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Wagnisse im Schnee (3)

Die vergebliche Suche nach der Ideallinie

Von Georg Weindl
Aktualisiert am 25.01.2013
 - 16:50
Eleganz sieht anders aus: Nach dem Start muß man beim Weißen Ring erst einmal bergauf kraxeln.
Volksskirennen wie der Weiße Ring sind eher etwas für Rennfahrer und weniger fürs Volk. Wer die Sache nicht zu ernst nimmt, kommt dennoch um eine Erfahrung reicher ins Ziel.

Skirennen kennen die meisten von uns nur aus dem Fernsehen. Sportler in bunten, hautengen Rennanzügen rasen mit mehr als hundert Stundenkilometern über steile, vereiste Pisten. Eben hat bei der Abfahrt am Lauberhorn der Franzose Johan Clarey mit 161,9 Stundenkilometern einen neuen Geschwindigkeitsrekord bei Weltcuprennen aufgestellt. Das ist weit weg von allem, was man als alpiner Freizeitsportler erlebt.

Aber auch der Normalskifahrer kann Grenzerfahrungen machen. Dafür gibt es Volksskirennen, bei denen jeder starten kann. Dass diese Skirennen oft um ein Vielfaches länger als die Weltcupabfahrten sind, leuchtet anfangs nur schwer ein. Verstehen kann man das eher, wenn man die spezielle Historie dieser Veranstaltungen kennt, die in die Gründerzeit des alpinen Skilaufs zurückgeht. Damals war es mangels Aufstiegshilfen ganz normal, dass Rennen lang waren und mitunter auch bergauf verliefen, wenn es das Gelände nicht anders zuließ. Einige Freunde und Kollegen hatten sich solche Vergnügen schon gegönnt und mir mit leuchtenden Augen und einigen Blessuren von den Rennen erzählt, auch wenn sie vom Siegerpodest weit entfernt waren.

Von Weißen Rausch zum Weißen Ring

Wenn schon Rennen, dachte ich, dann dort, wo die Wiege des alpinen Skilaufs verortet wird, am Arlberg. In Lech, wo die eher diskrete Form des Nobeltourismus zu Hause ist, gibt es den Weißen Ring. Und der schien mir für mein Renndebüt einleuchtende Vorzüge zu haben. Während des Rennens sind mehrere Liftabfahrten zu absolvieren, willkommene Erholungspausen also. So habe ich mir das vorgestellt. Bei einer Länge von 22 Kilometern und 5500 Metern Höhenunterschied ist das auch unverzichtbar. Das sind grob gerechnet knapp zehn Abfahrtsrennen der Profikategorie.

Eigentlich ist der Ring eine Arlberger Institution, eine Rundtour mit Ski und Lift von Lech über den Rüfikopf ins benachbarte Zürs und von dort über den Zürsersee und das Madloch zur abgelegenen Siedlung Zug und schließlich über das Kriegerhorn und Oberlech zurück nach Lech. Vor sieben Jahren kam man auf die Idee, daraus ein Rennen zu machen. Drüben in St. Anton hat man mit dem Weißen Rausch ebenfalls ein Volksrennen, das aber ohne Liftfahrten auskommt und eine Hommage an das Werk des Regisseurs Arnold Fanck ist, der im Winter 1930 den gleichnamigen Film mit Leni Riefenstahl und dem Arlberger Skipionier Hannes Schneider drehte. Als man in Lech mit dem Weißen Ring anfing, waren zweihundert Skifahrer und Snowboarder am Start. Diesmal sind es rund eintausend, die im Abstand von anderthalb Minuten in Zwanzigergruppen starten.

Freizeitrennfahrer haben keine Manager

Der Tag vor dem Rennen ist wohl anstrengender als das Rennen selbst. Beim Tourismusverband muss man sich anmelden und die Startnummern und Gutscheine für den Skipass abholen. Danach geht es zur Liftkasse, an der einem das Zweitagesliftticket ausgehändigt wird. Es ist hektisch auf der Dorfstraße in Lech, etwas mehr vielleicht als sonst. Schwarze Geländewagen parken am Bürgersteig, teuer gekleidete Damen flanieren an den Vitrinen vorbei. Und dazwischen huschen sportliche Männer in engen Rennanzügen mit ungewöhnlich langen Skiern auf der Schulter über die Straße und haben es ganz offensichtlich eilig. Freizeitrennfahrer haben eben keine Manager, die sich um alles kümmern.

