Gran Canaria

Die Flucht ins Leben

Von Jakob Strobel y Serra
Aktualisiert am 23.11.2020
 - 11:58
Das phantastische Zerstörungswerk der Erdgeschichte: Felsformationen im Herzen von Gran Canaria bei Tejeda, das zu den schönsten Dörfern Spaniens zählt.zur Bildergalerie
Gran Canaria ist ein sicheres Reiseziel. Das sagt sogar die Kanzlerin – und rät uns dringend davon ab hinzufahren. Wir haben es trotzdem getan – und können es nur wärmstens empfehlen.

Unsere Schöpfungsgeschichte dauerte keine sieben Tage und schon gar keine Jahrmillionen, sondern knapp drei Stunden. An ihrem Anfang, als wir in Puerto de Mogán im äußersten Südwesten Gran Canarias aufbrachen, war die Erde wüst und leer, schroff und schrundig, eine Ödnis aus Staub und Geröll, durch die sich ein handtuchschmales, offensichtlich exklusiv für uns gebautes Sträßchen so haarsträubend steil wie ein Klettersteig wand, immer höher hinauf und immer tiefer hinein ins Herz der Insel. Es war eine schaurig-schöne Welt, denn in dieser Wüstenei konnten wir die Gewalttätigkeit der Erdgeschichte in aller Brutalität besichtigen: Gran Canaria hat sich mit der Kraft seiner Vulkane selbst zersprengt und ein grandioses Zerstörungswerk aus Schluchten und Schlunden, Basaltbrocken und Felstürmen, steinernen Obelisken und gespenstischen Überresten eingestürzter Kraterwände hinterlassen, einen kanarischen Grand Canyon aus rötlichem Vulkangestein, in dem der Mensch ganz klein und sehr demütig wird, weil er sich noch gar nicht erschaffen wähnt.

Die Schöpfung stand aber nicht still, und so wurde es wie von Zauberhand mit jedem Kilometer in Richtung Norden allmählich grüner. Zuerst krallten sich einzelne Agaven in den Fels, dann taten es ihnen Dornbüsche gleich, schließlich tauchten die ersten Pinien auf. Nach einer Stunde war der gesamte Steinboden mit Piniennadeln bedeckt, und kurz darauf wurde aus der Ödnis ein Garten Eden voller Farne und Bambuswälder, Mandelbäume und Araukarien, Bananenplantagen und terrassierten Gemüsefeldern, so üppig und fruchtbar, als hätte es die wüste Leere des Südens nie gegeben. Das geschah bei Tejeda, das sich ganz offiziell eines der schönsten Dörfer Spaniens nennen darf und diesen Ehrentitel eher mit seiner Lage als seiner Architektur verdient. Seine schneeweißen Häuser kleben inmitten des roten Gesteins wie ein Adlerhorst himmelhoch an einer Bergflanke über einem riesigen Felsrund. Und die am höchsten gelegenen Häuser blicken am Horizont auf etwas Unglaubliches: auf den Teide, den höchsten Berg Spaniens, diesen fast viertausend Meter hohen Koloss auf der Nachbarinsel Teneriffa, der wie eine Geisterscheinung aus dem Wasser aufsteigt, viel zu groß für die Proportionen dieser Inseln, so unwirklich gigantisch, dass man ihn für eine Schimäre halten will, für eine Fata Morgana in der Bergwüste.

Ein Jahr wie eine Achterbahnfahrt

Die Wirklichkeit erscheint in diesen pandemischen Tagen oft unwirklich auf Gran Canaria. Denn Normalität und Ausnahmezustand, Wut und Verzweiflung, Hoffnung und Lähmung führen ein seltsames Miteinander auf der Insel, in deren massentouristischen Epizentren Maspalomas und Playa del Inglés Totenstille herrscht, während ein paar Kilometer weiter westlich in Arguineguín Hunderte afrikanischer Elendsflüchtlinge wie menschliches Strandgut auf den Kais hausen, ein paar Kilometer weiter nördlich in der Hauptstadt Las Palmas die Pandemie nur noch ein hypothetischer Schrecken zu sein scheint und ein paar Kilometer ins Landesinnere die Dörfer in einem Dornröschenschlaf liegen, aus dem sie nie mehr zu erwachen scheinen.

