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Vom Glück der Abgeschiedenheit

Text und Fotos von CLAUDIA DIEMAR

04.09.2019 · Erst mit den Städtern kam das Leben zurück: Die Wiederbelebung von Bergdörfern in der Serra da Estrela im Zentrum Portugals.

D ona Joaquina ist mit fast achtzig Jahren die Älteste im Dorf Póvoa Velha. Von Kopf bis Fuß ist sie in Schwarz gekleidet, das Tuch hat sie fest um das weiße Haar geschlungen. So sieht sie aus wie ein lebendiges Sinnbild des alten Portugals. Doch so düster ihre Kleidung erscheinen mag, ihre Laune ist es nicht.

„Ich habe Glück, dass ich nicht allein hier zurückgeblieben bin“, lacht sie. Anfang der neunziger Jahre war das Bergdorf fast aufgegeben, kaum ein Mensch lebte noch hier. Dann kamen Ana Seabra und João Trabucco zufällig auf einer Urlaubsreise vorbei. Sie kauften eines der völlig verfallenen Häuser und restaurierten es originalgetreu. Freunde und Bekannte taten es ihnen nach. João ist inzwischen verstorben, aber Ana Seabra kümmert sich weiter um den Ort. Heute werden die Häuschen aus Granit an Urlauber vermietet, wenn die Besitzer sie nicht selbst nutzen. Inzwischen leben in Póvoa Velha ganzjährig etwa dreißig Menschen. Vor der Kapelle werden gerade Stände aufgebaut. Später soll gemeinsam die Ernte der Bohnen gefeiert werden. Dona Joaquina wird dabei sein und sich an der Gesellschaft freuen. Es gibt andere Dörfer, etwa den Weiler Fontão, die nur noch einen einzigen Einwohner haben, hochbetagt.

Serra da Estrela heißt „Sternengebirge“. Die Region im Zentrum Portugals ist eine fast alpin anmutende Gegend, geformt von den Gletschern der letzten Eiszeit. Der höchste Punkt erreicht zweitausend Meter, die einzige Skipiste Portugals findet sich hier. Der Frühling kommt spät, selten vor Ende Juni, dann erst sind die letzten Schneeflecken getaut, und der Ginster schlägt mit grellgelbem Blütenrausch aus. Beim Abschmelzen haben die Gletscher riesige Granitfindlinge in der kargen Landschaft zurückgelassen. Seit den schweren Waldbränden, die 2017 in Portugal wüteten, treten sie noch offener zutage. Links und rechts der Straße ragen verkohlte Baumstümpfe auf.

Serra da Estrela: Eine Schlucht im sogenannten „Sternengebirge“

Die Brände seien nicht zuletzt die Folge einer völlig verfehlten Forstwirtschaft. Statt Mischwälder zu pflegen, wurde vielerorts auf schnell wachsende Baumarten wie Eukalyptus und Pappeln gesetzt, die Profit versprachen. So erklärt es der Wanderführer Tiago Correia vom Centro de Interpretação da Serra da Estrela, kurz: Cise. Das Zentrum befindet sich in Seia, der größten von einem halben Dutzend Gemeinden im Sternengebirge. Es ist eine kommunale Einrichtung, die der Förderung pädagogischer sowie umwelt- und forschungstechnischer Projekte dient. Flora und Fauna der Region werden auf unterschiedliche Weise vorgestellt, beeindruckend ist ein dreidimensionales Modell der Gebirgslandschaft. Ziel sei es, den Umweltschutz und das Bewusstsein für die Natur durch Schulungen, Workshops und Besucherprogramme zu fördern, heißt es in einer Publikation des Zentrums. Einheimischen wie Reisenden soll so dieser Naturraum nahegebracht werden. Aber wie sich zeigt, können hier auch verletzte Vögel zur Pflege abgegeben werden. Gerade trägt eine Frau eine Schwalbe herein, die aus dem Nest gefallen ist und noch eine Weile aufgepäppelt werden muss. Zum Angebot des Cise gehören außerdem geführte Wandertouren in der Region.

