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Atlantikinsel Madeira

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Von Eva Menasse
 - 10:58
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Vom dortigen Naturschutzwart war letztens zu erfahren, dass es Sylt in 8000 Jahren nicht mehr geben werde. Schön langsam wird es einfach weggespült vom Meer, denn die Luxusbadeinsel ist nicht viel mehr als beweglicher Sand. Erst erschrickt man angesichts des Ablaufdatums, doch beruhigt man sich schnell wieder, weil „die Welt in 8000 Jahren“ den eigenen Vorstellungshorizont wirklich weit übersteigt. Trotzdem hätten wir gern, dass bitte alles bleibt, wie es ist. Nur dann könnte man sich einer Zukunft nach dem eigenen Tod ja überhaupt gedanklich nähern: Wenn wenigstens die Landkarten stabil wären! Man kommt doch kaum mit dem Staunen darüber nach, wie alles geworden ist.

Es geht kilometerlang in die Tiefe

Madeira zum Beispiel, das stolz allein mitten im Atlantik liegt, nicht in freundschaftlich hingewürfelter Gruppe wie die Azoren oder Kanaren oder Kapverden – da werden Schönheit und Zufälligkeit noch einmal ganz deutlich. Anders als Sylt ist es viel dramatischer entstanden, vielleicht auch deshalb haltbarer. Genau hier jedenfalls, wo sich heute der Atlantik silberblau-ungerührt nach allen Seiten streckt, brodelten im Pliozän die Vulkane, und das, was da als Garten Eden das ganze Jahr blüht und grünt, dass man mit dem Schauen kaum nachkommt, ist nur das oberste Viertel eines Gebirges, das viele Kilometer in die Tiefe reicht.

Die portugiesischen Seefahrer, die irgendwann im 14. Jahrhundert auf einen abweisenden Lorbeerwald mitten im Meer stießen, haben sich zuerst gar nicht an Land getraut. Misstrauisch ankerten sie an einer vorgelagerten Felsformation und beobachteten das buschige Grün. Ihr Zögern erklärten sie damit, dass sie vom Schiff aus zwei Meter große, aggressive Riesenhasen mit gigantischen Fangzähnen gesehen hätten. Und diese lapiniden Monster wurden auch als Grund für die Brandrodungen vorgeschützt, als sich die ersten tapferen Hasenkämpfer dann doch auf die Insel wagten.

Sieben Jahre lang brannte die Hälfte der Insel. Danach war der südliche Teil erst einmal nackt und bloß. Und deshalb mussten später zur Bewässerung die vielen künstlichen Kanäle, die Levadas, angelegt werden, an denen entlang heute besonders die Deutschen so gern kreuz und quer die Insel abwandern.

Portugiesische Küche
Thunfisch-Rezept von der Insel Madeira
© DW, Deutsche Welle

Auf Madeira ist neuerdings ein Beruf entstanden, der sich hoffentlich bald auch anderswo durchsetzen wird. Es handelt sich um eine ästhetisch schöne, altmodische Tätigkeit in einer Zeit, wo wir unseren Eltern – den Kindern nicht! – erklären müssen, was Start-up-Manager, Influencer und It-Girls eigentlich sind – falls wir es denn selbst wissen. Es ist auch nicht zu befürchten, dass durch diese neue Profession die Reiseführer geschädigt werden, denn das kann wahrlich nicht jeder: Hier gibt es also neuerdings eine Geschichtenerzählerin, mit der man „Food and Wine“-Touren unternehmen kann. „I am not a guide, I am a storyteller“ – das ist, unverwechselbar, Sofia Maul mit den melancholischen Augen, die seelisch weniger robust sein dürfte, als ihre Statur behauptet. Sofia entstammt einer deutsch-schwedisch-portugiesisch-englischen Familie, also einer echt madeirischen Mischung. Ihr Großvater war der deutsche Biologe, Fischkundler und Tierpräparator Günther Maul, der das Naturkundemuseum in Funchal gegründet und großteils mit eigenen Präparaten ausgestattet hat. Heute ist in der Hauptstadt ein Platz nach ihm benannt. Ihr Vater war jener Bierbrauer, der nicht nur das sehr anständige Madeira-Lagerbier „Coral“ entwickelt hat, sondern auch die Limonade, die es nur hier gibt: „Brisa“, den typischen Maracuja-Erfrischungsdrink. „Wer von uns lange weggewesen ist“, sagt Sofia, und ihrem versonnenen Blick ist anzusehen, dass sie damit auch sich selbst meint, ihre zwanzig langen Jahre in Lissabon, „der trinkt sofort nach der Ankunft ein ‚Brisa‘, noch am Flughafen.“

