Pilze suchen in Finnland

Die Sporen des Nordens

Von Anja Martin
16.09.2021
, 16:33
Ihr Beruf hat Sie in die ganze Welt geführt, die Wurzeln zurück nach Finnland: Saimi Hoyer.
Das ehemalige Model Saimi Hoyer hat zu ihren finnischen Wurzeln gefunden. Nun nimmt sie Gäste mit auf Pilzkreuzfahrt ins Saimaa-Seengebiet.
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Das war’s dann wohl mit dem finnischen Jahrhundertsommer. An diesem Tag Mitte August ist der Himmel grau, genauso wie das Wasser des Saimaa-Seengebiets, vier Stunden nordöstlich von Helsinki. Selbst das Grün der vielen Inseln, an denen das Ausflugsboot vorbeifährt, wirkt düster. Doch den vierzig Finnen unter Deck ist das egal. Im Gegenteil: Hätte es jetzt nicht endlich geregnet, nach dieser Hitze, gäbe es keine Pilze oder kaum welche. Sie warten mit leeren Körben und kleinen Messern, in Gummi- oder Wanderstiefeln, Regenjacken und Outdoorhosen auf den ersten Landgang. Bis dahin ist ihnen keinesfalls langweilig, sie hängen an den Lippen einer Frau mit leuchtend roten, lockigen Haaren und zwei weiteren Guides, die mit ihnen in die Pilze gehen werden. Oder auf Pilzkreuzfahrt, wie sie das nennen, weil sie mit dem Schiff zwischen den Inseln kreuzen.

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Finnen gehen gerne in die Wälder und pflücken Beeren oder sammeln Pilze. Das finnische Jedermannsrecht besagt, dass man sich quasi überall bedienen darf, sogar auf Privatgrund. Die Natur gehört allen. Und da auf drei Vierteln der Bodenfläche Wald wächst, ist die Sammelfläche gigantisch. Auf Pilzsuche zu gehen, das gehört in Finnland schon lange dazu. Aber in einer Zeit, in der alle in die Natur wollen, Menschen Bäume umarmen und alles selbst machen, wozu sie irgendwie imstande sind, wird Pilzesammeln momentan von der Tradition zum Trend.

Die Musik spielt im Wald

„Wir folgen den Rockstars in die Wälder“, sagt Nina Pennanen, 38, aus Helsinki, und grinst dabei, weil es ein bisschen groupiemäßig klingt. Sie hat sich hier mit einer ebenfalls pilzbegeisterten Freundin verabredet, um auf halber Strecke ein paar gemeinsame Tage zu verbringen. Girls-Weekend mit Funghi. Minna Engqvist, 42, sitzt neben ihr, oben auf Deck. Offenbar sind sie die Einzigen, die sich auch für die Landschaft interessieren, nicht nur für das, was in den Wäldern wartet. Rote Mökki (Häuschen) auf kleinen Felseninseln unter Fichten ziehen vorbei, meist mit Sauna und Boot. Platz gibt es dafür genug, bei den mehr als 13 000 Inseln in der größten Seenplatte Europas. Außerdem halten die Freundinnen Ausschau nach der gefährdeten Saimaa-Ringelrobbe, von denen es noch 400 Stück geben soll. Sie sind so beliebt, dass man sie auf einer Livewebcam des WWF auf ihrem Lieblingsfelsen beobachten konnte. Leider nur bis diesen Mai. Denn da fanden Neugierige die Kamera und störten die Tiere.

Im Saimaa-Seengebiet in Finnland gibt es tausende Inseln und Steine, die aus dem Wasser ragen.
Im Saimaa-Seengebiet in Finnland gibt es tausende Inseln und Steine, die aus dem Wasser ragen. Bild: Anja Martin

„Mein Vater hat immer gesagt, du musst im Wald ganz still sein, sonst verstecken sich die Pilze“, erzählt Minna. Nina hebt überrascht die Augenbrauen, weil das natürlich nicht stimmt, also biologisch falsch ist, aber auf eine andere Art Sinn ergibt: Es geht um die Wertschätzung dem Wald gegenüber, dieser anderen Welt, sie wahrzunehmen und ruhig zu werden. „Man konzentriert sich, denkt nicht an die Arbeit oder Familiengeschichten“, sagt Nina. „Und wenn man es doch tut, findet man keine Pilze.“ Außerdem sei es wie eine Schatzsuche, man lerne immer etwas Neues und verbringe Zeit mit Menschen, die vermutlich ähnlich verrückt seien wie man selbst. Worauf sie heute hoffen, und immerhin ist es die Zeit dafür: auf den Gemeinen Riesenschirmling (Ukonsieni), einen der größten Pilze Finnlands mit bis zu 40 Zentimeter breiten Hüten, aus denen man sich prima ein Schnitzel braten kann.

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Jagdfieber im Moos

Die Elviira legt an einem Steg an. Freunde, Familien, Paare gehen mit ihren Körben an Land, Vorfreude in den Augen oder Jagdfieber. Sie teilen sich in kleine Gruppen auf. Die Rockstars, das sind vor allem Saimi Hoyer und Jarkko Korhonen. Er ist im Hauptberuf Fahrkartenkontrolleur bei der Bahn, aber auch Biologe und hat schon mehrere Pilzidentifikationsbücher geschrieben, gilt in der Szene als Koryphäe. Er hält sich lieber im Hintergrund. Seine Leidenschaften: „Züge, Pilze und Boote“, wie er sagt. „Auf dieser Tour kann ich schon mal zwei miteinander verbinden.“ Sie dagegen ist es gewohnt, das Gesicht für etwas zu sein: Zehn Jahre lang hat Saimi Hoyer als Model gearbeitet, lebte in New York, Paris, Mailand, Tokio und Berlin, machte Kampagnen mit Givenchy und Burberry, hatte Strecken in vielen Modemagazinen. Doch heute wirbt sie nicht für irgendwas, mit dem sie nichts zu tun hat, sondern für ihre Leidenschaft: Pilze. Dass da nichts gespielt ist, wenn sie mit Outdoorklamotten, Minimal-Make-up und Wanderschuhen in den Wald stapft, spürt jeder.

Saimi Hoyer  führt Pilzbegeisterte durch den finnischen Wald.
Saimi Hoyer führt Pilzbegeisterte durch den finnischen Wald. Bild: Anja Martin

Schon nach den ersten Metern im Birkenwald kommen aus allen Richtungen Teilnehmer mit ihren Funden, strecken Saimi Pilze hin. Steinpilze, Birkenrotkappen, Pfifferlinge. Auf Finnisch: herkkutatti, koivunpunikkitatti, keltavahvero. Das sind die bekannteren. Die Vielfalt ist frappierend in diesem Märchenwald, wo überall etwas wächst. Moose, Flechten, Sträucher sprießen sogar auf Steinen und Felsen. Wo man den Fuß hinsetzt, gibt der weiche Boden nach. Die Pilze tarnen sich kaum, leuchten einem richtig entgegen. Etwa die Fliegenpilze, von denen es jetzt gerade extrem viele gibt. Man kommt sich ein wenig vor wie in einem Herbarium für Pilze. Als wollte die Natur zeigen, wie vielfältig die Spezies sein kann. 2500 verschiedene Sorten kann man in finnischen Wäldern finden. Nähme man eine Lupe mit, sogar 6000. Hier in der Region wachsen immerhin 500.

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Eine Sache für alle Sinne

„Man muss sie umdrehen und dran riechen“, sagt Saimi und nimmt einen. Pilzsammler machten das viel zu selten, findet sie. Dabei sei der Geruch das Beste. „Sie schauen sie an, sie essen sie, warum riechen sie nicht daran?“ Sie zieht das Aroma tief in die Lunge, reicht ihn weiter. Die Teilnehmer wirken in diesem Augenblick im Wald ein wenig wie Sommeliers, die ihre Nasen in Gläser stecken und versuchen, die verschiedenen Aromen aufzunehmen. Dieser riecht nach Pfeffer, andere nach Anis, Knoblauch, Haselnüssen, auch mal undefinierbar, aber fast immer intensiv. Pilze sind eine Sache für alle Sinne.

Die Jagd hat begonnen: Die Gruppe verschwindet mit Körben im Wald.
Die Jagd hat begonnen: Die Gruppe verschwindet mit Körben im Wald. Bild: Anja Martin

Saimi kommentiert emotional und fachkundig zugleich. Da ist der eine, den sie unbedingt finden will, weil sie ihn trocknet und statt Curry als Gewürz benutzt: der Kampfermilchling. Ein anderer steht auf ihrer Top 5 der Lieblingspilze, sie lobt den Finder. Ein perfektes Exemplar! Überhaupt weiß sie zu motivieren: Ein besonders frischer Pilz! Einer mit einer tollen Geschichte! Und dann findet sie endlich auch einen Nordischen Milchling, auf den sie gehofft hatte. Sie zeigt, wie man die schleimige Haut abzieht, bevor sie den Pilz in den Korb wirft. Einer ist ungenießbar, aber unglaublich schön. Sie schneidet ihn mittendurch und zeigt die violette Struktur im Inneren. Sie holt einen gespenstisch weißen aus dem Gebüsch. „Wenn es ist, was ich denke, dann muss ich euch den zeigen! Es ist der giftigste, den wir hier kennen!“ Ein Kegelhütiger Knollenblätterpilz (valkokärpässieni). Je nach Stadium leicht mit dem meistgegessenen Pilz zu verwechseln, dem Champignon. Überhaupt: „Wer in Finnland völlig weiße Pilze findet, sollte sie nur in die Pfanne werfen, wenn er genau weiß, was er vor sich hat!“, sagt Saimi. Aber natürlich gilt generell, dass man nur essen sollte, was man ganz sicher erkennt. Und welches ist für sie der Pilz mit dem schönsten Namen? „Pörhösuomuhelokka.“ Auf Deutsch klingt er leider fast ein wenig abstoßend: Sparriger Schüppling.