Dieses Jahr sei eine Achterbahnfahrt, die an den Nerven zerre und aufs Gemüt schlage, sagt Pablo Llinares, der Chef der Tourismusbehörde von Gran Canaria, von Woche zu Woche ändere sich die Lage, kein Plan habe Bestand, auf nichts sei Verlass. Im Juni nahm der Tourismus wieder Fahrt auf, und alles sah nach einer Rettung der Saison in letzter Sekunde aus. Im Spätsommer stiegen die Infektionszahlen wegen der vielen Familienbesuche von Canarios, die auf dem Festland arbeiten oder studieren, woraufhin die Insel zum Risikogebiet erklärt wurde und alle Hoffnung dahin war. Im Oktober hoben viele Länder, auch Deutschland, den Reisebann wegen der niedrigen Corona-Zahlen abermals auf, und sofort schossen die Buchungen durch die Decke. Und seit Angela Merkel ihrem Volk nur eine Woche später das Reisen wieder verleidet und damit einen Tsunami an Stornierungen verursacht hat, herrscht auf Gran Canaria Grabesruhe. Seit einigen Tagen darf man die Insel ohnehin nur noch mit einem negativen Corona-Test betreten, eine Regelung, die in nochmals verschärfter Form von Montag an in ganz Spanien gelten wird.

Niemand wünscht den Tourismus zum Teufel

Bestenfalls zu einem Fünftel seien die Hotels ausgelastet, obwohl seine Insel neben Finnland der epidemiologisch sicherste Ort in Europa sei, sagt Llinares. Die Hygienekonzepte würden lückenlos verwirklicht, die Abstandsregeln rigoros eingehalten, die Maskenpflicht werde sklavisch befolgt, die Bevölkerung verhalte sich äußerst diszipliniert, und doch sei alles vergebens. „Wir sind traurig, enttäuscht und frustriert“, gibt der Tourismuschef unumwunden zu, der seinen Optimismus aber ebenso wenig fahrenlassen will wie das Weihnachtsgeschäft, das traditionell die beste Zeit für den Tourismus Gran Canarias ist. „Wenn sich die Lage normalisiert, werden wir überrannt, weil die Menschen wieder reisen wollen. Und wenn es mit Weihnachten doch nicht klappen sollte, bin ich mir sicher, dass es spätestens im Frühjahr richtig losgeht und im Sommer wieder alles wie früher ist.“

Nichts anderes als die Hoffnung bleibt einer Insel, deren Wirtschaft zu siebzig Prozent vom Tourismus abhängt und deren Bewohner die Pandemie nicht nur wegen des Geldes ins Mark trifft. „Der Tourismus ist ein Teil von uns allen, wir sind mit ihm aufgewachsen, wir kennen Gran Canaria nicht leer und wollen es auch nicht leer sehen“, sagt Pablo Llinares, dessen Insel das radikale Gegenteil von Mallorca ist. Es gibt keine Opposition gegen die Invasion der Fremden, keinen Wunsch nach Rückbesinnung, keine Plakate oder Graffiti, die den Tourismus zum Teufel wünschen. Denn er hat Gran Canaria weder Verluste noch Zerstörung und schon gar keinen Seelenverkauf, sondern nur Gutes gebracht. Er nimmt kaum mehr als drei Prozent der Inselfläche in Anspruch, vergreift sich nicht am Unesco-Biosphärenreservat, das fast die Hälfte Gran Canarias bedeckt, und kolonisiert die Einheimischen auch nicht, sondern hat aus bettelarmen Schafhirten und Küstenfischern wohlhabende Menschen werden lassen.

