Ein Wochenende in Wien

Tut's noch a bisserl sektieren, rät der Graf

Von Friederike Haupt
15.02.2012
, 15:30
Wer will da noch ins Hotel? Bei Doktor Mazakarini wohnt man fast wie bei Freunden.
Vergessen wir ganz einfach mal alle Sehenswürdigkeiten - und lassen wir uns Wien von Kunsthochschülern und alten Herren neu erklären.

Da liegt man nun also im Bett eines Menschen, von dem man bis vor ein paar Stunden nicht geglaubt hätte, dass es ihn gibt. Man kann natürlich nicht gleich schlafen, obwohl es noch recht viel zu trinken gab und die Nacht schon halb herum ist, Müdigkeit ist also nicht das Problem. Aber diese Löwen da auf den Teppichen und diese vier Meter hohen Bücherregale und dieses alte Klavier mit seinem - noch - zugeklappten Maul starren einen durch die Dunkelheit an, also starrt man sicherheitshalber zurück. Leise lächelt dann der Mann, dem dies alles gehört, Doktor Wolf Dietrich Maria Mazakarini Martinelli, ein siebzigjähriger Archäologe, Kunsthistoriker und Markgraf. Er kennt das schon, dieses Staunen der Menschen, die Rauhfasertapeten und Ikea-Betten in ihren Leben für okay halten und Wien bloß für irgendeine Stadt. Und während er also lächelt und man sich im Stillen noch einmal seinen schönen Namen aufsagt, um sich von den Teppichlöwenrachen abzulenken, kommt endlich der Schlaf.

Am nächsten Morgen ist Doktor Mazakarini fort, und tatsächlich verließ er schon vor dem Zubettgehen das Bibliothekszimmer. Nur von einem gerahmten Bild - Doktor Mazakarini auf einem weißen Ross - hatte er im Dunkeln herabgelächelt. Es ist also Zeit, sich in dieser Wohnung im vierten Wiener Bezirk umzusehen, in der man da gelandet ist wie mit einer Zeitmaschine, denn das alles hier sieht aus, als könnte jederzeit Doktor Freud klingeln, um ein wenig mit Doktor Mazakarini zu plaudern: die alten Sessel mit den Samtbezügen, die Familienwappen, die Ahnen in Öl, die Vitrinen mit Kristallgläsern darin und natürlich all die Bücher. Doktor Mazakarini und seine Frau haben hier ein eigenes Zimmer für sie und noch eine andere Wohnung, zwanzigtausend Bände mögen dort wohl stehen, schätzt der Hausherr. Und wie man da so sitzt in einem der tiefen Polstersessel, die Luft atmet, die nach Doktor Mazakarinis ledergebundenen Nachschlagewerken und nach seiner alten Perserkatze riecht, die stumm und starr, aber angeblich noch lebendig immerfort auf der Fensterbank sitzt, weiß man, dass man besser in Wien gar nicht wohnen kann.

Fast das eigene Bett

Zumindest nicht, wenn man vorhat, ein Wochenende hier an Orten zu verbringen, an denen sich auch Wiener freiwillig aufhalten. Also kein Hotel, keins dieser von begrenzt hilfreichen Reiseführern gepriesenen "Zehn Dinge, die man in Wien gesehen haben muss"-Dinge, keine Kutsche, kein blinkendes Schnitzelhaus, kein Bordstein vor irgendwelchen Jugendstilfassaden, die es durch langes Anstarren als ebensolche zu würdigen gilt. Warum nicht einfach tun, was man zu Hause am Wochenende auch tut: ein paar Geschenke kaufen, ein bisschen spazieren gehen, Kaffee trinken, abends bei Freunden gut essen, dann in ein Bett fallen, dessen Besitzer man auf Reisen zwar kaum selbst sein kann, den man aber immerhin kennt und auf dessen gut gefüllten Kühlschrank man sich verlassen kann. "Tut's noch a bisserl sektieren", sagt beispielsweise Doktor Mazakarini und stellt den Gästen eine Flasche Sekt auf den meterlangen Tisch.

