Vereinigte Staaten/Mexiko

Sisyphus am Grenzzaun

Von Nina Rehfeld
04.11.2009
, 19:25
Hier umarmt sich niemand mehr, und Familienneuigkeiten müssen an der amerikanisch-mexikanischen Grenze in Gebärdensprache ausgetauscht werden.
Die Barriere zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko wird immer weiter verstärkt. Doch Flüchtlinge hält sie kaum ab, denn sie ist vor allem eines: ein Fanal der Heuchelei.

Hallo, mein Freund!, ruft Dan Watman durch den amerikanischen Grenzzaun zwischen San Diego und Tijuana einem Mann auf der anderen Seite zu. "Was machst du so?" Eine Windböe vom Meer verwischt die Antwort, und Watman formt mit der Hand einen Trichter um sein Ohr, um besser verstehen zu können. Noch vor ein paar Monaten hätte er die Hand des anderen schütteln können. Friendship Park heißt dieser Flecken rund um den weißen Obelisken, der 1849 hier plaziert wurde, um die neue Landesgrenze nach Mexikos Abtritt des heutigen amerikanischen Südwestens an die Vereinigten Staaten zu markieren. Nach Norden erstreckt sich ein Naturschutzgebiet, der kalifornische Border Field State Park, nach Süden blickt man auf den Strand von Tijuana und einen Apartmentkomplex in den Hügeln dahinter. Achtunddreißig Jahre lang war der Friendship Park Treffpunkt von Familien, die auf beiden Seiten der Grenze lebten. Man berührte sich durch den Drahtzaun in den Dünen oder umarmte einander durch die Eisenstreben am Strand, küsste Babys, reichte Briefe und Geschenke von hüben nach drüben. Doch das ist vorbei.

Initiiert wurde der Park 1971 vom damaligen kalifornischen Gouverneur Ronald Reagan - dem Mann, der sechzehn Jahre später in Berlin Michail Gorbatschow zurufen sollte: "Tear down this wall!" Die Berliner Mauer und der Eiserne Vorhang fielen wirklich. Aber in San Diego begann man mit dem Bau einer neuen Mauer. Dort, wo vorher ein schlichter Zaun die mexikanisch-amerikanische Grenze gebildet hatte, wurde Anfang der neunziger Jahre ein metallener Wall errichtet. Nur der Friendship Park blieb ausgespart. "Wir haben hier auf beiden Seiten des Zauns binationale Picknicks, Yogastunden, Salsaunterricht veranstaltet", sagt Dan Watman, der zu diesem Zweck den Verein Border Encuentro gründete. Sonntagnachmittags zelebrierte ein kalifornischer Pfarrer die katholische Messe und reichte Oblaten und Messwein durch die Maschen. Dann zog die amerikanische Grenzpatrouille Ende 2008 einen zweiten Zaun, der den Friendship Park zum Niemandsland machte. Jetzt müssen Worte und Blicke dreißig Meter überbrücken. Es werden nicht länger Umarmungen und Oblaten ausgetauscht, sondern Stinkefinger in Richtung der amerikanischen Grenzpatrouille gezeigt. Und Dan Watman veranstaltet neuerdings für geteilte Familien Kurse in Gebärdensprache.

Ein Sprint ins Glück

Es ist Ebbe, und am Strand könnte man um die geräumig plazierten Eisenstreben herumspazieren, in denen die Grenze hier ausläuft. Doch prompt taucht ein Jeep der Grenzpolizei auf. Nein, sagt man uns, wir dürfen hier nicht einfach hinüberspazieren, das wäre Grenzfriedensbruch. Wir müssten schon die offiziellen Übergänge benutzen. Von der anderen Seite ist der Zaun durchlässig. Am Wochenende spielen oft Kinder zwischen den Eisenstreben, manchmal schlagen ganze Familien auf der amerikanischen Seite ihr Lager auf, eine Geste trotziger Missachtung. Die Grenzer lassen es geschehen. Nur wenn einer aus dem Süden plötzlich nach Norden sprintet, der Skyline von San Diego entgegen, jagen sie hinterher. Manche Flüchtlinge, erzählen die Männer mit den schusssicheren Westen, rennen einfach den Strand entlang, andere paddeln auf Surfbrettern hinüber. Hin und wieder werden Ertrunkene angespült, einmal haben sie einen gerettet, der sich an einen Basketball klammerte. "Die meisten Mexikaner können nicht schwimmen", sagt ein Grenzer, "wenn sie im Meer von einem Sog erfasst werden, war's das." Nachts ist hier besonders viel los, auch mit dem zweiten Zaun. Die Verstärkung sei nötig gewesen, sagt man uns, weil es am Grenzzaun einen regen Handel mit Drogen und Geld gegeben habe. Manche hätten sogar Babys herübergereicht.

