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Das fragile Paradies

Von ANDREA DIENER
Video: Andrea Diener

05.06.2019 · Die Malediven liegen mitten im Indischen Ozean – und bekommen die Auswirkungen des Klimawandels zu spüren wie kaum ein Land sonst.

D ie Lage lässt sich ungefähr so zusammenfassen: Wenn das Wasser noch zwei Grad wärmer wird, bekommen die Korallen ein Problem. Wenn das Wasser um einen Meter ansteigt, bekommen die Malediven ein Problem. Schade wäre es um die knapp zwölfhundert paradiesisch grünen Inseln, von denen 220 bewohnt und 144 für touristische Zwecke entwickelt sind. Und um die Korallen wäre es erst recht schade, denn sie bilden die Basis eines komplexen ökologischen Systems und sind die Kinderstube für viele Meeresfische.

Diese Lage erkennt man noch nicht, wenn man am Flughafen der Hauptinsel Malé aus der Maschine ausgestiegen ist, in die zuverlässig scheinende Sonne blinzelt und danach mit dem Wasserflugzeug der Trans Maldivian Airways von einer Startbahn abhebt, die aussieht wie ein Hafenbecken und wahrscheinlich auch eines ist. Pilot und Kopilot tragen Flip-Flops, allerhöchstens, gerne fliegen sie auch barfuß, dazu dunkelblaue Bermuda-Shorts und ein geradezu förmliches weißes Kurzarmhemd mit Rangabzeichen auf der Schulter. Ein dritter Mann kümmert sich um das Gepäck, das auf einem Regal im hinteren Teil des Flugzeugs festgezurrt wird, und außerdem um die Tür und um die Sicherheit. Letzteres bedeutet, dass er einem eine laminierte Karte hinhält, die man sich durchlesen kann oder auch nicht, und auf den Gurt deutet. Das mit dem Gurt ist nicht ganz unwichtig, denn wenn so ein kleines Wasserflugzeug mit ganzen zwanzig Sitzen durch eine Wolke fliegt, rüttelt es einen ordentlich durch. Dafür hat man von oben den besten Blick auf die Inselchen und die Atolle, die ringförmigen Riffe, die sich himmelblau bis tieftürkis um dunkelgrün bewucherte Landflecken ringeln, die von grellweißen Stränden gesäumt werden. Schon aus der Luft sind die Farben beeindruckend. Es gibt hier so viele Atolle, dass es das maledivische Wort dafür, nämlich „Atoll“, in die deutsche und englische Sprache geschafft hat. Genaugenommen sind die Malediven der einzige Staat der Welt, der ausschließlich aus Atollen besteht. Atolle haben eine meist winzige Landfläche und ragen kaum aus dem Wasser, der höchste geographische Punkt der Malediven liegt bei etwa zweieinhalb Metern. Die größte Bevölkerungsdichte erreicht die Hauptstadt Malé, dort drängen sich etwa 150000 Menschen auf 6,1 Quadratkilometern.

Die weiter entfernten Inseln erreicht man nur mit dem Wasserflugzeug. Foto: Andrea Diener

Die exklusivsten Resorts sind die, die am weitesten von der Hauptinsel entfernt sind, und die erreicht man nicht mehr mit dem Schnellboot. Der Inselstaat erstreckt sich nämlich über 871 Kilometer. Man entkommt dem Gewimmel der Hauptinsel dank der barfüßigen Piloten, die nach einer halben Stunde am Four Seasons Resort landen und wiederum zehn Minuten später mit den Kufen an unserem Ziel, dem Resort Amilla Fushi, aufsetzten. Der dritte Mann klappt bei noch laufenden Propellern die Tür auf, bindet das Flugzeug an einer schwimmenden Plattform fest, wuchtet unsere Koffer heraus, und da stehen wir, mitten im Indischen Ozean, weit weg von Malé. Rundherum nur Blau in verschiedenen Schattierungen, das Wasser heute ungefähr bleigrau und der Himmel etwas verhangen. Doch die Luft ist dampfbadwarm, und wenn es regnet, dann regnet es in angenehmer Duschtemperatur.