Tatsächlich kann jeder, der möchte, an dieser Tafel Sekt trinken und dafür nur so viel zahlen wie Doktor Mazakarini bei seinem Weinhändler und in des Doktors Bibliothekszimmer schlafen. Aus unterschiedlichen Gründen, von denen die Sehnsucht seiner Frau nach staunenden Bewunderern der Wohnung und ihrer Bewohner wohl nicht der geringste ist, bietet Doktor Mazakarini Fremden an, bei ihm unterzukommen. Er macht das über das Internetportal Wimdu, wo man Zimmer von Privatpersonen in aller Welt buchen kann wie Hotelzimmer. Vierzig Euro kostet eine Nacht in seiner Bibliothek, und darin steht auch ein bequemes Bett in einer Höhle, an deren Decke Doktor Mazakarini Hunderte kleiner Leuchtdioden einbauen ließ, die auf Knopfdruck strahlen - in Form des Sternbildes des Löwen. Dazu wiederum kann Doktor Mazakarinis Frau Marcella viel erzählen, denn sie ist nicht nur Schauspielerin und Innenarchitektin, sondern auch Astrologin - Sternzeichen Löwe - und weiß eigentlich alles über die Sterne, die Menschen und die Welt.

Unterwegs auf gut Glück

Wem es gelingt, trotz solcher Gastgeber einen Fuß vor die Tür zu setzen, ist zunächst einmal ein Spaziergang zu empfehlen, allein wegen der frischen Luft. Man könnte zum Schloss Belvedere laufen, das nur ein paar hundert Meter von der Wohnung entfernt ist. Aber dafür ist man ja nicht hier. Lieber sucht man sich einen unspektakulären Stadtbezirk aus, den man auf gut Glück durchschlendert, den siebten zum Beispiel oder den sechzehnten oder den sechsten. Wählt man Letzteren, der im Norden von Wiens größter Einkaufsstraße und im Süden vom Naschmarkt begrenzt wird, findet man ein gemütliches Viertel vor, dessen Bewohner ihrem Alltag nachgehen und dabei von recht wenigen Touristen gestört werden. Da gibt es Trödelläden, deren Besitzer sich eine Viertelstunde Zeit nehmen, einen Porzellanelefanten abzustauben, es gibt mit Tannenzweigen dekorierte Sexshops, und es gibt das "Hafenjunge".

Hier hängt ein Leuchtanker über der Tür, und alle Zeichen stehen auf Norden. Das "Hafenjunge" ist eine Mischung aus Café, Grafikbüro, Wohnzimmer und Schnickschnackladen, und obwohl die österreichischen Betreiber tatsächlich eine Hamburg-Sehnsucht kultivieren, geht es ganz wienerisch- gemütlich zu, und der Kaffee ist auch sehr gut. Man sitzt in einer ehemaligen Tischlerwerkstatt, die Markus Handl und seine Freundin Elvira Stein vor knapp zwei Jahren selbst umgebaut haben: Dielen abgeschliffen, gemalert, Regale gezimmert, Kissen genäht, Kühlschrank und Computer rein - fertig war Handls Grafik-Agentur mit Rumhängzone. In den Regalen stehen Tassen, die Elvira Stein mit feinen Zeichnungen verziert hat, es gibt Gestricktes und Genähtes von anderen Wienern, außerdem Buttons, Postkarten, Bücher.

