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Flugscham

Umpacken im Kopf

Von Andreas Spaeth
 - 12:21
Wo sind nur all die „Frequent-Flyer-Meilen“ geblieben? Anna Kendrick und George Clooney in „Up in the Air“.

Früher ging es in Diskussionen über das Fliegen meist um Fluglärm, manchmal um Sicherheit, vor allem aber um billige Tickets. Im Laufe des Jahres 2019 als „Flugscham“ innerhalb weniger Monate plötzlich zum buchstäblich geflügelten Begriff wurde hat sich das gründlich gewandelt. Kein Tag vergeht derzeit ohne dass eine Fluggesellschaft neue hehre Vorhaben verkündet um das Fliegen angeblich klimafreundlicher oder gar klimaneutral zu machen. „Nachhaltig“, „CO2-neutral“ oder „verantwortungsbewusst“ sind die meistgenannten Begriffe in diesem neuen Wettstreit.

Klar ist: Fliegen ist verdammt schädlich für das Klima. Auch wenn es mit knapp drei Prozent nur einen kleinen Anteil am weltweiten Ausstoß des Treibhausgases CO2 erzeugt liegt das Problem vor allem im stetigen ungebremsten Wachstum der Luftfahrt, trotz aller kritischer Diskussionen, und der Tatsache dass Emissionen in großer Höhe stattfinden. Außerdem reden alle immer nur von CO2, dabei stoßen die Triebwerke noch ganz andere unheilvolle Dinge wie Stickstoff aus und erzeugen Kondensstreifen, die den Treibhauseffekt noch verstärken. Wir fliegen immer noch viel zu viel, auch wenn etwa in Deutschland und den Vereinigten Staaten nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung in ein Flugzeug steigt, der Rest dafür aber umso häufiger. Und damit das Gewissen beruhigt wird, bieten Airlines und Touristikbranche immer mehr Möglichkeiten die Auswirkungen zumindest abzumindern.

Seit Mitte November zum Beispiel zahlt man beim großen Billigflieger easyJet bei allen Flügen die Kompensation gleich mit. Rund 30 Millionen Euro plant die Gesellschaft mit wichtigstem deutschen Standort Berlin pro Jahr ein, um pauschal den gesamten CO2-Ausstoß ihrer Jets zu kompensieren. Der easyJet-Kunden muss mit vermeintlicher Rundum-Kompensation nicht extra zahlen und bemerkt keine Mehrbelastung, denn verteuert werden die Tickets trotzdem nicht, sagt die Gesellschaft. „Greenwashing“ – also sich vermeintlich als umweltfreundliches Unternehmen zu präsentieren – dieser Vorwurf kam von Medien und Umweltorganisationen. Aber immerhin, so erkannten andere an, handle der Billigflieger überhaupt. Auch bei Air France sind ab Januar alle Inlandsflüge automatisch kompensiert. Das solle im Jahr 2020 40 Millionen Euro kosten.

Echte Kompensation kostet soviel wie der Flug selbst

Die Airlines haben gelernt, dass mit den schon lange und meist versteckt angebotenen Möglichkeiten zur Ausgleichszahlung wenig erreicht wird – bei Lufthansa und anderen Anbietern lag die Quote der freiwillig kompensierenden Kunden bisher bei unter einem Promille. Die Idee der Kompensation, von Kritikern gern als „Ablasshandel“ bezeichnet, ist meist Bäume zu pflanzen oder energieeffiziente Öfen in Afrika zu subventionieren.

Handlungsbedarf sah auch das deutsche Flugportal Flyla, vor einem Jahr von Studenten in München gestartet, das damit wirbt, als erster Flugverkäufer alle Flüge generell voll zu kompensieren. „Unsere Zielgruppe sind vor allem Studenten und die legen großen Wert darauf“, sagt Gründer Fabian Höhne. Man könne die Verantwortung nicht wie bisher allein auf den Kunden abwälzen, gleichzeitig aber sei das Thema sehr schwierig zu vermitteln. Deshalb fährt Flyla zweigleisig – zum einen fördert es zertifizierte nachhaltige Projekte wie etwa den Bau energieeffizienter Wasser- und Kraftwerke in Afrika und Asien. „Weil aber das Thema über Bäume sehr viel greifbarer ist pflanzen wir über eine Non-Profit-Organisation zusätzlich für jede Buchung Bäume etwa in Nepal oder Madagaskar, eine bei Kurz-, zwei bei Mittel- und drei bei Langstreckenbuchungen“, so Höhne. Die Mittel dafür sind bei Flyla Teil des Marketingbudgets – absolut folgerichtig – denn, wie das Branchenportal aero.de schreibt: „,Nachhaltig‘ ist das neue ‚Billig‘ im Airline-Marketing.“ Es geht nicht darum, weniger zu fliegen oder im Inland Zug zu fahren. Bei Flyla kostet im Studentenangebot der einfache Flug München-Berlin nur 43 Euro, inklusive ein bis zwei Euro für den Klimaausgleich – viel zu billig um die tatsächliche Umweltbelastung auszugleichen. Bei einer Buchung für Nicht-Studierende von Hamburg nach New York und zurück vor Weihnachten, Endpreis 668 Euro, entfallen etwa 20 Euro auf die Kompensation, außerdem werden drei Bäume gepflanzt.

