Lopud in Kroatien

Zeit, Ruhe und Blick aufs Meer

Von Helmut Luther
31.07.2021
, 20:23
Mehr Festung als  Kloster: Türken und Seeräuber konnten den Franziskanern nichts anhaben, die erst vor Napoleons Säkularisierung kapitulierten.
Die Insel Lopud war einst Zufluchtsort für die Patrizier Dubrovniks. Heute haben sich die letzten Bewohner zwischen Touristen und Millionärsvillen eingerichtet.

Die Zikaden schweigen – Regen mögen sie nicht. Kurz nach Mitternacht weckt mich das Klappern des Schlafzimmerfensters. Draußen rüttelt der Wind an den Bäumen, an der Hausmauer scheuert ein Ast, vom Wellblechdach im Garten, in dem meine Vermieter rostiges Ackergerät lagern, dringt das Hämmern des Regens. Es ist ein Irrtum, dass nächtliche Ruhestörung nur an Orten mit größeren Menschenansammlungen vorkommt, denn ganzjährig sollen auf der Insel Lopud lediglich siebzig Menschen leben. Auf Sturm und Regen im sommerlichen Süden war ich übrigens auch nicht gefasst. Aber was ist eine Reise ohne Überraschungen wert?

Schon die Überfahrt zur Insel war ungewöhnlich. In Gruz, dem modernen Hafen von Dubrovnik – der Weltkulturerbe-Stadt, vor der normalerweise Kreuzfahrtschiffe liegen und verkleidete Stadtführer die Besuchermassen an Schauplätze führen, an denen Szenen der Serie „Game of Thrones“ entstanden sind –, stieg ich an Bord einer betagten Fähre. Schlagartig änderte sich die Atmosphäre, nichts war mehr auf Hochglanz poliert, auch die Menschen nicht. Das Schiff tuckerte entlang der Festlandküste nach Norden. Der Kahn und die Handvoll Passagiere sahen aus wie in einem alten Film. Ein Mann und ein Junge, unverkennbar Vater und Sohn, beide in Trainingshosen und recht beleibt, tranken abwechselnd aus einer Zwei-Liter-Colaflasche. Am festgeschraubten Alu-Tisch zwischen ihnen lag ein aufgerissenes Päckchen mit Kartoffelchips, in das beide beherzt hineingriffen.

Ein Hüne mit Zottelbart und Piratentuch

Es waren fast nur Männer an Bord, entweder trugen sie Trainingsanzüge oder strapazierfähige Hosen mit Kniepolstern und Seitentaschen, am Boden waren Werkzeugtaschen abgestellt. In der Bar hockten zwei Lehrerinnen über Schülerhefte gebeugt. Als sie eine Arbeit mit rotem Stift korrigiert hatten, drückten sie einen blauen Fleißstempel unter die Zeilen. Die Klotüren am Aufgang zum Deck hatte man mit dicken Seilen versperrt. Obwohl die Sonne schien und die Adria glitzerte, saß keiner an Deck – die Schönheiten rundherum kannte ja jeder. An der Mole in Lopud, dem einzigen bewohnten Flecken auf dem Eiland, das zu den insgesamt dreizehn Elaphiteninseln gehört, warteten Männer, bis die Auffahrrampe heruntergelassen wurde, um Säcke und Ziegel auf vierrädrige Transportkarren oder Golfwägelchen umzuladen. Lopud ist autofrei. Mittels dieser Wägelchen wurde das Material zu grauen Marmorvillen entlang der Hafenstraße gebracht: Zeugen eines vergangenen Wohlstands. Angezogen vom milden Klima, errichteten Bürger Dubrovniks auf Lopud ihre Ferienvillen. Im zwanzigsten Jahrhundert nahm der Tourismus Fahrt auf, wovon natürlich momentan wegen der coronabedingten Krise keine Rede sein kann. Immerhin dürfen seit Kurzem Ausländer wieder kommen, sofern man eine Zimmerbuchung nachweisen kann.

