Erholung anders

Der Heusack in meinem Bett

Von Andrea Diener
29.08.2012
, 16:10
Es müssen nicht immer Pillen sein. Im Kneipp-Haus weiß man genau, gegen welche Leiden Kräuter gewachsen sind - und zwar im Garten hinterm Haus.
Das Kneipp-Traditionshaus der Marienschwestern von Karmel bietet Wellness, wie man sie nur selten antrifft: sehr rustikal, sehr österreichisch und sehr wirksam.
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Achtung, jetzt kommt ein Bekenntnis: Ich bin Phlegmatiker. Im tiefsten Herzen habe ich das schon immer irgendwie geahnt, bei meiner Abneigung gegen Sport und Hektik aller Arten. Jetzt habe ich das auch schwarz auf weiß zum Herumzeigen. Ich kann das Ergebnis im Büro aufhängen und bei Drängelei wortlos drauf deuten: Zu einem gehörigen Anteil, nämlich 36 Prozent, bin ich phlegmatisch veranlagt, zu immerhin 29 Prozent sanguinisch und nur zu mickrigen 14 Prozent cholerisch, der Rest ist Melancholie. Das heißt, ich neige nicht gerade zur nervenzerrüttenden Aufregung, dafür aber leider zur unmäßigen Ansammlung von Flüssigkeit und bin bei grundsätzlich friedvoller Harmoniesucht feuchtkalt wie ein Fisch. Weshalb ich ruhig heute Nachmittag in die Sauna gehen soll, da ist es trocken und warm, das ist gut für die phlegmatische Konstitution. Wandern wäre gut. Brennnesseltee ist außerdem anzuraten, der schmeckt zwar diffus nach Heu, entwässert aber. Eine Phlegmatikermassage steht außerdem auf dem Therapieplan.

Vor der Entspannung steht jedoch die Anstrengung: Mein leicht verspannter Körper wird erst einmal in Bewegung versetzt und wandert rund um das Kneipp-Traditionshaus der Marienschwestern von Karmel, das jüngst zu einem Zentrum für Traditionelle Europäische Medizin ausgebaut wurde, oder besser: dem Zentrum, es gibt ja nur eins. Hier in Bad Kreuzen, mitten in der oberösterreichischen Hügellandschaft des Mühlviertels, steht es mit seinen übereinandergestapelten Betonterrassen am Maria-Hilf-Berg. Auf den umliegenden Hügelkuppen stehen entweder befestigte Burgen oder befestigte Kirchen oder befestigte Vierkanthöfe. Vor den Höfen wird Apfelmost und Schinken verkauft, hinter den Höfen suhlen sich glückliche Schweine im Dreck, lauter entspannte Phlegmatikersauen, mit denen ich mich sofort artverwandt fühle. Die nächstgelegene Sehenswürdigkeit ist der „Luftg’selchte Pfarrer“ von Sankt Thomas am Blasenstein, eine wundertätige Mumie, die gegen Epilepsie helfen soll, aber damit habe ich zum Glück keine Probleme.

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Kein Lotus, kein Bambus

Mit den üblichen Wellnessschuppen hat das Kneipp-Haus schon auf den ersten Blick nicht viel zu tun. Nirgendwo stehen Dekorationsbuddhas herum, stattdessen hängen Kruzifixe in den Räumen, die für mehr stehen als ein vage exotisches Ambiente. Kein Lotus, kein Bambus, sondern Wiesenblumensträuße und eine pragmatische Innenarchitektur irgendwo zwischen Kurheim und Gemeindehaus. Die Mitarbeiter tragen Dirndl und Loden, und ab und zu läuft die uralte, winzige Schwester Josefa breit lächelnd mit einem Wägelchen über den Gang, auf dem sich frisch gewaschene Laken stapeln.

Die meisten, die hierherkommen, brauchten einfach eine Auszeit, sagt Geschäftsführer Friedrich Kaindlstorfer, auch er im Lodenjanker. Einem habe er schon mal das Handy weggeschlossen, der habe dauernd auf das Ding gestarrt und es schließlich zähneknirschend abgegeben. Nach einer Woche habe er es ihm gedankt.

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Dafür Rommé und Kräutertee

Ich bin dennoch froh, dass man mir nicht den Laptop wegschließt, denn WLAN gibt es immerhin und somit Kontakt zu den Lieben daheim, den ich gern elektronisch halte. Und sonst wenig zu tun am Abend. Das Essen, natürlich abgestimmt auf meine phlegmatische Konstitution, gab es schon um fünf, Mittagstisch um zwölf, und zwar pünktlich und alle auf einmal. Man sitzt danach im Gemeinschaftsraum, Damen spielen Rommé, Herren lesen Zeitung, man probiert sich durch die Kräutertees, die alle hinterm Haus geerntet werden, das macht Schwester Gertrude, und entwässert ein bisschen vor sich hin. Gegen sieben verschärftes Gähnen, gegen halb acht höre ich die ersten „Gute Nacht“ sagen. Und frage mich, wo ich hier hineingeraten bin. Es ist halb acht! Ich halte tapfer bis halb zehn durch, dann haut mich die Wanderung zu den glücklichen Nachbarsschweinen schließlich doch um.

