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Wagnisse im Schnee (1)

Es werde Licht!

Von Jakob Strobel y Serra
Aktualisiert am 11.01.2013
 - 06:50
Die Mythologie kennt viele Erklärungen für das Nordlicht. Vielleicht langweilt sich der Himmel aber auch nur in der Polarnacht und vertreibt sich ein bisschen die Zeit.
Der Mensch braucht Vitamin D zum Überleben. Sein Körper bildet es im Kontakt mit der Sonne. Was aber macht man, wenn sie nicht eine Sekunde lang scheint, so wie im Polarwinter auf der Insel Senja in Nordnorwegen?

Als ich am Morgen nach der ersten Nacht aufwachte, fühlte ich mich, als sei alles aus und vorbei; als sei vor ein paar Stunden die Welt untergegangen, ohne dass ich es bemerkt hätte; als sei irgendwann zwischen drei und vier die Uhr des Universums einfach stehengeblieben wie ein kaputter Wecker; als irrte ich jetzt als Zombie außerhalb von Raum und Zeit durch eine Wirklichkeit, die es gar nicht mehr gibt; oder aber als sei ich in die schwarze Hölle hinabgestoßen worden, obwohl ich sie gar nicht verdiene, jedenfalls meiner Meinung nach, hallo, Sie da oben! Es war ein apokalyptisches Erwachen, denn draußen war es Tag und trotzdem so stockfinster, als sei alle Hoffnung für immer von dieser Erde gewichen. Ich fühlte mich also ein bisschen tot und beschloss, der einzig relevanten Frage auf den Grund zu gehen: Wie nur überleben die Menschen die ewige Dunkelheit der nordnorwegischen Polarnacht?

***

Tommy sagt, dass er jeden Tag Lebertran trinke wegen des Vitamins D, den normalen Kabeljautran, direkt aus der Flasche, er sei das ja gewohnt. Seine Frau und seine Kinder bekämen allerdings die Variante mit Zitronengeschmack. Dann überlegt er lange, wird dabei immer ratloser und sagt schließlich, dass er mit dem Winter eigentlich kein Problem habe, im Gegenteil. Er verbringe viel Zeit mit seiner Familie, mache mit seinem Hund Langlauf und freue sich ansonsten darauf, dass es eines Tages wieder heller werde. Er sei ohnehin kein Freund der Hitze. Dreißig Grad seien schon schwer auszuhalten, und einmal habe er einen Monat lang in Singapur arbeiten müssen, das sei ein Albtraum gewesen. Tommy sieht zwar genauso aus, wie man sich einen Bilderbuchnordnorweger vorstellt - blondes Haupthaar, blonder Vollbart, fjordwasserklare Augen -, spricht aber nicht nur von seinem Singapurer Schreckenserlebnis mit einer solchen Unaufgeregtheit und einem solchen Gleichmut, als sei er in Wahrheit kein Abkömmling des schreckensverbreitenden Nordmeervolkes der Wikinger, sondern ein Zen-Buddhist. Vielleicht ist diese innere Ruhe ja die einzig vernünftige Reaktion auf die extremen Lichtverhältnisse im hohen Norden Norwegens, auf die ewige Nacht des Winters und den unendlichen Tag des Sommers: Wenn schon die Natur manisch-depressiv ist, müssen die Menschen das genaue Gegenteil davon sein.

In seinem früheren Leben war Tommy Ingenieur in der Erdölindustrie. Dann beschloss er, eine Familie zu gründen, kehrte den Bohrinseln den Rücken und baute ein Hotel im Fischernest Mefjord auf seiner Heimatinsel Senja 350 Kilometer nördlich des Polarkreises. Jetzt ist er Mitte dreißig, zweifacher Vater und ein glücklicher Mensch, im Hellen wie im Dunkeln - wie denn auch nicht, sagt er mit einem vorsichtigen Lächeln, man müsse sich doch nur umschauen, wie herrlich es hier sei.

