Südafrika

Papa kommt mit

Von Isabel Wirtz
Aktualisiert am 14.07.2019
 - 18:04
Wir sind uns sicher, er hätte es so gewollt: Ein letzter weiter Familienbesuch mit dem Vater.
Obwohl er schwer dement ist, reist eine Tochter noch einmal mit dem Vater um den halben Globus – zum Glück!

Mein Vater war immer gerne unterwegs. Auch mich hat er ein paar Mal mitgenommen. Einmal sind wir einen Monat lang mit dem Auto durch Neuseeland gereist. Er, der Schlossermeister, der kein Wort Englisch sprach und gerade in Rente gegangen war. Und ich, die frisch diplomierte Literaturwissenschaftlerin auf der Suche nach ihrem weiteren Leben. „Warum bekomme ich nur kein Heimweh?“, fragte er mich eines Abends. Er klang ehrlich verwundert. Trotz des Altersunterschieds war er ein angenehmer Reisegefährte: Ohne große Ansprüche und mit der Gabe zur kindlichen Verwunderung.

Jetzt sitzen wir wieder zusammen am Flughafen. Mein Vater hat die F.A.Z. aufgeschlagen. Er blickt schon seit einiger Zeit konzentriert auf einen Artikel über die Haushaltsdebatte im Bundestag. Angela Merkel steht Kopf. Mein Vater hält die Zeitung verkehrt herum. Er merkt es nicht. Ob er wohl weiß, dass wir noch einmal zusammen auf Reisen gehen?

„Nehmen Sie Ihren Vater ruhig mit nach Südafrika“, hat die Altenheimleitung geraten. „Wer weiß, wie viel Zeit Ihnen noch zusammen bleibt.“ Heute Mittag habe ich ihn abgeholt. In seinem Zimmer zeige ich ihm sein Reisegepäck: einen schicken Schalenkoffer auf vier Rollen. Er schiebt ihn wie ein Spielzeugauto hin und her. Im Auto auf dem Weg zum Flughafen ist er hellwach. Er blickt in die Winterlandschaft und redet fast ununterbrochen. Über einen Nachbarn aus dem Dorf, in dem er sein ganzes Leben gelebt hat, die Chorprobe nächste Woche und dass er echt nicht weiß, wie er die Sache mit Margarete regeln soll. Ich habe keine Ahnung, worum es geht und nicke zustimmend: „Ja, du, das bekommen wir schon irgendwie hin.“

Diagnose Parkinson

Seit mehr als einem Jahr plane ich, mit meiner Familie für drei Monate in Kapstadt zu leben. Immer wieder haben wir hin und her überlegt, ob wir unseren Vater für ein paar Wochen mitnehmen können. Meine beiden Schwestern leben seit gut zehn Jahren am Kap. Mehrmals war ich mit unserem Vater bei ihnen zu Besuch. Das letzte Mal vor drei Jahren. Da hatte er bereits die Diagnose Parkinson, war aber noch fit. Inzwischen lebt er seit einem halben Jahr in einem Pflegeheim. Er ist 82 Jahre alt und neben Parkinson leidet er unter einer schnell fortschreitenden Demenz.

Drei Monate vor Reisebeginn haben wir unseren Entschluss gefasst: Papa kommt mit. Wir wollen noch einmal einen Monat lang Zeit mit unserem Vater und Opa verbringen. Ab dem Moment verschließen wir die Ohren vor allen Bedenkenträgern. Ihn selbst können wir nicht mehr fragen. Doch wir glauben, unseren Vater gut genug zu kennen, um uns trotz aller Risiken für die Reise zu entscheiden.

Ich beantrage einen neuen Reisepass für ihn und buche unseren Flug. Meine Familie fliegt vor. Ich werde einen Tag später mit meinem Vater nachfliegen.

