Cartoonisten auf Tour

Einigkeit und Recht und Wokeheit

Von Oliver Maria Schmitt
26.09.2021
, 13:22
Ist die deutsche Demokratie noch zu retten? Die „Kraftradgruppe Frohsinn“ tut ihr Bestes, um ein Zeichen zu setzen. Eine Reise zu Wiegen, Gedenkorten und Festungen der Volksherrschaft.

Erfreut, entschlossen und beglückt ziehen die Menschen bei Hambach den Schlossberg hinauf. Mehr als 20.000 Frauen und Männer sind im Mai 1832 gekommen, um das „Hambacher Fest“ zu feiern. Eine größere politische Versammlung hat es in Deutschland bis dahin nicht gegeben. Sie gilt als Geburtsstunde unserer Demokratie.

Verheult, enttäuscht und betrübt rütteln wir am Tor zum Hambacher Schloss. Nicht mal zehn Menschen sind im Sommer 2021 hierhin gekommen, die Demokratie zu feiern. Eine kläglichere politische Versammlung hat es in Deutschland kaum gegeben. Schon jetzt gilt der „Democracy Ride“ unserer „Kraftradgruppe Frohsinn“ als Tiefpunkt der Demokratiegeschichte. Wird unsere Mission ausgerechnet hier scheitern? War alles umsonst?

An einem gleißend hellen Sonnentag versammelten sich die Mitglieder einer hochmotivierten Motorradgruppe. In Koblenz, am sogenannten „Deutschen Eck“. Hier, wo Wilhelm I. hoch zu Bronzeross seit seiner Kaiserzeit darüber wacht, wie die graubraunen Wasser von Vater Rhein tagaus, tagein mit braungrauem Moselwasser verschnitten werden, genau hier, am Zusammenfluss von Monarchie und Imperialismus, hier wollte die „Kraftradgruppe Frohsinn“ ein klares Zeichen setzen: für echte Volksherrschaft und souveräne Mitbestimmung.

Bild: Frank Bahr

Hier also sollte der feierliche Ritt beginnen, eine Freundschaftsfahrt für Demokratie, Awareness, Wokeheit und Frieden. Mitten ins Herz des Landes wollten wir rollen und die wichtigsten Stationen unserer Demokratiegeschichte abklappern. Denn die Herrschaft des Staatsvolkes, sie war in Gefahr! Deutschland durfte endlich wieder wählen, doch die Vorfreude darauf sank von Umfrage zu Umfrage. Unter Politikverbrauchern galt die Volksherrschaft zunehmend als uncool, ineffizient und teuer im Unterhalt; Nichtwähler ignorierten und Populisten sabotierten sie; lasche Langweiler laberten Jung- und Wechselwähler in den Schlaf. Das wollten wir nicht zulassen. Unsere herrliche Demokratie war es doch wert, dass man sich für sie einsetzte!

Auf zum „Democracy Ride“!

Und genau deswegen erteilten wir dem am Koblenzer Ufer aufgetürmten monarchistischen Monumentalprunk eine klare Absage. Demonstrativ kehrten wir dem wilhelminischen Despoten den Rücken zu, als wir zum Gruppenfoto Aufstellung nahmen. Und während der olle Hohenzoller noch immer stur auf seinem Bronzegaul festsaß, gab der Präsident das Signal zum Aufbruch. Wir bestiegen die Eisenrösser und knatterten südwärts durchs Rheintal. Auf zum „Democracy Ride“!

Bild: Kai Flemming

Schweigsam fuhr der Präsident voraus, irgendetwas schien ihn zu bedrücken. Der bullige Mann aus dem Norden war der spirituelle Führer und oberste Souverän unserer Delegation. Weil er als angesehener Großcartoonist eines Hamburger Magazins keine Lust mehr hatte, nur mit sich selbst herumzutuckern, scharte er Gleichgesinnte und Kollegen um sich: Satiriker, Cartoonisten, Komödianten und Witzemacher. Wer ein Eisenpferd hatte, durfte mitreiten und wurde, nach einer kurzen Probezeit, stolzer Member der „Kraftradgruppe Frohsinn“. Inzwischen war jedoch diese vormals elitäre Runde von Triumph-, BMW- und Harleyfahrern durch schleichende Demokratisierung zu einem merkwürdigen Haufen mutiert, in dem sogar Roller- und Dreiradfahrer Unterschlupf fanden. Ein Fernsehkomiker etwa rollte mit einer spektakulären Fehlentwicklung der Fahrzeuggeschichte an, dem legendären und längst wieder eingestellten Zeus-Gespann des französischen Herstellers Side-Bike. Das klobige Ungetüm wurde durch einen Automotor angetrieben, der im Seitenwagen versteckt war. Halsstarrig behauptete der Komiker, sein Viersitzer sei ein richtiges Motorrad. Doch in Wahrheit war es ein Auto mit drei Rädern.