Sehr schön, aber auch sehr voll und eng. Deswegen flohen viele Bewohner von Dubrovnik zumindest zeitweise nach Lopud.
Sehr schön, aber auch sehr voll und eng. Deswegen flohen viele Bewohner von Dubrovnik zumindest zeitweise nach Lopud. Bild: dpa

Am nächsten Morgen, der Himmel ist aufgeklart, steige ich Treppen aus behauenen Steinen zur Marina hinunter. Dort sitzen wie erstarrt einige Gestalten vor Milo Obuljens Bar, offenbar schon länger, keiner spricht. Der Wirt, ein Hüne mit Zottelbart und Piratentuch um die Stirn, scheint auch kein Bewegungstyp zu sein. Um gut in den Tag zu starten, erklärt Milo, nachdem er mir einen Cappuccino gebracht hat, drehe er sich jeden Morgen einen Joint. „Weniger ist mehr. Ich kann jederzeit mit meinen drei Kindern aufs Meer hinaus zum Fischen fahren, was soll ich mir anderes wünschen?“, sagt Milo und fügt lachend und ein bisschen stolz hinzu: „Lopud ist eine Insel von Billionären!“ Wie das zusammenpasst, Autochthone vom Schlage des spätberufenen Hippies und Leute, die ihr Vermögen mit Diamantenminen in Südafrika machen, erfahre ich vom Barbetreiber ebenfalls: „Die Superreichen, die hier zwei oder drei Wochen im Jahr das Aussteigertum simulieren, haben nicht, was uns im Überfluss gehört: Zeit, Ruhe, Zufriedenheit.“

Die Wohltaten der Baronin

Für immer auf Lopud bleiben wollten hingegen Franziskaner, die nahe am Hafen ein festungsartiges Kloster erbauten. Den Türken und Seeräubern hielten die Mönche stand, nicht aber der Säkularisierung durch Napoleon. Das Kloster mit der Kirche St. Maria verfiel langsam. Rettung nahte im letzten Krieg, als Francesca Thyssen-Bornemisza nach Dubrovnik sowie nach Lopud kam. „Was ich sah, hat mir beinahe das Herz zerrissen. Dubrovnik barst unter Strömen von Flüchtlingen . . . fast alle Kulturdenkmäler waren schwer beschädigt“, erzählte die schwerreiche Urenkelin von August Thyssen, dem Begründer der Thyssen-Werke. Francesca, wie sie von allen genannt wird, gründete Stiftungen, so konnten Perlen wie das ehemalige Franziskanerkloster erhalten werden. Nur einen Steinwurf von Milos Bar wacht es auf einem Felssporn über der Hafeneinfahrt.

An der Mole schrubben nun einige Männer an ihren Booten herum. Am Kiesstreifen weiter südlich, wo normalerweise ein Liegestuhl neben dem anderen aufgereiht ist, rennen Kinder hin und her, ihre Mütter plaudern oder blättern in Illustrierten. Hinter der jetzt geschlossenen Inselschule komme ich an der Post vorbei. Auf einer Holzbank vor dem Gebäude sitzen zwei Angestellte mit Kaffeetassen in der Hand und blinzeln zum Hafen, wo bald die Fähre einlaufen wird. Eine doppelte Steinmauer riegelt das Klostergelände ab. Hinter einem eisernen Gitter hat der Wächter auf einem weißen Plastikstuhl seinen Posten bezogen. Er trägt eine dunkle Sonnenbrille, auf dem Polohemd prangt das Emblem einer Security-Firma. Mir ist klar, dass ich dem Mann, er heißt Sedzro, die Frage, die mir auf der Zunge liegt, nicht stellen darf: Ich wüsste gerne, wie man hier acht Stunden am Tag, ganz allein, die Zeit totschlägt.

Altar als Esstisch für die Mittagspause

Sedzro blickt aber abweisend, seine Haltung signalisiert, dass Leute wie ich ohne offizielle Genehmigung an ihm nicht vorbeikommen. Also bekunde ich großes Interesse an der Klostergeschichte. Der Wächter bleibt trotzdem eisern. Das restaurierte Gebäude, in dem, wenn es nicht wie jetzt geschlossen ist, Ausstellungen gezeigt werden, auch Konferenzen und Workshops stattfinden und wo man luxuriöse Suiten unter altersdunklen Deckenbalken mieten kann, bleibt für mich unzugänglich. Ich darf lediglich einen Vorplatz betreten, wo ich unter Pinien ein Steinkreuz erspähe, Mauerreste der alten Festung sowie die in einen Stein geritzte Zahl 1483, das Entstehungsjahr des Klosters.

