Antico Caffè San Marco

Kaffeehaus in Seenot

Von Susanne Schaber
29.07.2021
, 14:50
Seit jeher ein Ort der Literatur: Ein Tisch im Antico Caffè San Marco ist immer für Claudio Magris reserviert.
Viel mehr als nur Espresso und Cappuccino: Das Antico Caffè San Marco ist eine Institution in Triest. Denn hier wohnt seit hundert Jahren die Seele der Stadt.

Das Antico Caffè San Marco ge­schlossen? Das kann nicht sein. Die Gäste wollen es nicht glauben, als sie am 24. Dezember 2012 ihr Stammcafé an der Triestiner Via Cesare Battisti ansteuern und die Türen verriegelt vorfinden. Franco Filippi führt das Lokal seit gefühlten Ewigkeiten. Sehr untypisch für ihn, ohne Vorankündigung das „Chiuso“-Schild auszuhängen. Was könnte da passiert sein? Man diskutiert die Möglichkeiten, bis einer der Nachbarn von einem Krankenwagen berichtet, der am Vortag vorgefahren ist und den Cafetier ins Hospital gebracht hat. Dort ist Franco überraschend gestorben. Die Nachricht macht die Runde. Man betrauert den Toten und sorgt sich gleichzeitig um sich selbst: Wie würde es nun weitergehen? Das Kaffeehaus ist im Be­sitz der Assicurazioni Generali, der größten Versicherungsgesellschaft Italiens, 1831 in Triest gegründet. Das Los des San Marco liegt also in den Händen von Managern und Bürokraten. Würden die Damen und Herren hinter ihren Schreibtischen begreifen, was ein bald hundertjähriges Lokal wie dieses für die Stadt bedeutet? Und, noch wichtiger: Wie viel von seiner Seele zwischen den Spiegeln, Fresken und Paneelen steckt?

Triest hadert mit seinem Schicksal, seine Identität ist brüchig. Man sitzt in der östlichsten Ecke Italiens fest, so die schmerz­liche Empfindung der Menschen, der Ei­serne Vorhang hat sie jahrzehntelang vom Hinterland und ihren Wurzeln abgeschnitten. Das ist eine Erfahrung, die als Schatten über der Stadt liegt. Viele flüchten sich zurück in vermeintlich lichtere Zeiten und beschwören jene glanzvolle Vergangenheit, da die Habsburger über die obere Adriaküste regierten und der Hafen ein mächtiges Tor zur Welt bildete. Triest galt damals als kosmopolitische Metropole, mit Zuzüglern aus dem Norden und Osten Eu­ropas. Dadurch hat sich, allen Konflikten zum Trotz, ein unglaublicher kultureller Reichtum offenbart, mit Oper und Theatern, Lesekabinetten und Musikzirkeln, Bi­bliotheken und Verlagen. Vor 1914 gab es mehr als fünfhundert Zeitungen und Ma­gazine, und in den Kaffeehäusern, in de­nen gelesen, diskutiert und philosophiert wurde, war die große, weite Welt zu Hause. Daran hält man bis heute fest.

Triest hängt am Koffein

Der Caffè zum Frühstück, gefolgt von einem Cappuccino und dem Espresso nach dem Mittag- oder Abendessen, und eine Goccia, ein Kaffee mit einem Tropfen heißer Milch, zwischendurch: Triest hängt am Koffein. Immer noch schleppt man Jahr für Jahr eine Million Säcke à sechzig Kilogramm von den Schiffen in die Lager. Ein Teil wird an Röstereien in Italien und im Ausland geliefert, ein an­derer bleibt zur Verarbeitung an Ort und Stelle. Entsprechend ansehnlich ist die Zahl der Cafés, in denen sich die Kaffeekultur Triests erleben lässt: im La Tries­tina, Antico Caffè Torinese und Caffè Tommaseo oder, ganz trendig, in den Kaffeebars von Illy, die ganz in Glas und Chrom gehalten sind, in Triest ähnlich wie in London oder Frankfurt. Ungleich beeindruckender ist das Antico Caffè San Marco, ein „locale storico“, unverwechselbar. Begründet wurde es vom Weinhändler Marco Lovrinovich, dem es ge­gen den Widerstand der Triestiner Kaffeehausbesitzer gelang, die Konzession für eine Gaststätte an der Via Cesare Battisti 18 zu erhalten, keine noble Adresse, zuvor war dort eine Molkerei mit ihren Kühen untergebracht. Daran erinnerte nichts, als Lovrinovich am 3. Januar 1914 sein elegantes Etablissement eröffnete: Marmortischchen und Stühle von Thonet, blitzende Messinglampen und prächtige Lüster, florale Stuckarbeiten und kunstvolle Vignetten, Fresken und Malereien, in denen der geflügelte Löwe gleich mehrfach auftaucht – eine Hommage an das von ihm verehrte Venedig und dessen Stadtpatron, den Evangelisten Markus, wie Marco Lovrinovich behauptete. Und natürlich huldige er da­mit auch seinem eigenen Vornamen.