Unsere Insel, auf die wir gleich per Boot übersetzen werden, ist Teil des Biosphärenreservates Baa-Atoll, das in Wirklichkeit sehr viel komplizierter heißt, nämlich Maalhosmadulu Dhekunuburi. Ein Dutzend Inseln werden von Einheimischen bewohnt, man erkennt sie von oben an der einfachen Bebauung mit Blechdächern. Dazu kommt ein weiteres Dutzend Hotelinseln, die sich hier seit etwa zwanzig Jahren ansiedeln. Fast allen eigen sind die typischen Holzstege, an denen sich die ins Wasser gebauten Villen reihen.

Eine Kette Atolle im Indischen Ozean: Die meisten Inselchen schauen nur knapp aus dem Meer heraus. Foto: Andrea Diener

Man kann auf den Malediven wirklich überhaupt nichts machen, dabei wird es einem interessanterweise dennoch nie langweilig. Auf Amilla Fushi gibt es immerhin eine ganze Menge Restaurants, die man durchprobieren kann: Italienisch im „Barolo Grill“, mit Salat- und Dessertbuffet im „Emperor Beach Club“, panasiatisch im „Wok“, fischlastig im „Fish & Chips“. Im „Feeling Koi“, dem feinen japansichen Restaurant, ist gerade ein Gastkoch aus Hokkaido am Werk und hat ein Degustationsmenü zusammengestellt. Außerdem gibt es an der Bar mehr Sorten Gin aus aller Welt, als man auch als ambitioniertester Trinker in einer Woche verkosten kann. Zwischendurch wälzt man sich vom Restaurantstuhl auf die Pool-Liege und wieder zurück, was man auf Amilla Fushi charmanterweise mit den Fahrrädern tut, die vor jeder der großzügigen weißen Villen stehen. Villen übrigens, die im Gegensatz zu den meisten anderen Resorts nicht im Strohdach-Bambus-Look daherkommen, um sich an eine einheimische Architektur anzubiedern, die es so nicht mehr gibt, sondern klar und weiß und kubisch über dem sehr blauen Meer schweben. Auf der Terrasse stehen Liegen, dort kann man ordentlich was weglesen. Innerhalb der ersten beiden Tage ist außerdem eine Massage inklusive, bei der einem die Economyclass aus den Gliedern massiert wird.

Die Malediven gelten als Strandparadies der feineren Art und als Traumziel für die Flitterwochen. Beides ist nicht ganz unberechtigt. Mitten im Ozean hat man nun wirklich seine Ruhe, die Anreise ist – siehe oben – nicht ganz unkompliziert, und die Temperaturen bewegen sich nicht sonderlich weit von der Dreißig-Grad-Marke weg. Doch im Gegensatz zu anderen Tropenparadiesen, etwa der Karibik, bekommt man auch Essen, das nicht gerade aus der Friteuse gezogen wurde, und das Publikum ist angenehm durchmischt. Man hört etliche europäische Sprachen, sieht Gäste aus Indien, Asien, dem arabischen Raum. Bedient werden sie von Personal aus Europa, Indien, dem asiatischen Raum. Die eine Seite vereint in der Absicht, möglichst freundlichen Service zu bieten, die andere in der Absicht, sich in den verbleibenden Tagen so weit wie möglich zu erholen. Die Voraussetzungen für maximal friedliche Stimmung sind also gegeben, und das Insel-Internet ist auch angenehm unzuverlässig. Die Arbeitsmails müssen warten, aber wir haben ja Bücher eingepackt.

Ein Traum wie aus dem Katalog: Hängematte am niemals überlaufenen Strand von Amilla Fushi. Foto: Andrea Diener
Das Resort kommt ohne Hüttenkitsch aus. Am Meer reihen sich die puristischen weißen Bungalows.

