Balearische Inseln

Phantastische Geschichten

Von Andreas Lesti
Aktualisiert am 13.01.2019
 - 10:55
War er nun da oder nicht? Mallorcas Höhlen sind schon sehr lange als Touristenattraktionen bekannt.zur Bildergalerie
Jules Verne besuchte vor 150 Jahren Mallorca und ließ sich in den eindrucksvollen Höhlen für seine Romane inspirieren. Oder stimmt das alles gar nicht?

„Nein“, sagt Nicolás Moragues. „Als Historiker muss ich nun endgültig sagen: Jules Verne war nie auf Mallorca.“ Und damit wäre diese Geschichte über den französischen Schriftsteller und die spanische Ferieninsel beinahe schon wieder vorbei. Beinahe. Denn große Märchengeschichten – und das hätte wohl kaum einer besser gewusst als Jules Verne – beginnen dort, wo Realität endet.

Moragues, der Mann, der die Anekdote mit Jules Verne und Mallorca als Fiktion enttarnt hat, sitzt im „Ca’n Joan de S’Aigo“, einem Traditionscafé in den engen Gassen der Altstadt von Palma, unweit der Plaça de Quadrado, und rührt in seinem café con leche. Der 43-Jährige beschäftigt sich als Professor für Geschichte an der Universitat de les Illes Balears und Vorsitzender der spanischen Jules-Verne-Gesellschaft seit Jahren intensiv mit dem Schriftsteller. Als Mallorquiner und glühender Verehrer seiner Romane hätte Moragues sich so sehr gewünscht, dass Jules Verne auf Mallorca gewesen wäre. Schließlich gab es genug Indizien, die dafür sprachen. Da wäre dieser ominöse Eintrag im Gästebuch der Tropfsteinhöhlen von Artà vom 17. September 1877; da wären die Höhlen von Hams und die Drachenhöhle, die lange damit warben, dass Jules Verne sich hier für die „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ hatte inspirieren lassen; und da wäre das Kapitel im Roman „Clovis Dardentor“, in dem der Autor Palma so detailverliebt beschreibt, als wäre er mehrfach da gewesen. Aber genauso wenig wie Goethe in jedem Gasthof zwischen Weimar und Rom, und Hemingway in jeder Bar zwischen Paris und dem Montafon gewesen sind, genauso wenig war Jules Verne auf Mallorca. Das hat der Historiker Moragues nun, nach vielen Jahren der Lektüre und Recherche, des Forschens und Analysierens klargestellt.

Die erste Touristenhöhle Europas

Auf den imaginären Spuren Jules Vernes fahren wir am nächsten Tag nach Artà. Die Höhlen von Artà sind eine der ältesten Touristenattraktionen auf Mallorca. Sie öffneten bereits 1806, damit waren sie die erste Touristenhöhle Europas, und man konnte sie mit Fackeln erkunden, ganz so wie Jules Vernes Figuren nach dem Zugang zum Mittelpunkt der Erde suchen. Es war der Beginn des Tourismus auf Mallorca, und die ersten Gäste waren französische Forscher, Gelehrte und Künstler, die auf dem Weg nach Afrika waren. Hätte Jules Verne nicht einer von ihnen gewesen sein können? Im Gästebuch, das im Besitz der Eigentümerfamilie der Höhle ist und das Nicolás Moragues einsehen konnte, ist jener Eintrag vom 17. September 1877 zu finden. Wenn Verne hier war, dann kam er offenbar in prominenter Gesellschaft. Neben ihm selbst haben Victor Hugo, Alexandre Dumas der Ältere, Charles Paul de Kock und die Schauspielerin Sarah Bernhardt unterschrieben.