Zu viel Wachs, zu wenig Flamme

Frühstück gibt es zwischen sieben und neun. So früh? Und morgen wird es noch härter werden, ich bekomme um halb neun eine Heusackanwendung. So früh! Aber heute habe ich erst mal einen Termin bei der Ärztin, die meint, ich sähe ja gar nicht so phlegmatisch aus. Vermutlich ist das ein Kompliment. Aber dann streicht sie mir über die Haut auf dem Rücken: Doch, eindeutig, phlegmatische Konstitution, wie es der Test ergeben hat, der aus nicht weniger als achtzig Fragen zu Körper, Geist und Seelenleben besteht. Man darf das nicht wörtlich nehmen, sagt Frau Doktor Lehmann dann, das sei schließlich ein Denkmodell. Und mein wässriger Füllezustand ungefähr so vorzustellen wie eine Kerze mit zu viel Wachs und zu kleiner Flamme, während es sich beim Choleriker genau umgekehrt verhält. Allerdings sind die meisten Menschen Mischtypen. Mein sanguinischer Anteil sorgt zum Glück dafür, dass ich ab und zu den Hintern hoch- und etwas hinbekomme.

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Ein ziemlich archaisches Denkmodell ist diese Vier-Säfte-Lehre oder Humoralpathologie, sie reicht ins fünfte Jahrhundert vor Christus zurück. Bei Hippokrates taucht sie zum ersten Mal auf, von Galen wird sie im zweiten Jahrhundert weiterentwickelt. Bis zur Entwicklung der Zellbiologie im neunzehnten Jahrhundert war sie der gängige Denkansatz, nach dem Körper und Temperament zusammenhingen, bevor man anfing, sie getrennt zu betrachten und zu behandeln, wie es die heutige Medizin ja leider tut. Stets ausgewogen müssen die Säfte sein, Schleim und Blut, gelbe und schwarze Galle, dann ist nicht nur der Körper ausgeglichen, sondern auch das Gemüt. Beeinflussen lässt sich das der Überlieferung nach vor allem durch Ernährung.

Ein bisschen Stress, sonst alles flockig

Das natürliche Umfeld der Vier-Säfte-Lehre ist heutzutage eher das geisteswissenschaftliche Seminar als das allgemeinärztliche Sprechzimmer. Aber Körper und Gemüt als Einheit zu betrachten ist ja wirklich nicht falsch. Zum Beispiel mein Bauchgrummeln: Ich hab ein bisschen Stress, da ist das normal, sage ich zur Ärztin, das geht von allein wieder weg. Schulter verspannt, normale Härte eben. Und wie geht es mir sonst so? Beruf? Privatleben? Ach, alles ganz flockig, Beruf prima, Privatleben okay. Nichts Schlimmes, nein. Ich bin es nicht gewohnt, mit Ärzten über etwas anderes zu reden als über das, was mich gerade körperlich zwickt. Dafür sind sonst Freunde da. Ich bespreche das lieber am Tresen als im Behandlungszimmer. Ob das gut ist, weiß ich nicht. Aber Frau Doktor Lehmann bohrt nicht nach und sagt, ich solle tun, was mir gut tut, dafür sei ich schließlich hier. Und ja, saunieren wäre wirklich keine schlechte Idee.

Punkt zwölf, alle strömen die Treppe hoch in den Speiseraum. Meine neue Tischnachbarin heißt Rosemarie und ist Yogalehrerin. Und sanguinisch. Ich bin Andrea und phlegmatisch, sage ich. „Ach?“ sagt sie, und dass ich wohl keine Kinder habe. Denn dann werde man automatisch sanguinischer.

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Ich packe mir Feldsalat auf den Teller und gute, alte Sauerrahmsoße. Dass es so was noch gibt, wie früher bei Oma, bevor die Salatsoße mediterranisiert wurde und alles immer nur leicht sein sollte. Überhaupt das Essen, alles von den Bauern aus der Umgebung, glückliche Tiere und ungespritztes Gemüse und Brot vom örtlichen Bäcker, aber noch richtiges, keine aufgewärmten Teiglinge. Rosemarie zieht irgendwas Basisches durch und isst nur Reis mit Brühe. Ich weiß nicht, wofür das gut ist, lehne Verzicht aber grundsätzlich ab und kreuze für morgen die glückliche Forelle an. So ein kaltes und feuchtes Tier, genau wie ich.