Hot Dog oder Jakobsmuscheln

Und, gar nicht unpraktisch für traditionsbewusste Reisende: Fotofilme. Zwei Absolventen der Wiener Kunsthochschule hatten die Idee, gewöhnliche Filme chemisch so zu bearbeiten, dass auf den Abzügen später feine Linien, bunte Pünktchen oder insgesamt verfremdete Farben zu sehen sind. Wer sagt, so etwas gehe heute auch mit Photoshop, hat natürlich recht, würde aber in Wien wohl auch lieber in einem ordentlichen Hotel als bei Doktor Mazakarini absteigen. Die jungen Künstler verschicken ihre Filme mit dem Namen Revolog inzwischen in die ganze Welt. Weil das Porto in Österreich sehr hoch ist, kauft der interessierte Deutsche sie am besten im "Hafenjunge", und wenn er Glück hat, trinken Hanna Pribitzer und Sebastian Krebs dort gerade eine Schartnerbombe - eine Limo in Knubbelflaschen, die sie seit Kindertagen kennen - und erzählen einem selbst davon, wie sie in Hanna Pribitzers Wohnung eine kleine Dunkelkammer eingerichtet haben, in der sie die Filme produzieren, die eigentlich nur ein Taschengeld abwerfen. Aber auch ohne viel Geld, erzählen sie, kann man in Wien etwas erleben.

Besuchern raten sie, einmal mit der Straßenbahn um den Ring zu fahren. Ein Spaziergang am Donaukanal, ein Kaffee im "Kleinen Café" oder im "Alt Wien", abends ein Besuch in Clubs wie dem "Ritz", dem "Fluc", dem "Club U" seien auch gut. Und natürlich sollte jeder einen Hotdog im "Hafenjunge" gegessen haben, denn dafür kommen mittags Hausfrauen aus der Nachbarschaft, Maurer, die in der Nähe arbeiten, Studenten und Grafikerkollegen. Abends gibt es manchmal Lesungen und Konzerte, und sonntags war auch schon einmal die "Guerilla Bakery" zu Gast, die man am nächsten Nachmittag noch in einem anderen Café treffen wird. Nun geht es erst einmal wieder hinaus in die kalte Abendluft, und falls man jetzt Hunger hat, könnte man natürlich, wie viele Wiener es tun, an irgendeinem Würstelstand stoppen oder in irgendeinem Restaurant speisen, das der Restaurantführer sicher zu Recht lobt. Man kann sich aber auch ins Wohnzimmer eines Wiener Ehepaars setzen und sich Jakobsmuscheln schmecken lassen, die der kleine Sohn stolz an den Tisch bringt.

Jenseits der Ameisenstraße

Das Restaurant "Hofzeile 27", schlicht nach seiner Adresse benannt, will eigentlich gar kein Restaurant sein und ist es auch nur so halb: Sibylle Fellner-Kisler hat in der Vierhundertachtzig-Quadratmeter-Wohnung, die sie in dem Patrizierhaus geerbt hat, knapp die Hälfte des Platzes für Dinner-Gäste freigeräumt, denen sie jeden Abend feine Fünf-Gänge-Menüs kocht. Ihr Mann, der tagsüber in der IT-Branche arbeitet, hilft, im Zimmer nebenan schlafen die Hunde, oben die Söhne. Eine betrunkene Dame habe es zu später Stunde auch einmal ins Kinderzimmer statt auf die Toilette verschlagen, berichtet Sibylle Fellner-Kisler. Über solche Zwischenfälle lacht sie; weniger lustig sei der Ärger mit den Nachbarn, die kurz nach der Eröffnung im Dezember letzten Jahres noch dachten, die Familie betreibe einen Swingerclub, weil ständig fremde Menschen in die Wohnung kamen. Mit vierzehn pro Abend ist die Köchin aber ausgebucht. Die sitzen dann an mehreren Tischen in einem allerdings recht karg eingerichteten Zimmer, in dem auch kaum mehr Wohnzimmerhaftes herumsteht als in richtigen Restaurants: eine Kommode, ein Fernseher, sonst nichts.