Dass die Höhle so früh entdeckt und zugänglich gemacht wurde, ist nicht verwunderlich. Sie öffnet sich in einer großen Wölbung zum Meer hin und war für Seefahrer, die an der Ostküste der Insel entlang segelten, nicht zu übersehen. Und doch ist die Dimension der Höhle von Artà für jeden, der sie betritt, eine Überraschung. In den kathedralengroßen Räumen ist ihr Ende kaum auszumachen. „Es hat hier das ganze Jahr über konstant 17 Grad“, erklärt der deutsche Führer Fabian und bleibt vor der „Königin“ stehen, einem sechs Millionen Jahre alten Stalagmit, mit 22 Metern Höhe einem der höchsten Europas. Ein halber Meter trenne die Säule noch von der Decke – und innerhalb des erdgeschichtlichen Wimpernschlags von fünftausend Jahren wird sie sich mit ihr verbunden haben.

Steinsegel und Orgelpfeifen

Über eine Treppe führt der Weg durch einen schmalen Durchgang namens „Eingang zur Hölle“. Die von Scheinwerfern angestrahlten Wände sehen aus wie Dinosaurierknochen oder wenigsten Brutstätten für Aliens. Aus unsichtbaren Lautsprechern dröhnt „O Fortuna“ aus „Carmina Burana“. Es geht immer tiefer hinab, vorbei an Steinsegeln, Orgelpfeifen und anderen Phantasiegebilden. Fabian sagt: „Wir sind nun 45 Meter unter der dem Eingang.“ Ob Jules Verne hier war, fragen wir ihn dann, und er antwortet: „Ja. Und nicht nur der, auch Salvador Dalí war mehrfach hier.“ Und das sei alles in den Gästebüchern dokumentiert.

Es wäre wirklich plausibel, dass diese Höhle Jules Vernes Phantasie angeregt hat. „Aber, was unter unseren Füßen die Stufen abgab, wurde an den anderen Wänden zum Tropfstein“, ist in „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ zu lesen, als die Protagonisten in den Höhlen des isländischen Vulkans Snæfellsjökull verschwinden. „Die an manchen Stellen löchrige Lava bildete kleine runde Blasen; Kristalle von dunklem Quarz, mit klaren Glastropfen geziert, hingen wie Lüster vom Gewölbe herab.“ Und die Zeichnungen von Édouard Riou, die schon die Originalausgabe von 1864 illustrierten, sehen aus wie eine Werbebroschüre für die Höhlen von Artà.

Nur: Der Gästebucheintrag ist aus dem Jahr 1877, also dreizehn Jahre nachdem der Roman erschienen war. Alexandre Dumas der Ältere und Charles Paul de Kock waren bereits seit sieben und sechs Jahren tot. Hier passt vieles nicht zusammen. Moragues hat die Unterschriften untersucht und festgestellt, dass die von Verne und Dumas aus einer Hand stammen. „Fake News – das war schon damals so“, sagt Moragues. Und wenn sich so ein Fehler einmal eingeschlichen habe, dann sei es schwer, ihn zu korrigieren. Aber er müsse zugeben: „Das muss ein sehr gut informierter Zeitgenosse gewesen sein – und ein humorvoller Mensch. Vermutlich einer jener französischen Forscher, die auf dem Weg nach Afrika nach Mallorca kamen.“

Eine unterirdische Miniaturwelt

Die Höhlen von Hams bei Porto Cristo liegen nur zwanzig Kilometer südlich von Artà. Auch hier soll Jules Verne gewesen sein, auch hier soll er sich für seine phantastischen Romane inspiriert haben lassen – auch wenn sich die Eigentümer diesbezüglich mittlerweile recht bedeckt halten. Vielleicht ja auch deswegen, weil diese Höhle erst 1905, in Jules Vernes Todesjahr, entdeckt wurde.

Pepe Pinya, ein gediegener älterer Herr mit hellblauem Pulli und Krawatte, ist seit zwanzig Jahren „Höhlenkoordinator“. Wir stehen in der Senke, die zu den beiden Höhlen führt. Über uns spannt sich ein Gewölbe aus Karstgestein, rotbraun vom Kupfer- und Eisenoxid und weißlich vom Kalziumkarbonat. Die Felswände sind bewachsen, und es tropft und dampft, als wäre das hier der Ausgangspunkt für eine Dschungelexpedition in Südamerika. Aus einem Lautsprecher plätschert „Eine kleine Nachtmusik“. Es ist nicht viel los, jetzt in der Nebensaison. Nur eine Familie und zwei Pärchen stehen vor dem Schild „In zehn Minuten deutsche Führung“. Pepe Pinya sagt: Ja, Jules Verne sei hier gewesen, aber es gebe leider keine Dokumentation darüber. Früher habe es auch einmal einen Film gegeben. Ob es den noch gebe? Ja, vielleicht, aber da müsse er mit dem Direktor sprechen. Und dann verschwindet Pinya in die Ober- und wir in die Unterwelt.

