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Chile

Salz auf unserem Van

Von Christoph Moeskes
 - 12:07
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Irgendetwas muss dran sein an dieser Atacama, etwas, das selbst die Vorstellungskraft eines Erich von Däniken noch mehr beflügelt. Seit fünfzig Jahren müht sich der mittlerweile 83-jährige Schweizer Autor zu beweisen, dass dereinst Außerirdische in der trockensten Wüste der Welt gelandet seien. Als Beleg dienen ihm die Scharrbilder von Nazca – riesige Figuren und Muster, die erst aus der Luft als solche zu erkennen sind. Die Wirklichkeit dürfte weit weniger exzentrisch gewesen sein. Archäologen gehen davon aus, dass die über zweitausend Jahre alten Zacken und Linien auf den Bergflanken als Wunschzeichen für Fruchtbarkeit geschaffen worden sind. Nicht Aliens sollten vom Himmel kommen, sondern Regen.

Mit dem ist es bis heute nicht weit her. Die Atacama fristet, abgeschirmt von der mächtigen Andenkette im Osten und der kleineren Küstenkordillere im Westen, ein weitgehend vegetationsloses Dasein. Von der Küste schafft es kaum eine Wolke hinüber, denn der kalte pazifische Humboldtstrom hält sie gnadenlos fest. Es gibt Gegenden, in denen es seit Millionen von Jahren noch nie geregnet hat.

Erst kürzlich haben amerikanische Forscher die allertrockenste Stelle gefunden: María Elena South. Mit nur 14 Prozent Bodenfeuchte weist sie Bedingungen auf, wie sie sonst nur auf dem Mars existieren. Kein Wunder, dass die Nasa hier in Nordchile sämtliche ihrer Mars-Rover getestet hat. Das neueste Modell heißt KREX-2. Mit seinen vier Gummirädchen und dem schweren Aufsatz sieht das rollende Kleinlabor ein bisschen aus wie ein Kinderwagen.

Schnee oder Salz?

Das Flugzeug verlässt das Tintenblau des chilenischen Himmels und beginnt mit dem Sinkflug auf Calama. Die Erde unter uns gleicht einem ockerfarbenen Schild aus Staub und Leere – ein Anblick wie zu Anbeginn unseres Planeten. Die Männer in den vorderen Reihen klappen ihre Laptops zusammen und bringen ihre Sitze in eine aufrechte Position. Es sind Ingenieure der Kupfermine Chuquicamata, einem der größten Tagebaue der Welt. 700 Meter tief haben sich die Bagger bis heute in den Wüstenboden gefressen. Fünf Prozent der globalen Kupferprodukion entstammen diesem gierigen, spiralförmigen Schlund, der aus der Luft so aussieht, als hätte jemand einen Stöpsel aus der Erde gezogen.

Farbenpracht
Die Atacama-Wüste blüht
© reuters, reuters

Eine Stunde später sitzen wir bereits in einem weißen, unfassbar weich gefederten Van und rollen den Anden entgegen. Der Fahrer der „Explora-Lodge“ spielt seine Lieblings-CD dezent leise ab. Trotzdem ist uns irgendwie ganz anders: Die Höhe von 2500 Metern macht sich bemerkbar. Am Rand der Landstraße sind immer wieder kleine, eingezäunte Grundstücke auszumachen. Fußballfahnen flattern im Wind, steinerne Kreuze und Blumen huschen vorbei: So gedenkt man hier all jener, die auf der Straße von Calama nach San Pedro de Atacama ums Leben gekommen sind.

Die schneebedeckten Vulkankegel der Anden sind mit einem Mal zum Greifen nah. Vor der gewaltigen Wand sind Hunderte dürre Windräder postiert, die so globalvernünftig im Wüstenocker stehen, dass selbst ein Erich von Däniken sie nicht in Zusammenhang mit Außerirdischen bringen könnte.

Noch vor zwanzig Jahren war San Pedro de Atacama ein kleines, verschlafenes Oasendorf nahe der Grenze zu Argentinien und Bolivien. Heute platzt der Ort aus allen Nähten. Hotels, Restaurants, Touranbieter und Fahrradverleiher sind in die kleinen Lehmhäuser entlang der Caracoles, der staubigen Hauptstraße, eingezogen. Alle wollen sie hierher: Rucksacktouristen aus Europa, Weltenbummler aus Australien, Japaner, die kichernd über die dösenden Hunde an den Straßenecken steigen. San Pedro ist ein wahrhaft globales Dorf, das jeden Tag aufs Neue in die Wüste loszieht. Die meisten Sehenswürdigkeiten der Atacama liegen höchstens einen Tagestrip entfernt.

„Sieht aus wie Crystal Meth“

Unser weißer Van steuert derweil dem Dorfrand zu. Die „Explora-Lodge“ präsentiert sich als weitläufige Luxus-Hacienda mit Pferdeställen, drei Swimmingpools und einem formidablen Restaurant. Zum Rundum-sorglos-Paket gehören vierzig geführte Wanderungen unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade. Eine eigene Sternwarte leistet man sich auch, schließlich ist die Luft der Atacama nicht nur extrem trocken, sondern auch extrem klar. Das wissen auch die Wissenschaftler des Alma-Radioteleskops südlich von San Pedro zu schätzen. Auf über fünftausend Metern bedienen sie 66 riesige Parabolantennen, um den Geheimnissen von schwarzen Löchern und dunkler Materie auf die Spur zu kommen.

