Rennen von Megève nach Nizza

Sieben Tage zwischen Schmerz und Euphorie

Von Ralf Bönt
20.09.2021
, 20:36
Am Col de la Bonette: Diese endlose  Straße windet sich durch die französischen Seealpen bis  auf 2800 Meter Höhe.
Die „Haute Route“ ist ein Radrennen, das von Megève nach Nizza führt. Dazwischen liegen die Alpen und ihre höchsten Passstraßen. Ein knallharter Wettbewerb der besten Amateure – doch man geht nie ohne Freunde nach Hause.

Mittwoch morgen kurz nach acht. In einem grauen Hinterhof von Alpe d’Huez lehnt das Rennrad an der Rückwand des Hotels. Es ist kühl, sonnig und trocken: perfektes Wetter. Die kleine elektrische Pumpe schraubt den Reifendruck am Hinterrad langsam auf 8,5 bar. Ich habe Salze und Mineralien in der Flasche Wasser aufgelöst, die am Sitzrohr klemmt. Dichtmilch und Handpumpe in der Rückentasche links. Ausweis, Krankenkarte, Kreditkarte, ein Zettel mit der Blutgruppe und ein Geldschein rechts. Zwei flache Tüten aus Aluminiumfolie mit einem Gel aus Zucker und Aminosäuren in der mittleren Tasche. Wir fahren nur 15 Kilometer. Ich bin bei der „Haute Route Alps“, der Tour de France für Amateure, und ich bin spät dran.

Wie schon am Dienstag habe ich auch heute mein Frühstück stehen lassen müssen. Seit Samstag nehme ich Antibiotika, wegen eines Zeckenbisses. Zudem bin ich leicht erkältet, kein Wunder nach dem, was wir am Vortag erlebt haben. Aber das ist nicht das Problem. Das Problem ist die Uhr. Während ich am Vorderrad auf 8 bar pumpe, fällt mein Blick auf den Lenker. Ich habe meinen Radcomputer vergessen. Ich muss noch mal hoch ins Zimmer und werde zu spät zum Start kommen. Ich bin bei der Haute Route dabei und zum ersten Mal in Alpe d’Huez, bei den berühmten 21 Kehren, dem Petersdom des Radsports. Da kannst du erkältet und erschöpft sein, du kannst schlecht fahren, aber schlecht organisiert sein ist respektlos.

Ich ziehe die zweite der beiden Regeln, die ich mir für diese Tour gegeben habe: Einen Fehler darfst du machen, das passiert sowieso, aber mach dann keinen zweiten. Verzeih dir den ersten Fehler, aber nicht den danach, den du beim Versuch machst, den ersten zu vertuschen. Also rolle ich ums Haus, hole den Computer aus dem Zimmer, ohne den ich meine Leistung im Zeitfahren nicht einteilen könnte, und fahre ohne Eile zum Start. Ich komme zu spät, kein Problem für die Rennleitung. Man zieht drei andere Fahrer vor. Dann bin ich selbst schon drin, und das wenige was ich mir vorgenommen habe, kann ich nicht umsetzen. Der Puls fällt zum Teil unter 130.

Beim Anstieg zum Col du Télégraphe kämpft der  Autor sehr.
Beim Anstieg zum Col du Télégraphe kämpft der Autor sehr. Bild: photo running

Auch ohne Zecke und Schnupfen war es viel verlangt, bei der Haute Route an den Start zu gehen. Als mich die Einladung erreichte, war ich seit mehr als einem Jahr auf keinem Berg mehr gewesen. Es gab keine Trainingsgruppen mehr, nur achttausend einsame Kilometer auf Landstraßen in Brandenburg und als Geselle den Wind. Aus sportlicher Sicht kam nur eine Absage in Frage. Schließlich ging es über sieben Tage, von Megève in der Nähe des Montblanc über knapp 900 Kilometer nach Nizza, hochalpine Kilometer. Weil es sich dieses Jahr um die 10-Jahre-Jubiläumstour handelte, wollte man den üblichen Superlativ noch ein bisschen toppen: Die dritte Etappe war die längste und mit den meisten Höhenmetern versehene in der Geschichte dieses Rennens, die 6. Etappe 2800 Meter hoch in den Parc National du Mercantour. Versuche, ähnliche Strecken im Ötztal als Profirennen zu etablierten, scheiterten mehrfach: zu lange zu steil, die Luft zu dünn. Obendrein ist das Klettern meine schwache Disziplin. Aber mit der Vernunft ist es so eine Sache und mit der Übertreibung eine andere. Also der Übertreibung mit einer Untersetzung beikommen?

