Kunststadt Basel

Picknick mit Rodin und Rosen

Von Jakob Strobel y Serra
05.06.2021
, 16:58
 Grün, grün, grün sind alle meine Teiche: Olafur Eliassons „Kunstwerk „Life“ in der Fondation Beyeler in Basel.
Basel hat nicht nur das älteste Kunstmuseum der Welt, sondern auch eine überaus kunstsinnige Bürgerschaft. Das alles kann man mit einen neuen Pauschalarrangement erleben.

Es ist die schönste Konspiration, die wir jemals gesehen haben, und das gleich im doppelten Sinne, weil sich der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson nie mit einfachen Dingen und simplen Lösungen zufriedengibt. Er hat in der Fondation Beyeler in Basel ein flüchtiges, verwegenes, frevelhaftes Kunstwerk geschaffen, über das die ganze Stadt mit solcher Begeisterung spricht, als gäbe es derzeit nichts Wichtigeres auf der Welt: Renzo Pianos Bau der Fondation hat Eliasson mit ketzerischer Kühnheit entweiht, indem er die Hälfte der Glasfronten ausbauen und ein halbes Dutzend Räume des Museums fluten ließ. Jetzt ergießt sich der Teich, der sonst an den Glasscheiben endet, in die Säle, in denen üblicherweise Claude Monets „Seerosen“ hängen – selbst gefüllt mit Seerosen und Wasserlinsen und mit dem fluoreszierenden Farbstoff Uranin gefärbt, der das Wasser tagsüber froschgrün und nachts ultramarinblau leuchten lässt. Auf Holzstegen wandert man durch dieses ar­chitektonisch-aquatische Zwischenreich, riecht die Pflanzen, hört die Insekten und spürt mit jeder Faser die Konspiration: zum einen im Wortsinne das gemeinsame Atmen von Mensch und Natur, zum anderen die Komplizenschaft mit einer Kunst, die keine Grenzen mehr kennt, sondern nur noch fließende Übergänge.

Die Kunst der Kinetik: Jean Tinguelys Brunnen vor dem Stadttheater in Basel.
Die Kunst der Kinetik: Jean Tinguelys Brunnen vor dem Stadttheater in Basel. Bild: Hannah Fasnacht

Rund um die Uhr ist das Kunstwerk mit dem sprechenden Titel „Live“ geöffnet, von neun Uhr abends an kann es kostenlos besichtigt werden, und die Baseler feiern Eliassons Verbrüderungswerk – und sich selbst – Nacht für Nacht mit Open-Air-Partys im Park der Fondation. Das liegt in ihrer Natur, denn in kaum einer anderen europäischen Stadt ist die Konspiration zwischen der Kunst und den Einwohnern so leidenschaftlich wie in Basel – hier sind Malerei und Bildhauerei keine Dekoration, sondern seit der frühen Neuzeit eine kollektive Herzensangelegenheit. Um auch auswärtige Besucher an dieser Komplizenschaft teilhaben zu lassen, ist jetzt auf In­itiative des Grandhotels Les Trois Rois das Projekt „Arts & Culture“ gegründet worden. Das erste Haus am Platz, eine Baseler Institution seit mehr als drei Jahrhunderten und dank seiner Lage direkt an der Rheinpromenade das schönste Wohnzimmer der Stadt, hat sich mit drei weiteren Hotels, der Fondation Beyeler und dem Kunstmuseum zusammengetan und einen Rundgang für Kunstfreunde inklusive der passenden Pauschalarrangements kreiert. Die Route umfasst zurzeit fünfzehn Punkte, zu denen man sich mithilfe von QR Codes lotsen lassen kann. Sie werden mittels Mobiltelefon auf einer Broschüre mit Stadtplan und kurzen Erklärungen zu den Kunststätten gescannt und führen die Besucher immer auf dem kürzesten Weg entweder zu Fuß oder motorisiert ans Ziel.

Eine Mixtur aus Drache, Einhorn und Wal

Die Route will die ganze Bandbreite der Kunststadt Basel abbilden. Deswegen verbindet sie nicht nur Klassiker wie das tausend Jahre alte Münster mit seinen bunten burgundischen Dachziegeln oder das Rathaus mit seiner farbenfrohen Fassadenmalerei miteinander, sondern auch ungewöhnliche Orte wie ein monumentales Graffito der Schweizer Street-Art-Künstlerin Tika oder das Gebäude einer alten Brauerei, deren Turm für seine em­blematische Außentreppe gerühmt wird. Man wird zur Rheinpromenade geführt, die selbst ein Gesamtkunstwerk ist, und zum Baloise Park, in dem nicht nur Banken und Versicherungen ihren Sitz haben. Hier wird zwischen dem ganzen Geld auch Kunst gezeigt, derzeit eine Ausstellung mit Werken des Bildhauers Thomas Schütte. Vor den Konzernzentralen hat er die patinierte Bronzefigur eines riesenhaften Fabeltiers aufgestellt, einer gutmütigen Mixtur aus Drache, Einhorn, Elch, Wal und Seelöwe, die unentwegt aus ihren Nüstern schnaubt. Und irgendwann steht man vor dem Läckerli Huus, in dem die berühmteste Baseler Süßspeise ihren Ursprung hat, ein Lebkuchengebäck, wahlweise mit den Aromen von Kakao, Trüffeln, Zitrone, Birne, Apfel, Zimt, Nelken oder schweizerischem Gin. Das nennt man wohl erweiterten Kunstbegriff auf Schwyzerdütsch.