Schön und giftig: Fliegenpilz auf der Insel Kokonsaari im Saimaa-Seengebiet.
Schön und giftig: Fliegenpilz auf der Insel Kokonsaari im Saimaa-Seengebiet. Bild: Anja Martin

Saimi Hoyer machte während ihres Studiums ein Auslandssemester in Florenz, wo sie ein Fotograf entdeckte. Zehn Jahre genoss sie es, auf den Laufstegen der Welt unterwegs zu sein, bis sie genug davon hatte. „Ich wollte wieder an Seen und im Wald sein“, erinnert sie sich. Aber kann man das nicht auch in jedem anderen Land? „Aus ein und demselben See trinken und drin schwimmen? Das kann man nur hier. “ Also kehrte sie zurück nach Finnland. Ihren Plan B kannte sie nicht. Sie arbeitete als TV-Moderatorin, schrieb Kolumnen, bekam zwei Kinder. Und wurde krank. Ein vererbter Immundefekt. „Ich wäre fast gestorben.“ Zwei Jahre dauerte es, bis sie wieder auf den Beinen war. Danach besann sie sich auf den Ort, an dem sie sich immer am wohlsten gefühlt hatte. Auf das Saimaa-Seengebiet und die Sommer ihrer Kindheit. Der Zufall wollte es, dass das Hotel mit dem Restaurant, in dem sie sonst einmal im Jahr gegessen hatten, verkauft wurde. Baujahr 1845, im Wald und am See. Abgelegen und inzwischen ziemlich heruntergekommen. Fünf Jahre renovierte sie den Holzbau, traf sich mit Pilzfreunden, stellte einen auf Pilze spezialisierten Koch in ihrem Restaurant ein, veranstaltete Pilzwochenenden und startete die Pilzkreuzfahrten.

Bild: lev

Mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter hat sie als Kind viel Zeit im Wald verbracht. Leider ist die Oma tot, und die Mutter liegt im Sterben, wie sie erzählt. Sie blinzelt sich eine Träne weg. „Es ist das größte Erbe, das sie mir mitgeben konnten: die Beziehung zu den Pilzen und dem Wald. Das ist eine große Sache.“ Saimi begeistern die Schönheit, die Vielfalt und die Cleverness der Pilze. Und dass sie selbst ein Netzwerk haben, über das sie kommunizieren. „Es ist eine eigene Welt“, sagt die 47-Jährige, „in der wir Menschen außen vor sind.“ Aber versuchen zuzuhören, das könnten wir und sollten wir, findet sie.

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Zurück in Savonlinna, steigen die meisten Teilnehmer mit vollen Körben vom Boot. Minna und Nina haben keinen Riesenschirmling und überhaupt nur drei kleine Pilze dabei, die sich sehr ähnlich sehen. Die wollen sie noch mal genauer inspizieren. Alle anderen haben sie verschenkt oder gleich stehen lassen. Es ging ihnen gar nicht ums Sammeln, sondern ums Entdecken. Was sie mitgenommen haben, sind das Wissen um Pilze und mächtig Appetit auf das 12-gängige Menü morgen Abend in Saimis Hotel. Zwölfmal Pilze? Von der Suppe bis zum Dessert? Langweilig wird es trotzdem nicht werden. Denn schließlich ist Pilz ja nicht Pilz. Sie schmecken so verschieden, wie sie aussehen, wie sie riechen und wie sie heißen.

Finnland – Der Weg in die Pilze

Anreise Flug zum Beispiel mit Finnair ab Frankfurt (Main) nach Helsinki ab 144 Euro hin und zurück, finnair.com. Weiter mit dem Mietwagen, 350 Kilometer. Oder mit Bahn/Bus: Dauer knapp vier Stunden, 44 Euro einfach. Alternativ: Flug mit Ryanair von Berlin nach Lappeenranta, ab 52 Euro hin und zurück, noch 1,5 Stunden mit dem Mietwagen bis Punkaharju.

Pilzexkursionen Pilzwochenenden und Pilzkreuzfahrten werden organisiert von Saimi Hoyer und ihrem Hotel Punkaharju. Spezielle Pilzwochenenden finden im Spätsommer und Herbst statt. Exkursionen gibt es ab 2,5 Stunden zu 35 Euro pro Person oder halbtägig ab 50 Euro.

Essen Die 12-gängigen Pilzmenüs gibt es einmal im Monat im Hotelrestaurant, aber auch auf der Speisekarte finden sich viele Gerichte mit Pilzen aller Sorten. Chefkoch ist Sami Tallberg, preisgekrönt und spezialisiert auf Wild Food.

Übernachten Ab 165 Euro pro Nacht für 2 Personen mit Frühstück und ­Morgensauna: hotellipunkaharju.fi

Weitere Informationen beim ­finnischen Fremdenverkehrsamt unter www.visitfinland.com/de

Quelle: F.A.S.
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