Weltgeschichte statt Weltenende

Der Weg zum Glück war so lang und mühsam, wie die Angst vor einem dauerhaft beschädigten Tourismus jetzt groß ist. Fünf zähe Jahre dauerte es, bis die Spanier die heidnische Urbevölkerung niedergerungen und Gran Canaria 1483 endgültig erobert hatten. Nur neun Jahre sollte es danach dauern, bis Christoph Kolumbus Weltgeschichte schrieb und die Insel für immer veränderte. Auf seiner ersten und zwei weiteren Amerika-Reisen machte er in Las Palmas Station, etablierte den Hafen der Stadt als wichtigsten Brückenkopf nach Amerika und sorgte so dafür, dass die Kanarischen Inseln nicht mehr das Ende der Welt waren, hinter denen der Ozean als kochend heißer Wasserfall in die Hölle stürzte, sondern jetzt im Zentrum dreier Kontinente lagen.

Mit der Zeit aber wurde es still auf Gran Canaria, bis englische Geschäftsleute im neunzehnten Jahrhundert das Potential der Insel für die Massenproduktion von Obst und Gemüse erkannten. Sie legten riesige Plantagen an und schickten so viele Schiffe mit frischer Ware ins Mutterland, dass erst ein Kai und dann ein ganzer Stadtbezirk in den Docklands von London nach den Kanaren benannt wurden, was heute wahrscheinlich kaum ein Bewohner der Canary Wharf weiß. Bald entdeckten die Engländer auch die touristischen Vorzüge von Gran Canaria und fingen an, vor ihrem grauen, nassen Winter auf die Insel zu fliehen. Agatha Christie schrieb in Las Palmas einen ihrer Kriminalromane, der Golfplatz von Bandama vor den Toren des Hauptstadt ist einer der ältesten in Europa, und von der Karriere Gran Canarias als Badewanne Britanniens zeugen bis heute Namen wie Playa del Inglés, der Strand des Engländers.

Die Litaneien der Weihnachtslotterie

Derzeit dürfen die Briten ihre Insel nicht verlassen, während es die meisten Deutschen auf Geheiß der Kanzlerin bleibenlassen, so dass Las Palmas ganz den Einheimischen überlassen ist. Und zumindest in der Hauptstadt, die dank des Tourismus binnen zweier Generationen zu einer Boomtown mit fast vierhunderttausend Einwohnern wachsen konnte, spürt man kaum etwas von Stillstand und Niedergeschlagenheit, im Gegenteil: Las Palmas lebt eine Normalität, die in unseren absonderlichen Zeiten so wohltuend ist, wie sie wehmütig macht. Wären nicht die allgegenwärtigen Masken als einziger Makel und gäbe es nicht die morgendliche Warteschlange vor der Armenspeisung der Nonnen beim Parque de Santa Catalina, könnte man sich fast auf einem anderen, einem virenfreien Planeten wähnen.

In den Restaurants und Cafés der Fußgängerzonen mit ihrem Potpourri aus Neoklassizismus und Jugendstil sitzen die Menschen so unbekümmert unter Palmen und Lorbeerbäumen, als sei die Welt in Ordnung und nicht wie bei uns in Lebensfeindlichkeit und Todesangst erstarrt. Kinder spielen, Erwachsene lachen, Alte schwatzen, während die blinden Losverkäufer ihre vielversprechendsten Nummern der Weihnachtslotterie wie Litaneien ausrufen. Es ist ein wunderbar atavistisch wirkendes Spanien, das uns schmerzlich zeigt, wie viel Leben bei uns zu Hause fehlt, wie groß die Tristesse und wie klein die Lust ist, in die bleierne Zeit des Misstrauens und der Furchtsamkeit zurückzukehren – und wie groß das kleine Glück sein kann, in einem Restaurant wie dem „Rincón de Triana“ zu essen, in dem ein Koch mit Erfahrungen in der Drei-Sterne-Gastronomie und großer Lust an Experimenten Tapas-Klassiker wie Russischen Salat mit Langostino kombiniert, Tacos aus Spanferkel und Eichenblättern zusammensetzt, Hamburger mit Calamares aus saharianischen Gewässern belegt und die japanischen Teigtaschen Gyozo mit Portobello, Serrano-Schinken, Totentrompeten, Kimchi-Sauce und Amaranth-Blüten füllt. Er komme ganz gut durch die Krise, weil er viel lokales Publikum habe, sagt der Besitzer des Lokals – und weil die Menschen auf Gran Canaria nach Jahrhunderten der Genügsamkeit den guten Geschmack für sich zu entdecken scheinen, in Zeiten der Seuche offensichtlich stärker denn je.

Ein Bauplan für die Städte Lateinamerikas

In der Altstadt von Las Palmas wird die verschwundene, massentouristische Normalität allerdings sichtbarer. Die Souvenir-Supermärkte sind verwaist, die Schilder an den Toiletten der Bars, die sie ihren Gästen vorbehalten und von allen anderen fünfzig Cent verlangen, müssen jetzt niemanden kümmern. Manches Boutique-Hotel in den alten Herrenhäusern ist auf unabsehbare Zeit geschlossen, das Museum zu Ehren von Kolumbus mit seinen Weltkarten, Logbüchern, Atlanten und Astrolabien wird ebenso wenig belagert wie die hexenhauskleine Kapelle mit der stolzen Inschrift, dass der Entdecker Amerikas an diesem heiligen Ort gebetet habe. Auch die Plaza de Santa Ana haben wir fast für uns alleine. Sie wird von der gedrungenen Kathedrale aus schwarzem Basalt beherrscht, die mehr Glaubensfestung als Gottespalast ist, außerdem vom Rathaus und vom Gerichtsgebäude gesäumt und diente mit diesem Triumvirat der drei Gewalten als Blaupause für alle Hauptplätze in Lateinamerikas Städten – so wie die ganze Altstadt ein architektonischer Bauplan für die Neue Welt ist.

Die Häuser haben höchstens zwei Stockwerke, ihre schweren Holztüren tragen schmiedeeiserne Verzierungen, die Fenster sind von steinernen Laibungen eingefasst und die Straßen mit Mosaiken aus Kieselsteinen gepflastert. Die Wasserspeier an den Dächern in Form falscher Kanonen täuschen Wehrtüchtigkeit vor und sollten einst Piraten abschrecken. Die Innenhöfe schmücken sich mit Säulen und hölzernen Galerien, und manchmal hockt dort sogar noch ein Papagei, der früher in allen Patios die Klingel ersetzte und Bescheid gab, wenn ein Fremder eintrat. Und vollends in Lateinamerika fühlen wir uns, wenn wir die Einheimischen von „guaguas“ reden hören – so heißen nur jenseits des Atlantiks die Autobusse – und uns die Köter von Balkonen und Dachterrassen aus ankläffen.

Splitternackte Cellistin auf dem Dorfplatz

Jenseits von Las Palmas legt sich indes eine Stille über Gran Canaria, wie sie die Insel seit Jahrzehnten in keinem November mehr gekannt hat. Dörfer wie Agüimes im Hinterland der Bettenburgen Maspalomas und Playa del Inglés, die sonst vor Besuchern summen wie Bienenkörbe, liegen jetzt in einem tiefen, fast komatösen Schlaf. Eigentlich hat dieses Dörfchen nichts Besonderes, sich aber so hübsch herausgeputzt, dass man jetzt gerne hier ist. Die Fassaden tragen den traditionellen, pastellfarbenen Putz der Kanaren, der immer wieder in Aussparungen die Basaltsteine des Mauerwerks sichtbar werden lässt, ein lebendiges Dekor mit einfachsten Mitteln. Zwischen den Häusern bevölkern Dutzende von Bronzefiguren Straßen und Plätze, Esel und Dromedare, Liebespaare und Schuljungen, Marktweiber und eine splitternackte Cellistin, und überall sind Gedichte auf die Hauswände gepinselt, wobei der Reigen vom Nobelpreisträger bis zum unbekannten Insel-Poeten reicht. Doch niemand hält auf den Dorfplätzen unter Malvenbäumen und indischem Lorbeer ein Schwätzchen, kaum jemand bucht trotz Sonderrabatten ein Zimmer in den Boutique-Hotels wie der Casa de los Camellos, deren Patio die kanarische Variante eines japanischen Zen-Gartens ist: sorgsam ziselierter Lava-Sand, möbliert mit Holzstücken, Basaltbrocken, Geranien und Kakteen, derzeit kontemplativer als jemals zuvor.

Wenigstens laufen die Geschäfte im Museo gastronómico von Agüimes passabel, der privaten Initiative zweier junger Frauen. Laura Cabrera und Rocío Álvarez wollen mit ihrem Museum, das eher ein Laden ist, lokale Lebensmittelproduzenten stärken. Sie verkaufen Käse und Wein, Honig und Olivenöl, Schinken vom kanarischen Schwarzschwein und „mojo“ in allen Variationen, die traditionelle Würzsauce der Inseln auf der Basis von Öl, Essig, Knoblauch und Kreuzkümmel. Diese Pionierarbeit ist auch bitter nötig, denn die Landwirtschaft wird immer noch von Latifundisten beherrscht, worüber sich die beiden Frauen mächtig echauffieren können: Eine Handvoll Großgrundbesitzer oft mit Grafentitel besäßen seit der Eroberung der Kanaren nicht nur fast das gesamte Ackerland, sondern auch die Rechte am Grundwasser, das sie teuer verkauften. Kleine engagierte Produzenten hätten kaum eine Chance in diesem ausbeuterischen System, in dem bis vor nicht allzu langer Zeit die Pacht fünfzig Prozent von Ernte und Ertrag betragen habe. „Wir kennen einen Käsemacher, der so erfolgreich war, dass er seine Produktion von Jahr zu Jahr steigern konnte, und der Großgrundbesitzer verlangte jedes Mal seinen Anteil am steigenden Umsatz, obwohl er nichts dafür tat.“ All das führe zu der absurden Situation, dass neunzig Prozent der Lebensmittel importiert würden, obwohl die Insel ein Schlaraffenland sein könnte, sagen Gran CanariaCabrera und Álvarez und werden dabei immer wieder von einheimischer Kundschaft unterbrochen, die lokale Produkte abgepackter Massenware vom Festland vorzieht – Gran Canaria scheint doch auf einem guten Weg zu sein, und vielleicht gibt ja die Krise noch mehr Menschen als bisher die Gelegenheit, sich die richtigen Gedanken zu machen.

Sterne-Restaurant und Fischer-Bruderschaft

Solche schönen Initiativen sind allerdings nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Lavastein einer Insel, die jedes Jahr 4,3 Millionen Touristen empfängt und 4,3 Milliarden Euro an ihnen verdient, die es sich weder leisten noch vorstellen kann, so zu leben wie vor dem Besucherboom – so wie die Eltern und Großeltern von María Criselda Cabrera Hernández, deren Familie seit Generationen in Puerto de Mogán wohnt. Bis in die achtziger Jahre war der Ort ein Fischernest am Ende der Welt, spektakulär schön eingefasst von zwei Felsriegeln – was aber niemanden interessierte –, zwischen denen sich Obstplantagen bis weit ins Hinterland zogen. Doch dann entwickelte sich Puerto de Mogán fast über Nacht zu einer Antithese des Massentourismus von Maspalomas. Neben dem Fischerhafen wurde ein Touristendorf wie ein zweites Venedig auf Stelzen im mozarabisch-andalusischen Stil der Altstadt von Sevilla gebaut: weiße Häuserblöcke mit Dachterrassen, Innenhöfen und Hufeisenbögen, deren Dachfirste und Fensterlaibungen in unterschiedlichen Farben gestrichen sind. Dieses Pseudodorf ist so gut gelungen, dass man es tatsächlich für alt, gewachsen und authentisch spanisch halten könnte – gäbe es im Ort nicht einen Gemischtwarenhandel namens Fundgrube, die Modeboutique Lillehammer, die Drogerie Allkauf und die Skandinavisk Klinik.

