Peru

Liegt im Staub ein Regenbogen

Von Folkert Lenz
27.02.2018
, 10:33
Die sozialen Netzwerke haben den „Rainbow Mountain“ in Peru berühmt gemacht. Von Cusco aus kommen Tagesgäste mit dem Bus. Über den Ausangate-Trek kann man allerdings auch hinlaufen. Das dauert knapp eine Woche.

Während einer klaren, dunklen Nacht in der peruanischen Cordillera Vilcanota begreift man leicht, weshalb die Bewohner der Anden-Täler bis heute glauben, dass wir Menschen nur Sternenstaub seien: immer unterwegs im unendlichen Kosmos, auf der Reise von einem Sein zum nächsten. Für sie ist die Milchstraße am Sternenzelt der Fluss des Lebens. Steht man in Cusco, scheint der silbern schimmernde Himmelsstrom, den sie hier Willcamaya nennen, am Horizont auf den verschneiten Gipfel des Ausangate zu treffen und sich dort in Gletschereis zu verwandeln. Verständlich, dass man einst glaubte, dort wohne ein Gott. Zumal das Eis zu Wasser wird und als Río Urubamba durch das Heilige Tal der Inka zurück nach Cusco fließt. Ein Lebenszyklus.

Für die Inka war das kolossale Massiv des Ausangate ein Apu, ein Berggott. Er gilt bis heute als Spender des Lebens, als Schöpfer, als Bewahrer. Mit 6372 Metern ist der Ausangate der höchste Berg weit und breit. Und damit auch der Mächtigste unter den Gottheiten. Die Einheimischen nannten ihn früher Aucakati: Oberhaupt der Krieger.

Respekt flößt das gewaltige Gebirge jedem ein. Abschreckend ist die Region allerdings nicht. Und mit dem „Camino del Apu“ – dem Weg zum Berggott – gibt es eine komfortable, dennoch abenteuerliche Möglichkeit, in das Hochgebirge vorzudringen. Es ist ein fünftägiger Trek von Hütte zu Hütte auf technisch einfachen Steigen entlang dem Fuß des Massivs. Der Weg streift gleißend weiße Gletscherabbrüche, smaragdgrüne Bergseen, in knalligen Rottönen schimmernde Sandsteingipfel, aber auch zivilisationsferne Indigena-Dörfer und endlose Weideflächen.

Buchstäblich atemberaubend

„Wir haben dreiundvierzig Kilometer vor uns. Das klingt nicht viel, addiert sich aber zu einer fordernden Wanderung“, hatte uns der Bergführer Daniel Bustamante beim Aufbruch gewarnt. Vor allem die dünne Luft macht die Tour strapaziös, der höchste Punkt liegt auf einem Pass in fünftausendeinhundert Meter Höhe. Drei der vier Hütten, in denen übernachtet wird, stehen knapp unterhalb von fünftausend Metern. Das gleicht einer Garantie für unruhige Nächte. Atemraubende Erlebnisse sind also garantiert. Buchstäblich.

Das Dörfchen Chillca, Startpunkt des Trails, sieht aus wie eine Handvoll Steine, die ein Riese in die felsige Landschaft geworfen hat. Nicht einmal zweihundert Menschen leben dort, kurz vor dem Ende einer ungemütlichen Fahrpiste. Sie züchten Alpakas und verkaufen ebenso deren Wolle wie Fleisch. Die Herden sind riesig. Zehntausende der Tiere stehen in den Tälern und kauen auf dem harten Halmen des gelblichen Ichu-Grases, das die Bergflanken wie ein Hochflor-Teppich überzieht. Das erste Etappenziel, die Herberge Chillca Tambo, ist auf einer Schlafweide der Lamas errichtet.

Früher mussten Wanderer für diese Tour noch ihre Zelte mitbringen. Vor ein paar Jahren jedoch entstanden Gästehäuser im Vilcanota-Gebirge – von den Einheimischen mit Lehm und Eukalyptus-Stämmen errichtet. Dahinter verbirgt sich ein nachhaltiges Tourismus-Projekt von Andean Lodges in Cusco, das den Hochtal-Bewohnern, die ausschließlich als Alpaka-Hirten und Bergbauern lebten, weitere Möglichkeiten der Arbeit gibt: als Wanderführer, als Köche, als Angestellte im Service, aber auch als Pferdeführer oder Lama-Treiber, weil durch die Trekking-Gruppen eine alte Tradition wieder auflebt – sie lassen ihr Gepäck von Lamas tragen.