Maria Natália Lopes

Aber man muss nicht unbedingt mit einem Führer unterwegs sein. Etliche Wanderrouten mit vorbildlicher Markierung sind in dem Gebiet ausgewiesen. Faltprospekte mit Beschreibung der einzelnen Routen gibt es auch auf Englisch; sie passen in die Jackentasche. Eine der schönsten ist die Rota de Caniça. Sie führt als Rundweg acht Kilometer weit durch dichten Wald aus Esskastanien und Eichen entlang des Baches Caniça zu Wasserfällen, kühlen Felsenpools und zurück zum Startpunkt im Dorf Lapa dos Dinheiros. Eine andere folgt über knapp siebzehn Kilometer dem Lauf des Loriga-Flusses von Vide hinauf ins Bergdorf Loriga. Der als anspruchsvoll gekennzeichnete Trail geht vorbei an Gletschermühlen, Terrassenfeldern und der botanischen Schutzzone Casal do Rei.


Endlich am Ziel, kann man sich in bodenständigen Gasthäusern wie der Casa Fonte Sagrada stärken, die Bacalao nach Hausmannsart serviert oder gegrillten Tintenfisch. „Beides sind Fische, die den Transportweg ins Gebirge sehr gut überstehen, deshalb wurden sie schon immer hier serviert“, sagt die Wirtin. Es gibt aber auch geschmortes Zicklein. Und unbedingt probieren muss man die örtliche Käsespezialität Queijo de Ovelha curado, ein aus Schafsmilch hergestellter, gut ein Kilo schwerer Laib, der innen fast flüssig und wunderbar cremig bleibt. Anders als üblich wird er nicht mit Lab angesetzt. Die „Dicklegung“ erfolgt vielmehr mit den getrockneten blauen Blütenfäden von Cynara cardunculus, einer Wildform der Artischocke. Maria Natália Lopes aus Santiago in der Nähe von Seia gilt als beste Käsemacherin weit und breit. Gleich hinter der Käseküche hat sie ihr Feld mit den Cardo-Pflanzen. So ist alles beieinander.

Maria Natália Lopes aus Santiago in der Nähe von Seia ...
... gilt als beste Käsemacherin weit und breit.

Für eine Erfrischung nach dem langen Wandertag ist ebenfalls gesorgt. Der Flussstrand Praia fluvial de Loriga umfasst viele Becken, das Wasser in den oberen, tieferen ist eiskalt, die unteren, flachen Becken werden von der Sonne aufgewärmt und sind für die Dorfkinder ein wunderbarer Spielplatz. Hier wie auch am Flussstrand oberhalb von Lapas dos Dinheiros wachen Rettungsschwimmer über die Badegäste, der Eintritt ist frei.

Noch mehr Badevergnügen gibt es im nahe gelegenen Alvoco da Serra. „Früher haben wir hier auch im Bach gebadet, dann aber das Wasser in ein Schwimmbecken geführt, damit die Jugendlichen in der Gegend einen Ort haben, wo sie sich im Sommer treffen können“, sagt die Bürgermeisterin Gina Brito. Fünfundzwanzig mal zwölf Meter misst das Freibad, das sich in der Sommersonne auf angenehme Schwimmtemperatur erwärmt und vergessen lässt, dass die Küste mit ihren Atlantikstränden weit entfernt ist. Bademeister Daniel Monteiro wacht über die Anlage, die selbst zur Hochsaison nie überlaufen ist. Senhor Monteiro spricht feinstes Oxford-Englisch. Sein Arbeitsleben hat er als Butler auf luxuriösen Kreuzfahrtseglern verbracht. „Ich wollte die Welt sehen“, sagt er. Irgendwann hatte er genug exotische Plätze angesteuert und genug davon, stets zu Diensten zu sein. Seine Mutter brauchte Pflege, also ging er zurück nach Alvoco da Serra, eine Ortschaft mit nur hundertfünfzehn Einwohnern. Zehn Jahre ist das jetzt her. „Es war eine glückliche Rückkehr“, so Monteiro.

Alvoco da Serra: Badevergnügen in der Sommersonne

Unterhalb des Freibades gibt es eine Bar, die unter anderem einen lokal hergestellten Wacholderbrand als Gin &Tonic serviert. Noch ein paar Schritte weiter liegt der historische Dreschplatz. Im Schatten eines hohen Baumes hat man einen langen Tisch samt Bänken gezimmert. Wer etwas zu feiern hat, macht das hier und lässt dafür Brot von den Dorffrauen backen. Das hat Tradition, damit sie durch ein kleines Entgelt für solche Dienste über ein persönliches Taschengeld verfügen können.

Alvoco ist ein ebenso kleines wie umtriebiges Dorf. Es gibt eine Kneipe, für deren Erhalt man eigens einen Verein gegründet hat, ein winziges Heimatmuseum und eine Tafel, an der täglich neu die Waldbrandgefahr angezeigt wird. „Sicheres Dorf, sichere Bewohner“, steht darüber. Außerdem gibt es die „Ziegenfeuerwehr“. Die Tiere werden eingesetzt, um mit gefräßigem Eifer die Feuerschneisen im Wald von Bewuchs frei zu halten.