Lauter kleine Matterhörner

Das würde ich ja gerne, doch selbst in den drei, vier Stunden um die Mittagszeit, in denen der Himmel einen Hauch von Dämmerung zulässt und der Dunkelheit einen kurzen, trügerischen Schimmer Hoffnung beimischt, liegt Mefjord wie unter einem schmutzigen Schleier, eingewickelt in ein diffuses Grau. Zu erkennen sind eine Handvoll hübscher Holzhäuschen mit Giebeln, Erkern, Veranden und Wagenrädern als Gartenschmuck, hingetupft an einen Fjord, der sich tief in das Land schneidet, als suche er dort seinen Frieden, umstanden von Bergzacken wie von den Rängen eines Amphitheaters aus lauter kleinen Matterhörnern. Es ist eine zwanglose Mischung aus Wildnis und Idyll, Schroffheit und Sanftmut, Geborgenheit und Einsamkeit, die keine Spur von Verwahrlosung oder Verzweiflung zeigt. Deswegen wirken auch die Lichter, die Tag und Nacht in fast allen Fenstern wie schüchterne Lebenszeichen brennen, nicht melancholisch, sondern tröstlich. Menschen sieht man indes so gut wie nie in Mefjord. Vielleicht genügt den Leuten hier zu wissen, dass die anderen da sind. Und wahrscheinlich ist das Gesellschaft genug in einer Natur, die sich selbst jede Geselligkeit verbietet.

Dafür erlaubt sie sich Kapriolen. Tommy und sein Hund führen mich auf einen Hügel am Dorfrand, das sei der beste Ort, um Mefjord zu überblicken und das Nordlicht zu beobachten. Alles um uns herum ist längst wieder schwarz, schwarze Berge, schwarzes Meer, schwarzer Schnee, schwarze Häuser, eine Kulisse, scheinbar nur dafür gemacht, die Verrücktheiten des Firnaments umso effektvoller in Szene zu setzen: Von einer Sekunde auf die nächste kommt gespenstisches Leben in die Schwärze, und der Himmel führt einen Tanz aus Lichtschleiern auf, als sei er eine geisterhafte Salome, um sich dann genauso plötzlich wieder zu verdunkeln und Wimpernschläge später an anderer Stelle abermals zum Tanz zu bitten. Wie ein überirdisches Lebewesen wirkt dieses seltsame Licht, nicht wie ein physikalisches Phänomen, wie ein gigantischer, sonnengottgesandter Drache oder auch wie ein Flaschengeist, der endlich aus seiner Gefangenschaft erlöst wurde und sich nun übermütig austobt. Vielleicht ist es ja auch ganz simpel der flackernde Beweis für die Existenz höheren Lebens.

Die Mythologie des hohen Nordens kennt tausend Erklärungen für das Nordlicht. Die Seelen der Verstorbenen zeigten sich in ihm, die den Lebenden Mut in der Finsternis zusprächen. Der Funkenschlag des ewigen Kampfgetümmels ruheloser Krieger sei es oder sogar die Brücke zwischen Himmel und Erde. Tommy zuckt nur mit den Achseln und meint, er wisse davon nicht viel, und außerdem sei das Nordlicht für die Menschen hier oben so alltäglich, dass sie es überhaupt nicht beachteten. Er erinnere sich allerdings daran, dass man ihm früher gesagt habe, das Nordlicht hole sich die Kinder, die es ärgerten, indem sie mit Tüchern nach ihm wedelten. Tommy hat sich offenkundig an die Mahnung gehalten, und ich denke mir - den Kopf im Nacken und gar nicht mehr nachkommend mit meinen Wünschen bei all den Sternschnuppen, die dem Nordlicht assistieren -, dass die Erklärung wahrscheinlich viel banaler ist: Der Himmel, der hier monatelang nichts als die Farbe Schwarz mit ein paar Schlieren Grau kennt, langweilt sich fürchterlich und vertreibt sich mit den Lichtertänzen die Zeit bis zum Frühling.

Ein nordischer King Kong

Leif erzähle ich lieber nichts von meinen ketzerischen Gedanken, denn Mythologie ist Leifs Leben. „Ich bin der Troll-Mann“, sagt der Herr der Fabelwesen, der mit seiner grau wallenden Mähne und dem scharf geschnittenen Gesicht wie ein direkter Nachfahre von Leif Eriksson aussieht, sich allerdings friedfertigeren Dingen als Morden und Brandschatzen widmet. Unser Leif, der jahrelang als Bühnenbildner in Oslo gearbeitet hat, ist der Schöpfer des größten Trolls der Erde, amtlich beglaubigt vom Guinness-Buch der Rekorde, eines Achtzehn-Meter-Kolosses aus Zement und Polyester mit gigantischer Gurkennase, der in Finnsæter ein paar Kilometer südlich von Mefjord breitbeinig über der Landschaft thront wie ein nordischer King Kong. Seit einem Vierteljahrhundert werkelt Leif an seinem Monstertroll, der inzwischen eine Frau, sechs Kinder und einen unermüdlich weiterwachsenden Hofstaat aus lauter Zaubergeschöpfen hat.