Churchill war nur ein einziges Mal da

Lachend schleudert Sofia die Geschichten von den bedrohlichen Riesenhasen mit den Fangzähnen heraus, und sie bekennt freimütig, dass sie wie alle madeirischen Kinder immer gedacht habe, Winston Churchill, dessen Name auf Madeira ständig fällt als der des prominentesten von vielen prominenten Gästen, habe mindestens ein paar Wochen auf Madeira verbracht, und das womöglich jedes Jahr, wie Helmut Kohl am Wolfgangsee. In Wahrheit war er nur ein einziges Mal drei Tage hier, hat dabei aber profunden Eindruck hinterlassen. Nicht nur hat der Hobbymaler das Fischerdorf Câmara de Lobos gleich mehrmals gemalt, sondern auch Graham Blandy, den damaligen Besitzer des weltbekannten Luxushotels „Reid’s“, an den Rand des Nervenzusammenbruchs gebracht.

Blandy wollte etwas Besonderes kredenzen und öffnete eine Flasche Madeira aus Napoleons Beständen – sie war unversehrt aus einem gesunkenen Proviantschiff seiner Verbannungsflotte nach St.Helena geborgen worden. Doch der Kindskopf Churchill, nachdem er den ersten Schluck gekostet, legte sich eine weiße Serviette über den Arm und begann, einen Oberkellner imitierend, den unbezahlbaren Tropfen im ganzen Speisesaal auszuschenken. Man hat die Szene vor sich, als hätte sie Peter Morgan, das Drehbuch-Genie von „The Crown“, geschrieben: wie Churchill mit Napoleons Madeira herumtanzt, um Blandy Großzügigkeit zu demonstrieren und sich selbst am Ende auch noch einen großen Schluck zu genehmigen.

Nur die Deutschen, so geht eine andere von Sofias Geschichten, missbrauchen den Madeira vornehmlich zum Kochen. Angeblich gibt es – schlechtere – Ernten oder Cuvées, denen gleich noch Pfeffer und Salz beigegeben wird, bevor sie direkt nach Deutschland exportiert werden: eine gesalzene und gepfefferte Botschaft der Madeirer an die ihren Wein schändenden Deutschen. Wenn es um den Madeira-Wein geht, bin ich übrigens Volldeutsche, selbst wenn er dreißig Jahre alt ist und selbst wenn er allertrockenst ausgebaut wurde, aus Sercial- oder den seltenen Terrantez-Trauben ... Als Geschichtenquelle aber ist er wunderbar, weil sich auf Madeira fast alles um ihn dreht.

Das haltbarste jemals hergestellte Lebensmittel

„Wir machen mit unserem Wein alles, was Gott und andere Winzer verboten haben: Wir erhitzen ihn, wir lassen Luft dazu, wir kippen Brandy rein – aber wenn wir ihn zu Ende gequält haben, haben wir das haltbarste jemals von Menschen hergestellte Lebensmittel.“ Hundert Jahre soll jede Flasche halten, und sogar geöffnet hält sie immer noch ein Jahr. Daran kann man sehen, was der Wein durchgemacht hat.

Und wie kam es dazu? Die nächste Geschichte: Die ersten Seefahrer – vermutlich die Jäger der Riesenhasen – hatten auf ihren Weltumsegelungen auch Wein dabei, haltbar gemacht durch Zusatz von Brandy. Dieses Gebräu wurde wochen- und monatelang in den Fässern durchgerüttelt, fuhr bis Amerika, Afrika, Indien, ständig der Hitze und Luftfeuchtigkeit ausgesetzt. Die Reste hieß der Kapitän nach Rückkehr weggießen – doch diesem Befehl hat noch nie ein Matrose gehorcht. Ein paar Ungehorsame haben davon gekostet. Und das, was übrig war, schmeckte ihnen plötzlich besser als das Zeug, mit dem sie gestartet waren – damit war der Madeira erfunden: Rütteln, erhitzen, Hochprozenter dazuschütten, und natürlich sind daraus heute feinst equilibrierte, geheimnisvolle und geheim gehaltene Winzertätigkeiten und Reifungssysteme geworden, unter Verwendung von Fässern aus weißer amerikanischer Eiche, brasilianischem Satinholz und so weiter, und wer mag, kann sich tagelang durchkosten in den historischen Schauräumen von Produzenten wie Blandy’s, Barbeito und Pereira D’Oliveira, von süß über halbsüß und halbtrocken bis trocken, von den Trauben namens Tinta Negra und Malvasia über Bual und Verdelho bis Sercial und Terrantez, kann die Dankesbriefe des Duke of Edinburgh und die schweinsledergebundenen Auftragsbücher aus 200 Jahren studieren.