Am Tag der Reise komme ich mir vor wie seine Komplizin. Abgehauen aus dem Altenheim. Noch einmal raus auf die Straße und ins Leben. Ich bin euphorisch und berauscht von meinem eigenen Mut. Zusammen essen wir vor dem Abflug ein Sandwich. Einmal im Flugzeug, schläft mein Vater innerhalb weniger Minuten auf seinem Fensterplatz ein.

Bei unserer Ankunft in Kapstadt am nächsten Morgen spüre ich die Blicke der Mitreisenden. Mein Vater sitzt zusammengesunken in einem Flughafenrollstuhl, seine Beine versagen den Dienst nach einer Nacht steif sitzen. Ohne große Worte lassen unsere Mitreisenden uns an der langen Schlange vor der Passkontrolle vorbeiziehen, um gleich zum Schalter zu gelangen. Mehrmals werde ich angesprochen, ob man irgendetwas für uns tun könne.

Die Sonne scheint in unsere Gesichter, als wir das Flughafengebäude verlassen. Papa wird wahrscheinlich nicht wissen, dass er in Südafrika ist. Aber er spürt die afrikanische Sonne. Und die Umarmungen seiner beiden anderen Töchter. Er hört wenig später im Haus die unterschiedlichen Stimmen seiner sieben Enkelkinder. Er sieht die Katze Jade, die dreist über den großen Holztisch spaziert und ihren Kopf in halbvolle Wassergläser steckt. Er schmeckt die weiche, süße Milktaart, eine südafrikanische Spezialität, die es zum Willkommenskaffee gibt. Papa isst sein Stück bis auf den letzten Krümel auf.

Gute und weniger gute Tage

In den kommenden vier Wochen hat unser Vater gute und weniger gute Tage. An den guten Tagen muss er schon morgens beim Aufwachen laut lachen, und wir lachen mit, auch wenn wir keine Ahnung haben, was ihm durch den Kopf geht. Er sitzt in seinem Stuhl und lässt den Trubel der Enkelkinder an sich vorbeigleiten. Er nennt seinen Enkel „meinen großen Bären“, wenn dieser wieder einmal die Arme um seinen Hals schlingt. Er betrachtet sehr ausdauernd die Kartoffeln im Garten und räumt die Schubladen im Haus gewissenhaft ein und aus. Wenn er alle zwei Tage von mir rasiert wird, beschwert er sich lauthals, wenn ich zu hart mit dem Rasiermesser über seine Bartstoppeln fahre. An den weniger guten Tagen nimmt Papa uns kaum wahr. Er starrt vor sich hin und rührt sein Essen nur löffelweise an. Das Gehen fällt ihm schwer.

Manchmal schafft er es kaum, seine Bewegungen zu koordinieren. An diesen Tagen machen wir uns Vorwürfe. Das Zusammensein mit uns ist anstrengend. Von der Stille des Altenheims ist er in eine Art Kindergarten geraten. Wir haben ihn aus seiner vertrauten Umgebung gerissen – für jeden Demenzkranken ist das die totale Überforderung. Dennoch beschwert er sich nicht, kein einziges Mal. Nie ist er aggressiv oder wehrt sich gegen unsere Anwesenheit. Er weigert sich vielleicht zu essen oder sich die Zähne putzen zu lassen. Doch niemals zieht er seine Hand zurück, wenn wir sie ergreifen.

Wir schrauben die täglichen Aktivitäten mit unserem Vater so weit es geht zurück und wechseln uns ab in der Betreuung: Aufwecken, Tabletteneinnahme, Körperpflege. Frühstück und an guten Tagen ein kleiner Spaziergang. Mittagessen, Ruhen, Kaffeetrinken. Abendessen um halb sechs und danach ins Bett. Dazwischen viele Minuten mit nichts als Zeit: Ein kleines Gespräch ohne Antworten. Ein Lied anstimmen, wenn er gut drauf ist, mit zwei Stimmen. Über den Handrücken streicheln, nebeneinander sitzen und nach draußen auf den Tafelberg blicken. Viel Zeit auch zum Reflektieren und Erinnern.