Kein Platz für Massentourismus: Auf der Insel Lopud versteht man es, Maß zu halten.
Kein Platz für Massentourismus: Auf der Insel Lopud versteht man es, Maß zu halten. Bild: NICOLAS José / hemis.fr / FOTOFINDER.COM

Besichtigen darf ich jedoch die Kirche der heiligen Maria gleich hinter der Befestigungsmauer. Momentan sind hier zwei Männer mit Restaurierungsarbeiten beschäftigt, das Gotteshaus ist innen fast komplett mit Nylon austapeziert. Von Sedzro erfahre ich, dass sich unter den Planen Altäre und Gemälde eines italienischen sowie eines flämischen Meisters, außerdem ein Tryptichon des mittelalterlichen Meisters Nikola Božidarević aus Dubrovnik verbergen. Letzterer hielt sich im späten fünfzehnten Jahrhundert lange in Italien auf, ihm werden bedeutende Fresken im Regierungspalast von Du­brovnik zugeschrieben. Die Arbeiter in fleckigen Malerhosen reparieren durch Abschleifen und Spachteln den schadhaften Verputz. Am Boden liegen zentimeterhoch Mauerbrocken und abgeblätterte Farbreste, im Gegenlicht tanzen Staubpartikel. Gerade machen die Männer Pause und hocken auf umgedrehten Kisten, der Volksaltar dient als Tisch. Ihre Brote haben sie verzehrt, bei meinem Eintreten verbergen sie schnell glimmende Zigaretten in der hohlen Hand – Rauchen ist hier selbstredend verboten, daher tue ich so, als bemerkte ich nichts.

Eine Insel wie ein steinerner Wal

Vorbei an weiteren Kirchen und Wohnhäusern mit aufgebockten Booten im Garten und vorbei an hinter Schilfzäunen geschützten Weinäckern, gelange ich zum heruntergekommenen Rektorspalast. Als Lopud im sechzehnten Jahrhundert eines von acht Fürstentümern Du­brovniks bildete, residierte hier der Inselherrscher. Ein gewundener Weg führt weiter zu einem Felsplateau hinauf, mit etwas mehr als zweihundert Metern der höchste Inselpunkt. Polačica heißt dieser steinige Fleck, wo ein angenehmes Lüftchen mein durchgeschwitztes T-Shirt trocknet. Der Blick schweift über die gezackte Nordküste weit hinaus auf die von weißen Booten gesprenkelte Adria. Wie der graue Rücken eines Wals erhebt sich im Nordwesten die Nachbarinsel Šipan aus dem Meeresblau, neben Koločep im Süden gehört sie mit Lopud zu den drei bewohnten Inseln der Elaphiten. Auf dem Retourweg komme ich zu einer von Zypressen umrahmten Lichtung. Im Gras steht eine Palisade aus verwittertem Holz: Ein Kunstwerk namens „Your black horizon“. Im Auftrag einer weiteren Stiftung von Francesca Thyssen-Bornemisza präsentierten es der britische Architekt David Adjave und der dänisch-isländische Künstler Ólafur Elíasson zuerst auf der Biennale in Venedig, anschließend fand es hier seinen endgültigen Ort. Die Palisade ist in Wirklichkeit ein Tunnel, im finsteren Inneren befindet sich auf Augenhöhe ein Lichtschlitz, er soll den Horizont symbolisieren.

Kein Zweifel, Lopud will erwandert werden, 35 Kilometer ausgeschilderte Wege soll es hier geben. Wieder im Dorf, wende ich mich nach Süden, passiere ein Dominikanerkloster und kitschige Neubauten mit „Apartmani“-Schild. Hinter Hecken schimmern Villenfassaden. In einem Park ragen turmhohe Palmen empor – viele mit vertrockneten Wedeln, Opfer eines Schädlings, dem inzwischen unzählige Palmen im Mittelmeerraum zum Opfer fielen. „Hotel Grand“ heißt es in verwackelten Lettern an einem Betonklotz aus den Dreißigerjahren. An den Balkonen an der Rückseite hängt Bettwäsche zum Trocknen, jemand scheint in dem maroden Gebäude zu wohnen. Am Dorfrand spreche ich einen Mann an, der gerade mit einer Schaufel Sand in eine Schubkarre schippt. Von Frano Storelli, so heißt er, erfahre ich, dass Bad Homburg die Partnerstadt von Dubrovnik ist. Der Mittvierziger arbeitet hier als Feuerwehrmann. Drinnen in der Halle, wohin ich ihm folge, weist mich Storelli auf ein Feuerwehrauto mit Raupenantrieb hin. „Kroatienhilfe Hochtaunus“ heißt es auf einer Plakette, ein Geschenk der hessischen Partnerstadt.

