Fotomuseum

Ich entscheide, es wird riskiert

Von Freddy Langer
27.10.2021
, 10:06
Die habe ich mir gebaut: Oskar Barnacks Ur-Leica.
Hinschauen und mitmachen: Das neu eröffnete Leitz-Museum in Wetzlar erzählt die Geschichte der kleinen Leica und ihrer großen Wirkung.
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Dass alles eine Frage der Perspektive ist, lernt man im Ernst Leitz Museum schon, bevor man die erste Stufe zur neu eingerichteten Dauerausstellung hinauf genommen hat. Über der Treppe baumeln schwarze Stäbe in der Luft, dazu sind schwarze Linien an die Wände gemalt, woraus sich vor weißem Hintergrund ein wildes Muster ganz im Stil der Op-Art ergibt, das sich mal hierhin, mal dorthin verschiebt und unentwegt verändert, bis sich das Wirrwarr von einem einzigen Punkt aus zu einem Strahlenkranz sortiert.

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Die Frage des Blickwinkels ist der rote Faden durchs Haus und bleibt in vier Erlebnisarealen auf sechshundert Quadratmetern nicht nur zentral, wenn die Möglichkeiten der Bildgestaltung aufgeblättert werden, vom Goldenen Schnitt über die Goldene Spirale des Nautilus bis zum Goldenen Dreieck, sondern sogar bei den Ausführungen zur Entwicklung der Kleinbildfotografie. Denn auch dabei, so stellt sich heraus, trafen zunächst sehr unterschiedliche Ansichten aufeinander, als in einer heute historisch zu nennenden Konferenz im Juni 1924 die Führungsriege der Leitz-Werke, allesamt Männer, aus unterschiedlichen Perspektiven und äußerst kontrovers die Frage debattierte, ob man mit dem Kleinbildfotoapparat in Serie gehen solle. Einer nannte die technischen Möglichkeiten der Produktionsstätte unzureichend. Ein anderer verwies auf die angespannte wirtschaftliche Situation im Land. Wieder ein anderer stellte infrage, dass überhaupt genügend Menschen das Bedürfnis verspürten, sich und ihre Umgebung zu fotografieren.

Ein Moment poetischer Anwandlung

In einer wunderbaren Animation, bei der man als Besucher die Regie übernimmt, erweckt man diese Diskussion noch einmal zum Leben. Dann warnt der Betriebsleiter vor mangelnder Erfahrung mit großen Stückzahlen, der Vertriebsleiter führt aus, man überfordere die Fotohändler, und der technische Direktor weist auf die kaum zu stemmende Herausforderung hin, dass für die erforderlichen hundertneunzig Einzelteile jeweils ein eigenes Werkzeug gebaut werden müsse. Wohin er auch schaue, sagt er, „überall sehe ich Probleme“.

Plattenkameras waren ihm zu schwer: Leitz-Mitarbeiter Oskar Barnack, Erfinder der Leica.
Plattenkameras waren ihm zu schwer: Leitz-Mitarbeiter Oskar Barnack, Erfinder der Leica. Bild: picture alliance / dpa

Ernst Leitz aber hielt all das nicht davon ab, die dreieinhalb Stunden dauernde Konferenz mit dem knappen Schlusswort „Ich entscheide, es wird riskiert“ zu beenden. Auch Leica, geht es dem Besucher da durch den Sinn, war also einmal ein Start-up. Nun, nicht ganz. Schon vor dem Einstieg in die Fotografie blickte das Unternehmen mit der Entwicklung und dem Bau von Mikroskopen auf eine erfolgreiche Geschichte zurück und hatte damals bereits mehr als zweihunderttausend Geräte verkauft.

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Außerdem gab es eine Abteilung für Filmkameras, geleitet von Oskar Barnack. Er hatte eine Minikamera entwickelt, mit der während der Produktion von Kinofilmen auf einfachstem Weg Teststreifen belichtet werden konnten, ohne die große Filmkamera benutzen zu müssen. Anschließend konstruierte er, in privater Arbeit, einen Fotoapparat, in den man das gleiche Material einlegte, also einen schmalen Filmstreifen. Antrieb für die Entwicklung, so geht die Legende, sei sein Asthma gewesen, das es ihm nahezu unmöglich machte, schwere Platten- und Großformatkameras zu tragen. Dass nicht einmal er selbst begriffen hat, welche Sensation sich hinter seiner Erfindung verbarg, ist indes durch einen Eintrag in seinem Tagebuch verbürgt. Im Juni 1914 notiert er zwischen einem Gedanken zum Panoramakopf für Kinostative und Untersuchungsmethoden des Kehlkopfes lapidar: „Mikrokamera mit Kinofilm fertig“ – wird aber noch während des Schreibens offenbar von einem Moment poetischer Anwandlung ereilt, streicht kurzerhand das Wort Mikro durch und ersetzt es durch Liliput. Mit dieser Liliputkamera ändert sich die Welt der Fotografie. Grundlegend.