Alpakas als Spielkameraden

Zu denen, die das Projekt angestoßen haben, gehört Roger Valencia, einst Vize im peruanischen Tourismusministerium. Als passionierte Kletterer war er wochenlang mit einer Expedition im Ausangate-Gebirge unterwegs gewesen und suchte nun nach einer Möglichkeit, die Lebensumstände der Hirten zu verbessern. Er schlug vor, einen Wanderweg durch den pittoresken Landstrich zu ziehen. Später entstand aus der Idee eine Kooperation von Investoren aus Cusco und zwei abgelegenen Dorfgemeinden, Osefina und Chillca. Dabei waren die traditionell denkenden Quechua in den Bergen zunächst skeptisch. Heute sind während der Saison jeden Monat mehrere Wandergruppen auf dem Trail unterwegs, von Lodge zu Lodge.

Mit dem ersten Licht des Morgens machen wir uns auf den Weg hinauf zum Paloma-See, während den Alpakas rund um die Herberge erst allmählich die nächtliche Kälte aus den Gliedern fährt und sie sich schüttelnd vom raureifüberzogenen Boden erheben. Im Tal von Phinaya stehen sie in großen Herden zusammen. So spitzt in dem steinigen und unübersichtlichen Moränenareal fast hinter jeder Erhebung ein Paar Lama-Ohren hervor. Der Berggott Apu Viracocha, so geht die Legende, hatte die Tiere den Menschen als Spielkameraden zugedacht. „Damit keine Langeweile aufkommt“, sagt Daniel Bustamante und schmunzelt. Und gleich folgt die nächste Legende, während er auf einen Mini-Tümpel deutet. „Das ist eine Pacarina. Von dort kommen die kleinen Lamas her. Sie steigen aus dem Wasser.“ Schwarzblau, fast ölig, schimmert es in der Gumpe – und siehe da: In der Lache treiben wollene Klumpen. Es sind Algenreste, aber den Einheimischen dienen sie als Beleg für ihren Glauben.

Zuchtforellen auf viertausend Metern Höhe

Viele Orte in den Bergen sind den Quechua heilig. Oder auch unheimlich. Die kleine Schlucht, ein Felsspalt, eine Quelle. Am frühen Morgen und am späten Nachmittag vermeiden sie es, dort vorüberzugehen, aus Angst, der Geist des Berges nehme von ihnen Besitz. Gut für uns also, dass die Sonne hoch am Himmel steht, als wir mit unseren Lasttieren den kleinen Wasserfall passieren. Bei der Mittagsrast an der Laguna Paloma sind wir den Gletschern ganz nah. Kalte Fallwinde ziehen von den Eisflächen herunter und treiben alle schnell weiter, so dass der Stopp am Ufer des blaugrün leuchtenden Sees nur kurz ausfällt.

Wenig später ist Machuracay Tambo erreicht. Die Hütte ist wie die meisten anderen Lodges ausgestattet. Zentrum ist ein großer heller Tagesraum, in dem alle zusammensitzen können. Zur Ankunft hat Hüttenchef Marcos den Kamin schon angeheizt. Die Luft in dieser Höhe ist nicht nur dünn, sondern auch kalt. Doppelzimmer bieten den Gästen überraschenden Komfort. Und ungewohnt hier oben ist die Dusche. Es dauert zwar eine Weile, bis der Gasboiler das Wasser erwärmt hat, aber der Luxus wird von den Wanderern gerne angenommen.