Der nächste Mexikaner kommt bestimmt - und die amerikanischen Grenzposten können oft nur so tun, als könnten sie dagegen etwas ausrichten.
Der nächste Mexikaner kommt bestimmt - und die amerikanischen Grenzposten können oft nur so tun, als könnten sie dagegen etwas ausrichten. Bild: Nina Rehfeld

Im vergangenen Jahr hat die amerikanische Border Patrol im Bezirk San Diego, dem mit siebenundneunzig Kilometern kürzesten Grenzabschnitt, 162390 illegale Einwanderer festgenommen. Dank des Sekundärzauns waren es schon im ersten Monat des Jahres 2009 fünfundzwanzig Prozent weniger. Aber auch die zweite Mauer wird die Flüchtlinge nicht stoppen. "Ja, die Mauer ist höher geworden", sagt der Taxifahrer in Tijuana mit Blick auf das neue Bollwerk, das sich neben der Schnellstraße zum Meer entlangzieht, "und die Leitern sind es auch." Er setzt uns in Tijuanas Vorort Las Playas ab, hier blickt man von den Holzterrassen der Strandkneipen auf die löcherige Grenze am Strand - und die Versuchung wirkt unwiderstehlich.

Tijuana is the easy way

Omar Rodas, Wirt der Arcoeidis Taberna, sagt, hier könne man dauernd Fluchtversuche beobachten: "Manche probieren es zu Fuß, manche auf dem Motorrad." Rodas ist selbst schon drüben gewesen. Auf einer Klassenreise nach Disneyland setzte er sich ab und lebte sechs Jahre lang in Los Angeles, bevor er 2005 zurückkehrte und hier seine Strandkneipe eröffnete. Der goldene Norden, sagt Rodas, sei vor allem eine Illusion. "Klar verdienst du Dollar, aber du bezahlst auch in Dollar. Und das Leben besteht nur noch aus Arbeit. Vielleicht zwanzig Prozent schaffen es drüben, der Rest kommt enttäuscht zurück." Zwölf Millionen undokumentierte Immigranten leben in den Vereinigten Staaten, ganze Wirtschaftszweige von der Gastronomie bis zur fleischverarbeitenden Industrie sind von den Illegalen abhängig, die für Billiglöhne harte Jobs machen und keine Sozialleistungen beanspruchen. Als George W. Bushs Immigrationsreform im Jahr 2007 scheiterte, machten viele die mächtigen Lobbyisten aus der Wirtschaft dafür mitverantwortlich.

Derzeit beherbergt Rodas drei junge Männer, die seit Wochen versuchen, über die Grenze zu gelangen. Bisher sind sie immer wieder geschnappt und zurückgeschickt worden. Abgeschreckt hat sie das nicht. Rodas sagt: "TJ is the easy way." In Tijuana zieht sich die Grenze mitten durch zwei Großstädte, man braucht weder die Coyotes, die Menschenschmuggler, zu bezahlen noch sein Leben in tagelangen Märschen durch die Wüste zu riskieren. Und man kann auf der anderen Seite leicht untertauchen.

Kinderhände in Handschellen

Auch im Landesinneren hat sich das Leben im Grenzgebiet verändert. Noch vor ein paar Jahren gab es hier allenfalls ein paar Stacheldrahtzäune, die vor allem dazu dienten, das Vieh der Rancher auseinanderzuhalten. Jetzt stehen hier fünf Meter hohe Pylonen und Wachtürme.