Wer nicht mag, bleibt beim alkoholfreien Brisa oder lässt sich mit Sofia beim Stadtspaziergang durch Funchal im Hinterzimmer eines urtümlichen Haushaltswarengeschäfts ein tröstliches Gläschen vom frischgemachten Poncha abfüllen, bestehend aus zwei Teilen Rum, einem Teil Zitronensaft und Honig. Zwei Gläschen Poncha sind laut Sofia gut für und gegen alles, Halsweh, Fieber und gebrochenes Herz, „doch Vorsicht – nach dem vierten Glas habt ihr andere Probleme“. Aber niemals den Poncha in Flaschen kaufen! Das wäre wie Omas Schweinebraten aus der Dose...

Wohltemperierte Insel

Man kann natürlich auch essen auf Madeira, den Degenfisch mit gebratenen Bananen etwa, der ein typisches Gericht ist, oder die Espetada, einen klassischen Rindfleischspieß. Besonders gemütlich isst man in der „Casa Vicente“, einer entzückenden kleinen Villa mit mehreren verschachtelten Räumen in einem lauschigen Garten. Es ist nun wieder peinlich deutsch, dort ausgerechnet die Leber in Madeirasauce zu bestellen – doch wer sie gegessen hat, wird es wieder tun. Und es gibt überall, wirklich überall, knackig trockenen Weißwein vom portugiesischen Festland.

Aber das Wichtigste an der ganzen blühenden Insel ist doch: dass sie existiert, als gut erreichbares warmes europäisches Urlaubsziel, eineinhalb Flugstunden von Lissabon, 700 Kilometer von der marokkanischen Küste entfernt, der einzige Ort für alle, die im Winter hochnebelgeplagt und nach Sonnenstrahlen japsend wie Verdurstende dennoch die Langstrecke nach Asien vermeiden wollen. Ein Wiener Cousin sagt gern von sich, er sei „nicht-praktizierender Kosmopolit“, und solch eine Haltung hat auch ihre innere Logik. Zu viel Fremdheit und Exotik können seelisch aus der Bahn werfen. Reisen können für die Seele zu weit sein. Und daher, wenn es kein Abenteuerurlaub sein soll: Madeira. Sogar im Januar erwartet einen verlässlich ein wohltemperierter Sommer oder warmer Frühling, es ist nicht zu heiß und nicht zu kalt, es ist nicht zu sehr wie zu Hause und nicht allzu fremd. Am Beispiel Madeira kann man allerdings auch studieren, dass jedes weltliche Paradies seinen Preis hat, oder sagen wir: seinen Bewohnern an anderer Stelle das Leben schwermacht, da es sie durch das Klima schon so verwöhnt.

Denn ja, die Madeirer leben das ganze Jahr mit Blick auf diese faszinierende silberblaue Meeresfläche. Das Meer sieht ja bekanntlich überall ganz anders aus! Hier wie eine aristokratische Anrichteplatte oder kostbare Tischdecke, auf der dezente Sonnenreflexe serviert werden, nicht zu aufdringlich, reine silberblaue Eleganz. Die Madeirer haben es also allzeit warm und gut, und wenn sie einen Zweig in die Erde stecken, wird daraus im Handumdrehen ein Baum. Selbst aus Heidelbeeren und Fleißigen Lieschen werden hier sehr, sehr hohe und üppige Pflanzen – vielleicht kommt man deshalb auf die Idee mit den Riesenhasen? Einen Zweig in die Erde gesteckt haben seit Madeiras Entdeckung übrigens offenbar alle, die vorbeikamen, die Insel ist damit zur globalen Gartenschau geworden: Blumen und Bäume von allen Kontinenten, aus China, Südamerika, Neuseeland. Botaniker bedauern sogar, dass der weit weniger farbenfrohe Originalbewuchs nicht mehr feststellbar ist, von ein paar Resten des Lorbeerwaldes abgesehen.