Am Abend zündet Marcos Dutzende Kerzen auf den Kandelabern an, so dass der Raum mit warmem Licht durchflutet wird. Hinter den Panoramascheiben wirft die Sonne ihre letzten Strahlen auf die gegenüberliegenden Eiswände. Mariposa, also Schmetterling, heißt die Gletscherformation, in der mit ein wenig Phantasie zwei Flügel zu erkennen sind. Bald schon aber erlischt der letzte Glanz auf dem Firn, während drinnen ein mehrgängiges peruanisches Menü den Weg auf die Tische findet: Quinoa-Suppe, gebratene Forelle, Eier-Omelette, dickes Süßkartoffel-Püree – Leckereien, die man in einer Berghütte nicht unbedingt erwarten würde. Dabei kommt alles aus der Nähe: Den Fisch züchtet der Hüttenwirt in seinem Dorf in einem Teich auf über viertausend Meter Höhe. Die Kartoffeln stammen aus einem Anbau-Programm der umliegenden Kommunen, mit dem seltene und höhentaugliche Arten der Erdäpfel vor dem Aussterben gerettet werden sollen.

Gelbe Schichten aus altem Schlamm

Wie jeden Morgen rät Bergführer Daniel beim Aufbruch am nächsten Tag zu gemächlichem Tempo. Wer zu schnell startet, verausgabt sich und kommt nicht mehr vernünftig in Gang. Unmittelbar hinter dem Haus schraubt sich der schmale Pfad zum Palomani-Pass bis auf fünftausendeinhundert Meter in die Höhe. Mit jedem Schritt wird das Berg-Panorama großartiger. Die abschreckenden Abbrüche in der Südflanke des Santa-Catalina-Gipfels gegenüber sind mit Eis bedeckt. Unterhalb des Gletschers liegt ein dunkelroter Teich, auf dem kleine Eisberge dümpeln. Wie eine blutende Wunde sieht das aus. Den See, erklärt Daniel, gebe es noch keine zehn Jahre. Er ist Zeichen und Resultat des Klimawandels.

Kurz vor dem Palomani-Pass holt uns Pferdetreiber Antonio ein und scheucht seine Packtiere mit Pfiffen und Zischen an dem Trupp vorbei. Die Last-Karawane soll die nächste Unterkunft vor den Wanderern erreichen. Der Übergang selbst ist wie ein Tor in die Wunderwelt der bunten Vilcanota-Gipfel: Zyan, Magenta, Ocker und metallisches Grau verzieren die abgerundeten Kuppen ringsherum. Aber das sei noch gar nichts, grinst Daniel: „Wartet mal ab.“

Er spielt damit auf den „Regenbogen-Berg“ an, den wir am nächsten Vormittag erreichen. Unterschiedliche Mineralien in den Sedimenten geben den Streifen ihre jeweilige Farbe. Grau-Grün stammt von Kupferoxid. Rot kommt von Eisen. Die gelben Schichten bestehen aus altem Schlamm. Der quietschbunten Sandstein-Formation wurden etliche Namen verliehen: Yauricunca, Montaña de siete colores, Vinicunca oder Cerro Colorado. Erst im vergangenen Jahr allerdings haben sich Bilder des Naturwunders unter dem Hashtag „rainbowmountain“ weltweit in den sozialen Netzwerken einen Namen gemacht. Seither schleppen sich täglich bis zu siebenhundert Besucher keuchend auf fünftausend Meter, um das Sediment-Riff mit den markanten Farbstreifen zu sehen – und als Kulisse für ein Selfie zu nutzen. Früher zählte man drei- bis fünfhundert Besucher – im Jahr!

Die Tagestouristen werden zum Problem

Lokale Naturschützer und Touristiker sehen die pittoreske Stätte durch den Hype auf Foto-Plattformen wie Instagram nun gefährdet. Der Regenbogen-Felsen ist über Nacht zu einer „Must-see-Destination“ in Peru geworden. Die vielen Tagestouristen werden zum Problem. Eine Schotterstraße im Tal von Pitumarca wurde so verlängert, dass der Aufstieg zum Yauricunca in drei Stunden zu schaffen ist. Doch weitere Infrastruktur gibt es kaum, keine Toiletten, auch kein Trinkwasser. Wer über den „Camino del Apu“ aufsteigt, nähert sich dem geologischen Farbspiel von einer anderen Seite als die Massen. Und erreicht den Yauricunca nach einem dreistündigen Marsch von der Anantapata-Herberge aus auch früh am Morgen, lange bevor die anderen Besucher einfallen.

