Reiseführer im Internet

Bringt uns bloß weg von hier!

Von Steffi Hentschke
26.12.2020
, 21:57
Wenn der Lockdown zum Improvisieren zwingt: Reiseführer und -veranstalter verlegen ihr Geschäft ins Netz. Nicht alles ist online vermittelbar – manches aber, was vorher fern schien, rückt nun in greifbare Nähe.

Ben Fisher steht auf dem menschenleeren Kurfürstendamm, auf dem Fußweg sammelt sich das Laub. Es ist der 8. November. Die Sonne scheint an diesem kalten Sonntag, einen Tag, ehe sich die Reichspogromnacht vor 83 Jahren jährt. Bei dem schwersten Angriff auf jüdisches Leben in Deutschland seit dem Mittelalter wurden schätzungsweise 1500 Jüdinnen und Juden getötet und Tausende Synagogen niedergebrannt. Um daran zu erinnern, bietet der 37 Jahre alte Israeli Fisher, der seit fünf Jahren in Berlin lebt, diese besondere Stadtführung an. „Ich werde direkt mit den Tagen vor den Pogromen beginnen, und während wir laufen, werde ich euch mehr über die Geschichte der Juden in Deutschland erzählen“, sagt er auf Englisch, läuft los in Richtung der ehemaligen Synagoge in der Fasanenstraße. Etwa zweihundert Menschen schauen ihm dabei zu, sind nicht vor Ort, aber live dabei.

Zurzeit lässt sich die Welt nur noch vom Sofa aus entdecken, und was nach einer tristen neuen Realität klingt, offenbart mitunter ungeahnte Möglichkeiten. Das Interesse an der Gedenktour des Berliner Stadtführers Ben Fisher war stets hoch, bis zu dreihundert Teilnehmer meldeten sich in den vergangenen Jahren dafür an. Das Video seiner ersten virtuellen Tour aber haben mittlerweile fast 6000 Menschen aus den Vereinigten Staaten, Israel, Brandenburg gesehen. Der Rundgang leistet, was Historiker seit Jahren fordern – eine digitale Form der Erinnerungskultur. Wer Fisher auf seiner einstündigen Tour folgt, lernt Berlin aus jüdischer Perspektive kennen und stellt dabei überrascht fest: Auch wenn der virtuelle Trip keine Sinneseindrücke liefert, kommt der Erkenntnisgewinn auf dem Sofa an.

Iran von zu Hause aus entdecken

Bevor Ben Fisher nach Berlin kam, war Deutschland für ihn das verbotene Land, wie er auf der Website des Bündnisses Berliner Stadtführer über sich schreibt. „Heute halte ich die Stadt für den spannendsten Ort überhaupt“, sagt er im Gespräch per Video Call, ein paar Tage nach der Tour. Wie seine Kollegen muss auch er seit Monaten ohne Einkommen auskommen. Deshalb aber Stadtführungen online anzubieten, das war für ihn bis vor kurzem keine Option. Erst der zweite Lockdown zwang ihn zum Improvisieren, und eine Gedenktour war bereits geplant. „Ich bin überwältigt von dem Zuspruch und muss das erst einmal verarbeiten“, sagt Fisher und überlegt, was er von seinem ersten Versuch lernen kann. „Vielleicht braucht es die Verbindung mit Bildung, damit die Leute sich dafür begeistern. Klassisches Sightseeing dagegen funktioniert online nicht.“

Es gehört zum Wesen jeder ungewollten Veränderung, dass es eine gewisse Zeit braucht, um die Vorteile in der großen Menge von Nachteilen zu finden. Schon vor der Pandemie schien der Tourismus an seine Grenzen zu stoßen: Billigflieger, Overtourism, Klimadebatte. Jetzt, da die Bewegungsfreiheit aller stark eingeschränkt ist, rücken Ziele in greifbare Nähe, die vor der Pandemie kaum erreichbar waren. In Shiraz in Iran bietet zum Beispiel ein junger Tourguide virtuelle Touren an. Peyman Soodmand ist 27 und brachte früher Backpackern seine Heimatstadt näher. Nun läuft er allein mit dem Selfiestick in der Hand durch das Zentrum von Shiraz, vom historischen Basar hinüber zur frischrenovierten Zitadelle Karim Khan, die bald tausend Jahre alt ist. „Jahrzehntelang war Iran ein isoliertes und abgeschottetes Land“, schreibt Peyman auf seiner Website mrpersepolis.com, und meint damit nicht die Folgen der Reisebeschränkungen, die mit dem Coronavirus verbunden sind. „Dank neuer Technologien können Sie das Land jetzt bequem von zu Hause aus entdecken.“