Wie wenig wirksam solche Minibeträge sind lässt sich neuerdings relativ schonungslos herausfinden, und zwar auf einem dem Greenwashing völlig unverdächtigen Portal. Das neue Angebot Compensaid.com wird nämlich von Lufthansa betrieben, ist aber für alle Linienflüge anwendbar. Hier kann der Passagier mit Flugnummern und Buchungsklasse seine Reise eingeben und dann per Schiebeschalter entscheiden, wie lange es dauern soll bis die entstehende CO2-Emission kompensiert ist. Und zwar auf der linken Seite des Schiebers mit dem Kauf von CO2-neutralem synthetischem Bio-Treibstoff, der heute erst in kleinen Mengen verfügbar und mindestens dreimal teurer ist als übliches Kerosin. Und auf der rechten Seite mit dem Pflanzen von Bäumen. Für die von Flyla für 20 Euro angeblich kompensierten Flüge weist Compensaid eine Emission von 1,38 Tonnen CO2 aus. Die lassen sich entweder innerhalb von 20 Jahren kompensieren wenn man für 27,64 Euro Bäume pflanzt. Oder sofort, wenn der Reisende für 674,98 Euro nachhaltigen Biosprit kauft. Der Flugpreis kommt noch hinzu und somit zahlt man mehr als das doppelte als bei Flyla der Flug inklusive angeblicher Kompensation kostet.

Sinnlosen Extra-Flügen durch den Vielfliegerstatus

Aber auch Compensaid berücksichtigt keinerlei Nicht-CO2-Effekte der Flüge. Generell tobt ein Streit zwischen Umweltaktivisten und der Luftfahrtbranche darüber, was überhaupt eine Tonne CO2 kosten soll. Viele Anbieter rechnen eine Tonne gleich ein Euro, Ausgleichs-Portale wie Atmosfair setzen allerdings 23 Euro pro Tonne an. Da leuchtet die Kritik ein, der sich EasyJet gerade aussetzen muss: Für die angebliche Kompensation werden künftig gerade mal etwa 30 Cent pro Passagier aufwendet.

In der Diskussion um nachhaltigeres Fliegen kamen die weit verbreiteten Vielfliegerprogramme bislang kaum vor. Sie veranlassen viele Geschäftsreisende zu völlig sinnlosen Extra-Flügen, den „Mileage Runs“, nur um ihren Vielfliegerstatus zu erhalten. Allein beim deutschen IT-Riesen SAP gibt es weltweit bis zu 40.000 Vielflieger, von denen manche umgerechnet bis zu 45 volle Tage pro Jahr im Flugzeug sitzen und dabei 200 Flüge absolvieren – es erinnert an George Clooney in „Up in the Air“. „Bei 20 Prozent unserer Mitarbeiter besteht ein klares Suchtpotenzial nach Vielfliegermeilen. Bei uns im Konzern wird noch viel zu viel geflogen und diese Programme sind dabei wirklich ein Problem, mehr Nachhaltigkeit durch weniger Flüge zu erreichen“, räumt Marcus Wagner ein, Projektleiter für Nachhaltigkeit bei SAP.

Da hilft es auch nicht, dass Mitglieder von Miles & More, dem Vielfliegerprogramm der Lufthansa-Gruppe, neuerdings Meilen spenden können um damit ökologische Stromerzeugung im Amazonas zu fördern. „Wir lassen die Mitarbeiter jetzt intern eine CO2-Abgabe zahlen und überlegen, eine Art eigenes Prämiensystem einzuführen für Leute die nicht fliegen“, erklärt Marcus Wagner seine Versuche gegenzusteuern. Anderswo sind die Diskussionen schon viel radikaler: Der Chef des Billigfliegers Wizz Air forderte ein Verbot der klimaunfreundlicheren Business Class. Und im britischen Wahlkampf wird derzeit eine Vielflieger-Steuer diskutiert, die mit jedem weiteren Flug ansteigt und gleichzeitig Familien das Vergnügen ihres jährlichen Urlaubsflugs unbesteuert lässt. Sogar ein Verbot von Privatjets, den größten Emissionsschleudern unter den Flugzeugen, wird in England gefordert. Kein Wunder dass sich etliche Vielflieger am Ende des Jahres 2019, das so viel verändert hat in der Wahrnehmung, kaum noch trauen, ihre Gold- oder Platinkarten demonstrativ am Rollenkoffer zur Schau zu stellen. Noch vor kurzem waren das ultimative Statussymbole.

Quelle: F.A.S.
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