – von Weindegustationen in wiederbelebten Weinbergterrassen über historisch-literarische Spaziergänge und mehrtägige Treckingtouren auf den Spuren der Walser bis hin zu einer „Schule im Wald“, die Kinder mit dem Naturschutz vertraut machen soll. Auch vergessenes Handwerk, historische Herbergen und verdrängte Kapitel der Heimatgeschichte sollen wiederbelebt werden.

Handwerkskunst der traditionellen Strohhüte

Vergangenheit mit Gegenwart und Zukunft verbinden will die Initiative Pagliarte. Jahrhundertelang florierte im Onsernone-Tal die Verarbeitung von Roggenstroh, das auf den Terrassen heranwuchs und in familiärer Heimarbeit vorwiegend zu Strohhüten geflochten wurde. Von jungen Mädchen bis zum Großvater waren alle in die Produktion eingespannt. Hunderttausende von Rohlingen wurden über italienische Handelszentren und Häfen in alle Welt verschickt und dort modisch dekoriert und herausgeputzt. Diese Handwerkskunst war beinahe vergessen und soll nun im Rahmen des Nationalparks wiederbelebt werden. An der Piazza in Berzona gibt es schon ein Atelier, in dem zahlreiche Frauen traditionelle Flechtkunst mit modernem Design kombinieren und ihre Kreationen verkaufen. „Die Strohhüte sind zurück“, freut sich Lara Blumer, die Leiterin des Vereins Pagliarte.

Zurück ist auch Farina Bóna, das glutenfreie „gute Mehl“ aus gerösteten Maiskörnern, das vielen Speisen einen leicht süßlichen Popcorn-Geschmack verleihen kann. Einst war es Grundnahrungsmittel der Menschen im Locarnese, gemischt mit Wasser, Milch oder Wein, um ein wenig Würze in den gleichförmigen Speiseplan zu bringen. Der ehemalige Lehrer Ilario Garbani hat in jahrelanger, mühseliger Kleinarbeit die stillgelegte Wassermühle von Vergeletto restauriert und wiederbelebt. Er erzeugt inzwischen ansehnliche Mengen von Großmutters Popcorn, das gemahlen nicht nur in Suppen und Saucen, Speiseeis und Gebäck Verwendung findet, sondern auch von Spitzenköchen für besondere Kreationen nachgefragt wird.

Lara Blumer und Ilario Garbani sind auch jenseits ihrer eigenen Initiativen standhafte Verfechter eines zukünftigen Nationalparks. Doch längst nicht alle Bewohner des Locarnese zeigen sich von der Idee überzeugt. Das Vorhaben ist umstritten, und vor der entscheidenden Volksabstimmung, die Mitte nächsten Jahres stattfinden soll, regt sich sogar aktiver Widerstand. Viele Dorfbewohner haben Angst vor Auflagen der Regierung und vor der Einschränkung ihrer Freiheiten: Jagen, Pilzesammeln und Holzschlagen gelten nach wie vor als angestammte Rechte. Schon die von oben dekretierte Zusammenführung sämtlicher Dörfer des Onsernone zu einer einzigen Kommune war ein Kraftakt gegen die Widerstände des Campanilismo, des Kirchturmdenkens, und nun sieht mancher den Nationalpark als nächsten Schritt zur unliebsamen Zentralisierung und damit verknüpften administrativen Einschränkungen. Tief sitzen auch die Ressentiments gegen Fremdbestimmung durch Zweitwohnungsbesitzer, die Teile der Täler aufgekauft haben, darunter nicht nur reiche Deutschschweizer, sondern auch Aussteiger aus den siebziger Jahren, die damals die abgeschiedene Region entdeckten, um ihren alternativen Lebensstil zu praktizieren. Viele von ihnen sind hierhergekommen, um ihre Ruhe zu haben, und die sehen sie nun ebenfalls vom Nationalpark bedroht. Besonders groß ist die berechtigte Angst vor einem ausufernden Autoverkehr auf den engen und kurvenreichen Bergstraßen.

Centovalli-Bahnlinie bietet spektakuläre Ausblicke

Ein Verkehrsinfarkt dieser Art ist im Centovalli, der zweiten wichtigen Lebensader des zukünftigen Nationalparks, nicht zu befürchten. Denn dort verläuft seit knapp hundert Jahren eine spektakuläre Bahnlinie. Der Weg von der mondänen Seepromenade in Locarno hinein in die Wildnis ist deshalb kurz und bequem. Kaum hat die Centovalli-Bahn die letzten Villen hinter sich gelassen, schlängelt sie sich durch Weinbergterrassen über dem Fluss Melezza. Rasch wird die Landschaft schroffer, die Hänge werden steiler, und die Bahn fährt durch die ersten der einunddreißig Tunnel und über die ersten von dreiundachtzig Brücken, die sie auf der kurvenreichen Strecke bis Domodossola überwinden muss.

Nach einer halben Stunde ist Verdasio erreicht, dort wartet auf die Besucher eine liebenswert altmodische Gondelbahn. Ist der Eingang zur Talstation gefunden, steigt man selbständig in eine klapprige Blechkiste. Vier Personen können darin sitzen, vier weitere stehen eingezwängt in der Mitte. Irgendwann ertönt ein Signal, die Tür schließt sich, und schon schwebt die Kabine über dem Fluss hinauf ins Dörfchen Rasa. Dort ist man schnell allein auf den steilen, wilden Wanderwegen durch die Wälder des Centovalli, das zwischen Locarno und der italienischen Grenze nicht bloß die namensgebenden hundert, sondern mehr als hundertfünfzig Täler und Schluchten umfasst, die das Gebirge am Nordufer des Lago Maggiore aufspalten und auffächern.

Die Hänge sind dicht mit Kastanien- und Buchenwäldern bedeckt, aus denen hin und wieder ein Kirchturm herausragt. Auch hier findet man winzige Dörfer mit einem Dutzend oder weniger Häusern aus Naturstein und schweren Granitplatten auf den Dächern, errichtet von einem hartgesottenen Bergvölkchen, das die steilen Auf- und Abstiege zwischen den Tälern nicht scheute. Schon im fünfzehnten Jahrhundert war die körperliche Fitness der Bewohner legendär, sodass sie in den Häfen von Genua und Livorno als gefragte Lastenträger anheuerten. Die Dörfer aber verarmten, und viele waren bereits im achtzehnten Jahrhundert verlassen. Erst in jüngster Zeit werden alte Häuser wieder sorgfältig restauriert und zu Feriendomizilen ausgebaut. Hätte sich zum Beispiel nicht eine Stiftung der Siedlung Terra Vecchia angenommen und sie zu einem Tagungszentrum ausgebaut, läge sie vermutlich ebenso in Ruinen wie die Bagni di Craveggia.

Ausblicke auf den Lago Maggiore und den Monte Gridone

Kein Überlebensproblem hat ein kurioses Anhängsel des geplanten Nationalparks. Eine Viertelstunde dauert die Überfahrt mit dem Schiff von Ascona auf die Brissago-Inseln mit ihrem famosen botanischen Garten. Mitten im Lago Maggiore wachsen dort mehr als fünfzehnhundert mediterrane und subtropische Pflanzen von allen Kontinenten: aus der europäischen Mittelmeerregion, aus Südafrika, den amerikanischen Südstaaten sowie aus Chile, Australien und Südasien. Brissago liegt zwar nur auf dem sechsundvierzigsten Breitengrad, aber begünstigt durch den Wärmespeicher des Sees und den Schutz der Berge erreichen subtropische Pflanzen dort ihre weltweit nördlichste Verbreitung. Der Garten verdankt sich ursprünglich den Schwärmereien der Baronin Antonietta Saint-Leger, einer reichen Erbin mit mysteriöser Aura, die 1885 die Insel erwarb. Als der Kanton Tessin nach dem Zweiten Weltkrieg Brissago übernahm, wurde ihr Park zu einem botanischen Garten erweitert.

Verschlungene Pfade führen von Kontinent zu Kontinent, im Schatten von mehr als hundert Jahre alten Palmen, Zedern, Zypressen, Araukarien und Bambusgehölzen. Neben regionalen Gliederungen gibt es auch thematisch strukturierte Lehrgärten: eine Zitruspflanzung, verschiedene Pfefferbäume und Chilisträucher, einen Gewürzgarten, giftige und mythologische Gewächse sowie essbare Pflanzen wie Avocado, Zuckerrohr und Erdnüsse. Auf zahlreichen, vom Wind geschützten Terrassen öffnen sich zwischen Rhododendren, Azaleen und Orchideen fabelhafte Ausblicke auf den Lago Maggiore und den massigen Bergrücken des 2188 Meter hohen Monte Gridone, dessen Hänge zum See hin abfallen und der ein topographisches Rückgrat der geplanten Parkregion bildet. So wäre Brissago zwar räumlich und inhaltlich eine Exklave des Nationalparks, zugleich aber ein charmanter Kontrapunkt, der dem gebirgig rauhen Grundton ein exotisches Element gegenüberstellen könnte – ein Fremdkörper, der sich dennoch ins „Dreihundertsechzig-Grad-Konzept“ eingliedert.

Ein zweiter Nationalpark für die Schweiz

• Anreise und Transport: Unschlagbar schnell ist die Anreise ins Tessin mit der Bahn über Basel oder Zürich durch den neuen Gotthard-Basistunnel. Das Centovalli ist mit der Bahn ebenfalls bestens erschlossen, Postbusse fahren in jedes Dorf der Täler Onsernone und Vergeletto. Erste Wahl an Ort und Stelle das Ticino Ticket, das auf sämtlichen Strecken des öffentlichen Nahverkehrs im gesamten Kanton freie Fahrt erlaubt – kostenlos erhältlich für die Dauer des Aufenthaltes in Hotels, Jugendherbergen und auf Campingplätzen. Ermäßigungen bei Bergbahnen, Museen und Sehenswürdigkeiten kommen hinzu.

• Übernachtung: Unterkünfte sind rar in den Tälern, im Zweifel weicht man nach Locarno oder Ascona aus. Stilvoll und ruhig im Valle Onsernone liegt das traditionelle Hotel Palazzo Gamboni, CH-6663 Comologno, Telefon: 00 41/91/7 80 60 09, www.palazzogamboni.ch (Doppelzimmer ab 150 Euro). Ein historisches Schmuckstück ist auch die Backpacker-Unterkunft Villa Edera, CH-6611 Auressio, Telefon: 00 41/91/7 97 10 40 (Übernachtung ab 25 Euro, Doppelzimmer 80 Euro). Ferienhäuser und Rustici vermietet Cento Rustici, CH-6655 Intragna, Tel.: 00 41/ 91/7 80 74 40, www.centorustici.ch.

• Kosten: Das Preisniveau im Tessin und vor allem im Locarnese liegt zum Teil erheblich unter dem Schweizer Durchschnitt, und da der Franken seit dem Höchststand inzwischen mehr als zehn Prozent seines Werts eingebüßt hat, bewegt sich ein Aufenthalt nicht mehr in unerschwinglichen Sphären.

• Information: Ticino Turismo, Via C. Ghiringhelli 7, CH-6501 Bellinzona, Telefon: 00 41/91/8 25 70 56, www.ticino.ch. und www.parconazionale.ch. In Deutschland: Schweiz Tourismus, Telefon: 00 800/100 200 30 (kostenlos), www.MySwitzerland.com.

Quelle: F.A.Z.
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