Und mit geübtem Auge erkennt man bald, dass hier mindestens zwei Kategorien von Rennteilnehmern unterwegs sind: die mit normaler Skibekleidung und Skiern, wie sie in jedem Sportgeschäft zu haben sind, und dann jene, die mit Rennanzug und überlangen Rennlatten ausgerüstet sind. Solche Bretter haben nur Profis, sie sind im Handel kaum erhältlich und taugen nur zum Geradeausfahren. Eine dritte Kategorie wären dann die VIPs, ehemalige Rennläufer, die man nur kurz vor dem Start zu sehen bekommt und die ganz am Anfang ins Rennen gehen, wenn die Piste noch perfekt ist. Sie erreichen immer die Spitzenplätze bei den Volksrennen. Ein Platz auf dem Podest ist für den Freizeitsportler so wahrscheinlich wie ein Profivertrag beim FC Bayern.

Bitte unter den ersten fünfhundert

Mittags steht eine Besichtigungsfahrt mit einem Guide auf dem Programm. Wolfgang ist unser Skilehrer, der uns auf der Tour begleitet. Ein kräftiger älterer Herr, den offensichtlich nichts und auch kein Weißer Ring aus der Ruhe bringen kann. Zusammen mit ihm laufen wir zur Rüfikopfbahn. Die Gondel ist bis auf den letzten Platz gefüllt, was an diesem Traumtag keine Überraschung ist. Doch oben am Gipfel hat keiner einen Blick für das strahlende Arlberg-Panorama. Alle schauen hinüber zu dem kurzen steilen Anstieg beim Start. Der Weiße Ring ist ein Skirennen, bei dem es anfangs gleich bergauf geht. Oben wechselt es auf die erste Schussfahrt. Vorher gibt Wolfgang uns Anweisungen: „Wenn’s leicht ist, fahr ma Renntempo. An den Schlüsselstellen bleiben wir dann stehen, und ich erklär’s euch. Und immer hintereinander fahren.“

Das mit dem Hintereinanderfahren pulverisiert sich ziemlich schnell. Jeder in der Gruppe ist damit beschäftigt, seine Spur zu finden und nicht mit anderen zu kollidieren. Und die Ideallinie für die ganze Strecke von zweiundzwanzig Kilometern kann sich auch keiner von uns merken. Für die Runde brauchen wir mehr als eineinhalb Stunden, was weniger an den zahlreichen Pausen, sondern eher am zurückhaltenden Tempo liegt. Viel Zeit verbringen wir auf der Madloch-Abfahrt oberhalb von Zug, dem anspruchsvollsten Teil des Rennens. Zuerst eine lange Schussfahrt inklusive Kompression mit anschließendem Anstieg, dann reihen sich mehrere steile und überwiegend vereiste Hänge aneinander bis zu einem kurzen Ziehweg vor der Liftstation. Hier entscheidet sich das Rennen, sagt einer, der schon dreimal mitgefahren ist und der sich ein klares Ziel vorgegeben hat: Er will unter den ersten fünfhundert sein.

Schneller Kaffee, kleines Müsli

Und dann der Tag des Rennens. Um sieben klingelt der Wecker, draußen liegt Lech im Morgennebel. Immerhin sind von den zwanzig Minusgraden von gestern nur noch fünf geblieben. Per SMS habe ich meine Startzeit bekommen, um 9.40 Uhr geht es los. Ein schneller Kaffee und eine kleine Schüssel Müsli, dann stapfe ich mit den Skiern auf der Schulter zur Hauptstraße, wo mich der Dorfbus zur Rüfikopfbahn bringt. Dort stehen schon Menschentrauben am Eingang, doch nur Leute mit Startnummern kommen zur Seilbahn. Das sind so viele, dass die Fahrt ein Sardinen-Dose-Erlebnis wird. Oben am Gipfel geht es ähnlich dicht gedrängt weiter. Neben mir steht ein Seilbahnmitarbeiter in einer blauen Uniform. Auf meine Frage, wie ich zu meinem Startplatz komme und was die Meldung bedeutet, dass das Madloch neutralisiert wird, sagt er immer nur, „Weiß ich nicht.“

