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Seerosendämmerung

Von ULF VON RAUCHHAUPT
Meditativer Moment: Die gewaltige Blüte der „Victoria amazonica“ öffnet sich pünktlich bei Sonnenuntergang. / Foto: Ulf von Rauchhaupt

14.08.2019 · Wer auf dem Rupununi River im Herzen Guyanas reist, begegnet überaus merkwürdigen Geschöpfen, gewaltigen Rosen, die sich nur zur Dämmerung öffnen – und den vielleicht freundlichsten Ottern Südamerikas.

A uch nach fünf Stunden hat sich das Auge nicht sattgesehen. Weder des vorübergleitenden Dschungels ist es überdrüssig geworden, noch der Tiere, nicht einmal des Wassers. Trübe wie Tee strömt es gegen den Bug des kleinen Bootes. Mit gerade einmal 15 PS tuckert unser Außenbordmotor stromaufwärts. Deshalb und wegen der ausladenden Schleifen, in denen sich der Rupununi River durch den Südwesten Guyanas schlängelt, dauert die Fahrt von Genip Landing bis nach Yupukari eben jene fünf Stunden. Luftlinie sind beide Orte gerade einmal 30 Kilometer voneinander entfernt. Nur einmal gibt es an einer sandigen Flussgabelung eine Pause, die übrige Zeit verbringt man auf einem Bänkchen ohne viel Beinfreiheit, aber dafür mit der Wildnis des Rupununi als Entertainment-Programm.

Von Menschen ist kaum was zu sehen. Ein einziges Boot kommt uns entgegen. Darin paddelt ein Mann seine Frau, zwei Kinder und ein Hund stromabwärts. Vereinzelt sieht man Einbäume am Ufer liegen, einmal ragt ein altes Windrad über die Baumwipfel und gibt unheimliche Geräusche von sich. Eine Gegend wie aus der Zeit gefallen.

Artenreich: Uferwald entlang eines Seitenarms des Rupununi River Foto: Ulf von Rauchhaupt


Aber das gilt eigentlich für das ganze Land. Guyana ist etwa so groß wie Westdeutschland, hat aber weniger Einwohner als Frankfurt am Main – und die leben fast alle an der Küste, nicht hier, wo der Regenwald, der noch fast das ganze Land bedeckt, in eine Savanne übergeht. Sie wird durchzogen vom Rupununi mit seinen Uferwäldern und abgeschnittenen Flussarmen voller Kaimane und Riesenseerosen. Vögel lieben eine derart abwechslungsreiche Landschaft, gut 400 Arten sollen hier zu beobachten sein. Die Savanne dahinter erinnert an Ostafrika, etwas buschiger vielleicht und ohne Elefanten oder Zebras. Dafür gibt es hier den großen Ameisenbären, ein überaus merkwürdiges Geschöpf.

Sie werden bis zu 1,40 Meter groß: Eine Familie Jabiru-Störche (Jabiru mycteria). Foto: Ulf von Rauchhaupt
Seine Farbe fehlte noch: ein Rosalöffler (Platalea ajaja). Foto: Frank Heuer/LAIF
Zum Starten muss ein Jabiru richtig Anlauf nehmen. Foto: Ulf von Rauchhaupt
Immer auf dem Quivive: ein Kapuzineraffe (Gattung Cebus) Foto: Ulf von Rauchhaupt

Diesem Reichtum an Natur zum Trotz steckt Fremdenverkehr hier fast noch in dem Stadium der Kolonialzeit. Im Jahr 1966 wurde Guyana von den Briten unabhängig. Es ist das einzige englischsprachige Land Südamerikas, doch lange Zeit verirrten sich in einem ganzen Jahr weniger Touristen hierher als an einem Tag in der Inkastätte Machu Picchu herumlaufen. Allerdings, Besuch hatte der Rupununi schon zu Zeiten von Edward „Tiny“ McTurk. Der Schotte und seine Frau Connie kamen 1927 hierher, um in der Savanne Rinder zu züchten und mit Naturkautschuk aus dem Regenwald zu handeln. Aber anders als viele seiner Standesgenossen in jener Epoche interessierte McTurk sich für die Natur um sich herum – und er liebte es, Gäste zu empfangen. Die Farm liegt am Flussufer, an der Stelle mit dem knarrenden Windrad, die die Ureinwohner vom Volk der Makushi „Karanambu“ nennen.

Wir fahren zunächst daran vorbei bis nach Yupukari, wo die Makushi-Dorfgemeinschaft die fabelhafte Gästelodge „Caiman House“ betreibt. Neben phänomenal gutem Essen ist die Attraktion hier die abendliche Pirsch zum Fang eines Mohrenkaimans. Woran die Gäste hier aber teilnehmen können, ist keine Großwildjagd, sondern Wissenschaft: Als endlich eines der Tiere in die Fangschlaufe gegangen ist, wird es mit zugebundener Schnauze auf eine Sandbank verfrachtet und dort vermessen, gewogen und markiert. Die Einnahmen aus der abendlichen Flusssafari helfen, ein Programm zur Überwachung der Kaimanpolulation im Rupununi fortzuführen.