Tag eins

Ich rief Richard Geng an, den früheren Berliner Meister und Trainer, der über viel Einfühlungsvermögen verfügt und das Portal strivemax betreibt, auf dem man seine Fahrten analysieren kann. Radfahren ist schließlich wie Badminton oder Englisch: Es macht sofort Spaß, aber um richtig gut zu werden, brauchst du ewig. Unterwegs gewöhnt man sich an die Glückshormone Dopamin, Serotonin und Endorphin. Welches Ziel ich denn hätte, fragte Richard. Ich wollte die Berge sehen und am Strand ankommen, ohne ständig die rote Laterne am Hintern zu haben. Das ist ein Fahrer der Tourleitung, der aufpasst, dass man rechtzeitig in den Besenwagen steigt. Richard sah sich meine Daten an und rechnete ein bisschen. Kein Problem, stand dann in der Mail, wenn du drei Kilo abnimmst. Und fahr in der vorletzten Woche vor dem Start fünf- bis sechshundert Kilometer.

Bild: F.A.Z.-Karte lev.

Die Haute Route ist logistische Hochleistung. Das gilt auch für den Einzelnen, der schon zu Hause von einem zweiten Satz Bremsbelägen über allerlei Wundcremes bis zum Oropax alles in perfekter Ordnung haben muss. Es sind immer zwei, drei Kleinigkeiten, die dich rausschmeißen. Mit der Abreise entfaltet das Rennen endgültig seinen Sog: ankommen, Rad auspacken, Startnummer, Hotelliste, Briefing zur ersten Etappe, neue Bekanntschaften. Es überwiegt das Gemeinschaftsgefühl. Alle zwei bis drei Tage gibt es einen Unfall, sagt mir die Geschäftsleiterin Julie Royer Coutts. Aber so lange dauert es diesmal nicht, denn als ich am ersten Tag vom Colombière komme, vorsichtig wegen der Nässe, sehe ich den Krankenwagen früh genug. Blut auf der Straße.

Ich bete mir noch mal meine erste Regel vor: Euphorie strikt verboten. Ein Mehrtagesrennen dieser Größenordnung kann man nur mit maximaler Selbstkontrolle und Konzentration in jeder Sekunde bestreiten. Ich fahre langsam und bin am Schlussanstieg müde, kann aber die letzten hundert Höhenmeter testweise zulegen. Verpflegung, Massage, das Rad auf Schäden durchsehen. Briefing, Schlafen, der Wecker.

Tag zwei

Fahr noch langsamer. Die Schönheit Roselends. Nach Tignes hoch wird alles schwer, das Rad, der Helm, das Trikot: das ist der Vorgeschmack. Oben steht immer ein Renndorf, mittendrin eine große Leinwand. Als ich ankomme, pariert Primož Roglič auf der Vuelta a España einen Angriff. Ich sehe detailliert, dass ich bergauf nicht radfahre, sondern Ecken in die Luft trete. Morgen klingelt der Wecker um fünf.

Tag drei

Die historische Etappe von Tignes nach Alpe d’Huez erklärt Fergus Grant im Briefing gewohnt instruktiv. Auf den Gipfeln und Abfahrten wird es beißend kalt werden, 4 Grad. Als ich am nächsten Tag nach zehn Stunden ankomme, habe ich 188 Kilometer und 4972 Höhenmeter aufgezeichnet. Das ist so, als ob ich siebenmal auf den Brocken und noch ein paarmal um ihn herum gefahren wäre, nur dass ich die meiste Zeit in mehr als doppelter Höhe war. Dabei habe ich alles erlebt, was an einem Tag in den Alpen möglich ist: den Start mit der Sonne hinter dem Berg. Einen Hungerast, von dem man spricht, wenn der Zuckerspeicher im Körper leer ist, schon unten am Galibier. Ich überstehe ihn nur, weil mir Jan ­Ullrich mal gesagt hat, was man machen muss: anhalten. Drei Minuten genügen, man muss allen Zucker verzehren, den man hat. Wer mich passiert, bietet Hilfe an, und dann geht es ­tatsächlich weiter. Mich rettet der Tipp von Ullrich, dem ein Hungerast 1998, auch hier am Galibier, den Sieg der Tour de France gekostet hat.