Gurkentruppe auf Krafträdern

Nachdem unsere Kraftrad-Gurkentruppe Millionen von Rheintal-Rieslingreben passiert hatte, erreichten wir bei Rüdesheim das martialische Niederwald-Denkmal in Gestalt einer schwertbewehrten Germaniafigur. Auch ihr kehrten wir hochachtungsvoll den Rücken zu und rollten hinunter ins Städtchen. Mochte auch da oben sturheil der blanke Wilhelminismus regieren – in Rüdesheim, dem geistigen Zentrum des gefürchteten Weinschunkeltourismus, gluckerte noch immer der Treibstoff der Adenauerzeit in die Köpfe der Drosselgasse-Besucher: „Asbach-Pralinen 2. Wahl in Eins-a-Qualität. Die Pralinen weisen lediglich geringfügige Mängel an der Außenseite auf“, beschwichtigte eine Schaufensterwerbung. Asbach Uralt, das war nicht nur Geist des Weines, sondern auch jener der jungen Bundesrepublik: ein flüssiges Denkmal der deutschen Nachkriegsdemokratie! Und hier wurde es als Weinbrandbohne zum Kilopreis von 15 Euro verhökert. Traurig eigentlich.

Kurz hinter Bingen kam der Demokratentross plötzlich völlig zum Erliegen. Gruppenmitglieder stiegen von ihren Maschinen, stoppten den Verkehr und krochen auf allen Vieren umher. Weil Geld auf dem Asphalt lag. Viel Geld. Und während noch der Präsident unsere Demokratie lobte, weil nur in einer solchen das Geld sprichwörtlich auf der Straße läge, da stellte sich heraus, dass der TV-Komödiant sein pralles Portemonnaie nach dem Bezahlen des Fährmanns einfach in seinen offenen Zeus-Beiwagen gelegt hatte. Nun achtete der Mann penibel darauf, dass die umherflatternden Luftbuchungen auch wieder vollzählig bei ihm eintrudelten.

Bild: Til Mette

Wie gewonnen, so zerronnen, klinkten wir uns ins Nahetal ein, genossen die frische Brise des Salinentals rund um Bad Kreuznach und erreichten die ersten Ausläufer des Pfälzer Waldes. Ein in der Gegend liegender Kreisverkehr warb für das Straßenmuseum im über hundert Kilometer entfernten Germersheim. Wir indes besichtigten einfach weiterhin die kilometerlange, in sanften Schwüngen durch die Pfalz führende Straßenausstellung; um schließlich am ersten Tagesziel unseres Democracy Ride anzukommen: der legendären Hambacher Feste.

Straße, für die sich selbst die DDR geschämt hätte

Zum Schloss hinauf führte eine Straße, für die sich selbst die DDR geschämt hätte. Ein derart erbärmlicher Schlagloch- und Flickenparcours, dass man ihn bestenfalls im Deutschen Straßenmuseum als abschreckendes Beispiel vermutet hätte. So würdigte man hier also die Wiege unserer Demokratie! Doch selbst die Wiege blieb uns verwehrt: Obwohl wir am noch hellichten Nachmittag dort eintrafen, war das mächtige Tor zur Schlosszufahrt versperrt – kein Hambacher Fest für die rollenden Botschafter der Demokratie.

Und während wir verzweifelt am Tor rüttelten, verlor der Präsident gleich ganz die Verfassung: Diese Tour sei doch bislang „eine einzige Pleite“, in Hambach habe die Demokratie „endgültig abgewirtschaftet“, ebenso wie unsere Horde alter, weißer Cis-Männer. „Wir sind überhaupt nicht divers, ihr Penner!“ Zwar hätten wir durchaus Alte, Gebrechliche und auch Blasenschwache, sogar Roller- und Dreiradfahrer dabei, doch das reiche heute nicht mehr. „Wo sind die Zweitakt-POCs, wo sind die Bitches for democracy?“, schrie der Cartoonist in die uns zu Füßen liegende Pfalz und bot seinen Rücktritt von allen Führungsämtern an. Doch da er niemals auf demokratische Weise zum Präsidenten gewählt worden sei, versicherten wir ihm, könnte er auch nicht zurücktreten.

Anderntags war die Stimmung dann auch gleich viel besser. Unser Ruhm war uns nämlich vorausgeeilt. Oder jedenfalls der einzelner Member. Seines guten Namens wegen logierten wir in Bad Dürkheim im „Landhaus Fluch“, einer naturnahen Absteige direkt neben der größten frei liegenden Jauchegrube der Vorderpfalz. „Sagense mal“, insistierte die Chefin, als der Fernsehmann auscheckte, „sind Sie nicht dieser Detlef Winkelsmeyer?“ – „Äh, ja“, retournierte verblüfft der Angesprochene. „Sehnse!“ triumphierte die Chefin. „Eine Mitarbeiterin von mir hat Sie nämlich am Autokennzeichen erkannt.“