“Das heißt, dass die Zeit im Madloch nicht gemessen wird“, klärt ein einheimischer Rennläufer auf. Der Himmel ist bedeckt und das Licht ziemlich diffus. Buckel und Senken auf der Piste kann man nur erahnen, aber nicht sehen. Das wird wohl der Grund für die Neutralisierung sein, was mich aufmuntert, denn gerade dieser Abschnitt bereitete mir reichlich Unbehagen.

Hektisch den Hügel hinaufhecheln

Neben mir läuft Marc Girardelli vorbei, früher einer der weltbesten Rennläufer. Seinen Oberkörper ziert die Startnummer V1, das V steht für die VIPs. Die erste Gruppe wird pünktlich um neun Uhr auf die Rampe geschickt, wo sie mit hektischen Schlittschuhschritten den Hügel hinaufhechelt. Ich habe die Nummer 193. Sekunden vor dem Start fasse ich den Entschluss, es gemütlich und vorsichtig anzugehen. Das dämpft die aufkeimende Nervosität etwas. Und dann geht es los.

Ich laufe am Ende der Gruppe den Hügel mit Schlittschuhschritten hinauf und habe so auf dem ersten langen Schussabschnitt relativ viel Platz. Wo es steiler wird und wo die Konturen des Bodens nicht erkennbar sind, lege ich ein paar bremsende Schwünge ein. Das hat zur Folge, dass immer wieder andere in flotter Schussfahrt an mir vorbeiziehen. Bei der ersten Sesselliftfahrt am Schüttboden leistet mir eine Dame mittleren Alters Gesellschaft. Wir bekräftigen uns gegenseitig, unterwegs kein großes Risiko einzugehen. Keine schlechte Idee.

Mutterseelenallein im Madloch

Oben stehen Streckenposten und winken mit der gelben Flagge, die vorsichtiges Fahren gebietet. „Unten in der Kompression rechts fahren!“, schreit uns einer entgegen. Dort unten liegt einer im weißen Rennanzug, wie sie deutsche Profis tragen, während von Westen ein Hubschrauber heranfliegt. Das dämpft meine Ambitionen abermals, und ich kurve im Touristentempo herunter nach Zürs. Aber auch das beschert Adrenalinschübe, wenn in engen Kurven andere Fahrer zentimeternah, aber mit drastischem Geschwindigkeitsüberschuss vorbeisausen.

Auch am Lift will keiner Zehntelsekunden verschenken. Dass Liftfahren als Teil des Rennens zum gnadenlosen Wettkampf wird, das ist für mich eine neue Erfahrung. Im Sessellift zum Zürser See sitzt neben mir eine Startnummer knapp über 220, was mir zeigt, wie weit hinten ich schon bin. Dann lande ich oben an der Einfahrt zum Madloch, an dem keine Zeit gemessen wird. Die Schussfahrt kann ich langsam angehen, muss aber am Gegenhang einige Meter hinaufstapfen. Der rasende Puls und die schneidende Luft machen mir zu schaffen. Dann der erste Steilhang, ein zweiter - und langsam steigen Zweifel in mir auf. Ich bin mutterseelenallein auf der Piste. Niemand überholt mich. Habe ich mich womöglich verfahren? Aber da sind die Richtungstore, und die Streckenposten am Pistenrand, die mir freundlich - oder mitleidig? - entgegenlächeln.