Die Höhlen von Hams verhalten sich zu Artà wie die „Kleine Nachtmusik“ zu „Carmina Burana“. Alles ist lieblicher, kleinteiliger, sieht aus wie eine Miniaturwelt, die Tropfsteinformationen erinnern an Bienenwaben, in jeder Biegung ist was zu sehen. Kaum ein Stein, der nicht angestrahlt ist, eine Videopräsentation, die man sich von gemütlichen Sitzplätzen aus ansehen kann, und am tiefsten Punkt fährt auf einem unterirdischen See ein Ruderboot zu einem Klassik-Best-of vorbei. Nur Jules Verne hat sich in Luft aufgelöst. Als wir wieder draußen sind, kommt Pepe Pinya zurück, ja, er habe mit dem Direktor gesprochen, und dann fügt er ganz höflich hinzu: „Nein, das Video sei leider unter Verschluss.“

Der erste Tourismuspromoter der Insel

Aber wie kommt es, dass Jules Verne Mallorca seinen Stempel aufdrücken konnte, ohne jemals da gewesen zu sein? „Ich glaube“, hatte Nicolás Moragues im Café „Ca’n Joan de S’Aigo“ in Palma gesagt, „er war von den Büchern über Mallorca für seine Bücher inspiriert.“ Verne kannte die Berichte der französischen Forscher und vor allem „Die Balearen“, eine siebenbändige Enzyklopädie seines langjährigen Freundes, des Erzherzogs Ludwig Salvator von Österreich-Toskana. „Ein unglaublich genaues Werk, das beste, das jemals über die Balearen geschrieben wurde“, sagt der Historiker. Der Erzherzog lebte damals auf Mallorca, war, wie Moragues sagt, „der erste Tourismuspromoter der Insel“ und hatte Verne eingeladen. Doch der sagte ab, wie Moragues herausgefunden hat, unter anderem mit der Begründung, dass ihm sein Verleger Pierre-Jules Hetzel im Nacken säße. „Er antwortete, dass er wahnsinnig gerne kommen würde, aber es nicht schaffe, weil er laut Vertrag drei Bücher pro Jahr schreiben müsse.“

Dennoch haben ihn die Inseln fasziniert. In fünf Büchern kommen die Balearen vor: „Abenteuer von drei Russen und drei Engländern in Südafrika“, „Reise durch die Sonnenwelt“, „Der grüne Strahl“, „Die Erfindung des Verderbens“ und „Clovis Dardentor“. Letzteres hat sich Moragues genau vorgenommen und ein ganzes Buch darüber geschrieben. In „La vuelta a Palma en 80 imágenes“ legt der Historiker dar, wie genau Jules Verne gearbeitet hat. „Es ist erstaunlich: Er hat alles genau beschrieben, von der Eulalia-Kirche, über die Farben der Fenster bis hin zur Kleidung der Menschen. Und zugleich legt Jules Verne in diesem Roman auch ein erstaunliches augenzwinkerndes Bekenntnis ab. Im sechsten Kapitel ist zu lesen: „Wenn es eine Region gibt, die man von Grund auf kennen kann, ohne sie jemals besucht zu haben, ist es die herrliche Inselgruppe der Balearen. (. . .) Es reicht aus, sich in eine Bibliothek einzuschließen, vorausgesetzt, dass diese Bibliothek das Werk seiner Hoheit des Erzherzogs Ludwig Salvator von Österreich über die Balearen besitzt.“

Ob Verne nun auf Mallorca war oder nicht – für Moragues zählt auch der Umstand, dass er über die Insel geschrieben hat. „Das ist Teil eines neuen Tourismus“, sagt er und setzt ein schiefes Lächeln auf, weil er, der Mallorquiner, vor zwanzig Jahren ein Jahr in Köln gelebt hat und über deutsche Ballermanntouris fast so gut Bescheid weiß wie über französische Romane. Moragues hat eine Broschüre drucken lassen, die Touristen auf den Spuren von „Clovis Dardentor“ durch Palma führt.