Eine der Personen, die uns vom Müßiggang ablenken, ist Fabien, der französische Meeresbiologe von der Tauchbasis. Er nimmt uns mit zum Schnorchelausflug, versammelt das Grüppchen aber zunächst auf dem Oberdeck des Bootes, um uns ein paar der Arten vorzustellen, die wir antreffen können. Die Karettschildkröte zum Beispiel, und ihre kleine Schwester, die Grüne Meeresschildkröte, die im Deutschen auch den wenig schmeichelhaften Beinamen „Suppenschildkröte“ trägt. Beide werden wir später auch antreffen. Vor den kleinen, harmlosen Riffhaien sollen wir bloß keine Angst haben, wir fielen nicht in ihr Beuteschema. Das Schlimmste, was uns passieren könne, seien Drückerfische, die ihr Revier verteidigen und zubeißen, in etwa so hart wie ein Hühnerschnabel. Die elegant vorbeischwebenden Mantarochen sind an diesem Tag leider woanders zugange, dafür hören wir unter Wasser die Delphine quieken. Und sehen viele kleine, bunte Fische, größere Drückerfische und riesige Schwärme. Ab und zu wedelt etwas Schuppiges am Bein vorbei, meistens ist es bunt und friedlich. Und da liegt man im warmen Wasser, blickt friedlich hinunter auf die vielgestaltigen Lebenwesen, die man nur aus dem Zoo kennt, und kann sich kaum sattsehen an ihren Farben und Formen.

Und leider sehen wir auch die Reste der Korallen. Wer bisher noch nie geschnorchelt ist, der ist immer noch überwältigt von der Vielfalt. Aber wer einmal einen dieser Unterwassergärten in voller Pracht gesehen hat, die knallroten, giftgrünen, grellvioletten Ärmchen, die pilzartigen Strukturen, dazwischen die in der Strömung wehenden Tentakel der Seeanemonen, der ist erschüttert, was die weltweite Korallenbleiche von 2016 von den Riffen übrig gelassen hat.

Ein Foto aus früheren Zeiten: So bunt ist die Wasserwelt seit der Bleiche leider nicht mehr. Foto: Picture Alliance

Korallen sind ziemliche Spezialisten; sie leben in einer engen Symbiose mit winzigen, einzelligen Algen, sogenannten Zooxanthellen. Die Korallen atmen Kohlendioxid aus, mit dem die Algen Photosynthese betreiben. Dabei produzieren sie Sauerstoff und Glucose, von denen wiederum sich die Koralle ernährt. Die Zooxanthellen geben der Koralle auch ihre Farbe und bestimmen ihre Wuchsform. Steigt die Wassertemperatur auf mehr als dreißig Grad an, wie das leider immer häufiger geschieht, geraten die Algen in Stress und stoßen Giftstoffe aus, was wiederum die Koralle dazu bringt, ihre Untermieter schleunigst abzustoßen. Zurück bleibt das weiße Skelett der nun versorgungslosen Koralle. Wenn das Wasser sich nicht innerhalb weniger Wochen abkühlt und die Koralle wieder neu besiedelt wird, stirbt sie. Korallenriffe wachsen zum Glück wieder nach. In zehn oder fünfzehn Jahren kann sich ein Riff regenerieren – doch was, wenn es die Gelegenheit dazu nicht bekommt? Derzeit deutet alles darauf hin, dass sich das Meer immer häufiger kritisch erwärmt, dazu kommen weitere Stressfaktoren wie Überfischung oder Giftstoffe. Auch die Sonnenmilch auf unserer Haut bekommt den Korallen nicht, weshalb eigens rifffreundliches Sonnenspray in unserem Bungalow steht, damit zumindest das Hausriff nicht gestresst wird. Und je wärmer das Wasser ist, desto unfruchtbarer sind die überlebenden Korallen.