Zehn Kilometer vor der Passhöhe  des Galibiers erinnert er sich  an einen Tipp von Jan Ullrich –  und kann weiterfahren.
Zehn Kilometer vor der Passhöhe des Galibiers erinnert er sich an einen Tipp von Jan Ullrich – und kann weiterfahren. Bild: Ralf Bönt

Jeder Berg hat eine Krone, wenn die Straße um eine Kehre kommt und der Pass endlich zu sehen ist, in strahlend ­weiter Ferne. Die grandiosen Blicke zurück in die Tiefe und voran die endlosen schnellen Kurven hinab. Die Konzerte der Murmeltiere in den baumlosen Höhen, die Formationen der Wolken.

Die Begeisterung der Franzosen, Kinder, die von Balkonen und  aus  Autofenstern  heraus  anfeuern Die sehr alte Dame, die den Streckenposten gab, für jeden Nachzügler aufstand, sich auf ihren Krückstock stützte und das Schild hochhob mit dem Pfeil, wie man abbiegen muss, dabei jedem ein „Bon courage“ zurief. Und am Ende den Col de Sarrenne, jenen für die Haute Route typischen Berg am Schluss, der einer zu viel ist.

Ich komme gut hinein, auch weil ich mit der Schweizer Psychologin Sandra Bertoli im Gespräch bin, einer jener Frauen meiner Generation, die mich täglich an den steilen Abschnitten überholen. Die Haute Route – ursprünglich bezeichnete man damit die Tour von Zermatt nach Chamonix – bringt zuverlässig Teilnehmer aus mehreren Dutzend Ländern zusammen. Als nach der Hälfte das Tal enger wird, beginnt es zu regnen, langsam und sanft und dann genauso langsam immer stärker. Und immer kälter. Längst fährt jeder wieder allein, Rücken- und Gegenwind wechseln, den Zweifel musst du vorher ausgeräumt haben. An der Ziellinie geht der starke Regen in einen Sturm über. Noch sind es acht Kilometer bis Alpe d’Huez. Ich glaube irrigerweise, sie am besten schnell hinter mich zu bringen, was nahe an die Katastrophe führt: eine Handbreit Wasser auf der Straße, die man kaum so bezeichnen kann, Blitzeinschläge in Sichtweite, 7 Grad, einer der privaten Betreuer fährt mit einem freien Platz auf dem Radträger an mir vorbei durch die tiefen Schlaglöcher. Als ich ins Dorf rolle, kann ich wegen der Auskühlung das Rad kaum noch halten. In der Badewanne dauert es eine halbe Stunde, bis das Zittern aufhört. Aber ich bin noch im Rennen. Am nächsten Morgen schlafe ich viel länger als sonst.

Tag fünf

Nachdem der Apotheker in Alpe d’Huez meine Probleme mit Arzneihefe gelöst hat, wächst die Vorfreude aufs Meer, und bis zum Losfahren Richtung Col de Granon, Provence-Alpes-Côte d’Azur, vergesse ich, dass der heikelste Teil des Rennens am nächsten Tag beginnt. Man kann die Uhr danach stellen, dass kurz nach der Hälfte der Distanz die Unachtsamkeit gewinnt. Viele fühlen sich trügerisch sicher, sind tatsächlich aber nur müde. Wir fahren mit dem schon stark dezimierten Hauptfeld den Lautaret hoch, eine mäßige Steigung, und die kleinen Fahrfehler nehmen um mich herum zu. Als eine Polizeistreife mit Sirene und sehr hohem Tempo an uns vorbeirauscht, ahne ich schon, was uns auf dem Gipfel bei angehaltenem Rennen mitgeteilt wird: schwerer Unfall. Während an der Spitze der Brasilianer Pippo Garnero, der am Berg manchen Profi abhängen würde, wie angekündigt die Gesamtwertung für sich entscheidet, überholen zurückliegende Fahrer in einer langgezogenen Rechtskurve bergab einen Wagen. Im Gegenverkehr. Über eine Stunde können wir nur die Helikopter beobachten, und später heißt es, alle drei seien stabil.