Trolle können zaubern, und so öffnet Leifs Weltrekordgurkennasenmann simsalabim eine kleine Pforte und lässt uns in seine Ali-Baba-Höhle hinein. Sie besteht aus zwei imposanten Etagen inklusive Versammlungsraum des Trollparlaments, in dem eine Band namens „Trolling Stones“ im Sommer Trolllieder zum Besten gibt, und Dutzenden von Grotten, in denen Leif Trollsagen lebensecht nachgebaut hat. Zu sehen ist die schöne, böse Hulda, die mit ihrem Sirenengesang Männer in den Wald lockt, um sie nie wieder freizugeben. In einer anderen Grotte wird der giftrote Trolltrank aus Madenbrei, Schleimfisch, Seeigel und Tang zusammengebraut, der tausend Trolljahre lang gärt.

Dämon aus dem Totenreich

Und eine Höhle weiter segelt der schreckliche Draugen mit seinem halben Boot übers Meer, ein entsetzlich entstellter Ertrunkener, der sich an den Lebenden rächen und sie in sein Totenreich hinabziehen will. Sieht oder hört man ihn, bedeutet das Unheil, mindestens einen bevorstehenden Todesfall. Deswegen fürchten die Fischer auf Senja nichts so sehr wie den Draugen, der besonders gerne in der Dunkelheit des Winters seinen Opfern auflauert.

Ob auch er sich in der Winterfinsternis fürchte, frage ich Leif, und überhaupt, wie könne er, der Bühnenbildner, fast ohne Licht in Senja überleben, ohne den Verstand zu verlieren. Ich schaue Leif erwartungsvoll an. Er aber starrt zurück, als sei er es, der sich ernsthafte Sorgen um meinen Verstand machen müsse, und sagt dann mit dieser unerschütterlichen Nordpolarkreislakonie, dass es eben sei, wie es sei. Er persönlich möge den Winter sowieso lieber als den Sommer, da wimmele es hier von Menschen, 60000 kämen in jeder Saison und raubten ihm jede Zeit, um neue Trolle zu machen, und das mache er doch am liebsten. Dann verschwindet er in seiner Werkstatt und lässt mich beschämt in der Dämmerung zurück. Denn Leif hat mir gerade gezeigt, dass Glück kein Licht braucht, sondern nur Leidenschaft.

Nach dem Freigang zurück ins finstere Verlies

Es ist noch nicht einmal zwei Uhr nachmittags, und die Andeutung von Tageslicht, dieses müde, schwermütige Grau, dämmert schon wieder weg, um mich mit dem Gefühl alleinzulassen, dass nicht nur dieser Tag, sondern das ganze Leben viel zu kurz sei. Immerhin erlaubt das schwindsüchtige Licht einen letzten Blick auf Senja, auf Berge, Fjorde, Wiesen, Hochtäler, auf Stein, Gras, Meer, Blau, Grün, Braun, nichts sonst. Es ist ein sparsames Repertoire, eine Landschaft ohne Firlefanz, die genau deswegen etwas Ernsthaftes, Endgültiges, ja Erhabenes hat - eine Welt, in der die Elemente Frieden miteinander geschlossen haben und das Wasser mit seinen tiefen Fjorden dem Land nicht nur die Hand reicht, sondern sie in dessen Schoß legt. Selbst der Wind, dieses höllische Kind, der die Häuser rüttelt und schüttelt, dass man fast vom Sofa fällt, kann dieser Insel nichts mehr anhaben. Er ist nur jaulendes Aufbegehren, das am Gleichmut der Berge und Buchten abprallt.

