Ausgepackt

Am heiligen Ort des Westerns

Von Freddy Langer
14.09.2021
, 06:23
Native american im Monument Valley wie in einem Western
Wie gotische Kathedralen ragen die roten Felsen des Monument Valley aus der von Wind und Wasser zerfressen Landschaft empor: Fürs Kino eine perfekte Kulisse.

Neulich war ich mal wieder im Monument Valley. Zumindest in Gedanken. Das lag an einem verregneten Wochenende, einem dieser trüben Tage, an denen es nirgendwo gemütlicher ist als auf dem Sofa vor dem Fernseher. Ich schaute Western, allein, nicht aus Prinzip, sondern weil sich niemand sonst in der Familie für das Genre erwärmen kann – von begeistern will ich gar nicht sprechen. „Der Gute trifft den Bösen, erschießt ihn und heiratet die Lehrerin. Warum soll mich das interessieren?“ So spricht der Rest der Familie – und hat damit ziemlich exakt die Handlung von „My Darling Clementine“ erfasst, den Film, den ich mir aus einem DVD-Stapel von John-Ford-Western als Ersten ausgesucht hatte. Er ist einer der schönsten Western überhaupt.

Die bekannteste Anekdote um den Regisseur John Ford ist die, dass er sich bei einem Vortag vor Studenten vorgestellt haben soll mit dem Satz: „My name is John Ford. I make westerns.“ Die berührendste jene, wonach der Schafhändler Harry Goulding aus Arizona 1939 so lange im Hollywood-Filmstudio vor John Fords Büro ausgeharrt habe, bis er vorgelassen wurde, um ihm von der Not der Navajos im Monument Valley zu erzählen und Fotos dieser verzaubernd schönen Landschaft vor ihm auszubreiten. Dort solle er drehen, empfahl er, denn dann hätte er die spektakulärste Kulisse für seine Filme, und die Navajos könnten als Statisten ein wenig Geld verdienen. John Ford schlug ein, reiste nur zehn Tage später mit einem riesigen Stab dorthin und drehte „Stagecoach“, den Film, der John Wayne zum Star gemacht hat und das Monument Valley zum Symbol für den amerikanischen Westen. Wenn der Western der Heimatfilm Amerikas ist, dann hat John Ford dem Land, „God’s Own Country“, hier sein Zuhause gegeben. Später drehte er zehn weitere Filme dort, sechs davon Western. Die Navajos dankten es ihm und benannten einen Aussichtspunkt nach ihm.

Ob John Ford mit dem Kölner Dom vertraut war, ist nicht überliefert. Für den deutschen Zuschauer jedoch werden die markanten, roten Felstürme in seinen Filmen zu gotischen Kathedralen der Natur – und damit die Wildnis als quasi religiöser Ort zum Gegenpol einer verlogenen Zivilisation. So wundert es einen auch nicht, dass in einer Broschüre zu der von Wind und Wasser zerfressenen Landschaft steht, sie sei für ihre Bewohner seit jeher von spiritueller Bedeutung gewesen. Doch als ich vor Jahr und Tag mit einer Indianerin dort unterwegs gewesen bin, wusste sie davon nichts. „Wenn es so wäre,“, sagte sie, „würden wir euch doch nicht hierherbringen.“ Dann hob sie auf der kleinen Tour mit dem Geländewagen einzelne Felsen hervor. „Schau, sieht er nicht aus wie Alfred Hitchcock von der Seite? Und dort, das ist doch eindeutig Snoopy!“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Langer, Freddy
Freddy Langer
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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