Ganze Schulklassen auf virtuellen Touren

An einem Donnerstag Mitte November sitzt eine kleine Reisegruppe vor ihren Bildschirmen und wartet gespannt darauf, dass der zweite Tag ihrer politische Studienreise nach Syrien beginnt. Das Reiseunternehmen Alsharq, entstanden aus einem Netzwerk von angehenden Islamwissenschaftlern und Nahost-Experten, bietet seit Beginn der Pandemie virtuelle Reisen an. Den Online-Ausflug nach Syrien leitet Alsharq-Mitbegründer und Journalist Christoph Dinkelaker. Das Syrien-Programm besteht dabei überwiegend aus Gesprächen mit Menschenrechtsaktivisten, Kulturschaffenden; Menschen, die vom Assad-Regime verfolgt wurden und kritisch über die Lage in ihrem Heimatland berichten. Teil der Reise ist aber auch eine kleine Stadtführung durch die Altstadt von Damaskus. Denn die liegt nicht nur mitten in einem seit Jahren anhaltenden Bürgerkrieg, sondern ist auch Unesco-Weltkulturerbe.

„Okay, ich führe jetzt über den berühmten Souk“, sagt eine Frau, von der vor allem die Hand in der Kamera zu sehen ist. Die Handybilder sind wackelig und zeigen den überdachten Markt. Im goldenen Licht der Lichterketten drängeln sich junge Männer in Kapuzenpullovern vorbei an Frauen in dicken Mänteln und mit schweren Tüten, huscht mal eine vollverschleierte Frau, mal ein Soldat an den üppig gefüllten Ständen mit Häkelwaren, Vitrinen mit Goldschmuck und Mosaiken vorbei. Mit eiligen Schritten läuft die anonyme Stadtführerin vom Souk zur Moschee, hält die Kamera in den blauen Himmel und dicht an die unversehrten Fassaden der historischen Gebäude. „Wow, es ist so schön hier. Ich wünschte, ihr könntet hier sein“, sagt sie dabei, und beinahe klingt es, als wüsste sie nicht, wie unmöglich das ist.

„Wir haben den Kontakt zu der Frau über ein Reisebüro bekommen, das vor dem Bürgerkrieg Stadtführungen anbot“, sagt Reiseleiter Dinkelaker im Anschluss an die virtuelle Reise. Bereits zusammen mit der Gruppe hat der Kenner der Region die kleine Tour kritisch reflektiert. „Ich kenne Damaskus noch aus friedlichen Zeiten, und gern wollten wir den Teilnehmenden auch diese Facette Syriens zeigen“, sagt Dinkelaker nun am Telefon und bringt das Dilemma auf den Punkt: „Um heute mit einer Kamera durch die Altstadt laufen zu können, musst du dem Regime nahestehen, und wir haben ja gehört, wie die Frau einiges beschönigt und auch echt ein paar Unwahrheiten verbreitet hat.“ Am Ende der virtuellen Reise bleibt bei ihm und seiner Reisegruppe die bittere Erkenntnis: Selbst wenn die Fassaden erhalten sind, die Altstadt von Damaskus existiert nicht mehr. 120 Euro kostet die zweitägige Reise von Alsharq, auch einzelne Tage sind buchbar.

Der Berliner Tourguide Ben Fisher hat für seine Gedenkführung nur Spenden angenommen. Mittelfristig sei er auf die Einnahmen aus den richtigen Stadtführungen angewiesen. Bis dahin aber will er sich zumindest weitere virtuelle Touren überlegen. „Früher hatte ich ab und an Schüler aus den USA für eine Tour, aber so einen Trip nach Europa kann sich natürlich nicht jede Familie leisten. Mit Online-Stadtführungen könnte man ganze Schulklassen mit einem Klick überallhin bringen, egal wie viel Geld ihre Eltern haben“, sagt er.

Führungen im Netz

Am Samstag, 26.12., führen Tourguides virtuell durch das weihnachtliche London: meetup.com.

Die Studienreise 2.0 geht mit Alsharq Reisen nach Syrien, Marrakesch oder Pakistan: alsharq-reise.de.

Tourguide Bran¢o Chrenka bringt einen in die schönsten Ecken von Bratislava: authenticslovakia.com

Ab Januar führen Guides auf die Märkte Marrakeschs zu Kunsthandwerkern – ein Versuch, die monatelangen Einkommensausfälle zu kompensieren; Souvenirs werden danach verpackt und versendet: localpurse.com.

Quelle: F.A.S.
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