Ortsansicht von Alvoco da Serra

Bürgermeisterin Brita Gino versteht sich weniger als kommunales Oberhaupt denn als „Dorfhüterin“. Sie verwahrt auch den Schlüssel zum Gemeindebackhaus Forno comunitario, das von einem guten Dutzend der Dorffrauen genutzt wird. „Die Männer sind fürs Brennholz und das Anheizen zuständig“, erklärt Isaura Mendes, die gerade mit ihrer Tochter Céu den Teig knetet. Gebacken werden Maisbrot sowie in Kohlblätter eingeschlagene Fladen, die mit Zwiebeln und Stockfisch gefüllt sind.


„Mit den ersten brütend heißen Tagen gingen die Hüter mit Laternen los, um in der Kühle der Nacht die Zuleitungen zu den Feldern per Schieber zu öffnen oder zu schließen.“
CÉLIA GONÇALVES

Überall im Dorf sind Girlanden aus Stoffresten aufgehängt. Am alten Waschhaus hängen zudem große Abzüge historischer Fotos an der Leine. Es sind die Reste eines Festes, wie sie hier wieder gefeiert werden. Auch dies Teil einer Rückbesinnung, für die sich Célia Gonçalves starkmacht. Sie ist die engagierte Repräsentantin von Adiram, einer Vereinigung zur Wiederbelebung der Bergdörfer in der Serra da Estrela. „Mit den ersten brütend heißen Tagen gingen die Hüter der oberhalb der Dörfer liegenden Bewässerungskanäle mit Laternen los, um in der Kühle der Nacht die Zuleitungen zu den einzelnen Feldern per Schieber zu öffnen oder zu schließen. Wenn wir die Laternen wie Glühwürmchen über die Hänge wandern sahen, wussten wir, dass der Sommer begonnen hatte“, erzählt sie.

Fotoschau am Waschhaus

Heute wird der Beginn des Sommers in den Dörfern mit Musik und Tanz gefeiert. Sackpfeifer und Trommler spielen auf, Tanzmusik erklingt, und längst geschlossenen alte Schenken und archaisch wirkende Lädchen öffnen ihre Türen, schenken aus und bieten einen Imbiss an. Seit 2012 wird auch der Aufzug der Hirten mit ihren Schafen und Ziegen in die Hochebene Planalto superior wie ein Fest begangen. Hunderte von Wanderern begleiten den Zug der Tiere von Seia zu den Bergweiden bei Sabugeiro.

„Wir wollen, dass die Tradition mit Stolz gelebt wird und über solche Feste ein sanfter Tourismus gefördert wird, der Einheimische und Fremde zusammenbringt“, sagt Célia Gonçalves. Manche der Aktivitäten muten geradezu rührend an. Den Wintertourismus will man mit „Dörfern im Weihnachtsschmuck“ ankurbeln. Erlaubt sind dabei nur Dekorationen aus natürlichem Material: Holz, Pinienzapfen und grüne Zweige. Célia arbeitet mit ganzer Seele an der Zukunft der Bergdörfer, der Aldeias da Montanha, wie sie in der Landessprache heißen.

Transhumância, Zug der Hirten

Die Rettung der Dörfer im Zentrum Portugals ist Teil des EU-Programms eines „rural revival“, das dem ländlichen Raum vor allem durch den Tourismus eine wirtschaftliche Perspektive bieten und die Entvölkerung aufhalten soll. Die Mittel dafür sind jedoch bescheiden. Mit weniger als vierhunderttausend Euro musste die gesamte Region auskommen. Wichtig ist daher weniger das Budget als das Engagement der Dorfbewohner für noch so kleine Vorhaben. Das reicht dann bis zum Basteln von Insektenhotels mit Kindern. Man will mit der Schönheit und mit den echten Produkten der Gebirgsregion überzeugen.

Bislang hat diese Botschaft allenfalls Portugiesen erreicht. Tagelang kann man in der Gegend unterwegs sein, ohne auf ausländische Touristen zu treffen. Und wenn einem zur Ferienzeit Fahrzeuge mit deutschen oder Schweizer Kennzeichen begegnen, sind es fast immer Einheimische, die in der Fremde ihr Brot verdienen und im Sommer für ein paar Wochen in ihr Dorf zurückkehren.