Ein Beispiel nehmen an Jules Verne

Die Eulalia-Kirche erhebt sich nur zwei Straßen entfernt vom Café „Ca’n Joan de S’Aigo“ aus den verwinkelten Gassen der Altstadt. Während in dem holzvertäfelten Café Einheimische in ruhiger Atmosphäre Zeitungen lesen, beginnt auf dem Platz vor der Kirche nun der touristische Alltag. Unter den Palmen versuchen sich asiatische Touristen auf einem Stadtplan zu orientieren, vor den Restaurants werden Lieferwagen entladen und die Tische mit rot-weiß karierten Tischdecken belegt, ein Straßenmusiker stimmt vor dem Café „Maderno“ seine Gitarre, und dann fährt, wie eine flüchtige Erinnerung ans neunzehnte Jahrhundert, eine Pferdekutsche vorbei – das Klappern der Hufe verhallt zwischen den Steinmauern. Aus der Kirche dringt klassische Musik, drinnen verkauft eine Frau Kerzen für zwei Euro das Stück. Sie macht einen vierten Strich auf ihre Liste und sagt entschuldigend: „Heute habe ich noch nicht so viele verkauft.“

Als wir wieder auf den Platz hinaus treten, drängt eine erste Kreuzfahrttouristengruppe auf den Platz. Willkommen im massentouristischen Mallorca des 21. Jahrhunderts. Und wenn man den Guide und die Kreuzfahrttouristen beobachtet, dann denkt man sich: Vielleicht sollten sie sich ein Beispiel an Jules Verne nehmen und die Inseln gar nicht erst betreten. Man müsste doch nur die Bordbibliothek mit der siebenbändigen Enzyklopädie des Erzherzogs Ludwig Salvator ausstatten.

Für Höhlenforscher: Der Weg nach Mallorca

Anreise Es gibt täglich durchschnittlich hundert Flüge von deutschen Flughäfen nach Palma de Mallorca.

Höhlen Die Höhlen von Artà liegen ein paar Kilometer östlich von Artà an der Küste und sind am besten per Mietwagen erreichbar. Führungen von November bis März von 10 bis 17 Uhr. Eintritt 12 Euro, Kinder bis 12 Jahre 7 Euro, unter 6 frei; cuevasdearta.com. Die Höhlen von Hams sind bei Porto Cristo, nicht weit von Artà, und auch gut per Mietwagen erreichbar. Führungen von Oktober bis Mai täglich zwischen 11 und 16.30 Uhr. Eintritt 21 Euro, Kinder ab 12 Jahren 10,50 Euro, unter 12 frei; cuevas-hams.com.

Unterkunft Ein guter Ausgangspunkt für die Höhlenerkundung ist zum Beispiel das „Zafiro Cala Mesquida“, ein Viersternehotel der mallorquinischen Kette Zafiro. Von dort sind es rund 15 Fahrminuten bis zu den Höhlen von Artà und eine halbe Stunde nach Porto Cristo. Preise und Buchung unter zafirohotels.com.

Literatur Die Romane von Jules Verne sind bei verschiedenen Verlagen erschienen. Ein guter Einstieg ist ein Schuber mit vier Bänden (auch die „Reise zum Mittelpunkt der Erde“), Anaconda Verlag, 19,95 Euro. Der Roman „Clovis Dardentor“ aus Jules Vernes Spätwerk ist antiquarisch erhältlich. Mehr Informationen über den Historiker Nicolás Moragues und sein Buch „La vuelta a Palma en 80 imágenes“ unter nicolasmoragues.com

Informationen zu literarischen Touren auf Mallorca unter walkingonwords.com, allgemein unter infomallorca.net.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Lesti, Andreas
Andreas Lesti
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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