Schmelztiegel der Reiche und Kulturen: Dass Triest viele Herren hatte, sieht man der Stadt bis heute an - und noch immer träumt sie von den Habsburgern.
Schmelztiegel der Reiche und Kulturen: Dass Triest viele Herren hatte, sieht man der Stadt bis heute an - und noch immer träumt sie von den Habsburgern. Bild: picture-alliance / Bildagentur H

Triest bewunderte die Pracht des neuen Cafés. Man traf sich zum Lesen, Billard- und Schachspielen und Plaudern. Zu den eigentlichen Stammgästen aber zählte die irredetentistische Jugend. Der Löwe, Sym­bol der Italianità, war eine Einladung: Im San Marco wurde mit Duldung des Hausherrn gegen die Habsburger konspiriert und der Anschluss Triests an Italien herbeigesehnt. Eines der Hinterzimmer fungierte als Werkstatt für Fälscher, die ihre Pässe feilboten, um anti­österreichischen Patrioten den Weg in ih­re eigentliche Heimat zu ebnen. Am 23. Mai 1915, jenem Tag, an dem Italien an der Seite der Entente in den Ersten Weltkrieg eintrat, wurden die Räumlichkeiten von pro-österreichischen Eindringlingen gestürmt. Sie demolierten das Mobiliar und zerstören die Lampen und Spiegel, ei­ne Verwüstung, von der sich das San Marco nur schwer erholte. Nach dem Krieg erlebte das Lokal wechselnde Besitzer. James Joyce, Italo Svevo oder Umberto Saba, später Giorgio Voghera ließen es zum Café der Literaten avancieren, ehe es in eine Art Dämmerschlaf versank. Erst die Renovierung der Jahre 1988 und 1989 zog neues Publikum an.

Das Verderben der schwarzen Wassermassen

Mit Claudio Magris, dem großen Triestiner Essayisten und Autor, kamen Studenten und Journalisten, um seine Meinung zum Weltgeschehen einzuholen. Doch das San Marco, so dessen Credo, sei für ihn nicht nur ein Platz für Diskussionen, sondern auch ein Ort der Kontem­plation und des Schreibens: „Man ist al­lein, mit Papier und Feder und allenfalls zwei oder drei Büchern, an die Tischplatte geklammert wie ein von den Wellen gepeitschter Schiffbrüchiger. Wenige Zentimeter Holz trennen den Seemann vom Abgrund, der ihn verschlingen kann, es genügt ein kleines Leck, und die schwarzen Wassermassen dringen verderbenbringend ein, ziehen das Boot in die Tiefe.“

Als Franco Filippi im Dezember 2012 stirbt, gerät das San Marco in Seenot. Bis Claudio Magris aktiv wird und zusammen mit Gleichgesinnten einen Aufruf zur Ret­tung des Cafés startet. Alexandros Delithanassis, ein junger Buchhändler und Verleger, fühlt sich davon besonders angesprochen, entwickelt ein Geschäftskonzept und erhält den Zuschlag der Assicurazione Generali. Er unterzieht das San Marco einer vorsichtigen Umgestaltung und präsentiert eine wesentliche Veränderung: Er bringt seine Buchhandlung, die er vorher im Haus schräg gegenüber geführt hat, einfach mit und mit ihr auch Loriana Ursich, seine langjährige Mit­­arbeiterin. Gemeinsam verwandeln die beiden einen Teil des Cafés in eine „libreria“, die in Sachen Glanz mit Lello in Porto oder Ateneo Grand Splendid in Buenos Aires mithalten kann. Delithanassis möchte einen Treffpunkt für aufgeschlossene Zeitgenossen schaffen; um die Ecke liegen der Sitz der jüdischen Ge­meinde und die Synagoge, schräg gegenüber die Büros der slowenischen Kulturvereine. Seine eigenen Wurzeln führen nach Thessaloniki, in Triest ist er eng mit der griechischen Gemeinde verbunden. Entsprechend folgt er seinem Traum, die Vielfalt der Traditionen und Sprachen zu feiern.

Früher Nachmittag im San Marco. Ein paar Gäste sitzen noch vor ihren Tellern mit Pasta und Kalbschnitzelchen, als die Damen aus der Umgebung eintrudeln und die Kuchenvitrine ansteuern. Es ist Zeit für einen Tratsch mit den Freundinnen, während die Tische im linken Flügel, in dem die Buchhandlung logiert, zur Ruhe mahnen. An den Wänden Regale mit Publikationen zu Kunst, Philosophie und Musik, im Herz des Raumes eine riesige Tafel, über und über mit Büchern beladen: die Abteilung Belletristik. Und natürlich ist hier auch die Reiseliteratur ausgelegt, denn Touristen schauen regelmäßig vorbei. Die Lage und Geschichte der Stadt fesseln ihre Besucher, ihre hochherrschaftlichen Bauten, die bis zu den Römern zurückreichen, die prächtigen Plätze, Boulevards und Promenaden am Meer und die engen Gassen hinter dem Hafen. Hier lässt es sich vom „mishmash“ der Völker und Kulturen und einem inspirierenden Miteinander von Lebensweisen träumen.

Im San Marco bewahrt man die Erinnerungen und versucht zugleich den Sprung ins Morgen. Für Claudio Magris bleibt Tisch 1 reserviert, hinten im Eck. Man sehe ihn inzwischen seltener als früher, heißt es, es sei ihm zu voll geworden, was er sich und seiner Rettungsaktion zuzuschreiben hat – ein Erfolg und zu­gleich ein Wermutstropfen, die Ironie der Geschichte eben. Damit hat Triest ja reichlich Erfahrung.

Antico Caffè San Marco, Via Cesare Battisti, 18, 34125 Trieste, Telefon: 00 39/0 40/2 03 53 57.

Quelle: F.A.Z.
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