Tausendjähriger Stolz der Stadt: das Baseler Münster mit dem Viertel St. Alban.
Tausendjähriger Stolz der Stadt: das Baseler Münster mit dem Viertel St. Alban. Bild: Fabian Fiechter

Wie viel Raum Basel der Kunst auch sonst im öffentlichen Raum einräumt, wird den Kunstwanderern am Tinguely-Brunnen vor dem Stadttheater bewusst. Die kinetischen Werke Jean Tinguelys können sich hier verschwenderisch ausbreiten und als drehende, rotierende, nickende, wippende, sprühende Maschinen und Medusenhäupter aus Speichenrädern, Duschköpfen und Eisengittern wie lustige Lebewesen ihren Schabernack treiben. Gleich daneben hat Richard Serra vier monumentale, elliptisch geschwungene, leicht geneigte Eisenplatten zu einer begehbaren Skulptur angeordnet, die mit ihrer zarten Massivität und tonnenschweren Leichtigkeit auf eine ganz andere Weise als Tinguelys Apparaturen mit der Schwerkraft spielt.

Konspiration der besonders raffinierten Art

Das Kunstprojekt soll nach dem Willen seiner Initiatoren kontinuierlich wachsen, auch jenseits der Staatsgrenzen. So will man bald das Vitra Museum in Weil am Rhein mit ins Boot holen, zu dem man von der Fondation Beyeler aus auf einem Kunstweg voller Skulpturen von Tobias Rehberger wandern kann. Dass hingegen das Baseler Kunstmuseum zur Kerntruppe des Kunstprojektes gehört, versteht sich von selbst. Schließlich hat es schon immer Vorarbeit geleistet und kann für sich den Titel des ältesten Kunstmuseums der Welt reklamieren. Im Jahr 1661 wurde es von einem Ratsherrn mit einem Faible für Porträtmalerei gegründet und wuchs in fast vier Jahrhunderten zur größten Kunstsammlung der Schweiz heran – ein unermesslicher Schatz allein aus viertausend Gemälden von Holbein und Cranach über Rubens und Rembrandt bis zu den berühmtesten Impressionisten. Für die klassische Moderne ist ein Erweiterungsbau errichtet worden, während die zeitgenössische Kunst in einem dritten Haus ein paar Hundert Meter weiter Richtung Rhein ihr Zuhause gefunden hat. Es ist nicht nur das älteste Museum Europas für Gegenwartskunst, sondern zeigt auch mit seiner Lage, wie feinsinnig der Kunstverstand der Baseler ist. Denn ausgerechnet die zeitgenössischen Werke haben sie zwischen lauter verwinkelten Fachwerkhäusern und krummen Kopfsteinpflastergassen in einem der ältesten Baseler Quartiere untergebracht. Das ist Konspiration der besonders raffinierten Art.

Der Höhepunkt der Route wird aber – mit oder ohne Olafur Eliassons Lebenskunst – immer die Fondation Beyeler bleiben. Dafür ist allein der Bau von Renzo Piano und deren Lage inmitten eines herrlichen Parks am Fuß der Baseler Rebengärten zu schön. Dort soll man sich, so wünschen es sich die Initiatoren des Kunstprojekts, inmitten lauter Skulpturen von Auguste Rodin mit dem Picknick-Korb niederlassen, der im Preis des Pauschalarrangements inbegriffen ist und vom Museumsrestaurant ausgegeben wird. Er ist mit Salametti, Auberginen-Püree, Obstsalat, Nuss-Baguette und Spargel in Rhabarber-Erdbeer-Sauce gefüllt, kann auch in einer vegetarischen und veganen Variante bestellt und mit einer Flasche Spätburgunder von den Rebengärten gleich hinter dem Park ergänzt werden. Sie ist zwar nicht im Arrangement inbegriffen, aber die Feierlaune nach dieser Tour rechtfertigt jede Extra-Ausgabe.

Das „Arts & Culture“-Arrangement umfasst eine Übernachtung mit Frühstück in den vier teilnehmenden Hotels, die Eintrittskarten in das Kunstmuseum und die Fondation Beyeler, jeweils zehn Prozent Rabatt auf alle Artikel im Museumsshop und die aktuellen Ausstellungskataloge der Fondation, einen Picknick-Korb für zwei Personen und die Basel Card, mit der man unter anderem den öffentlichen Nahverkehr in der Stadt nutzen kann. Das Paket kostet im Hotel Krafft Basel (www.krafftbasel.ch) und im Hotel Der Teufelhof (www.teufelhof.com) jeweils ab 433 Franken, im Volkshaus Basel ab 493 Franken (www.volkshaus-basel.ch) und im Grand Hotel Les Trois Rois ab 790 Franken (www.lestroisrois.com/de).

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Strobel y Serra, Jakob (str.)
Jakob Strobel y Serra
stellvertretender Leiter des Feuilletons.
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