Puerto de Mogán ist mit dem Tourismus rasant gewachsen und dennoch rechtzeitig auf die Bremse getreten, um einen Wildwuchs wie im Nachbarort Puerto Rico zu verhindern, in dem die Apartments an den Felsen wie Geschwüre hinaufklettern. María Cabrera zeigt uns das Haus ihres Großvaters, das nicht von der Flut des Tourismus fortgerissen wurde, sie führt uns zu den Orten, an denen sie als Kind spielte, und dann zum Großhotel Cordial Mogán Playa mit seinen fünfhundert Zimmern und dem halben Dutzend Dependancen aus Suiten, Ferienapartments und Villen, für das sie jetzt arbeitet und das weite Teile der einstigen Obstplantage einnimmt – allerdings so dezent, dass man es fast nicht bemerkt. „All das gab es nicht, als ich klein war“, sagt sie und lotst uns dann in die Patios des Hotels, in denen Limonen groß wie Pampelmusen und Papayas mächtig wie Kürbisse wachsen und eine Ahnung von der Fruchtbarkeit des Bodens geben, der den Menschen früher trotzdem kaum mehr als ein karges Auskommen bescherte. „Wir waren in Mogán arme Bauern und Fischer, die von der Hand in den Mund lebten. Wie könnten wir da irgendetwas gegen den Tourismus haben?“ Jetzt kann María Cabrera im Cordial-Hotel in einem Restaurant mit Michelin-Stern speisen – oder immer noch zur Bruderschaft der Fischer am Hafen gehen und sich dort für ein paar Euro einen Wolfsbarsch in die Pfanne legen lassen.

Ihrem Chef Nicolás Villalobos, dem Besitzer der Hotelkette Be Cordial und Herrn über dreizehn Häuser auf der Insel, ist allerdings der Appetit restlos vergangen. Sein Vater war einer der Tourismuspioniere auf Gran Canaria, fing ganz bescheiden in Playa del Inglés an und legte den Grundstein für ein kerngesundes Unternehmen, das jetzt mit zehn Prozent Auslastung zu kämpfen hat und hohe Schulden aufnehmen muss, um den Winter zu überleben. Villalobos’ Stimmung schwankt zwischen Zorn und Fassungslosigkeit, und ganz besonders wütend ist er über die Aufforderung der Kanzlerin an alle Deutschen, nicht zu reisen. „Das ist grausam, ungerecht und unsolidarisch. Ich kann nicht verstehen, warum die Deutschen nicht aus der Kälte und Dunkelheit ihres Winters zu uns in die Wärme und Sonne kommen dürfen. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht, wir haben kaum Infektionen, wir sind keine Gefahr, und jeder sollte das Recht haben, auf die Kanaren zu reisen.“ Bei allem Respekt vor der deutschen Diszipliniertheit könne er diese Art von deutschem Gehorsam nicht verstehen. Seine einzige, seine letzte Hoffnung, sagt Villalobos, ohne seinen Sarkasmus zu verbergen, sei nun, dass Merkel ihre Meinung ändere und wieder Reisen auf die Kanaren empfehle.

Wenn die letzten einheimischen Tagestouristen Puerto de Mogán verlassen haben, ist es dort wieder so still und friedlich, wie es in Zeiten des Fischernestes gewesen sein muss. Es ist die Stunde für den Aperitif zum Sonnenuntergang bei dreißig Grad mit leichter Brise und für die letzte Paradoxie in Zeiten der Pandemie: Schöner als jetzt kann es auf Gran Canaria nicht sein, doch bleiben wie jetzt kann und darf es nicht.

Informationen im Internet unter www.spain.info und www.grancanaria.com. Vom 23. November an brauchen alle Einreisenden aus Risikogebieten einen negativen PCR-Test, der nicht älter als zweiundsiebzig Stunden sein darf. Quarantäne-Verpflichtungen gelten derzeit weder bei der Einreise noch bei der Rückreise.

Informationen im Internet unter www.spain.info und www.grancanaria.com. Vom 23. November an brauchen alle Einreisenden aus Risikogebieten einen negativen PCR-Test, der nicht älter als zweiundsiebzig Stunden sein darf. Quarantäne-Verpflichtungen gelten derzeit weder bei der Einreise noch bei der Rückreise.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Strobel y Serra, Jakob (str.)
Jakob Strobel y Serra
stellvertretender Leiter des Feuilletons.
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