<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Republik Irland

Es könnte viel schlimmer sein

Von Hannah Bethke
 - 06:47
Auf gutes Wetter wartet man hier vergeblich: Portumna im County Galwayzur Bildergalerie

Die Vorfreude war groß. Es sollte ein Spektakel werden mit Fackeln, Trommeln, Feuerwerk, Musik und Tanz – draußen, an der irischen Westküste, wo ein rauhes Klima herrscht. Die kleine Hafenstadt Galway war nach monatelanger Vorbereitung gerüstet für die große Eröffnungszeremonie, die ein besonderes Jahr einläuten sollte: Galway ist neben der kroatischen Stadt Rijeka europäische Kulturhauptstadt 2020. Doch der Kür folgte eine bittere Enttäuschung: Ciara zog herauf, das Sturmtief, das sich in Deutschland Sabine nannte.

Die Iren sind schlechtes Wetter gewöhnt, aber die heftigen, orkanartigen Böen mit starkem Regen wurden selbst ihnen zu heikel. Schweren Herzens sagten die Veranstalter einige Stunden vor dem geplanten Beginn die Zeremonie ab – und so fiel sie ersatzlos aus, denn einen Plan B hatten die Galwayer nicht. In ihrer Ansprache im Galmont Hotel im Zentrum der Stadt, in dem am Nachmittag eine Vorveranstaltung zur Eröffnung stattfand, kamen Helen Marriage die Tränen. Sie ist Creative Director des umfassenden Kulturprogramms „Galway 2020“ und bedauerte die Absage zutiefst. Monatelang hätten alle Beteiligten darauf hingearbeitet. Die Eröffnungszeremonie kann auch nicht nachgeholt werden, weil die Veranstaltungen nur für das geplante Datum genehmigt wurden.

Die zentralen Fragen, die in vielen Ansprachen mit der Kulturhauptstadt verknüpft wurden, verlieren dadurch aber nicht an Aktualität: „Wer sind wir?“, wollten viele wissen. Was bedeutet es, Galwayer, irisch, europäisch zu sein? Galways Moment sei gekommen: Das Bekenntnis zur europäischen Identität, das war in diesen Tagen oft zu hören, gewinne in Zeiten des grassierenden Nationalismus und Rechtspopulismus an Wichtigkeit.

Irland und der Brexit

Die sehr viel kleinere „Fire Tour“ in Portumna zwei Tage zuvor gab einen Eindruck, wie die kulturelle Antwort auf diese politisch bewegten Zeiten, die im Zeichen des Brexits und der Wahlen in Irland stehen, hätte aussehen können. Mit Trommeln und Fackeln zogen Menschen durch den kleinen Ort im County Galway, der sich knapp sechzig Kilometer südöstlich von der Stadt Galway befindet. Counties bezeichneten einst die Grafschaften in Irland und gliedern, den deutschen Landkreisen ähnlich, die Verwaltungseinheiten des Landes.

Es ist kalt, aber noch trocken, als sich die Bewohner Portumnas am Abend auf dem Platz vor der Saint Brigid’s Church versammeln und andächtig zwei jugendlichen Mädchen lauschen, die voller Hingabe „I love you“ von Billie Eilish singen. Die Trommler und Fackelträger marschieren fröhlich auf den Platz, ein kleines Feuerwerk scheint am Horizont auf.

Sechs Tage lang richteten die kleinen Städte des Countys Feste solcher Art aus und folgten dabei dem keltischen Kalender der vier Jahreszeiten, der zum „Imbolc“ den Abschied des Winters feiert. Am siebten Tag war der Abschluss und Höhepunkt in Galway geplant. Die Mühe, die sich die Bewohner hier mit der Ausrichtung der Kulturhauptstadt machen, ist geradezu liebenswert unbeschwert. Und doch staunt man nicht schlecht, dass sie die wichtigste Veranstaltung des Jahres im Februar draußen planen, in einem Land, in dem es permanent regnet und oft windig ist, nicht nur, wenn Ciara unterwegs ist. Die deutsche Verwunderung über so viel Unbekümmertheit spiegelt Stereotype beider Länder – und ist vielleicht auch eine Erklärung dafür, warum es so viele Deutsche nach Irland zieht.

Die keltische Seele kann nicht planen

Es ist ein Klischee, das sich hier bestätigt: Die keltische Seele kann nicht planen. Und sie muss es auch nicht, denn es gibt viel Wichtigeres, wie Heinrich Böll in seiner Liebeserklärung an das Land, dem „Irischen Tagebuch“, so eindringlich beschreibt. „Als Gott die Zeit machte“, so zitiert Böll eine typisch irische Denkweise, „hat er genug davon gemacht.“ Wenn ein Termin um neun Uhr angesetzt ist, muss er deswegen noch lange nicht um neun stattfinden. Und wenn etwas schiefgeht? „It could be worse.“ So notierte es Böll schon vor mehr als sechzig Jahren, und noch immer findet sich etwas davon wieder: „Bei uns – so scheint mir – versagen, wenn etwas passiert, Humor und Phantasie; in Irland werden sie gerade dann in Bewegung gesetzt.“

So ist es: Selbst von Ciara lassen sich die Galwayer nicht die Laune verderben. Am Abend ist die Trauer über die ausgefallene Zeremonie schon fast vergessen, und in jedem zweiten Pub im Zentrum der Stadt wird Live-Musik gespielt, Guinness getrunken, gelacht und gefeiert. Längst erklingt nicht mehr überall traditionelle irische Musik, viel Rock ist dabei, einige Popsongs, fast immer mit Gitarren.