Glühende Landschaften und kollektiver Freiheitspark

Doch auch von solchen Rückschlägen ließ sich unsere Abordnung nicht entmutigen. Heute galt es, der Festung des größten oder jedenfalls schwersten und birnenförmigsten Demokraten aller Zeiten einen Besuch abzustatten: dem legendären Kohl-Bungalow in Oggersheim. Kaum hatten wir das Sechzigerjahre-Einfamilienhausparadies vor den Schloten Ludwigshafens erreicht, die meterhohe Umfriedung des Bungalows und die verwaiste kleine Polizeiwache vor dem Haus bestaunt, da bog ein gepanzerter Truck in die Straße ein. Rollte aufs Kohl-Haus zu und parkte in der Einfahrt. Eine zierliche Frau stieg aus. Maike Kohl-Richter, die Altkanzlerwitwe! In persona! Kurz musterte sie die Kraftradgruppe, dann verschwand sie im Haus. Hatte sie uns nichts zu sagen? Keine Grußbotschaft für die Fans der Kohl-Demokratie? War sie noch immer sauer, weil ihrem Bungalow nebst Wachhäuschen der beantragte Denkmalschutz verwehrt worden war?

Bild: Til Mette

Bedeutendste Hinterlassenschaften des großen Pfälzers waren bekanntermaßen die Begriffe „glühende Landschaften“ und „kollektiver Freiheitspark Deutschland“, ferner die Erkenntnis, dass entscheidend sei, „was hinten rauskommt“. Nämlich, nach stattgehabter Verdauung, die köstlichen Produkte der Kohl’schen Lieblingsmetzgerei Hambel im nahe gelegenen Wachenheim an der Weinstraße. Sie versorgte nicht nur den darbenden Kanzler mit Tonnen von Saumagen, sondern, auf Wunsch des damaligen Außenministers Klaus Kinkel, auch die Vollversammlung der UN mit insgesamt tausend Pfälzer Platten. Die wohl größte Schlachtplattenmigration der Weltgeschichte! Uns hingegen drückten die Metzgereidamen je einen ordentlichen Saumagenweck in die Hand. Nach längerem und durchaus wohlwollendem Kauen stand fest: Diese Speise war von erschütternder Durchschnittlichkeit. Wie der Altkanzler selbst!

Bevor sich die Kraftradgruppe zum feierlichen Abschluss an den Main nach Frankfurt aufmachte, um vor der Paulskirche den demokratischen Eid aufs Reisegrundgesetz zu bekräftigen, wollten wir auf dem Heidelberger Bergfriedhof Friedrich Eberts gedenken. Vor 150 Jahren wurde der erste demokratisch gewählte Präsident aller Deutschen höchstpersönlich am Neckar geboren. Er verkörperte den ersten Gipfelpunkt sozialdemokratischer Machtentfaltung und gleichzeitig deren kontinuierlichen Niedergang. Während wir am Stadtrand Heidelbergs orientierungslos über den wohl schönsten Bergfriedhof der Nation stolperten, berichtete ein BMW-fahrender Zeitungskarikaturist, der gerade Golo Manns Geschichte Deutschlands gelesen hatte: „Die SPD regiert entweder in Koalitionen und profitiert nicht davon, oder sie stellt den Chef, und der kassiert dann Prügel. Friedrich Ebert, der Sattlergeselle aus Heidelberg, wurde von allen Seiten gehasst: von den Linken, weil er die Arbeiterklasse verraten hat, von den Rechten, weil er die Versailler Verträge unterzeichnet hat.“ Was wir schon daran merkten, dass Eberts Grab beim besten Willen nicht zu finden war – die Dichterin Hilde Domin war offenbar dagegen. Egal wo man auf dem bukolischen Gottesacker auch herumsuchte – überall nur Wegweiser zum Grab von Hilde Domin. Und hatte der Sattler-Soze mal einen Wegweiser für sich ergattert, machte sogleich auch die wilde Hilde sich darauf breit. Als wir nach stundenlanger Suche endlich das Grab Eberts gefunden hatten, war es die Ruhestätte eines Namensvetters, des Architekten Friedrich Ebert.

Das war wohl zu viel für unseren ohnehin schon angeschlagenen Präsidenten. Kurzerhand zog der klobige Kerl die Konsequenzen aus dieser, wie er es formulierte, „demokratischen Pannenfahrt“, und trat von allen seinen öffentlichen Ämtern zurück. „Per Notverordnung“ ernannte er einen Maler und Zeichner aus Thüringen zum neuen Boss der Kraftradgruppe Frohsinn und gab uns sein politisches Vermächtnis mit auf den Heimweg: „Hört gut zu, ihr Schwachmaten! Im Prinzip sind wir wie der Kohl-Bungalow: Unschön, aber irgendwie immer noch da. Und die Demokratie ist genau wie wir: ein bisschen in die Jahre gekommen und ziemlich unsexy – und deshalb muss man sie gut pflegen.“

Die Kraftradgruppe Frohsinn im Sommer vor der Bundestagswahl 2021.
Die Kraftradgruppe Frohsinn im Sommer vor der Bundestagswahl 2021. Bild: OMS
Quelle: F.A.S.
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