Auch das Schicksal hat Mitleid mit den Erfolglosen

Auch unten in Zug, wo ich in den langen Zugerberg-Sessellift einsteige, ist außer mir niemand. Oben am Kriegerhorn sehe ich, wie langsam die Sonne hervorkommt, und zum ersten Mal ist die Oberfläche der Piste gut erkennbar. Nun geht es auf der mittelsteilen Piste hinunter nach Oberlech. Auch hier bin ich einsam und fühle mich wie ein Geisterfahrer. Also stoppe ich bei einem Streckenposten und frage ihn, ob ich schon der Letzte bin. „Nein“, sagt er, „am Madloch war ein Unfall, und für den Abtransport des Verletzten wurde das Rennen unterbrochen“. Ich bin nur der Letzte, der noch durchgekommen ist, und kann ohne Kontrahenten entspannt heimwärts fahren. Manchmal meint es das Schicksal gut mit den Erfolglosen.

Bald sehe ich den Kirchturm von Lech, absolviere ein paar bremsende Richtungstore, bevor es auf den kurzen, steilen Zielhang geht. Schemenhaft erkenne ich die Menschentrauben hinter den Absperrungen. Nein, sage ich mir, jetzt darfst du nicht mehr abschwingen und musst im Schuss hinein, was mir auch halbwegs gelingt. Als ich abgeschwungen habe, empfangen mich zwei Mädchen, die mich von meinem Teilnehmertrikot mit Chip befreien. Obwohl ich weit und breit der einzige Ankömmling bin, interessiert sich niemand für mich. Ohne Rennanzug bist du nur Mitläufer. Weiter hinten wird gerade das Aston-Martin-Team interviewt, daneben steht eine Gruppe junger Rennläufer, die sich einen Kasten Bier organisiert haben, was ihre Laune merklich beflügelt.

Schampus kreist, Pelzdamen patroullieren

Etliche Minuten später kommen wieder Läufer ins Ziel, das Rennen scheint normal weiterzulaufen. Mittlerweile haben sich die Wolken verzogen, und Lech strahlt im schönsten Postkartenwetter. Einerseits bin ich froh, heil angekommen zu sein. Andererseits kenne ich die Strecke jetzt besser und würde mir zutrauen, schneller zu fahren. Dass Leute bei solchen Veranstaltungen einem nachhaltigen Rennfieber verfallen, scheint mir nicht mehr ganz abwegig. Der Anflug von Übermut verfliegt aber gleich wieder, als ich im Vorbeigehen sehe, wie einer mit hohem Tempo über die Ziellinie rast, wenige Meter weiter einen Ski verliert und vor der Abgrenzung Schnee aufgewirbelt wird. Kurz danach werden rote und gelbe Flaggen geschwenkt. Mehr muss ich nicht sehen.

Ich bringe meine Ski zurück zum Verleih. In Lech kommt langsam Partystimmung auf. An der Bar vor der Krone, wenige Meter vom Ziel entfernt, kreisen die Schampusgläser und patrouillieren ältere Damen in voluminösem Pelz. „Später musst du zur Schneggarei, wo die ganzen Promis sind“, ruft mir einer zu. Die Schneggarei ist eine Nobelhütte etwas oberhalb von Lech, da muss ich wirklich nicht hin. Ich habe auch keinen Rennanzug. Die, die wirklich was zählen, werden angeblich bei der White Winners Night von Mercedes eingeladen. „Letztes Jahr war auch Boris Becker da“, erzählt einer. Ich habe heute keinen Sponsor und belohne mich nach dem Rennen mit einer Leberkässemmel beim Dorfmetzger, bei dem im Nebenzimmer der Damenabfahrtslauf in Cortina d’Ampezzo auf dem Bildschirm läuft, den Lindsey Vonn gewonnen hat.

Beim Weißen Ring war dieses Jahr wieder einmal der österreichische Ex-Profi Pepi Strobl der Schnellste. Später im Auto, kurz vor Innsbruck, erreicht mich eine SMS der Veranstalter mit einem Glückwunsch und der Information, wie schnell ich war und wo ich in der Rangliste gelandet bin. Es war ein Platz irgendwo um die achthundert. Ich hätte nicht gedacht, dass zweihundert Leute noch langsamer waren als ich. Beim nächsten Mal werde ich ganz bestimmt nicht mehr stehen bleiben und mit dem Streckenposten plaudern.

Informationen unter www.derweissering.at.

Quelle: F.A.Z.
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