Unsere Beine sind auch am zweiten Tag auf 2500 Metern noch immer ein bisschen wackelig, doch für das Valle de la Luna reicht es allemal. Mit an Bord des diesmal grünen Vans sind Nadine und Jack aus Virginia. Nadine ist eine zierliche Stimmungskanone, Jack ein gemütlicher Ironiker. Zusammen sind sie unschlagbar.

Unschlagbar ist aber auch das Mondtal selbst, wie es da mit seinen Verkrustungen und Vertiefungen, seinen Zacken und Becken im milden Vormittagslicht vor uns liegt. Wind, Sonne und heftige Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht haben diese bizarre Landschaft geformt. Immer wieder treten Salzkristalle zutage, die den Boden wie Neuschnee überziehen. „Sieht aus wie Crystal Meth“, sagt Jack. „Quatschkopf“, sagt Nadine.

Die Anden mögen zwar keinen Regen spenden, dafür aber geben sie Wasser in Form von Flüssen und Rinnsalen ab. Einer dieser Wasserläufe ist der Río San Pedro, der die Felder des Oasendorfs mit dem kostbaren Nass versorgt. Ein zweiter ist der Vilama, der sich aus dem „warmen“ Puritama und dem „kalten“ Purifica speist. In Guatin treffen sich die beiden Flüsse, und genau dort spuckt uns jetzt der wieder weiße „Explora“-Van aus. Mit Alessandra, unserer argentinischen Führerin für heute, wandern wir flussabwärts durch den Canyon. Meterhohe Kakteen recken ihre Arme in den staubfreien Himmel. Wir klettern über gurgelnde Stromschnellen. Es duftet nach Thymian und Frühling.

Tags darauf wandern wir den warmen Puritama hoch, der deswegen so heißt, weil er von einer heißen Quelle gespeist wird. Kakteen wachsen hier zwischen 3000 und 3500 Metern keine mehr, dafür Unmengen hochstehender Binsen, in denen sich unsere kleine Wandergruppe manchmal zu verlieren droht. Plötzlich dringen Freibadgeräusche ans Ohr. Die heiße Quelle des Puritama ist zu einer Kaskade von acht Thermalbecken gestaut, in denen man es sich wohlergehen lassen kann. Nadine und Jack sind die Ersten, die in das 33 Grad warme Wasser gleiten – und die Letzten, die zurück in den Van steigen. Ihre weißen Bademäntel haben sie gleich angelassen.

Mittlerweile haben wir uns vollständig akklimatisiert. Im Valle de la Muerte sind wir todesmutig die steilen Sanddünen hinuntergepurzelt. Im Salar de Atacama haben wir vergeblich versucht, die Flamingos im zarten Abendlicht der Salzpfanne mit der Kamera scharf zu stellen.

Nun ist es Zeit, die Tatio-Geysire zu besuchen, ein fauchendes Thermalfeld auf 4300 Metern Höhe. Pünktlich um 7.30 Uhr geht die diesmal braune Schiebetür des Vans auf. Morgens, wenn die starke Höhensonne die Eisdeckel über den Erdspalten weggeschmolzen hat und das Wasser mit Hochdruck herausschießt, sollen die Geysire am beeindruckendsten sein.

Forschung in Chile
Die Atacama-Wüste als Ersatz für den Mars
© afp, afp

Ein großartiger Planet!

Immer höher schraubt sich der Van auf der Straße nach Norden. Ein Guanako steht scheu am Straßenrand. Wildvögel planschen in einem Tümpel. Der Himmel wird immer niedriger, tintenblau wird er wieder, und noch immer gibt es Leben. Endlich, als wenn man es sich jemals wirklich gewünscht hätte: kein Gras mehr, keine Tiere. Stille. Selbst Nadine ist stumm, Jack sowieso. Ein paar kleine Wölkchen verpuffen aus einem Geysir. Das soll es jetzt gewesen sein?

Der Van dreht bei. Es gibt noch ein zweites Feld, das offenbar nur „Explora“- Fahrer kennen. Nach zehn Minuten Rumpelpiste geht die Schiebetür auf, und wir finden uns in einem Hochtal von geradezu überirdischer Schönheit wieder. Es faucht und zischt und blubbert aus den Spalten und Löchern. Die Erde hat sich aufgetan. Doch mitten in diesem Tohuwabohu bahnt sich tatsächlich ein kleines Bächlein seinen Weg. Moose wachsen an seinem Ufer, Flechten, sogar Blumen.

10.48 Uhr: Ein großartiger Planet! Es gibt nichts Besseres in diesem Sonnensystem, Herr von Däniken.

Der Weg in die Atacama-Wüste

Anreise Air France, Iberia und Latam bieten ab ca. 800 Euro Nachtflüge nach Santiago de Chile. Die Flugzeit beträgt ab Paris 14, ab Madrid 13 Stunden. Von Santiago de Chile fliegt Latam mehrmals täglich nach Calima. Von dort sind es mit dem Auto knapp zwei Stunden bis San Pedro de Atacama. Zur Akklimatisierung sollte man es am ersten Tag langsam angehen lassen.

Veranstalter Die Atacama ist Bestandteil der 14-tägigen Reise „Best of Chile“ von Windrose Finest Travel: www.windrose.de. Der Aufenthalt bei „Explora“ kann auch direkt gebucht werden: www.explora.com.

Weltraum Windroses Wissenschaftsreise „Neue Horizonte der Astronomie“ führt vom 29. Oktober bis 9. November 2018 zum Sternegucken nach Chile. Das Gelände des Alma-Observatoriums kann jeden Samstag und Sonntag nach Voranmeldung besichtigt werden: www.almaobservatory.org.

Quelle: F.A.S.
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