Die Überlistung der Wildschweine

Ein Holzschild zeigt an, dass von hier ein Feldweg zum Sunj-Strand auf der östlichen Inselseite führt. „Ich bin Kommunist, Schuften liegt mir nicht, fahren wir zum Strand“, erklärt Storelli. Das Angebot kann ich nicht ausschlagen. So rumpeln wir auf seinem Elektro-Wägelchen über Serpentinen, vorbei an mit Gins­­ter überwucherten Natursteinmauern. Baumheide wölbt sich als grünes Dach über den Weg. Im Halbdunkel blitzen Sonnenkugeln, die weißen Blüten verbreiten süßen Honiggeruch. Zwischendurch dreht der vorne am Lenker sitzende Storelli seinen Kopf in meine Richtung und erzählt. „Wenn mein Bruder für ein paar Wochen aus Florida zu Besuch kommt, erkläre ich ihm immer, wie blöd er ist, Lopud verlassen zu haben. Nach viel Alkohol stimmt er mir zu.“

Klar, Lopud ist ein Paradies. Nur eines, sagt Storelli, stimme nicht, nämlich dass es hier keinen Stress gebe: „Erstens will meine Tochter zwei Mal in der Woche zur Tanzstunde – mit der Fähre nach Gruz, von dort zum Übungssaal in Dubrovnik, dann wieder zurück, das geht nicht ruckzuck. Zweitens: Wenn hier in ein paar Wochen alles Grün verdorrt ist, genügt eine weggeworfene Zigarette, und der Wald brennt. Für uns Feuerwehrleute eine ungemütliche Zeit.“ Inzwischen haben wir eine Kammhöhe erreicht, unter uns breitet sich die Sunj-Bucht aus, ein goldfarbener Bogen, an den Rändern helle Felsen, dahinter das blaue Flatterband der Adria. An einer Biegung stoppt Storelli. „Siehst du den Plastikstuhl dort am Wegrand?“ Anschließend zeigt mein Taximann auf einen etwa zwanzig Meter entfernten Steinhaufen. „Warum, glaubst du, liegen dort Brotkrumen herum?“ Storelli und seine Jägergenossen locken auf diese simple Weise die Wildschweine an, erfahre ich. „Warum sollten wir hinter ihnen herrennen?“

Am Strand herrscht kein Gedrängel. Ein paar Motorboote liegen vor Anker, in kleinen Gruppen ruhen Badende unter Sonnenschirmen. „Im Hochsommer, wenn sie hier wie die Ölsardinen aufeinanderhocken, meide ich diesen Ort“, sagt Storelli. Er hat aus dem Handschuhfach zwei Bierdosen hervorgeholt. Während wir mit Blick auf die Bucht an den Dosen nippen, erzählt mein Begleiter von einem Rechtsstreit zwischen der Mailänder Adelsfamilie Visconti und den Bewohnern von Lopud: Eine Kirche im Inselinnern ziere ein uraltes Bild von einem schlangenähnlichen Seeungeheuer, das einen Mann verschluckt. Es soll sich um die älteste Darstellung des Visconti-Wappens handeln. „Die Mailänder wollten das Bild kaufen, aber wir weigerten uns. Schließlich verklagten sie uns vor dem Europäischen Gerichtshof, zum Glück vergeblich, das Wappen bleibt hier.“

Nachdem wir uns noch ein bisschen über die Lebensbedingungen im heutigen Kroatien unterhielten, über fehlende Arbeitsplätze, die Benzinpreise, die sich in zehn Jahren verdoppelten, rumpeln wir ins Dorf zurück. Dort weigert sich Storelli, ein Trinkgeld anzunehmen. In Milo Obuljens Bar für eine Stärkung einzukehren gehe ebenfalls nicht, „ich bin ja im Dienst“! Die aktuelle Lage, klärt mich mein freundlicher Taximann auf, bevor er wieder in den Sattel steigt, schätze er übrigens folgendermaßen ein: „Meines Erachtens gibt es nur drei Männer, die all die Probleme, die wir heute haben, wirklich lösen könnten: Tito, Hitler und Stalin.“ Das ist nun wirklich ein harter Schlag, trotzdem, was soll ich sagen, verabschieden wir uns wie echte Kumpel.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot