Estland

Im Beiwagen der Zeitlosigkeit

Von Olaf Tarmas
28.09.2021
, 12:59
Skurril, aber echt: Mare Mätas kommt wie die meisten Frauen auf Kihnu gut allein klar, auch ihr Mann ist meist auf  See.
Auf der estnischen Insel Kihnu kutschieren Frauen in Tracht Touristen auf alten Sowjet-Motorrädern in eine andere Epoche.

Ein wenig erinnert die Szene an den Kinofilm „Straight Story“, in dem ein alter Mann auf seinem Rasenmäher durch Amerika fährt. Nur dass es hier eine junge Frau ist, die uns auf ihrem Gefährt entgegenkommt: magere Gestalt, das Kopftuch eng um den Schädel gewickelt, darüber, ein wenig schief sitzend, ein Schallschutzkopfhörer mit Antenne. Und natürlich befinden wir uns nicht im amerikanischen Westen, sondern im europäischen Osten, in Estland, auf der Ostseeinsel Kihnu. Die wiederum ist so klein, dass man sie durchaus auf einem Sitzrasenmäher durchmessen könnte.

Landschaftlich verhält sich das Eiland eher unauffällig: flach, lichte Kiefernwäldchen, Weiden und Felder, gelb gestrichene Bauernhäuser. Das Meer wirkt hier wie ein großer See, ruhig und randvoll bis an die Schilfgürtel. Hundert, zweihundert Meter kann man hinauswaten, ohne in mehr als wadentiefes Wasser zu gelangen.

Wer die Fähre hierher nimmt, besucht die Familie, sucht Ruhe – oder hat Interesse an einer ganz eigenen Art von Exotik: Die Frauen von Kihnu, heißt es, haben eine besondere Kultur begründet. Weil ihre Männer zur See fahren, übernähmen sie seit jeher alle Aufgaben an Land, vom Feldbau bis zur Motorradreparatur. Auf den Fotos der Tourismus-Website von Kihnu tragen sie Tracht, ihre Gefährte sind sowjetische Militärmotorräder aus den Vierziger Jahren. Spektakulär sieht das aus – und es lockte neben Touristen auch Filmteams auf die kleine Insel, die über „Europas letztes Matriarchat“ berichten.

Jede Frau hat eine Schatztruhe

Nun also auch uns – die wir sogleich einer ersten vermeintlichen Repräsentantin der Inselkultur über den Weg laufen. Immerhin trägt sie das traditionelle Kopftuch und eine kleine Hüfttasche mit dem typischen Streifenmuster, dazu allerdings Leggings und Turnschuhe. „Matriarchat? Ja, das ist eine nette Geschichte“, lacht sie.

Reene, so der Name der Rasenmäher-Frau, nutzt unser Erscheinen bereitwillig, um ihr eigentliches Vorhaben aufzuschieben. Sie lebt den größten Teil des Jahres in Tallinn, nur in den Ferien kommt sie, um das Bauernhaus ihrer Vorfahren zu renovieren – und das Gras drum herum zu mähen. Doch stattdessen plaudert sie lieber und führt uns durch die noch dunklen, staubigen Räume des reetgedeckten Holzhauses. Zu einem kleinen Schuppen, in dem auf Kihnu seit jeher nicht nur die Arbeitsgeräte aufbewahrt werden, sondern auch, in einer besonderen Truhe, die Trachten. „Die Schatztruhe“, sagt Reene, während sie den Deckel hochstemmt, „so eine hat jede Frau auf Kihnu.“

Kinder in den für die Insel typischen Röcken beim Musikfest.
Kinder in den für die Insel typischen Röcken beim Musikfest. Bild: Odile Hain