Der Weg hier biegt von hier in die Sandstein-Welt von Pururaucas ab, rotes Gestein in unendlich vielen Schattierungen. Und wieder trifft man auf eine mystische Stätte. Auf der anderen Talseite tauchen vier Gesichter auf. Die Konturen von Kinn, Nasen, Augen und sogar Hutkrempen schälen sich aus der Landschaft heraus. „Das sind die versteinerten Antlitze von vier Inka-Kämpfern“, sagt Daniel und erzählt eine Geschichte von Mut und Gemeinschaftssinn der Inka, als diese ihre Hauptstadt Cusco vor ein paar Jahrhunderten gegen den Einfall der Chanca-Krieger verteidigen wollten. Er trägt das keinesfalls im Tonfall eines Geschichtslehrers vor. Vielmehr merkt man, wie wichtig ihm jene Traditionen des Landes sind, die auf der Inka-Epoche fußen.

Dann führt er uns abseits des kleinen Steiges über die Felsbuckel und Kuppen von Pururaucas nach Huampococha. Auch hier geizt die Landschaft nicht mit satten Farben: Weiß, Blau, Ocker, Braun, Gelb, Rosa, Violett. Ein paar der seltenen Vicuñas kommen aus ihren Verstecken, hoch am Himmel schraubt sich ein Kondor in die Höhe, bis er hinter einem Gipfel der Sicht entschwebt. Und mitten in diesem kunterbunten Feuerwerk der Farben steht Mario. Er bläst in ein kopfgroßes, weißes Muschelhorn, so, wie er stets seine Hausgäste begrüßt, doch diesmal kommt statt eines satten Tutens nur ein klägliches Krächzen aus dem Instrument. Da muss auch er lachen.

Marios Gebirgs-Lodge Huampococha ist neben einem azurblauen See errichtet. Auf viertausendachthundert Meter Höhe. In den Alpen stünde man da schon auf dem Gipfel des Montblanc, hier aber ist der ockerfarbene Lehmbau eingerahmt von roten Sandsteinfelsen. Überall schieben sich Berge weit höher in den Himmel. Drei der umliegenden Gipfel weiß Mario zu benennen, und natürlich handelt es sich wieder einmal um magische Stätten. Es sind der Berggott Apu Labrayani, seine Frau Juana Anta und deren Sohn Huayana Anta.

Huampococha ist die letzte Station auf dem Ausangate-Trek. Am nächsten Morgen geht es über den Anta-Cassa-Pass zurück in die Zivilisation. Die Farben verschwinden.

Durch die Anden zum Regenbogenberg

Anreise: Flüge nach Lima ab München mit Lufthansa (via Toronto) ab 1150 Euro, ab Frankfurt mit KLM (via Amsterdam, Quito) ab 1300 Euro, ab Frankfurt mit Latam (via São Paulo) ab 1500 Euro. Oder mit American Airlines ab Frankfurt (via Miami) ab 800 Euro.

Beste Jahreszeit: Juni bis September. In der Trockenzeit gibt es in den hohen Bergen Perus nur wenig Niederschlag. Allerdings ist es recht kühl.

Arrangements: Den „Camino del Apu Ausangate“ können Individualreisende nicht gehen, da die Herbergen ihre Zimmer nur an Veranstalter vermieten. Direktbuchungen über www.andeanlodges.com in Cusco; „The Apu’s Trail“ ab 1600 Dollar für fünf Tage. Hauser-Exkursionen (München, www.hauser-exkursionen.de) bietet die Tour als Teil eines Peru-Reise zu mehreren Terminen in diesem Jahr als „Lodge-Trekking mit Lamahirten“ an; ab 3690 Euro für siebzehn Tage einschließlich Flug.

Tagestouren ab Cusco zum „Regenbogen-Berg“ Yauricunca etwa mit Kantu Peru Tours (Cusco, www.kantuperutours.com), 50 Dollar, mit zweisprachigem Führer (Englisch, Spanisch).

Literatur: „KulturSchock Peru“ von Annette Holzapfel, Reise-Know-How-Verlag, Bielefeld 2017.

Allgemeine Informationen über Peru auf dem offziellen Tourismus-Portal des Landes: www.peru.travel/de/

Quelle: F.A.Z.
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