Karl Hoffman kam vor fünf Jahren mit seiner Frau, drei Hunden und zwei Pferden aus Colorado in das Grenzstädtchen Arivaca in Arizona, um mit seiner Nikon das "Verschwinden eines historischen Grenzgebiets" zu dokumentieren. Arivaca, fünfzig Kilometer westlich von Nogales gelegen, hat zweihundert Einwohner, eine katholische, zwei evangelische und eine Freikirche sowie einen Künstler-Coop und eine Kneipe. Mehr als hundert Jahre lang, sagt Hoffman, war diese Gegend ein Ort des offenen Austauschs. "Aber dann zog man vor zwei Jahren eine Mauer - quer durch Ranches, durch Gärten, durch Familien hindurch." Hoffmans Fotos zeigen amerikanische Cowboys und mexikanische Vaqueros beim gemeinsamen Brandmarken der Kälber, bei Fiestas und Paraden, mexikanische Mütter vor amerikanischen Werbeplakaten. Sie zeigen gelagerte Grenzpoller, Wachtürme, Kinderhände in Handschellen. Zu Pferd und in seinem Truck durchkämmt er seit 2004 die Sonora-Wüste, "in der sich Amerikas Grenzdebakel abspielt", wie er sagt. Außer der Grenzpatrouille kennt diese Gegend niemand so gut wie er.

Die Gesetze des Niemandslandes

Karl Hoffman war Goldschmied in New York, Türsteher in San Diego, Polizist in Denver, Farmer in Colorado, bevor er seine Ranch verkaufte und nach Arivaca kam. "Living On The Border" heißt sein Projekt, interessierten Besuchern bietet er Touren in das entlegene Hinterland Arizonas an, samt Übernachtung und Verpflegung - Bed and Breakfast on the Border, sozusagen. Seine Frau Audrey kocht Marmelade und keltert Wein aus den Kaktusfeigen im Garten, und wenn es sie in die Kneipe zieht, dann reiten sie hin.

"Hier draußen lebt man in einem Niemandsland. Hier gelten eigene Gesetze", sagt Hoffman und lenkt seinen Ford von der schmalen Asphaltstraße Richtung Grenze auf einen rumpeligen Schotterweg quer durch die Wüste. Mesquitebäume und Akazienbüsche schrammen über den Türlack, trockene Wasserläufe, die die wenigen, heftigen Regenfälle des Sommers von felsigen Gebirgsketten herableiten, zerfurchen die karge Weite. Hier und da deutet ein schlichter Drahtzaun auf eine Ranch hin. "In dieser Gegend koexistieren seit Generationen verschiedene Kulturen", sagt Karl Hoffman. "Doch dann kam Nine-Eleven und Homeland Security, und das ganze Land veränderte sich."

Eine merkwürdige Koalition

Auf einem Hügel vor uns taucht ein Überwachungsturm auf, Fanal der neuen amerikanischen Grenzpolitik. Neun solche Türme wurden 2007 hier installiert, sie sind Teil eines Zwanzig-Millionen-Dollar-Testprogramms, mit dem George W. Bush seine Immigrationsreform zu untermauern hoffte. Denn ohne Kontrolle über die 3169 Kilometer lange Grenze war die Durchsetzung einer Reform, die auf die Legalisierung vieler Undokumentierter zielte, aussichtslos. Also errichtete man auf einer Grenzlänge von achtundzwanzig Meilen Überwachungstürme, die mit hochsensiblen Sensoren jede Bewegung registrieren und detaillierte Daten direkt an die Grenzpatrouille funken sollten. Als einer der Türme direkt vor Arivaca in die Luft gesprengt wurde, mutierte das verschlafene Grenzdorf zum Widerstandsnest. "Die Leute hier schätzen ihre Privatsphäre sehr", sagt Karl Hoffman. "Sie waren außer sich über eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung." Es entstand eine merkwürdige Koalition: Drogenschmuggler, Illegale, Bürgerrechtler protestierten gegen die Türme. Aber sie funktionierten eh nicht, sagt Hoffman. "Jetzt bauen sie neue Technik auf die Türme, für noch mehr Geld."

Die Befestigung der Grenze hat den Zaunspringern eine neue Rolle zugewiesen: als Spielfiguren der Drogenkartelle. Die Drogenbosse verdienen längst am Menschenschmuggel mit, und sie binden mit strategisch plazierten Flüchtlingsgruppen die Grenzpatrouillenkräfte. Alle paar Kilometer finden sich auf unserer Tour durch die Wüste Spuren von Trecks: zurückgelassene Pullover, Planen, Plastikflaschen.