Synonym für Kleinbildfotografie

Noch im selben Jahr knipst sich Ernst Leitz während einer Amerika-Reise mit dem Apparat, einem Unikat, durch die Straßen von New York und ist begeistert von den Resultaten. Dennoch dauert es zehn Jahre, ehe die Kamera in Serie geht, und ein weiteres Jahr, bevor sie 1925 in Leipzig auf der Messe in großem Rahmen präsentiert wird. Der Erfolg übertrifft alle Erwartungen. Der Name Leica, zusammengesetzt aus Leitz und Camera, wird fortan zum Synonym für Kleinbildfotografie. Dank der einfachen Handhabung, der kurzen Belichtungszeit und der hohen Qualität der Negative eröffnet sie dem Medium zudem ein ganz neues Feld: die Fotoreportage.

Liliput Kamera mit Kinofilm fertig: Oskar Barnacks Notizbuch vermerkt einen großen Moment der Fotografiegeschichte.
Liliput Kamera mit Kinofilm fertig: Oskar Barnacks Notizbuch vermerkt einen großen Moment der Fotografiegeschichte. Bild: Freddy Langer

Das Leitz Museum zeigt noch bis Ende des Jahres einen der ersten Apparate der sogenannten Null-Serie, geschätzt auf vier Millionen Euro, und man hätte es sich leicht machen und in Vitrinen einfach ausbreiten können, was Leica an Innovationen und Eigentümlichkeiten später noch alles auf den Markt gebracht hat – bis hin zum ersten Autofocus, einer Digitalkamera ausschließlich für Schwarz-Weiß-Fotografie und aktuell einem Mobiltelefon. Aber derlei Stücke in Vitrinen sind nur Beigaben innerhalb eines Ausstellungskonzepts, das vor allem zum Mitmachen auffordert. Dabei ist alles sehr digital aufbereitet und inszeniert, selbst dort, wo überzeugend Spaß und Mühsal der analogen Fotografie ausgebreitet werden: in einer Dunkelkammer.

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Das Museum als Fotofreizeitpark

Dort steht im nahezu finsteren Raum ein Vergrößerer, in den die Besucher Negative einlegen, bevor sie Fotopapier nach eigenem Gusto kürzer oder länger belichten. Anschließend ziehen sie das Blatt durch die drei Wannen mit Entwickler, Stopper und Fixierbad. All das auf großen Touchscreens, oder wie man heute sagt: Playtables, die nebeneinander in eine Tischplatte eingelassen sind. Der stets von Neuem verzaubernde Moment, wenn im Entwicklerbad die ersten Schemen des Bilds auf dem Fotobogen erscheinen, entspricht hier deshalb vielleicht nicht vollends dem Erlebnis in einem Labor. Dafür stinkt es auch nicht nach Chemikalien.

Leica’s Next Topmodel: Im Museum gibt es reichlich Gelgenheiten für „instagramable moments“.
Leica’s Next Topmodel: Im Museum gibt es reichlich Gelgenheiten für „instagramable moments“. Bild: Freddy Langer

Später können die Besucher aus etlichen Einzelteilen ein Objektiv zusammensetzen und begreifen womöglich den Sinn der diversen Linsen. Und noch später wird so viel fotografiert, dass eine Handvoll Kleinbildfilme für die Fülle der möglichen Motive kaum ausreichen würde – aber über eine App kann man sie mit nach Hause nehmen oder in die Welt verschicken. Denn ohne „instagramable moments“, gesteht man in Wetzlar, sei heute kein Museum mehr denkbar. So folgt eine Ateliersituation der nächsten. Hier wird man eingeladen, sich mit Fragen des Lichts zu beschäftigen, von neutralem Tageslicht bei 5000 Kelvin bis zur Atmosphäre einer Zahnarztpraxis, dann wiederum kann man sich auf einem kleinen Karussell mit Bewegungsunschärfen auseinandersetzen. Anderswo werden junge Besucherinnen zum Supermodel und lassen sich von der Windmaschine das Haar aufblähen. Oder man nimmt Platz in einem Photomaton, in dem mit Dutzenden von Lampen und etlichen Reglern jedes gewünschte Licht über das Gesicht gelegt werden kann. Spätestens da wird das Museum zum Fotofreizeitpark, zu dem sich die Leica-Werkstätten tatsächlich allmählich entwickeln.

Das Ensemble aus betongrauen Gebäuden wirkt wie einem Traum entsprungen – eines der Häuser ist einem Leitz-Objektiv nachempfunden, eine Fassade wirkt perforiert wie ein Kleinbildfilm. Untergebracht ist darin die Produktion, den Angestellten kann man durch riesige Scheiben bei ihrer Arbeit zuschauen. Im selben Trakt gibt es eine Sammlung sämtlicher je gebauter Leica-Modelle, die manchen Besucher zu Tränen rührt. Zudem sind Kameragehäuse ausgestellt, mit denen sich eine besondere Geschichte verknüpft. Und in zwei großen Galerien finden Wechselausstellungen mit Arbeiten prominenter Fotografen statt. Schließlich gibt es ein Café, ein Restaurant und sogar ein Hotel – für jene, die eine längere Reise auf sich genommen haben, und vielleicht auch für die, die ihren Plan eines Großeinkaufs noch einmal überschlafen wollen, bevor sie mit gezückter Kreditkarte in den Leica Shop marschieren.

Das Ernst Leitz Museum im Leitz-Park Wetzlar ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet; Eintritt elf Euro, ermäßigt acht Euro. Information: www.ernst-leitzmuseum.de

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Langer, Freddy
Freddy Langer
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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