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Rüdesheimer Drosselgasse

Das jähe Ende von Wein, Weib und Gesang

Von Jakob Strobel y Serra
Aktualisiert am 22.05.2020
 - 13:44
Tote Hose statt Remmidemmi: Eine Angestellte wartet im „Wirtshaus Hannelore“ in der Drosselgasse auf Gäste.zur Bildergalerie
Singen, Tanzen, Schunkeln: Das ist bis Corona das Lebenselixier der Drosselgasse in Rüdesheim gewesen. Jetzt herrschen dort gespenstische Leere und existentielle Angst. Doch dabei muss es nicht bleiben.

Die drei Touristen aus dem Morgenland ahnen wahrscheinlich nicht, dass sie gerade ein Selfie von historischen Dimensionen für ihr Instagram-Konto knipsen: die entvölkerte Drosselgasse in Rüdesheim an einem Kaiserwettertag im Mai mit ihnen selbst als den einzigen menschlichen Wesen weit und breit. So verlassen war die Hauptschlagader des Rheingau-Tourismus in einem Mai vermutlich das letzte Mal bei Deutschlands Kapitulation 1945, und so fassungslos wie heute sind die Drosselgassenwirte wohl seit fünfundsiebzig Jahren nicht mehr gewesen. Am vergangenen Freitag durften sie ihre Lokale zum ersten Mal wieder öffnen, doch es herrschte Totenstille. Das Wochenende lief ein bisschen besser, der Wochenanfang war wieder so verheerend, dass man in Rüdesheim jetzt häufig auf der Straße hört: „Normal wird hier so schnell gar nichts mehr.“

Blicken wir zurück in die alte Normalität: Die Drosselgasse ist bis vor wenigen Wochen der Inbegriff der deutschen Weinseligkeit in Permanenz und zugleich ein sehr lustiger Ort der globalisierten Spaßkultur gewesen. Ein halbes Dutzend Großgaststätten mit Hunderten dichtgedrängter Sitzplätze reiht sich an dem hundertvierundvierzig Meter langen Gässchen aneinander, in dem von früh bis spät Bands Remmidemmi-Humtata-Musik spielten, das Zigeunerjägerrahmschnitzel nur eine Handvoll Euro kostete und der Rheingau-Riesling so gewaltig strömte wie Vater Rhein vor der Tür. Singen, Tanzen, Schunkeln und als Höhepunkt eine Polonaise durchs Lokal, das ist die Quintessenz der Drosselgasse gewesen, und das gefiel vor allem Amerikanern und Asiaten so gut, dass Ausländer die Hälfte der Gäste stellten – viel mehr als überall sonst im Rheingau und in Deutschland.

Pin-up-Girls im Weinwirtshaus

Ihnen erfüllt Rüdesheim alle Kitschklischees eines Deutschlands, das aus nichts anderem als Zinnbierkrügen mit Preußenadler, Weißbiergläsern mit Loreleyfelsen und Gartenzwergen im Nikolauskostüm zu bestehen scheint. Die Butzenscheibenerker der Drosselgasse tragen Sinnsprüche wie: „Wer als Philister lebt auf Erden, kann auch im Himmel nicht selig werden.“ Ein Lokal zeigt auf einem geschnitzten Relief zwei Betrunkene, die an den Hauswänden Halt suchen, was mit dem Satz „Das Gässlein Gott sei Dank ist schmal“ quittiert wird. Und in einem anderen Weinwirtshaus steht unter dem halbzüchtigen Bildnis eines frühen Pin-up-Girls die epikureische Erkenntnis: „Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, bleibt ein Narr sein Leben lang.“

Doch jetzt gibt Corona den Takt vor, und das heißt: ein Gast pro fünf Quadratmeter Fläche, anderthalb Meter Abstand zwischen den Menschen, also die Reduzierung der Platzkapazität auf ein Fünftel, kein Gesang, kein Tanz, kein Schunkeln und schon gar keine Polonaise, dafür Desinfektionen allerorten. Die meisten Wirte haben ihren Bands abgesagt und stattdessen Alleinunterhalter engagiert, die gedämpfte Salonmusik am Keyboard spielen, stimmlos, was nicht gut für die Stimmung sein kann. Die Tische stehen so weit auseinander wie bei Klassenarbeiten in der Schule, die Speisekarten sind aus Sicherheitsgründen laminiert, Salz und Pfeffer gibt es nur noch abgepackt, und die Kellner erinnern mit ihrem Mundschutz an das Personal aus Operationssälen.

Das Ende der Leichtigkeit des Lebens

Unsere Lokale sehen jetzt aus wie Krankenhauskantinen“, sagt Sören Kunze, der Wirt des „Drosselhofs“ und Vorsitzende der Werbegemeinschaft rund um die Drosselgasse, die das touristische Herzstück Rüdesheims repräsentiert. Bis auf weiteres hat Kunze alle Hoffnung fahren lassen, weil Corona den Weinort nicht nur an einer, sondern an sämtlichen Fronten getroffen hat. Es gibt keine Busgruppen mit deutschen Zechern mehr und keine Flusskreuzfahrtschiffe voller Amerikaner, Japaner und Koreaner. Die Reiseveranstalter aus Übersee haben bis zum Jahresende fast alle Touren abgesagt, auch der überlebenswichtige Tourismus aus den Benelux-Ländern und Skandinavien ist komplett zum Erliegen gekommen, woran sich in nächster Zeit kaum etwas ändern wird. Und nur mit den Ausflugsgästen am Wochenende kann der Betrieb nicht einmal kostendeckend geführt werden. „Die Lufthansa“, echauffiert sich Kunze, „muss die Mittelsitze in ihren Flugzeugen jetzt doch nicht frei lassen, weil sie behauptet, sonst nicht wirtschaftlich fliegen zu können. Ich darf nur noch fünfzig statt zweihundertfünfzig Gäste bewirten, doch meine Wirtschaftlichkeit ist der Politik egal.“ Und wenn sechs Freunde zum Feiern kämen, müsse er sie streng nach Vorschrift an drei verschiedenen Tischen plazieren, das sei doch Irrsinn.

