<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Zuhause unterwegs

Ich bin dann mal daheim

Von Freddy Langer
Aktualisiert am 24.03.2020
 - 12:54
Um seinen Horizont zu erweitern, muss man nicht unbedingt das Haus verlassen.
Es gibt Menschen, die Reisen als Menschheitsrecht begreifen und sich jetzt darum betrogen fühlen. Dabei handelt es sich tatsächlich um ein Menschheitsgeschenk.

Quarantäne. Welch ein schreckliches Wort! Das beginnt ja schon bei der Buchstabiererei und endet noch lange nicht bei der Vorstellung von Zelten aus durchsichtigen Plastikplanen, unter denen schweißgebadet Menschen vor sich hinsiechen, käseweiß im Gesicht und eine Nierenschale aus Pappdeckel neben dem sterilisierten Kunststoffkissen. Als ich das letzte Mal auf der Quarantänestation der Frankfurter Universitätsklinik lag, hatte ich zweiundvierzig Grad Fieber und Magenkrämpfe im Minutentakt, die mit jedem Mal schlimmer wurden, obwohl ich bei jedem einzelnen dachte, ihn vor Schmerzen nicht zu überleben. Ich war gerade aus Nairobi zurückgekehrt, und ohne lange zu fragen, hatte irgendjemand für mich den direkten Weg vom Flughafen zum Krankenhaus bestimmt. Dort schüttelte ein junger Oberarzt den Kopf, als ich Nairobi sagte. „Das sieht so gar nicht nach Kenia aus“, analysierte er, während ich mich auf dem Krankenbett wälzte und fest davon ausging, dass mein letztes Stündlein geschlagen habe. Wo ich denn sonst noch so gewesen sei. Als ich stöhnte: „Ägypten. Und in Peru“, sagte wiederum er: „Nicht in diesem Jahr. In den vergangenen vier Wochen.“ Und ich machte ihm klar, dass ich das genau so verstanden hatte.

Dann pumpte er mich kurzerhand mit Drogen voll, deren Namen ich leider nie erfahren habe, sonst hätte ich davon stets ein Päckchen griffbereit, und ließ mich auf die Quarantänestation bringen, auf der ich im Halbdämmer bei nunmehr normaler Körpertemperatur und einigermaßen erträglichen Magenkrämpfen die kommenden fünf Tage verbrachte, bis der Spuk von einer Sekunde zur anderen vorüber war, ich vergnügt aus dem Bett sprang und der Schwester mitteilte, man könne mich als genesen entlassen – was man mit Freude tat. Auf die Frage, was es denn nun gewesen sei, zuckte der Stationsarzt mit den Schultern. „Ein Virus“, sagte er, zuckte nochmals mit den Schultern und fügte an: „Vermutlich.“

So viel gibt es da zu entdecken

Wie anders: Homeoffice. Das klingt weich, weil man das erste O eher haucht als spricht, das zweite schon fast zu einem Versprechen wird und das Zischeln, in dem das Wort endet, ganz von allein ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Homeoffice: Das ist Arbeiten unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Weshalb man die Ohren nicht über die Maßen angestrengt spitzen muss, um ein leises Raunen zu vernehmen, aus dem sich vor allem ein Begriff herausschält: Urlaub – Ferien in den eigenen vier Wänden. „Und die Decke“, fragen manche, „was ist mit der Decke?“ Ich zumindest wüsste keinen Grund, weshalb sie einem auf den Kopf fallen sollte. Xavier de Maistre blieb zweiundvierzig Tage lang in nur einem Raum und schrieb danach den wunderbaren Abenteuerbericht „Die Reise um mein Zimmer“. Allein für die paar Schritte vom Bett zum Schreibtisch braucht er mehrere Kapitel. So viel passiert unterwegs. So viel gibt es zu entdecken. Und dann geschieht auf dem Weg auch noch ein Unfall. Lange vor solchen Begriffen wie Flugscham, „Overtourism“ oder Reiseverbot führte er vor, wie nachhaltiger Tourismus in seiner extremsten Form funktionieren kann.

De Maistre schrieb das Buch im Jahr 1790, und zugegebenermaßen saß auch er, damals siebenundzwanzig Jahre alt, nicht freiwillig fest. Vielmehr stand er nach einem unerlaubten Duell unter Arrest. Ansonsten war er zeitlebens ein Vielreisender, teils auf der Flucht, teils berufsbedingt, teils mit dem Militär. Er hatte die Versuche der Brüder Montgolfier mit ihren Heißluftballons verfolgt und gemeinsam mit einem Freund Flügel konstruiert, mit deren Hilfe sie bis nach Amerika fliegen wollten, was allerdings misslang. Obwohl er sich in seinem Roman mit parodistischen Anspielungen und Seitenhieben auf die Expeditionsberichte kühner Forscher jener Tage nicht zurückhält, taugt sein Buch als Handreichung für jene, die in den kommenden Wochen eingesperrt zu Hause sitzen müssen oder wollen. „Tausend und abertausend Menschen“, prophezeit er, „werden sich entschließen, meinem Beispiel zu folgen.“ Dann legt er sein Reisegewand an und macht sich auf den Weg Richtung Norden seinem Sessel entgegen.

