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Herausforderung Boarding

Diese ewige Einsteig- und Aussteigpanik

Von Tobias Rüther
 - 15:33

Nichts scheint die Menschheit unterwegs mehr in Panik zu versetzen als die Aussicht, aus öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mehr raus- oder gar nicht erst in sie reinzukommen. Man kann das vielleicht noch verstehen, wenn es um Busse oder U-Bahnen geht, wo man ja nicht reservieren kann. Seltsamerweise ist es aber besonders schlimm auf Flughäfen, wo die Leute sich schon am Gate anstellen, noch bevor das Boarding überhaupt ausgerufen wurde, nur um dann ins Flugzeug zu stürzen, als würde sonst ihr Sitzplatz verfallen. Dass eine Stewardess mal „Es ist kein Platz mehr, sorry, Sie müssen leider auf die nächste Maschine warten“ durchgesagt hätte, habe ich noch nie erlebt, obwohl: Ich kenne da ein paar Typen, denen ich so was wirklich gern an den Hals gewünscht hätte (ja, ich rede mit dir, Baseballkappenberliner, oder wer stand Ostersamstag auf dem Flug nach Bonn ständig im Gang rum und schlaumeierte das Personal voll, als wäre er eigentlich der Pilot?).

Und es ist ja nicht nur die panische Anstellerei, man muss vom Gate ja dann auch noch auf seinen Platz, und auch wenn die Fluggesellschaften noch so sehr versuchen, die Leute von hinten nach vorn in ihre Maschinen zu lassen, sobald die Erste Klasse und die Familien und Veteranen und Premiumkartenbesitzer an Bord sind: Ein paar Spezialisten schaffen es doch immer wieder daran vorbei. Weder starten noch landen die deshalb auch nur eine Sekunde früher, aber immerhin sitzen sie, bevor alle anderen sitzen, und können dabei zuschauen, dass andere noch nicht sitzen.

Um eine der letzten Fragen mal mit großer Gewissheit zu beantworten: Solche Menschen kommen definitiv in die Hölle. Wie man aber die Einsteig- und Aussteigpanik in den Griff bekommt, ist eine Frage mit Ewigkeitswert, vermutlich treffen sich alle paar Schaltjahre die Vorsitzenden der großen Fluggesellschaften irgendwo in einem großen Saal unter einem See und beraten, wie sie das nur lösen könnten, weil alle ihre bisherigen Versuche ja gescheitert sind. Der amerikanische Billigflieger Southwest kam jetzt auf die Idee, es mal mit Blockabfertigung zu versuchen, wie man es samstagsmorgens im Winter vom Reschenpass kennt: Die Passagiere bekommen bei freier Platzwahl Positionen zugewiesen, je nach Preis niedriger oder höher, man stellt sich am Gate links oder rechts entsprechender Markierungen an und wartet, bis man an der Reihe ist, und dann dürfen eben die Nummern eins bis zwölf der Gruppe A an Bord und so weiter und so fort und ganz zum Schluss die Nummern 36 bis 51 der Gruppe C.

Was auch immer Southwest sich dabei gedacht hat: Es ist zwecklos. Es nützt nichts. Da macht der Passagiermensch nicht mit. Nach dem ersten Block sind alle Fensterplätze weg. Nach dem zweiten alle Gangplätze. Weil aber der Rest ja auch irgendwo sitzen will und nur die Mitte bleibt, müssen die am Gang wieder aufstehen, und zwar von der ersten bis zur letzten Reihe, was zu den typischen Verknotungen führt, die man ja eigentlich mittels der Blockabfertigung zu verhindern suchte. Die Menschheit und der Kommunismus, das könnte vielleicht noch klappen, Boarding aber – niemals.

Quelle: F.A.S.
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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