Streitende Germanen

Hermanns Kopf

EIN KOMMENTAR Von Paul Stänner
03.04.2008
, 14:00
Als die Römer frech wurden: Im Jahre 9 wurden drei Legionen am Teutoburger Wald von den Germanen in einen Hinterhalt gelockt. Über Jahrhunderte stritten die Deutschen um den Geburtsort ihrer Nation. Grund genug den 2000. Jahrestag zu feiern.
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Als die Römer frech geworden - das kennen wir noch aus Schülertagen -, zogen sie nach Deutschlands Norden und wurden dort von den Germanen in eine Falle gelockt. Im Jahre 9 nach Christus gingen drei Legionen unter Varus an den Hängen des Teutoburger Waldes verloren. Der Plan für den Hinterhalt entsprang dem Kopf Hermanns des Cheruskers, wie die deutschnationale Geschichtsschreibung den Feldherrn nannte, der von den Römern als Arminius bezeichnet wurde. Ihm war es gelungen, die zerstrittenen Germanenstämme geeint gegen das Imperium zu führen. Doch nach siegreicher Schlacht, befreit von Tribunen und Tributen, nahmen die Germanen ihre Feindseligkeiten untereinander wieder auf, und Arminius wurde von seinen eigenen Verwandten ermordet.

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Über Jahrhunderte stritten die Deutschen um den Ort, an dem die Ahnen ihre große nationale Tat vollbracht hatten. Nirgendwo fanden sich wirklich überzeugende Hinweise, bis im Sommer 1987 ein britischer Major bei Kalkriese die Stätte nationaler Erhebung präsentieren konnte - eine europäische Geste der Hilfsbereitschaft. Endlich hatten die Deutschen den Geburtsort ihrer Nation. Doch manche Kommune in der Region zeigte sich darüber enttäuscht. Nahezu siebzig Konkurrenten hatten sich Hoffnungen gemacht auf Ruhm und Ehre und touristische Einnahmen. Im vorigen Jahr musste sich die Justiz sogar mit einer anonymen Anzeige beschäftigen, die in Kalkriese bei Osnabrück das Zentrum einer raffgierigen Verschwörung wähnte. Das ist ausgestanden.

Das nächste Mal in Canossa

Jetzt aber haben sich die streitenden Germanen zu einer touristischen Allianz zusammengeschlossen, um Varus' Niederlage, deren zweitausendste Wiederkehr im kommenden Jahr gefeiert werden soll, angemessen zu würdigen. Auch in der jüngsten Varus-Schlacht geht es um die europäische Dimension. Manfred Hugo, der Landrat von Osnabrück, begrüßte unlängst Romano Prodi mit der charmanten Häme, zu seinem Bedauern empfange er den italienischen Ministerpräsidenten ausgerechnet am Ort der schlimmsten Niederlage Roms. Schlagfertig erwiderte Prodi, wenn er den Landrat nach Italien einlade, werde man sich wohl in Canossa treffen.

Hermann und Varus aber ist in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen inzwischen kaum noch zu entgehen. Drei Themen verteilen sich auf drei Standorte: Haltern am See mit dem Römermuseum zeigt das Imperium, Kalkriese mit dem Schlachtort den Konflikt, Detmold mit dem Museum den Mythos, der sich um Schlacht und nationale Romantik entwickelt hat. Auf dem Ratzeburger See wird in diesen Tagen ein nachgebautes Römerschiff auf seine Schwimmtauglichkeit überprüft, demnächst soll es mit einer mehrere Meter großen Nachgestaltung von Hermanns Kopf an Bord auf deutschen Flüssen durch die Lande reisen und für den Hermann-Tourismus werben.

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Blumenstrauß statt Schwert

Damit nicht genug der Vorbereitungen auf das Schlachtenjubiläum 2009: Herman van Veen schreibt ein Kindermusical, es gibt Germanen-Rap und Römer-Hiphop, Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ soll aufgeführt werden, und englische und niederländische Straßenkünstler wollen in Detmold Passanten unterhalten. Vielleicht werden sie ihre Einladung sogar dazu nutzen, das Schwert aus Hermanns Denkmal im Teutoburger Wald vorübergehend gegen einen Blumenstrauß auszutauschen.

Quelle: F.A.Z., 27.03.2008, Nr. 72 / Seite R1
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