Ein Schwarm Halsband-Falterfische. Viele Meeresbewohner nutzen die Korallengärten als Kinderstube. Foto: Picture Alliance

Den Tourismus auf den Malediven zu verbieten ist auch keine Lösung, denn wovon soll der Inselstaat mit seinen knapp 350000 Einwohnern dann leben? Derzeit sind es außerdem vor allem die Resorts, die sich – notwendigerweise – um die Korallen kümmern, denn die Unterwasserwelt zieht nicht wenige Besucher an. Die Riffe sind das Kapital der Hotels, einige haben daher Korallen-Nachzuchtprojekte gestartet. Auf unserer Amilla-Insel habe ich in einer Woche kein Einwegplastik gesehen. Es sei gar nicht so leicht, sagt der General Manager, Lieferanten davon zu überzeugen, Kunststoff-Umverpackungen wegzulassen. Die Resorts stellen auch Meeresbiologen wie Fabien an, der nicht nur Spaßschnorchler wie uns auf das Delphinquieken hinweist, das wir ohne ihn nicht identifiziert hätten. Er steht auch abends am Steg und zählt die dort versammelten Schwarzspitzen-Riffhaibabys, die an einem Schwärmchen winziger Fische das Einkreisen und Zuschnappen üben, trägt die Zahl in eine Liste ein und leitet die Daten an seine Universität weiter. Würde er nicht vom Hotel bezahlt, fehlte den Universitäten sein Datenmaterial.

Video: F.A.Z.

Die Frage ist also, wie der Tourismus auf den Malediven künftig aussehen soll, wenn er sich schon nicht vermeiden lässt. Massen-Spaßresorts wird es im Baa-Atoll auf absehbare Zeit wohl nicht geben. Dafür spricht auch der jüngste Regierungswechsel, der die Malediven nach einigen Unruhen endlich von einem autoritären Herrscher befreite. Dieser nun abgewählte Abdullah Yameen ließ politische Gegener inhaftieren, setzte auf rücksichtslose wirtschaftliche Entwicklung – gerne auch in die eigenen Taschen, so wirft man ihm vor – und wollte den Massentourismus fördern. Mit diesem rigorosen Vorgehen machte er sich im eigenen Land unbeliebt. Und nach dem überraschenden Wahlausgang im vergangenen September kommt es dazu nun nicht mehr.

Gleich vor der Terrasse liegt das Hausriff. Die Malediven müssen sich nun überlegen, welche Art von Tourismus sie künftig fördern, um das Meer zu schonen. Foto: Andrea Diener

Die linksliberale Opposition, die sich bisher eher durch die Förderung eines sanften Tourismus hervorgetan und sich stark für Maßnahmen gegen den Klimawandel eingesetzt hat, gewann überraschend die Präsidentschaftswahl. Seitdem schaffte sie das von Yameen eingeführte Präsidialsystem wieder ab, holte den früheren demokratischen Präsidenten Mohamed Nasheed aus seinem britischen Exil und hielt Parlamentswahlen ab, die sie mit eindeutiger Zweidrittelmehrheit gewann, wobei es, so bestätigen Wahlbeobachter, mit ziemlich rechten Dingen zuging. Zumindest über Wasser erholt sich das Land also.

Und unter Wasser? Momentan sehe es noch ganz gut aus, sagt Fabien. Das Meer ist noch nicht zu warm. Und ob ich diese bläulich schimmernden Knubbel am Riff gesehen hätte? Daraus wüchsen neue Korallen. In fünf bis zehn Jahren sehen sie wieder so aus, wie Korallen auszusehen haben – wenn im nächsten Jahrzehnt keine weitere Bleiche dazwischenkommt.

Das Resort: Eine Woche kostet auf Amilla Fushi in einer Ocean-Reef-Villa mit privatem Pool, Halbpension und Transfer ab/bis Malé 3570 Euro p.P. (Nebensaison bis November, ab Dezember verdreifacht sich dann der Preis). Informationen unter www.amilla.mv. Der Flug nach Malé mit Condor direkt ab/bis Frankfurt kostet ab 1000 Euro. Arrangements und Beratung bietet der Malediven-Spezialist Strohbeck Reisen unter Telefon 0711/9334280, www.strohbeckreisen.de.
Quelle: F.A.Z.