Wieder ein Datenpunkt: die Vermessung eines Mohrenkaimans (Melanosucus niger) Foto: Frank Heuer/LAIF

Am nächsten Tag fahren wir wieder flussabwärts nach Karanambu. Denn auch die McTurks kümmern sich heute nicht nur um Rinder. „Tiny hatte so oft Besuch, dass er irgendwann mal anfing, die Leute um einen Unkostenbeitrag zu bitten“, erzählt Melanie McTurk. So habe das angefangen mit der „Karanambu-Lodge“. Die chinesischstämmige Guyanerin mit graumeliertem Haar ist die Ehefrau von Tinys Enkel Edward und die derzeitige Chefin hier.

Noch heute passen alle Gäste samt Hausherrin an einen Esstisch. Und Melanie McTurk hat nicht vor, zwischen den Mangobäumen des Anwesens noch eine weitere palmwedelgedeckte Hütte zu errichten, um mehr Personen beherbergen zu können als die zehn, die sie heute unterbringt. Expansion ist für sie keine Option, auch wenn eine bessere Verkehrsanbindung Guyanas nach Europa die Nachfrage in Zukunft steigen lässt. Dabei sind die anderen Herbergen der Region kaum größer – weder die „Rockview Lodge“, die sich der mit einer Makushi verheiratete Engländer Colin Edwards in Annai am Rande des Regenwaldes gebaut hat, noch das „Caiman House“. „Wir hätten lieber mehr solcher kleinen Lodges als große Resorts mit ihren Folgen für die Umwelt“, sagt Melanie. In Yupukari haben die Makushi sogar offiziell beschlossen, höchstens 400 Gäste im Jahr zu erlauben. Man ist sich offenbar darüber im Klaren, dass etwas anderes als exklusiver Ökotourismus die Attraktivität des Rupununi schnell zunichtemachen würde.


„Wir hätten lieber mehr solcher kleinen Lodges als große Resorts mit ihren Folgen für die Umwelt.“
MELANIE MCTURK

Dabei bedeutet die Exklusivität hier nicht Luxus, sondern Verfügbarkeit. Es gibt in den erwähnten Lodges natürlich saubere Zimmer mit eigenem Bad sowie gut und reichlich zu essen, aber weder mit Kreditkarten noch mit Smartphones kann man hier viel anfangen. „Wir hatten mal ein paar Deutsche hier, die haben sich doch tatsächlich ein Fußballspiel gestreamt“, erinnert sich Melanie. „Da war unser Internetkontingent für den ganzen Monat in ein paar Stunden verbraucht.“ Seither gibt es kostenloses W-Lan nur zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens – und zu Datenraten, die sich kein Fußballfan antun wird.

In Brasilien fast ausgerottet: Welpen des Riesenotters (Pteronura brasiliensis) Foto: Frank Heuer/LAIF
Neben Fisch auch noch die Flasche: Die Otterwaisen Sandy, Dwayne und Pat Foto: Ulf von Rauchhaupt
Foto: Ulf von Rauchhaupt


Ohnehin ist man ja wegen der Savanne oder des Flusses hier – und seiner Bewohner. Zum Beispiel der Otter. Sie heißen Dwayne, Sandy und Pat und watscheln am Nachmittag unter großem Gekreische hinter Melanie McTurk und ein paar Kindern her, bis hinunter zum Fluss. „Ich bilde mir gerne ein, sie folgen mir, weil ich so gutaussehend bin“, sagt Melanie mit breitem Lächeln. „Aber es liegt wohl doch eher daran, dass ich den Fisch habe.“ Der wird nun an die Tierchen verfüttert, während sie sich neben einer Sandbank im Wasser tummeln. Aber sie bekommen auch Milch. Denn obgleich sie die Größe ausgewachsener Fischotter haben, sind es verwaiste Junge, gerade mal sechs Monate alt. Sie gehören zur Spezies der Riesenotter, die im gesamten Amazonasgebiet heimisch, aber stark bedroht ist. Der Rupununi und die anderen Flüsse im Inneren Guyanas gehören zu ihren letzten Rückzugsgebieten. Ausgewachsen erreichen sie das Format von Robben, und dann ergreifen auch die größten Kaimane die Flucht vor ihnen.


„Das sind keine Schoßtiere“, sagt Melanie, während sie noch mit ihnen im Wasser sitzt. „Sie sind wild. Wir helfen ihnen nur, groß genug zu werden, um einmal alleine im Fluss zurechtzukommen.“ Damit setzt sie das Werk der Tante ihres Mannes fort. Diane McTurk, Tinys Tochter und langjährige Herrin der „Karanambu Lodge“, wurde als „Otter Lady“ eine lokale Berühmtheit. Als sie 2016 mit 84 Jahren starb, hatte sie insgesamt 56 Otterwelpen aufgepäppelt und ihnen auch das kleine Gehege mit Indoor-Pool gebaut, das Dwayne, Sandy und Pat im Moment bewohnen. Es steht oben neben den Häusern bei den Mangobäumen.