Kalizium im Joghurteis

Die Tage sind hier lang. Unterbrochen nur vom Essen, pünktlich natürlich, und von Anwendungen, ansonsten kann man tun, was man will. An Gymnastikstunden teilnehmen, Vorträge besuchen, Kochworkshops mitmachen. Wandern oder lesen oder entwässern oder Kaffee trinken. Es gibt ein Café mit einer kleinen Kuchenauswahl und selbstgemachtem Eis; Schokoladeneis und verschiedene Fruchtsorten und sogar Kräutereis. Und einen Osteoporosebecher mit Joghurteis und Joghurt und selbstredend enorm viel Kalzium. Ja, sagt Herr Kaindlstorfer, der stamme noch aus der Zeit, als das Haus einen Osteoporoseschwerpunkt hatte. Dann habe man die Ausrichtung geändert: Kneipp-Anwendungen habe es hier ja schon immer gegeben, aber einer der Ärzte habe die Idee mit der Traditionellen Europäischen Medizin, kurz TEM, gehabt.

Die Traditionelle Chinesische Medizin ist vielen längst ein Begriff. Aber überliefertes Heilwissen gibt es nicht nur in fernen Ländern, sondern auch direkt vor der oberösterreichischen Haustür. Da kam dann einiges zusammen: klassische Kräutermedizin, Anwendungen der Bäuerinnen aus der Umgebung ebenso wie Rezepte aus Klosterbibliotheken. Weil es in Österreich keine Heilpraktiker gibt, ist das ganze Gebiet hier noch Neuland. Aber gleichzeitig eine Chance, Neues zu entdecken, denn gerade die alten Frauen in den Vierkanthöfen kennen Rezepte, die völlig in Vergessenheit geraten sind. Gegen Blasenentzündung helfe zum Beispiel auch Kren, also Meerrettich, sagt Herr Kaindlstorfer. Das wisse heute kaum mehr einer.

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Was für ein Leben!

Ich verbringe den lieben langen Tag trocken und warm, erst auf der Terrasse vor meinem Zimmer mit Buch, dann in der Sauna ohne Buch. Ich esse zu Abend, ich teile den Lieben daheim elektronisch mit, dass es hier Osteoporoseeisbecher gibt, was diese amüsiert, dann entwässere ich ein bisschen, dann gehe ich ins Bett. Es ist neun Uhr. Um fünf vor sieben wache ich auf und denke, oh prima, gleich gibt es Frühstück. Ich frühstücke. Dann lese ich. Dann kommt der Heusack. Was für ein Leben!

Jeden Morgen duften hier die Flure nach frischem Wiesenheu, das liegt an den Heuwickeln, die man unbedingt einmal erlebt haben sollte, denn die kriegen den größten Stress klein. Das Heu wird erhitzt und in einen groben Sack gegeben, versetzt mit Kräutern. Für Phlegmatiker wie mich wird etwas Thymian dazugemischt, das belebt. Ich muss mein Nachthemd ausziehen und lasse mich von ruhigen Therapeutinnenhänden in Handtücher, Heusack und Kolter wickeln, bis ich mich nicht mehr rühren kann. Bequem? Ja. Und nicht lesen! Aber wie auch? Sie nimmt mir die Brille ab, dann dämmere ich in einen warmen, feuchten, entspannenden, heuduftenden Wiesentraum.

Ich gebe zu, ich war skeptisch, Wellness mit Nonnen, wie soll das gehen? Aber tatsächlich funktioniert das ganz wunderbar, wenn man bereit ist, auf ein paar Dinge zu verzichten. Auf protzige Spa-Atmosphäre zum Beispiel, mit Tee in winzigen Schälchen und großzügiger Verwendung von Edelhölzern. Nichts ist hier edel. Die Koltern, die die Therapeutin um meinen Heuwickel legt, sind alle unterschiedlich bunt und ungefähr die gleichen, wie sie Großmütter über ihre Knie legen oder um kranke Kinder herum feststopfen. Kein Designer hat hier Visionen verwirklicht, in der Küche geht es reichlich schnörkellos zu, und anstelle der üblichen Tapetenmusik mit Entspannungsintention, die einem doch immer nur auf die Nerven geht, hört man höchstens einmal die Orgel der hauseigenen Kapelle. Aber, und das ist die gute Nachricht: Es wirkt. Nach drei Tagen stehe ich mit dem Nachbarshahn auf, und alles, was mich sonst so anficht, ist sehr weit weg. Dann ziehe ich mir was Bequemes über und gehe in aller Seelenruhe entwässern. Auch an Brennnesseltee kann man sich gewöhnen.

Innere Ruhe

Information: Das Kneipp- Traditionshaus in Bad Kreuzen verfügt über 44 Einzel- und neun Doppelzimmer ab 52,90 [Euro] pro Nacht und Person inklusive Vollpension. Anwendungen werden separat berechnet. Regelmäßig bietet das Haus auch Schnupperangebote und Komplettpakete an. Telefon: 0043/7266/6281, im Internet unter www.kneippen.at

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Diener, Andrea
Andrea Diener
Redakteurin im Feuilleton.
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