Es geschieht etwas mit der Zeit in diesem Moment, in dem der Truhe ein Duft aus Baumharz, Mottenkugeln und Kräutern entströmt. Bis an den Rand ist sie angefüllt mit Röcken und Blusen, Beinkleidern und Schürzen. In aller Ruhe fischt Reene sie heraus und breitet sie selbstvergessen in der Hütte aus: Da sind die Stücke, die ihre Großmütter gewebt haben, dann die vier Röcke, die Reene selbst gefertigt hat. Die Muster ähneln sich: dichter, roter Wollstoff, mit vielen bunten Streifen, manchmal auch gedecktere Farben – für die Zeiten, in denen es der Trägerin vielleicht einmal nicht so gut geht, wie Reene erläutert. „Wenn ein Familienmitglied gestorben ist, trägt man zunächst Schwarz – und dann, für eine Übergangszeit, „zur Hälfte Rot.“ Schon als kleines Mädchen, erinnert sich Reene, liebte sie die bunten Wollröcke. Auch wenn heute nicht mehr jede Inselfrau täglich Tracht trüge und die Motorräder eher zur Generation ihrer Eltern gehörten – ganz falsch sei das Bild von den tüchtigen, traditionsverbundenen Frauen nicht. „Die Männer sind auch heute noch viel auf See; die Frauen an Land haben dann oft mehrere Jobs.“

Zwölf Jahre als Matrosin

Die alten Motorräder mit den knuffigen Beiwagen sind durchaus noch präsent. Ein blank gewienertes Exemplar steht vor dem einzigen Café der Insel, ein weiteres parkt vor einem Bauernhaus. Allerdings knattern sie heute meist nicht mehr als günstiges Transportmittel, sondern im Dienste des Tourismus über die Insel: Man kann kleine Spritztouren mit ihnen buchen, mit einer trachtentragenden Bewohnerin als Fahrerin und Führerin. Immer wieder begegnen uns auch Fahrradgrüppchen, die von Trachtenfrauen zu den Sehenswürdigkeiten der Insel geführt werden. Zu denen gehört auch der Leuchtturm am Ende einer Landzunge. An langen Sommerabenden auf den Felsen am Strand zu sitzen und den Seeschwalben und den sich rosa färbenden Wolken zuzusehen gehört zu den wunderbar unspektakulären Passivitäten, die einen Kihnu-Urlaub erst so richtig erholsam machen. Restaurants, Wellness-Angebote oder auch nur ein Hotel sucht man hier vergebens – wer nach Kihnu kommt, liebt es einfach und naturverbunden, Unterkünfte finden sich auf Zeltplätzen und Bauernhöfen.

Hotels sucht der Besucher auf der kleinen Ostseeinsel vergebens.
Hotels sucht der Besucher auf der kleinen Ostseeinsel vergebens. Bild: Odile Hain

Bis zum frühen Abend hockt immerhin Elly Kargan im Leuchtturmwärterhäuschen-Laden. Auch sie trägt Tracht, selbst gewebt und gestrickt, und erklärt uns, wie das heute so ist mit den vielen Jobs, die man als Inselfrau hat. In ihrem Laden verkauft sie neben Souvenirs selbst gestrickte Wollstulpen, Röcke und Pullis. Außerdem im Sortiment: 25 Sorten Eis, hergestellt aus der Milch der eigenen Kühe oder vegan sowie aus eigenen Früchten und Beeren. Aus Schafsmilch stellt Elly Kargan zudem Seifen her, Zimmer kann man bei ihr ebenfalls mieten, auch Inseltouren buchen mit ihr als Führerin. Geschäftstüchtigkeit und Stolz auf die eigene Tradition gehen auch bei ihr Hand in Hand. Ihr Mann hat keine Zeit, zu helfen: Er ist Fischer – wie schon ihr Großvater und ihr Vater, seit einigen Jahren auch ihr Sohn. Beides sind Saisonjobs, mit 24/7-Zeiten und langen Ruhephasen, in denen auf Kihnu „absolut nichts los ist“. Elly möchte um nichts in der Welt tauschen. Probiert hat sie es: Zwölf Jahre lang ist sie selbst zur See gefahren, als Matrosin. „Dann hat mich die Insel zurückgerufen.“

Tradition statt Performance

Ist es also der Tourismus, der die Tradition lebendig hält? „Nein“, sagt Mare Mätas, „dann wäre die Tradition nur noch eine Performance.“ Mare Mätas, ebenfalls Mitte vierzig, ist Gesicht und Stimme der Inselkultur. In nahezu allen Filmen über Kihnu taucht sie auf. Auch uns wollte sie über die Insel führen, ein Corona-Befund kam dazwischen – nun spricht sie mit gehörigem Abstand und Maske zu uns, auf dem Rasen vor ihrem Bauernhaus. Noch werde die Tradition auf Kihnu wirklich gelebt, meint sie und lacht: „Wenn du Mitglied der Community hier auf Kihnu sein willst, brauchst du immer noch selbst gewebte Röcke! Und die Männer einen richtigen Pulli.“ Es seien vor allem die Feste, die die Tradition lebendig hielten, die Musik, die Tänze, die alten Runengesänge im Kihnu-Dialekt. „In ihnen“, sagt Mare, „ist unsere ganze Kultur, unsere Weltsicht aufgehoben.“

