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Wintersport

Ist Skifahren noch zeitgemäß?

Von Andreas Lesti
Aktualisiert am 15.12.2019
 - 15:03
Es ging um den Stil und die Kosten. Aber hat man das Skifahren jemals in Frage gestellt?zur Bildergalerie
In den Alpen beginnt die Wintersaison mit den üblichen Superlativen. Doch zwischen all den Liften, Pisten und Schneekanonen taucht immer öfter die Frage auf, ob der Wintersport überhaupt eine Zukunft hat.

In den vergangenen vierzig Jahren hat man sich verschiedenste Fragen gestellt: Fährt man auf Snowboards oder Ski die Hänge hinab? Schwingt man auf kurzen, langen, schmalen oder breiten Ski? Trägt man dazu knallrote Jethosen, giftgrüne Overalls oder lumumbabraune Kapuzenjacken? Und tun man das an Weihnachten, im Februar oder an Ostern, in Bayern, Tirol oder in den Dolomiten? Einige sind nach Genf, Klagenfurt oder Turin geflogen, weil es genauso viel gekostet hat wie eine Autofahrt nach Innsbruck. Das hat sich merkwürdig angefühlt, aber keiner hat es in Frage gestellt. Man hat es im Freundeskreis erzählt, für den Status oder weil es so grotesk war, aber nicht weil damit ein Problem verbunden sein könnte. Es ging in all den Fragen also um das Wie, das Wo und das Wann. Es ging um den Stil und die Kosten. Aber die Frage, ob es grundsätzlich falsch sein könnte Ski zu fahren und ob man diese schönste und eleganteste aller Sportarten besser bleiben lassen sollten, die hat man sich nicht gestellt. Bis jetzt.

Global Warming, CO2-Fußabdruck, Flugscham, Kompensation, Greenwashing und Greta-Hype – neue Begriffe sind in unser Leben getreten und Forscher mahnen immer eindringlicher davor, dass wir den Planeten an die Wand fahren, wenn nicht ein paar Regeln eingehalten werden. Was sie meinen wird einem seit einiger Zeit auch in der Berg-Idylle erschreckend deutlich klar: Die Alpen zerbröckeln regelrecht, weil die Null-Grad-Grenze im Sommer mittlerweile auf über fünftausend Meter steigt und an den höchsten Gipfeln am Permafrost nagt. Aus den erhabensten Gipfeln brechen riesige Felsen heraus und stürzen ins Tal, Muren verschütten Straßen, ganze Bergdörfer rutschen ab, Baum- und Schneegrenzen wandern nach oben und majestätische Gletscher schmelzen dahin wie Eiswürfel im Backofen.

Gibt es Kompromisse?

Und zwischen all diesen Nachrichten beginnt nun die neue Wintersportsaison und tut überwiegend so, als würde sie das alles nichts angehen. In ihrer Superlativlogik preist die Branche die höchsten und größten Skigebiete, die längsten Skipisten und schnellsten Seilbahnen. Riesige Gebiete schließen sich zusammen, um die Allergrößten zu werden, nur, um den Titel im nächsten Jahr an einen dann noch größeren Konkurrenten abzugeben.

Es ist wie ein Wettrüsten, lange nach Ende des Kalten Krieges. Aber auch wie ein Aufbäumen gegen den drohenden Untergang, weil die Branche an dem Ast sägt, auf dem sie sitzt. In Abwandlung des Enzensberger-Satzes zerstören wir den Schnee, den wir suchen, indem wir ihn finden – oder, indem wir uns überhaupt erst auf den Weg zu ihm machen und für einen Skitag im Auto in irgendein entlegenes Tal fahren, was den Hauptanteil des CO2-Ausstoßes hinterlässt (je nach Strecke bis zu 85 Prozent). Somit ist auch der vermeintlich unverdächtige und naturverbundene Skitourengeher, der Seilbahnen und Schneekanonen ablehnt, aber mit seinem alten Volvo anreist, ein Klimasünder.