Hilltop Bar im Hinterzimmer

Außer den Schmugglern und der Grenzpatrouille operieren hier draußen auch Menschenrechtsgruppen, die Wasserflaschen für Flüchtlinge in der Wüste deponieren. Hoffman stoppt seinen Wagen und klaubt etwas unter einem Feigenkaktus hervor - einen Wasserkanister, eingenäht in einen Jutesack. "Einiges, was ich hier draußen finde, nehme ich als Museumsstück mit nach Hause. Manchmal ist es herzzerreißend. Das Übelste bisher war ein Vergewaltigungsbaum, behängt mit der Unterwäsche der Opfer, als Protzerei vor dem nächsten Coyote." Die Befestigung der Grenze habe die Lage allseits verschlimmert, sagt Karl Hoffman. "Früher kamen die Leute mit dem Bus. Heute werden sie in lebensgefährliches Terrain und in die Hand von gewissenlosen Schmugglern gedrängt."

Wir gelangen zurück auf die Asphaltstraße und halten am Sasabe Store. Sasabe ist ein Grenzkaff mit gerade elf Einwohnern. Alice Knagge führt den kleinen Gemischtwarenladen in dritter Generation, und auch für sie haben sich die Dinge mit der Befestigung der Grenze verändert. Früher, sagt die alte Dame, seien die Mexikaner eben über den Zaun gehüpft, um sich als Tagelöhner zu verdingen. "Sie haben Reifen repariert, Gärtnerarbeiten erledigt, dann sind sie wieder rübergegangen." Viele kauften bei ihr ein, aber seit die Grenze verstärkt wurde, leidet das Geschäft. Um das Familieneinkommen ein wenig aufzubessern, führt ihre Tochter Debra im Hinterraum die kleine Hilltop Bar. Ihre Drinks hat sie nach Drogenkurieren, Menschenschmugglern und der Grenzpolizei benannt - El Burrero, El Pollero, La Migra. Früher sei sie oft drüben in Mexiko gewesen, heute sei es ihr zu gefährlich. "Viele der Oldtimer sind weg, die jungen Leute kennt man nicht. Ich fahre nur noch nach Mexiko, um Schulden einzutreiben", sagt Alice Knagge.

Die Absurdität des Alltags

Im vergangenen Jahr ist der alte Drahtzaun am kleinen Grenzübergang von Sasabe durch die imposante Pylonen-Kolonnade ersetzt worden. Aber bloß ein paar Meilen weiter in der Wüste steht man vor niedrigen Metallbarrieren aus alten Eisenbahnschienen; es sind Fahrzeugblockaden. Sie ziehen sich noch ein Stück einen felsigen Hang hinauf, bevor wieder bloß ein rostiger alter Drahtzaun die einzige Grenzmarkierung ist. Die neue Mauer ist vor allem ein millionenteures Schaustück.

Auch in der Mauer, die sich zwischen Tijuana und San Diego entlangzieht, klafft ein riesiges Loch. "Schauen Sie selbst", sagt Greg Abbott vom US Park Service und zeigt auf einen Hügel. "Da oben ist einfach Schluss." Abbott bekämpft im Naturschutzgebiet an der Flussmündung des Tijuana River die Verbreitung invasiver Pflanzenarten, und sein Finger weist auf eine Stelle, die der Migrantenabwehr spottet: Auf einer Anhöhe, keine zwei Kilometer vom Strand entfernt, hört der alte Zaun unvermittelt auf, vom neuen ist nichts zu sehen. Greg Abbott sieht dort oben ständig Leute in den Canyon auf amerikanischer Seite hinuntersteigen. Oft winken sie ihm zu, und er winkt zurück. Manchmal sind es Flüchtlinge, manchmal Grenzpolizisten. Abbott grinst, zuckt mit den Achseln und sagt: "Wir tun hier alle Absurdes. Ich reiße invasive Pflanzen aus dem Boden, die niemals aufhören werden, nachzuwachsen. Die Grenzpatrouille fängt Flüchtlinge ein, aber es werden immer wieder neue kommen. Wer von uns macht die größere Sisyphusarbeit?"

Informationen: Über die Aktivitäten von Dan Watman im Friendship Park in San Diego informiert die Internet-Seite www.borderencuentro.org. Touren bei Karl Hoffman durch das Grenzgebiet Arizonas kann man unter www.livingontheborder.com buchen.

Quelle: F.A.Z.
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