Ich steige aus dem Auto, stelle mich in den Wind wie eine Möwe im Sturm, und begreife zum ersten Mal, warum so viele Menschen von Norwegen schwärmen, von der Ruhe, die in der Natur liege, von der Unverrückbarkeit, die einem selbst inneren Frieden schenke, von der Eintracht der Elemente, der keine Brandung und kein Schicksalssturm etwas anhaben könne. Doch eines verstehe ich immer noch nicht: den Reiz der Dunkelheit, die jetzt schon wieder Senja verschlingt und mich nach ein paar kurzen Stunden Freigang zurück in ein finsteres Verlies sperrt.

Alle Miniaturmichelinmännchen lieben den Winter

Lena wartet an einer Straßenkreuzung auf mich und sagt: „Ach was, auch in der Dunkelheit kann man fröhlich sein, ich beweise es dir.“ Ich schaue zum Mond hinauf, der fahl und freudlos wie eine Dreißig-Watt-Funzel am Firmament klebt, und sage: „Ach ja?“ Wir fahren auf ihre Heimatinsel Husøy, einen Felsbrocken mit einer Handvoll Häusern darauf, Heimat von dreihundert unerschrockenen Menschen und bei weitem nicht nur Alten, die zu klapprig sind, um von diesem Steinbuckel im nordischen Meer herunterzukommen. Lena, die Kongresse organisiert, Tourismuswerbung betreibt und tausend andere Dinge tut, bringt mich zu ihrer alten Schule, in der sie so enthusiastisch begrüßt wird wie die verlorene Tochter, während draußen die dick als Miniaturmichelinmännchen eingemummten Kindergartenkinder mit selbstgebastelten Laternen Santa Lucia begrüßen, die Heilige des Lichts. Ist das eine Verzweiflungstat oder frühkindlicher Sarkasmus? Ich frage die Rasselbande, welche Jahreszeit besser sei, der Winter oder der Sommer. Zum Glück habe ich nicht mit Lena gewettet, denn wie aus einer Kehle schallt es quietschfidel im Chor: „Der Winter natürlich, weil man da im Schnee toben kann.“

Der Winter sei wirklich nicht schlimm, sagt Lena, sie gehe einmal pro Woche ins Solarium und mache einmal in der kalten Jahreszeit Urlaub im Süden - der Süden ist für sie Hemsedal, ein berühmter norwegischer Wintersportort, 60 Grad nördliche Breite, Pistentemperaturen bis zu dreißig Grad unter null und dazu ein Wind, der Gesichter zersägt. Knut, ihr alter Lehrer, herzt sie, lacht und sagt, er fahre lieber in die Türkei oder auf die Kanaren, aber recht habe die Lena schon, der Winter sei herrlich, allein schon, weil es dann jeden Tag frischen Kabeljau gebe, den er direkt vom Boot kaufe. Und seine Schüler verdienten sich während der winterlichen Fangsaison ein schönes Taschengeld, indem sie die Kabeljauköpfe im Hafen von Husøy einsammelten und die Zungen herausschnitten, um die sich alle Feinschmecker in Norwegen rissen.

Kulturbolschewismus der übelsten Sorte

Endlich erkenne ich in einem Nordnorweger einen Bruder im Geiste: Komm in meine Arme, Knut, fangfrischer Kabeljau ist wirklich ein Gottesgeschenk, dazu ein eleganter Sancerre, und das Leben ist selbst in ewiger Dunkelheit erträglich! Doch Knut schaut mich kopfschüttelnd an und meint nur, er trinke prinzipiell Wasser zum Kabeljau. Wein gebe es auf der ganzen Insel Senja - immerhin der zweitgrößten Norwegens - nicht zu kaufen, nur Bier, doch das trinke er höchstens am Wochenende. Was für ein rätselhaftes Volk diese Nordnorweger doch sind! Überall sonst, wo Menschen in der Finsternis leben müssen, wird zur Seelentröstung getrunken, bis die Lichter ausgehen, am schwermütigsten in Finnland, natürlich auch in Grönland, in Sibirien sowieso, und von den Inuit reden wird lieber nicht. Die Norweger aber trinken Wasser, weil sie offensichtlich keine Melancholie zu ertränken haben, o glückliche Einfalt, und treiben lieber Sport wie von Sinnen, um dann bei Olympischen Winterspielen mehr Medaillen pro Einwohner abzuräumen als jedes andere Land der Erde. Trotzdem, ich bleibe dabei: Fisch ohne Wein ist, um mit dem Militärarzt McIntyre aus „M.A.S.H.“ zu sprechen, Kulturbolschewismus der brutalsten Form.