Aber muss man wirklich so schwarz sehen? Ist Skifahren so klimaschädlich, dass die Lösung nur Verzicht lauten kann? Verzicht auf intensive Erlebnisse voller Lebensfreude, in einer großartigen Natur im strahlenden Schneeweiß? Oder gibt es Kompromisse, wenn man die Anreisen klimafreundlich gestaltet, nur Naturschneegebiete ansteuert und keine Lifte benutzt?

Spaß und Sport sind der Fokus

Nicht, wenn es nach Leonie Bremer geht. Die 22-Jährige ist Bundespressesprecherin von Fridays for Future in Deutschland und war bis vor drei Jahren Snowboarderin und regelmäßig in Österreich im Urlaub. „Ich habe das super gerne gemacht“, sagt die Studentin „aber ich habe aus Klimaschutzgründen damit aufgehört.“ Wir telefonieren, im Hintergrund ist es laut, sie ist gerade auf der Welt-Klimakonferenz in Madrid, um eine konsequente Klimapolitik einzufordern. „Die Abholzung für die Pisten, der Kunstschnee, der täglich mit viel Energie produziert wird, der dramatische Eingriff in die Natur, die Zerstörung des Berges – das kann alles niemals klimaneutral werden“, sagt Bremer. Und daher gebe es auch keine Kompromisse: „Mein Gewissen ist nicht im Reinen, wenn ich das tue.“ Und es bringe auch nichts, das Bewusstsein für alternative Anreisen und die Natur, in der man sich als Wintersportler bewegt, zu schärfen. „Spaß und Sport sind hier der Fokus“, sagt Leonie Bremer und es klingt ziemlich entzaubernd – Skifahren bekommt den gleichen Verbotsstempel wie Langstreckenflüge und Rindersteaks.

Die expandierenden Skigebietbetreiber in den Alpen haben für Leonie Bremers konsequente Haltung vermutlich soviel Verständnis wie ein schmelzender Gletscher für einen Jahrhundertsommer. Immerhin geht es um ein riesiges Geschäft. 48,2 Millionen Wintersportler gibt in den Alpen. Die kommen jedes Jahr auf 158 Millionen Skitage, wie ein Forschungsprojekt der Sporthochschule Köln herausgefunden hat. Sie verteilen sich auf 1300 Skigebiete (so viele zählt der Schweizer Analyst Laurent Vanat), die mit rund zehntausend Liften und fünfzigtausend Schneekanonen betrieben werden.

Das Kernland des Wintertourismus ist nach wie vor Österreich. Und das Kernland Österreichs ist Tirol. Daher sieht Felix Webhofer, der sich für Fridays for Future in Innsbruck engagiert, die Lage nicht ganz so absolut wie Leonie Bremer. „Die meisten Menschen leben hier vom Wintersport“, sagt der 19-jährige Zivildienstleistende und er selbst sei auch „begeisterter Skifahrer“. Er fordert ein Umdenken, sowohl bei der Anreise, als auch beim Vorgehen einiger Skigebiete: „Muss ich von München aus zum Beispiel im Auto bis nach St. Anton fahren? Und muss man in Kitzbühel den Schnee per Helikopter anliefern?“

Die Kritik scheint zumindest nicht ganz an den Wintersportgebieten vorbei zu gehen. Erstmals thematisieren einige wenige Klimaaspekte, erinnern an die Bahn-Anreise und Alternativen zum Skifahren: Langlaufen, Schlittenfahren und, ganz hoch im Kurs, Winterwandern. Das Mieminger Plateau in Tirol hat schon vor Jahren alle Lifte abgebaut und sich für „saften Wintertourismus“ entschieden. Die Gäste kommen trotzdem. Nur ein paar Täler weiter liegt Ischgl. Die selbsternannte „Lifestyle-Metropole der Alpen“ bezeichnet sich nun gleich als „größtes klimaneutrales Skigebiet“. Der Kohlendioxid-Ausstoß der Bergbahnen würde durch ein Aufforstungsprogramm im eigenen Tal ausgeglichen und der Strom käme aus erneuerbaren Energien, heißt es. Das klingt ein bisschen nach Greenwashing und Imagepflege, so wie es die Kreuzfahrtbranche gerade praktiziert. Auch deshalb, weil Ischgl nicht unbedingt für sein Klimabewusstsein bekannt ist. Noch vor sechs Jahren hat man dort die Bahn auf den Piz Valgronda gebaut – allen Umweltbedenken zum Trotz. Aber, das muss man der „Lifestyle-Metropole“ lassen, sie hat im Gegensatz zu vielen anderen erkannt, dass sie sich mit diesen Themen auseinander setzen muss.