Aus diesem Grund hat sie schon vor Jahren ein Sommer-Musikcamp gegründet, in dem die Inselkinder die alten Lieder und Tänze lernen, und Lehrbücher über den Kihnu-Dialekt geschrieben. Sie selbst lebt ein Leben zwischen bäuerlicher, touristischer und intellektueller Betätigung. „Zu Sowjetzeiten blickte man auf dem Festland herab auf die bäuerliche Kultur von Kihnu“, erzählt Mare. „Auch meine Mutter war so – eine gebildete Frau vom Festland, eine Russischlehrerin, die nie so einen Streifenrock angezogen hätte. Ich dagegen mag diese Einfachheit, den Pragmatismus und die unermüdliche Tätigkeit der Menschen.“

Bild: F.A.Z./lev

Auch Mare verließ, wie viele andere, als Jugendliche die Insel – allerdings nur, um in Tartu Ethnologie zu studieren und die eigenen Traditionen besser zu verstehen. „Was ich im Studium vor allem gelernt habe: Es gibt keine rückständigen Gesellschaften. Die alten Runengesänge sind nicht einfach primitiver Aberglaube. Sie werden seit über tausend Jahren gesungen. Es liegt eine Wahrheit und eine Kraft in ihnen.“ Zugleich weiß sie, dass sich auch für Kihnu die Zeiten ändern – und grübelt, wie sich die alte Kultur mit westlichen Werten vereinbaren lässt. „Die Runengesänge schreiben Männern und Frauen eindeutige Rollen zu“, sinniert sie, „wie lässt sich das mit LGBT+ vereinbaren? Könnten eines Tages Männer- oder Frauenpaare in der Inselkirche getraut werden oder traditionelle Hochzeiten feiern? Darüber denke ich jeden Tag nach.“ Von einem Matriarchat will sie im Übrigen nichts wissen: „Es stimmt zwar, an Land sind die Frauen die Taktgeber. Aber ich würde eher von Gleichberechtigung sprechen“, sagt sie. Und fügt zwinkernd hinzu: „Mit einer guten Position für die Frauen.“

In der Holzbaracke am Hafen wird am Abend gesungen. Es gibt Pommes, Kartoffelsalat, Würstchen und Bier, dazu schallen Akkordeons und Fiedeln über den Kai. Das Sommercamp bringt viele Musiker auf die Insel. Für sie ist Kihnu ein „Eldorado der authentischen Folkmusik“, wie ein deutscher Lehrer schwärmt, der jedes Jahr dabei ist. Die Tresenfrau trägt Kopftuch, sie wechselt, nachdem alle bedient sind, ihren Platz und stimmt mit ein in die alten Lieder. Es ist wie der Moment, in dem Reene die Truhe öffnete – irgendetwas im Zeitlauf hakt aus, und etwas anderes setzt ein. Mit jeder Zeile und jedem Schluck driften wir weiter hinaus auf das ruhige, silberne Sommermeer. Kihnu ist eine kleine, unscheinbare Insel, aber manchmal hat man Glück und darf hier kurz in Zeitlosigkeit schweben.

Der Weg nach Estland

Anreise Mit Air Baltic nach Tallinn (airbaltic.com). Mietwagen oder Bus nach Munalaiu, dort mit der Autofähre übersetzen. Wichtig: Autoplatz auf der Fähre im Voraus reservieren (veeteed.com/#/en/).

Unterkunft B&B auf dem Hof von Mare Mätas: 30 Euro pro Person (kihnumare.ee)

Rundfahrten kihnumare.ee/guided-tours

Weitere Infos visitkihnu.ee/de, visitestonia.com/en/where-to-go/islands/kihnu-island

Quelle: F.A.S.
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