Mari sieht nicht gerade so aus, als trinke sie ihren Martini niemals ohne Olive. Sie sieht eher so aus, als mache sie sich rein gar nichts aus alkoholischen Erfrischungsgetränken - drahtig, sportlich, zäh und dabei frisch wie der Morgentau. Und sie ist so resolut, wie es sich für die Insel Husøy gehört, die dem Gesetz des Matriarchats gehorcht - was wiederum Anlass für einen norwegischen Fernsehsender war, hier eine Reality Show zu drehen, die Husøy zu nationaler Berühmtheit verhalf: Die Frauen wurden in den Urlaub nach Spanien geschickt, die Männer übernahmen das Kommando und scheiterten kläglich, weil sie ratlos vor Geschirrspülmaschinen standen und bei der Zubereitung eines Spiegeleis versagten.

Abendspaziergang mit Weltuntergang

Mari beherrscht gleichermaßen Männer- und Frauenjobs, leitet die Produktion in der Lachsfabrik unten am Hafen und herrscht dort mit mütterlicher Strenge über drei Dutzend Polen, Litauer und Iraker, die knöcheltief im Wasser voller Fischfetzen stehen, um tonnenweise Lachsleiber an ratternden Fließbändern, zischenden Schneidemaschinen und fauchenden Entgrätungsapparaten zu erstklassigen Filets zu verarbeiten. Die Chefin prüft, kontrolliert, korrigiert und tätschelt ihre Arbeiter, die Frauen etwas liebevoller als die Männer, „weil Frauen sorgfältiger arbeiten als Männer“, und sagt zum Abschied, dass ihr der Winter nichts ausmache, hier drinnen sei es ohnehin gleich, ob es draußen hell oder dunkel sei. Außerdem gebe es doch nichts Schöneres, als bei einem wütenden Wintersturm die Kinder dick einzupacken und hinauszugehen in die Kälte, phantastisch sei das! Jetzt strahlt Mari über das ganze Gesicht wie die hellste Tropensonne. Und ich bekomme plötzlich große Lust, sie einmal zu begleiten bei ihren Weltuntergangsabendspaziergängen.

Draußen an der Mole pfeift der Wind wie der Atem Armageddons. Ich fühle mich wieder sehr allein und treffe zum Glück Andreas, einen wuchtigen Kabeljaufischer, der in letzter Sekunde meine immer bohrenderen Selbstzweifel lindert: Ich bin gegenwärtig doch nicht die einzige Menschenseele auf Husøy und auf Senja, die den lichtscheuen, pestschwarzen, depressionsschwangeren Winter nicht ganz so toll findet wie den Sommer. „Dieser verfluchte Wind“, brummt Andreas, „gestern waren wir fünfzehn Stunden lang draußen und konnten kein einziges Mal die Netze auswerfen. Ein Sturm nach dem anderen kommt jetzt aus dem Norden und macht uns das Leben zur Hölle.“ Dann trottet er davon, so schlecht gelaunt, als sei ihm gerade der Todesbote Draugen über die Leber gelaufen.

***

Am letzten Morgen ist der Himmel überraschend klar. Er hellt sich immer weiter auf, und unwillkürlich rechne ich damit, dass die Sonne in jedem Moment über den Horizont steigen müsse. Doch in Nordnorwegen ist das keine Frage von Minuten, sondern von Monaten - Zeit genug, um Demut in der Dunkelheit zu lernen und das Licht umso mehr zu schätzen, wenn es wiederkommt. Ich habe diese Zeit nicht, obwohl ich langsam glaube, dass sie sich jeder Mensch einmal im Leben nehmen müsste, steige ins Flugzeug und sehe schon nach wenigen Minuten die Sonne wieder, strahlend, leuchtend, blendend, fast unwirklich hell. Ich lächle sie an und bilde mir ein, sie lächle zurück. Wahrscheinlich aber lacht sie mich aus.

Informationen: Allgemeine touristische Auskünfte gibt es unter www.visitnorway.com und www.destinasjonsenja.no, Informationen über das Hotel in Mefjord unter www.mefjordbrygge.no. Diese Reise wurde vom norwegischen Fremdenverkehrsamt unterstützt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Strobel y Serra, Jakob (str.)
Jakob Strobel y Serra
stellvertretender Leiter des Feuilletons.
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