Die Tourleitung arbeitet allerdings weiter perfekt, in Konvois zu dreißig Fahrern werden wir von den vielen uns begleitenden Motorrädern sicher ins Tal gebracht. Nach dem Schlussanstieg zum Granon nehme ich mir die nächste Auszeit und schaue lange auf den Höhenzug des Briançonnais. Als am Ziel schon die Kulisse abgebaut wird, nehme ich Kurve um Kurve hinunter ins Dorf, bis mich wohltuende Wärme einhüllt. Dann gibt es zwei Abendessen für mich allein.

Tag sechs

Der Col de la Bonette, auf den die mit 2800 Metern höchste asphaltierte Passstraße der Alpen führt, steht am vorletzten Tag auf dem Programm. Im Nationalpark ist Musik und Müll verboten. Zum Glück hatte ich schon am Col du Vars bei mir selbst gepunktet, denn mein Stiltraining führte zu meiner ersten richtig schnellen Stunde am Berg überhaupt. Plötzlich stoße ich nicht das Rad nach oben oder ziehe es hinter mir her, es rollt nun. Leider endet dieser Tag auf dem Himmelsberg nach der Abfahrt durch das wilde Tal ins liebenswerte Saint-Étienne-de-Tinée mit einem schmutzigen, überflüssigen Anstieg nach Auron. Mir reichts, und so geht es auch den anderen. Die meisten Gesichter sind nun erloschen, die wenigen Gespräche gedämpft.

Tag sieben

Am letzten Tag hat niemand mehr Lust, aufs Rad zu steigen. Es folgt aber ein landschaftliches Spektakel. Nach dem noch langen und steilen Weg zum Col de Couillole kommen wir in die abwechslungsreichen und milden Seealpen. Noch mal eine Stunde, ein warmer Regen und wir sammeln uns an der Promenade in Nizza. Ich lasse mir den Nacken massieren, der nach den stundenlangen Bremsorgien wie gemauert scheint. Ein gutes Hotelbett wartet auf mich. Am Abend die Zeremonie mit Preisen auch für die beiden letzten. Alle stehen auf, als Richard Butterfield als Vertreter von „No man is an Island“ vorgestellt wird, er wirbt für die Impfung gegen HP-Viren, mit der 5 Prozent aller Krebserkrankungen vermieden werden könnten. Zwar ist die Haute Route an der Spitze ein knallharter Wettbewerb der besten Amateure, aber im Innern beherbergt sie eine Sozialmaschine. Man geht nie ohne neue Freunde nach Hause.

Am Sonntag geht es zurück. Ein letzter glücklicher Blick zurück auf die Berge. Gleich beginnt der härteste Teil der Reise: die Wiedereingliederung in die flache Gesellschaft.

Der Weg zur Haute Route

Anreise Zum Beispiel ab Berlin per Nachtzug nach Genf (ab 250 Euro) oder per Flugzeug ab 80 Euro (z.B. mit Easyjet). Vorsicht: Die Tarife für Sportgepäck werden ständig geändert. Von Genf nach Megève fährt ein Shuttlebus des Haute-Route-Veranstalters. Zurück ab Nizza mit dem TGV bis Genf (nicht bahn.de verwenden, die schickt über Paris), dann weiter per ICE. Fahrrad muss nur verhüllt sein, man kann leichte Laubsäcke verwenden. Alternativ mit Easyjet ab Nizza, sonntags ab 250 Euro (ohne Radkoffer).

Radrennen Die Teilnahme an der Haute Route kostet 1799 Euro, inklusive technischem Support, Verpflegung (während des Rennens und nach dem Rennen) und Massagen; exklusive Anreise und Hotels, die kann man aber über den Veranstalter buchen: hauteroute.org.
Wem die „Haute Route Alps“ zu anspruchsvoll ist, der kann auch an der „Haute Route Pyrénées“ teilnehmen. Oder als Einstieg in die Welt der Amateur-Radrennen bei „Hamburg–Berlin“: audaxclub-sh.de

Film Und wer nicht selber radfahren will, sich aber für die Haute Route interessiert, sollte sich den mit einem Oscar ausgezeichneten Dokumentarfilm „Ikarus“ auf Netflix ansehen.

Vorbereitung Wer sich gezielt auf ein längeres Radrennen vorbereiten will, der kann das Coaching von Richard Geng in Anspruch nehmen. Mehr unter strivemax.com.

Quelle: F.A.S.
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