„Wir wollen, dass die Tradition mit Stolz gelebt wird und über solche Feste ein sanfter Tourismus gefördert wird, der Einheimische und Fremde zusammenbringt“
CÉLIA GONÇALVES

Dabei gab es in der Region sogar einmal eine kleine Industrie: Wollverarbeitung und Weben. Sie lässt sich bis ins elfte Jahrhundert zurückverfolgen, und noch in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es Textilfabriken. Dann aber wanderte mit der Globalisierung praktisch die gesamte Produktion ab, vor allem nach Fernost. Selbst die große Weberei in Manteigas am Fuß der Serra da Estrela, in der zu Spitzenzeiten fast tausend Mitarbeiter beschäftigt waren, schloss ihre Tore.

Auch hier brauchte es Besuch von außerhalb, um einen Anstoß für neue Ideen zu geben: das Ehepaar Isabel Dias da Costa und João Tomás. Die beiden kamen 206 zum ersten Mal in die Region. Sie lebten zu der Zeit in Lissabon. Er arbeitete als Anwalt, sie im Management des größten portugiesischen Konzerns Sonae. Für die passionierten Freizeitwanderer wurde die Begegnung mit der Serra da Estrela und ihren Menschen zum Wendepunkt ihres Lebens. Sie gaben ihre Karriere auf und blieben für immer.

Dörfliches Kunsthandwerk

Beeindruckt von der untergegangenen handwerklichen Tradition der Region, starteten die beiden 2010 ihr Projekt „Saberes e Fazeres da Vila“. Eine Wiederbelebung von „Wissen um Kreativität und dörfliches Kunsthandwerk“ musste möglich sein. Schon 2013 zog neues Leben in die aufgegebene Wollfabrik ein, die vor allem Lodenstoff gewebt hatte, aus dem die Kleidung der Hirten bestand. Fünfzehn Arbeiter, viele in hohem Alter, wurden zunächst eingestellt, um die Maschinen wieder in Gang zu setzen. „Loden ist ein wunderbarer Stoff, wasserabweisend und nur schwer brennbar“, erklärt Isabel da Costa. Heute arbeiten mehr als dreißig Mitarbeiter in einem Teil der alten Fabrik, die jetzt „Burel Factory“ heißt. Neben Loden- und Filzstoff werden unter dem Label „Mantecas“ bildschöne Decken und Schals hergestellt. Junge Designer wurden hinzugeholt, die schicke Taschen und Schuhe entwerfen. „Etwa die Hälfte des Umsatzes machen wir inzwischen mit schalldämmender Wandgestaltung aus Wollstoff, oft mit dreidimensionalen Elementen darin“, sagt da Costa. Sogar die Zentrale von Microsoft Portugal wurde mit bunten Filzquadraten ausgestaltet. Manche der exquisiten Stücke voller Ranken und Blüten, die etwa das Kopfende eines Bettes schmücken, werden in Handarbeit gestichelt. Burel exportiert inzwischen bis nach Japan. Doch kann man Beispiele der kunstfertigen Akustik-Wandgestaltung auch in zwei nahe gelegenen Berghotels bewundern. Und die Hirten, die den Sommer auf dem Hochplateau verbringen, finden in Manteigas wieder die Stoffe für ihre Joppen und Umhänge.

F.A.Z.-Karte sie.

Einsam in Portugal

Anreise: Mit Lufthansa nonstop nach Porto. Von dort mit dem Mietwagen weiter in die Serra da Estrela über die A1/A25, etwa 170 Kilometer.
Unterkunft: Casa de São Lourenço, luxuriöses Gebirgshotel mit Panoramablick oberhalb von Manteigas, DZ mit Frühstück ab 180 Euro, etwas günstiger(ab 100 Euro) im Schwesterhotel Casadas Penhas Douradas www.casadesaolourenco.pt. Casas da Ribeira in Póvoa Velha, Studio/Doppelzimmer mit Frühstück für 2 Personen ab 55 Euro www.casasdaribeira.com. Casa Fonte Sagrada, Pension mit benachbartem Restaurant in Loriga, Doppelzimmer mit Frühstück ab 45 Euro www.ovicente.com.
Cise-Zentrum in Seia,geöffnet Dienstag bis Sonntag zwischen 10 und 18 Uhr www.cise.pt. Wollfabrik Burelin Manteigas, Fabrikbesichtigung Montag bis Samstag um 11 Uhr, Eintritt frei www.burelfactory.com.
Weitere Informationen: www.centerofportugal.com (auch auf Deutsch)
Quelle: F.A.Z.

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