Aber es geht ja um das Gefühl, an einem Ort zu essen, den nicht jeder findet, und erst recht nicht jeder Tourist. Der Wiener Zukunftsforscher Andreas Reiter weiß um den Wunsch vieler Reisender, "jenseits der Ameisenstraße" unterwegs zu sein und wie "Trüffelschweine" nach den Leckerbissen zu suchen. Immer mehr Konsumenten seien sehr reiseerfahren, sagt Reiter, und wer bei Privatleuten wohne oder in Wohnzimmern esse, tue das nicht, um Geld zu sparen, "sondern weil er Distinktion will". Außerdem finde ein Wertewandel statt: Ressourcen schonen, teilen statt besitzen, den "local dealer" unterstützen statt Riesenunternehmen. Man könnte das auch übertreiben und jedes Biertrinken auf Treppenstufen irgendeines Hauses schon als Guerrilla-Trinken bezeichnen.

Drei Schwestern und viel Selbstgebackenes

Im Falle der drei Schwestern, die mal da, mal dort Selbstgebackenes verkaufen und damit junge Wiener zu Hunderten anlocken, passt die Bezeichnung Guerrilla-Bäcker allerdings schon. Sonntag, kurz vor vierzehn Uhr, Café EdieUndMarie: draußen eine Schlange, als würde hier gleich das neueste iPhone uraufgeführt, drinnen Sarah, Isabella und Vanessa Scharl, die etwa achthundert Muffins, Cupcakes und Kuchenstücke auf Etageren und Platten zurechtrücken, bis am Ende das Café aussieht wie das Filmset für eine romantische Komödie. In der müssten drei Frauen eine Großstadt mit Gebäck verzaubern, fast so, wie es ja in Wirklichkeit auch ist. Wenn die Scharl-Schwestern bei Facebook ankündigen, dass sie wieder einen Morgen und einen Vormittag lang gemeinsam backen, um am Nachmittag die Ergebnisse an wechselnden Orten zu verkaufen, stehen sich dort die Leute schon eine halbe Stunde vorher die Beine in den Bauch. Sie wollen zu den Ersten gehören, die sich bei Ladenöffnung die mitgebrachten Tupperdosen bis oben hin füllen lassen. Nicht nur, weil es so gut schmeckt, sondern auch, weil es exklusiv ist. Manche junge Frau lädt sogleich Fotos der ergatterten Cookies auf Facebook hoch. Erst dann darf genascht werden.

Gemütlicher ist es, einfach in einem Sessel Platz nehmen, seine Birnentorte zu essen und dem Spektakel zuzusehen. Lustiger als normaler Kaffeehausbetrieb ist es allemal, und weil es so voll ist, setzen sich auch gleich Wiener mit an den Tisch, mit denen man vergleichen kann, wer nun das leckerste Gebäck ergattert hat. Nun könnte man bis zum Rückflug noch ein wenig spazieren gehen und den ersten Fotofilm verknipsen, oder man hört sich eine weitere Geschichte aus dem reichen Fundus des Doktor Mazakarini an, oder man fährt die empfohlene Runde mit der Straßenbahn. Den Reiseführer, den man sicherheitshalber doch mal mitgenommen hatte, braucht man jedenfalls immer noch nicht.

Wien privat

Unterkunft: Die Plattform Wimdu bietet Privatunterkünfte vom WG-Zimmer bis zur Ferienwohnung an. In Wien kosten sie zwischen 12 und 300 Euro pro Nacht. Für ein Zimmer bei Doktor Mazakarini zahlen Gäste 20 bis 60 Euro. Informationen und Buchung unter www.wimdu.de

Einkaufen: Revolog-Filme und mehr Selbstgemachtes gibt es im "Hafenjunge", Esterhazygasse 11.

Essen: Edel speist man im Privatrestaurant "Hofzeile 27", Hofzeile 27. Bodenständiger in der "Guerilla Bakery": Wann sie an welchem Ort öffnet, erfährt man über www.guerillabakery.at.

Quelle: F.A.Z.
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