Die letzten Jahre mit unserem Vater waren eine Aneinanderreihung von kleinen Abschieden. Abschiednehmen von dem Vater, mit dem wir groß geworden sind. Stück für Stück ist seine Welt kleiner geworden. Er hatte sich immer für vieles interessieren und begeistern können. In seiner kleinen Werkstatt setzte er zu Beginn seiner Rentenzeit wunderschöne Windspiele ineinander, die er kunstvoll bemalte. Das sprach sich schnell herum, und immer mehr Leute kamen vorbei, um bei ihm Windspiele für ihren Garten zu bestellen. Doch im Verlauf seiner Parkinsonerkrankung ließen seine Finger ihn immer mehr im Stich. Sie machten einfach nicht mehr das, was er wollte. Die vielen Nachfragen seiner Kundschaft empfand er zunehmend als Druck. Soziale Kontakte wurden zur Belastung. Oft fand er nicht die richtigen Worte. Er schämte sich, zog sich zurück. Bis er gar nicht mehr in die Werkstatt ging.

„Na, Papa, dann mach’s mal gut.“

Es wurde still um ihn. Wir sahen, wie seine alten Nachbarn und die Verwandtschaft mit sich rangen. „Wie kann das sein, dass sich ein Mensch so verändert?“ Sie wollten ihm helfen, aber wussten nicht, wie. Sie sahen einen Menschen, der fast alle seine Fähigkeiten verloren hatte. Alles was er sich im Laufe seines 80 Jahre langen Lebens angeeignet hatte. Die Brutalität der Krankheit verursachte eine große Hilflosigkeit in der Umgebung unseres Vaters.

Wir Töchter hadern schon seit einer Weile nicht mehr mit dem Schicksal unseres Vaters. Vielleicht liegt der Schlüssel in der Akzeptanz. In dem Einlassen auf die sich verändernde Person. Vielleicht hatten wir auch einfach nur Glück. Unser Vater verlor durch seine Demenz zwar viele wertvolle Fähigkeiten und Eigenschaften. Doch die Krankheit offenbarte auch eine andere, eine wunderbare Seite von ihm. Eine seiner Enkelinnen sagt es in den vier Wochen Südafrika sehr treffend: „Opa ist jetzt immer so lieb. Er schimpft gar nicht mehr so wie früher.“ Es ist wahr – seine Ungeduld, die penible Ordnungsliebe, die Hektik, die ihn ein Leben lang begleitet hat, das alles hat er abgelegt. Was bleibt, sind große Liebenswürdigkeit, Sanftheit und Verletzbarkeit, die uns alle rühren.

Nach vier Wochen reist unser Vater wieder ab. Mein Mann begleitet ihn zurück nach Deutschland. Wir verlieren beim Abschied keine großen Worte, auch um ihn so wenig wie möglich aufzuregen. „Na, Papa, dann mach’s mal gut.“

Mein Mann schickt ein Bild aus dem Flieger: Unser Vater blickt aus dem Flugzeugfenster ein letztes Mal auf Kapstadt. Wenn man das Bild genau betrachtet, könnte man meinen, er schaue genau auf den Fuß des Tafelbergs, dorthin, wo sich das Haus seiner Tochter befindet.

Drei Wochen später stirbt unser Vater an einer akuten Lungenentzündung. Wir Töchter sehen ihn ein letztes Mal, bevor wir endgültig Abschied von ihm nehmen. Ob er länger gelebt hätte, wenn er die strapaziöse Reise nicht auf sich genommen hätte? Darauf können uns auch die Ärzte keine Antwort geben. Vor Jahren sagte er einmal: „Wenn ich unterschreiben könnte, bis zum Ende aktiv und schmerzfrei zu leben, würde ich dafür gerne auf ein paar Lebensjahre verzichten.“ Wir hoffen, ihm diesen Wunsch ein Stück weit erfüllt zu haben.

Quelle: F.A.S.
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