Düsteres Szenario für das Jahr 2050

So geht es auch dem deutschen Alpenverein, der in der vergangenen Woche ein grundsätzliches Statement abgab: „Angesichts von Klimawandel, Artensterben und Overtourism stellen sich viele Menschen die Frage: Wie soll der alpine Skisport der Zukunft aussehen?“ heißt es da. Man akzeptiere bestehende Skigebiete, sehe „den Wettlauf um immer mehr Pistenkilometer und immer größere Skigebiete“ aber kritisch und verurteile die derzeit viel diskutierte Verbindung des Tiroler Ötztals mit dem Pitztal. Also: Skifahren ja, neue Skigebiete nein?

Peter Hoffmann ist sich da nicht so sicher. Er beschäftigt sich am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung nicht nur mit der Erderwärmung, sondern auch mit den Konsequenzen für den Tourismus. „Schon die nächste Generation wird Wintersport in der heutigen Form wohl nicht mehr betreiben können“, sagt er. In den Mittelgebirgen sei jetzt schon eine „massive Veränderung“ spürbar. „Winter wie vor dreißig Jahren gibt es dort immer seltener. Und das ist ein guter Anhaltspunkt dafür, was auch in den Alpen passieren kann.“

Allerdings, fügt er hinzu, sei das dort noch nicht überall angekommen und daher würden derartige Szenarien mitunter etwas belächelt. Auch deswegen, weil die Veränderungen noch zu wenig spürbar seien. Generell sei die touristische Nachfrage zwar eher „robust“, sagt Hoffmann, denn die Veränderungen durch den Klimawandel sind nur ein Bruchteil vieler relevanter Faktoren für den Tourismus. Im Jahr 2050, so Hoffmanns ernüchternde Prognose, werden sich jedoch auch in den Alpen die natürlichen Bedingungen für den Wintersport deutlich verschlechtern. Und auch für den Kunstschnee könnte es bald zu warm sein, oder das Wasser fehlt. Über diesen Entwicklungen täuschen auch die starken Schneefälle des vergangenen Winters nicht hinweg. „Das ist eher eine Ausnahme in einem langfristigen Trend“, sagt Hoffmann. „Bei ungebremstem Klimawandel werden die Temperaturen weiter steigen, der Frost nimmt weiter ab, die Sommersaison wird länger und das Wetter unplanbarer.“ Ohne alternative Angebote hätten Skigebiete, wie wir sie heute kennen, daher keine Zukunft.

Der österreichische Skifahrer Matthias Haunolder hat vor acht Jahren den Kurzfilm „A History of Snow“ mitproduziert. „Hauni“ ist einer jener gutgelaunten Freerider, die auf Ski durch absurd steile Tiefschneehänge fahren. Er verkörpert eine Branche, die aus Schnee, Spaß und Extremen besteht. In diesem Film jedoch zeichnete er ein Szenario, in dem er selbst als alter Mann in einer schneelosen Welt im Jahr 2053 lebt und seinen Enkelkindern die Schneebälle in der Gefriertruhe zeigt. Seine Leidenschaft, das Skifahren, ist nur noch eine flimmernde Erinnerung.

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Weitere Gedanken und Reportagen zur Klimaverträglichkeit des Wintersports finden Sie am Sonntag im Reiseteil der F.A.S.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Lesti, Andreas
Andreas Lesti
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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