Wenn man aber in die Crane Bar in der Sea Road geht, betritt man eine andere Welt. Sie ist ein paar Straßen entfernt von der High Street, der belebten Einkaufs- und Kneipenstraße von Galway, die irisch bunt und einladend ist – wenn es nicht gerade in Strömen regnet. Mit grünem Anstrich präsentiert sich die in die Jahre gekommene Crane Bar in altem Stil. Einige Musiker sitzen auf Hockern. Querflöten, Violinen und Gitarren sind zu sehen. In einer Ecke bringt eine gutgelaunte ältere Frau drei Jüngeren einen irischen Tanz bei. Dann ist es still, und eine Frau beginnt zu singen. Nach und nach stimmen immer mehr in das ihnen bekannte Lied ein, und am Ende singt die ganze Kneipe. An diesem Ort herrscht tiefer Frieden, wie man ihn gar nicht mehr kennt.

Galway als Kulturhauptstadt Europas

Mit 80 000 Einwohnern und zwei Universitäten präsentiert sich Galway jung und lebendig. Der Stadtplatz Eyre Square wurde vor einigen Jahren umgestaltet und bietet mit Rasenflächen und Bänken nun mehr Platz für Fußgänger, weniger für Autos. Es gibt im Stadtzentrum einen Wochenmarkt und, wie der Stadtführer und „Town Crier“ Liam Silke sagt, den besten Käseladen der Welt: „Sheridans Cheesemongers“ befindet sich in der Churchyard Street, gegenüber der St. Nicholas’ Collegiate Church.

Knapp 40 Millionen Euro stehen der Stadt zur Verfügung, um aus ihr eine europäische Kulturhauptstadt zu machen. 1,5 Millionen Euro Fördermittel erhält die Stadt von der Europäischen Union. Dabei ist es den ausgewählten Städten gemäß den Richtlinien der EU ausdrücklich erlaubt, die umliegenden Regionen einzubeziehen. In einem so schönen County wie Galway lohnt sich die Mühe, wie der Fackelzug von Portumna eindrucksvoll gezeigt hat.

Das nicht sehr übersichtliche Programm kündigt für dieses Jahr optimistisch über 1900 Veranstaltungen an. Übergreifende Themen sind dabei Migration, Land und Sprache. Prominenten Besuch erhält Galway zum Internationalen Frauentag am 8. März von der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood. Und wo sich das schlechte Wetter nicht vermeiden lässt, wird aus der Not eine Tugend gemacht: „Hope it Rains“ lautet ein Motto, unter dem Spiele und Installationen ausgerichtet werden, die den Wind und Regen in ihr Konzept einbeziehen.

Doch selbst wenn es weitere Veranstaltungen geben sollte, die auf irische Weise sturm- oder planungsbedingt ins Wasser fallen: Glücklich wird man hier dennoch, das beweist das bunte Treiben der Menschen in diesen stürmischen Regentagen.

Trotz des Sturms kommt man an diesem Ort, der von grünen Wiesen und Hügeln eingerahmt ist, sofort zur Ruhe. Wer einmal hinfährt, will immer wiederkommen. Vielleicht ist es beim nächsten Mal ja sogar trocken.

Der Weg nach Galway

Anreise Flug nach Dublin, von dort aus entweder mit eigenem Mietwagen oder mit dem Zug nach Galway. Die Fahrtzeit beträgt etwa zweieinhalb Stunden. Achtung: Linksverkehr! Unterkunft Wer es außergewöhnlich mag und den alten irischen Charme kennenlernen will, findet im Glenlo Abbey Hotel den richtigen Platz. Etwa vier Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, bietet das 5-Sterne-Hotel im Bushypark einen herrlichen Blick auf den Lough Corrib, den größten Fluss der Republik Irland (Zimmer ab 179 Euro, glenloabbeyhotel.ie). Für Bodenständige gibt es im Stadtzentrum zahlreiche Hotels, die sehr viel preiswerter sind. Ausflüge Unbedingt zu empfehlen ist ein Ausflug zum Wild Atlantic Way, der sich insgesamt auf über 2600 Kilometern erstreckt. Es gibt in Galway geführte Touren zu Fuß und mit dem Rad. Ausführliche Informationen findet man unter wildatlanticway.com. Einen wunderschönen Blick auf grüne Wiesen, Hügel und den viktorianischen Garten hat man am Schloss Kylemore Abbey, das Teil einer irischen Benediktinerinnenabtei ist. Mit dem Auto oder im Rahmen einer Bustour der Connemara Tours zu erreichen und ca. 90 Minuten vom Zentrum entfernt (kylemoreabbey.com). Weitere Informationen zur Kulturhauptstadt Galway unter galway2020.ie

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Bethke, Hannah
Hannah Bethke
Feuilletonkorrespondentin in Berlin.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenKulturhauptstadtIrlandHeinrich BöllTanzBrexitBillie Eilish

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.