Für solche Regularien wird es irgendwann Lösungen geben. Ob aber die Essenz der Drosselgasse in absehbarer Zeit zurückkommen wird, ist alles andere als gewiss. Die Unbeschwertheit des Zusammenseins, die Unbekümmertheit des Feierns, die Leichtigkeit des Lebens, das Privileg der Gedankenlosigkeit, die Selbstverständlichkeit der Furchtlosigkeit, das alles erscheint heute in so unendlicher Ferne, dass es einem beim Anblick der menschenleeren Gasse angst und bange werden kann. Denn er gibt uns eine Ahnung davon, welchen monströsen Schaden das Virus und vor allem die Panik vor ihm angerichtet hat – Corona könnte tatsächlich eine Zeitenwende des Reisens sein. Das ist die Botschaft der Drosselgasse, die in diesen Tagen wie ein Menetekel wirkt, wie der stumme Zeuge einer eben noch selbstverständlichen Gegenwart, die plötzlich zu einer unwiederbringlichen Vergangenheit geworden ist, wie eine archäologische Stätte, von der raunend und staunend erzählt wird, wie laut und lustig es hier einst zugegangen ist.

Ein Funken Hoffnung

Es ist deswegen kein Wunder, dass vielerorts die blanke Überlebensangst herrscht. Wirte erzählen davon, wie die Arbeit und die Ersparnisse von zehn Jahren binnen acht Wochen pulverisiert wurden, wie die versprochene Senkung der Mehrwertsteuer auf sieben Prozent von den Kosten für die Hygienezwangsmaßnahmen sofort wieder aufgefressen werden, wie sich jetzt schon alle Hoffnungen auf den Rüdesheimer Weihnachtsmarkt richten, nachdem alle Großveranstaltungen vom Rhein in Flammen bis zu den Weinfesten des Spätsommers abgesagt wurden; vielleicht findet er ja statt und rettet, was noch zu retten ist. Siegfrieds Mechanisches Musikkabinett, eine Sammlung Hunderter mechanischer Instrumente, die Führungen in zehn Sprachen anbietet und zum Pflichtprogramm aller Flusskreuzfahrer gehört, ist schon über eine Handvoll Buchungen im Juni froh. Das Foltermuseum mit seinen mittelalterlichen Quälapparaturen macht vorerst gar nicht mehr auf. Und vor der Seilbahn hinauf zum Niederwalddenkmal erscheint der gähnend leere, mit Ketten und Pfosten abgesteckte Warteschlangen-Parcours in Zickzackform wie ein Sinnbild des hoffnungslosen Wartens auf bessere Zeiten.

Doch nicht alles ist Düsternis und Depression in der Drosselgasse. Es gibt auch Optimisten wie Maresa Nieten, Chefin des Restaurants und Hotels „Schloss Rüdesheim“. Sie musste ihre Kapazität von vierhundertfünfzig auf hundert Plätze reduzieren und sieht trotzdem Chancen im Desaster. „Alle, die sich immer darüber beklagt haben, dass zu viele Amerikaner die Drosselgasse verstopfen, können jetzt kommen“, sagt Nieten. Corona sei nicht die erste Krise, die Rüdesheim überstanden habe, und nach dem Virus werde vieles anders sein, aber nicht alles schlechter. Denn jetzt habe man die Gelegenheit, einen Qualitätstourismus zu etablieren, eine bessere Gastronomie, anspruchsvollere Weinkarten, so wie sie das in ihrem Haus schon vormache. Ihrer bulgarischen Band, der sie seit achtzehn Jahren die Treue hält, hat sie übrigens nicht abgesagt, auch wenn sie jetzt zu dritt statt zu viert auftreten, ohne Sängerin, dafür mit neuem Repertoire.

Auch Nietens Cousine Theresa Breuer, eine der besten Winzerinnen des Rheingaus, ist nicht in Katastrophenstimmung, obwohl sie seit April fünfzig Prozent weniger Wein verkauft als sonst. „In diesem Sommer werden lauter anspruchsvolle deutsche Gäste nach Rüdesheim kommen. Wir haben alles, um sie von uns zu überzeugen, den Wein, die Landschaft, das Ambiente, wir müssen ihnen nur mehr als Remmidemmi bieten“, sagt Breuer. Zumindest das sind Trost und Perspektive: Rüdesheim und seine Drosselgasse müssen kein Trümmerfeld bleiben. Sie können zu einem Laboratorium werden, in dem die Zukunft des postcoronalen Tourismus in Deutschland Gestalt annimmt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Strobel y Serra, Jakob (str.)
Jakob Strobel y Serra
stellvertretender Leiter des Feuilletons.
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