Auch eine gefährdete Art: die Gelbgefleckte Flussschildkröte (Podocnemis unifilis) Foto: Frank Heuer/LAIF

Die Mangos sind noch unreif. Trotzdem nimmt sich Waldyke Prince, genannt Wally, am späteren Nachmittag eine mit auf die abermalige Ausfahrt mit dem Boot. Dazu einen Salzstreuer. Unreifes Mangos mit Salz seien ganz köstlich, versichert der Biologe, der als einer der besten Touristenführer Guyanas gilt. Tatsächlich sieht er jeden kleinen Vogel, lange bevor irgendjemand sonst ihn sieht, und macht uns auch auf eine Otterfamilie im Ufergehölz aufmerksam, die wir später mit Glück beim Hineinzoomen in unsere wahllos geknipsten Bilder erkennen. Dabei ist er zugleich damit beschäftigt, seine Mango zu schälen.

Rumpunsch In Erwartung der Blüte: Nur eine der beiden Knospen wird sich heute öffnen. Foto: Ulf von Rauchhaupt

Nach einer halben Stunde Fahrt den Fluss hinunter biegt das Boot in einen stillen Seitenarm des Rupununi ein, den Simoni Creek. Er führt zunächst tunnelartig eng unter dem Geäst hindurch, weitet sich dann aber zu einem großen See. Das Wasser ist nun spiegelglatt und verdoppelt so die in der Abendsonne aufglühende Urwaldvegetation. Allein das einstündige Gleiten durch diese Zauberwelt wäre Grund gewesen, hierherzukommen.

Doch die Fahrt hat ein Ziel. Am allerhintersten Winkel des Simoni Creek ist das Wasser so still, dass dort etwas gedeiht, was es sonst nur in den ganz vom Fluss getrennten Tümpeln hinter dem Uferwald gibt: Die Riesenseerose Victoria amazonica, der Star der Gewächshäuser in den großen Botanischen Gärten Europas. Hier ist ihr Reich. Ihre enormen kreisrunden Blätter liegen flach auf dem Wasser, die Ränder aufgestellt und nach außen hin dornenbewehrt. Rosa Blüten welken vor sich hin. Sie waren die Attraktion des Vortags. Zwei kinderkopfgroße Knospen schwimmen dort ebenfalls, und hinter den Spalten ihrer Deckblätter schimmert es in dem reinsten Weiß, das sich vorstellen lässt. Aber nur eine der beiden wird sich heute Abend öffnen, zehn Minuten nach unserer Ankunft.

Die Blätter können Kleinkinder tragen: Guyanas Wappenpflanze, die Riesenseerose Victoria amazonica. Foto: Frank Heuer/LAIF


Das Schauspiel beginnt pünktlich mit dem Sonnenuntergang. Bei aller Großartigkeit ist es für Menschen einer Zeit, in der alles einen Fast-forward-Knopf hat, auch einigermaßen irritierend. Denn die Blüte öffnet sich im Verlauf von einer halben Stunde – so langsam, dass der starrende Blick keinerlei Bewegung bemerkt, aber doch so schnell, dass er nicht eine Sekunde woandershin schweifen will. So verdämmert rings herum alle Landschaft unbeachtet bis zur schwärzesten Finsternis, und die wahrgenommene Welt konzentriert sich ganz in dem aufquellenden Weiß der Riesenblüte. So lässt sich auch gar nicht sagen, wann genau Wally seinen Handscheinwerfer angeschaltet hat. Denn anders als die Käfer, die nun heranschwirren, um in der Blüte die Nacht und den folgenden Tag zu verbringen, können wir keine Wärmestrahlung sehen. Es heißt, die Blüten der Victoria amazonica würden sich für die Käfer so erwärmen, dass man das bei einer Berührung mit der Hand spüren könnte. Dazu bringt uns das Boot aber nicht nahe genug heran. Einerlei. Nun sind nicht nur die Augen satt, und die Dunkelheit ist während der Rückfahrt fast eine Erleichterung.

Der Weg nach Guyana

F.A.Z.-Karte sie.
Anreise: Drei Flugstunden von Miami und fünf von New York entfernt liegt Georgetown, die Hauptstadt Guyanas. Von Europa aus erreicht man sie mit Zwischenstopp in Antigua oder Barbados (mit Condor und Liat oder British Airways). Von Georgetown fliegen lokale Airlines nach Lethem an der brasilianischen Grenze, von wo aus die Lodges den Transport organisieren. Eine Anfahrt über Land von Georgetown nach Lethem ist möglich, aber zeitraubend. Empfehlenswert ist, die Lodges samt Anreise ab Georgetown über einen Reiseveranstalter vor Ort (zum Beispiel wilderness-explorers.com) zu buchen.
Weitere Infos: guyanatourism.com
Quelle: F.A.S.