Aber streng genommen ist die Insel zu den Pflanzen deutlich freundlicher als zu den Menschen. Was hat man sich hier jahrhundertelang abrackern müssen, um überhaupt Straßen zu bauen! Hinauf und hinunter, in irrsinnigsten Kurven auf die steilsten Pässe, voller Steigungen und Schluchtblicke, die nicht gut sind für Menschen mit Höhenangst. Vor einigen Jahren hat man mit EU-Geldern ein gigantisches Tunnelsystem gebaut – und sich auf unabsehbare Zeit verschuldet. Doch die Entfernungen sind schneller, bequemer und vor allem sicherer zu überwinden. Aber nicht zu ändern, durch keine ausgefeilte Technik, sind die unzähligen kleinen Äcker, die als Terrassen den Vulkanhängen abgerungen wurden. Wirklich überall bauen die Menschen Weintrauben, Kartoffeln oder Bananen an, selbst auf Spalieren über den Wanderwegen, die ganze Insel ist ein Flickenteppich kleiner bis winziger steinumfriedeter Anbauflächen.

Sogar zwischen der Uferstraße und dem Meer wachsen Reben, gischtübersprüht, ein Sinnbild dafür, warum der heimische Weißwein so salzig-frisch schmeckt wie manch teurer Grüner Veltliner. Alles muss von Hand gepflückt werden. Manche Felder sind nur per Seilbahn erreichbar, früher haben die Bauern einander per Seil um den Bauch herabgelassen und wieder hochgezogen. Um hier, im dauerblühenden steilen Paradies zu überleben, mussten die Menschen immer extrem fleißig sein. Umso ausgeklügelter ist die Festkultur. Wer hart arbeitet, muss zum Ausgleich kräftig feiern, nur dann lädt er sich seelisch wieder auf, das hat der – aus dem feierfesten Österreich stammende – Philosoph Robert Pfaller vor Jahren bestechend dargelegt. So machen es die Madeirer. Gerade ist der aktuelle Festkalender erschienen, 180 Seiten stark. Ein Heiligenfest jagt das nächste, und jedes hat seine speziellen Köstlichkeiten, Speisen, Backwaren, Trachten, Umzüge, Rituale. Weihnachten – „THE feast“, wie sie hier sagen – dauert vom 8. Dezember bis Mitte Januar, am letzten Tag gehen die Madeirer mit Besen von Haus zu Haus, singen und tanzen und essen gemeinsam die Reste auf. „We are party people!“, ruft Sofia, im großen Gegensatz zu den Festlandportugiesen, deren Merkmal bekanntlich die „saudade“, die typische Wehmut und Sehnsucht sei. Und das ist der einzige Moment, wo man der schlecht verhohlenen Melancholikerin nicht ganz glaubt. Aber vielleicht war sie zu lange weg, in Lissabon.

Der Weg nach Madeira

Anreise: Direktflüge von Hamburg, München und Frankfurt mit Condor nach Funchal ab 90 Euro, Auch Germanwings und Germania haben Direktverbindungen ab Deutschland; TAP oder Lufthansa fliegen nach Funchal mit Stopp in Lissabon, ab 350 Euro.

Unterkunft: Hotel „Baía Azul“ in Funchal, 175 Euro pro Nacht im Doppelzimmer mit Frühstück (www.grupocardoso.pt). Hotel „Quinta do Furão“ in Santana im Norden Madeiras, ca. 160 Euro pro Nacht im Doppelzimmer (www.quintadofurao.com)

Der Portugalspezialist Olimar hat viele verschiedene Rundreisen im Programm: Madeira für Genießer: siebentägige kulinarische Rundreise mit Mietwagen, Preis pro Person im Doppelzimmer ab 1318 Euro, (www.olimar.de/fncr09) oder Wander- und Erlebnisreise Madeira: siebentägige geführte Wanderreise, Preis pro Person im Doppelzimmer ab 1272 Euro, (www.olimar.de/fncr31)

Weitere Informationen unter www.madeiraallyear.com/de

Quelle: F.A.S.
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