Sein Trick? „Meine Seele ist offen für alle Arten von Gedanken, Neigungen und Gefühlen; sie nimmt alles, was sich bietet, begierig auf!“ Das ist das Zauberwort: Alles. Selbst hier, auf engstem Raum. Denn es ist ja ein Irrglaube, zu meinen, der Wert der Erkenntnisse und Eindrücke einer Reise steige im Verhältnis zu den zurückgelegten Kilometern. Und vielleicht sollte sich überhaupt jeder Urlauber, bevor er eine Fernreise bucht, zunächst mit einer überstandenen, mehrwöchigen Rundreise durch die eigene Wohnung dafür qualifizieren müssen. Es gibt Menschen, die das Reisen als Menschheitsrecht begreifen und sich deshalb in der momentanen Situation um ebendieses Recht betrogen fühlen. Dabei handelt es sich in Wirklichkeit um ein Menschheitsgeschenk, dem man sich würdig erweisen muss und das Verantwortung verlangt. „Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen“, glaubte der Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal, der bereits hundert Jahre tot war, bevor de Maistre sich auf seine Ein-Raum-Expedition gemacht hatte.

De Maitres Rundreise endete nach sechsunddreißig Schritten am Ausgangspunkt, aber in gerader Linie ist er fast nie unterwegs. So wie auch seine Erzählung mäandert und sich entfaltet zu einer Reise durch die Zeit, die Erinnerung, die Gefühle, die eigene Biographie – selbst tief in das Wesen des Menschen hinein, das er teilt in die Seele und das Tier. Seine Gedanken nennt er Etappen.

Eine Tour vom Hölzchen zum Stöckchen

Wie viel Vergnügen eine Reise macht, ist nicht nur eine Frage des Reiseziels – es ist auch eine Frage der Geisteshaltung. Und wer meint, unbedingt Neues sehen zu müssen, um seinen Horizont zu erweitern, sollte einmal probieren, bisher Überschautes ganz in Ruhe zu betrachten. Noch der banalste Gegenstand genügt, um eine Tour vom Hölzchen zum Stöckchen einzuschlagen. Und wenn das für Gedankenreisen nicht genügt, kann man sich Anregungen auch im Atlas suchen und mit dem Finger über die Landkarte fahren.

Natürlich ist niemandem, der um sein Einkommen bangt, damit gedient, Aristoteles zu zitieren, der die Muße zur ersten Bürgerpflicht machte und jeden aufforderte, frei von Zwängen auf das Leben zu schauen. Aber vielleicht ist gerade die Zeit der Zwangsquarantäne nicht die schlechteste, um über den Zusammenhang von Reisen und Konsum-Mentalität nachzudenken, und auch darüber, weshalb Urlaub am Schnittpunkt von Zwangsentspannung und Reizüberflutung nachgewiesenermaßen für viele Menschen in Stress und Überforderung endet.

Video starten

Reiseveranstalter aus Garmisch
„Es ist schwer, zuversichtlich zu sein“

Ein Zelt im Wohnzimmer aufschlagen

Für den Urlaub zu Hause gibt es längst nicht allein überzeugende Plädoyers, sondern im Englischen bereits Fachbegriffe wie „Staycation“ und „Holistay“: Ferien jenseits von Besuchermassen und touristischen Pflichtprogrammen. Weshalb nicht einfach mal im Wohnzimmer ein Zelt aufschlagen, auf der Luftmatratze übernachten und auf dem Balkon mit dem Propangaskocher eine Dose Ravioli aufwärmen? Und schmeckt nicht, wenn man ehrlich ist, jeder Weißburgunder vom Winzer des Vertrauens selbst am eigenen Küchentisch besser als der Rotwein bei Sonnenuntergang in einer Hafenkneipe auf Kreta?

Wer die Wohnung zum Ferienort wandelt, sich den Kindern anschließt, denen es mühelos gelingt, das Sofa in einen Mississippi-Dampfer zu verwandeln, ein paar Befehle zu rufen, abzulegen und auf große Tour zu gehen, entdeckt womöglich neue Reize und Fähigkeiten, die der Vorfreude auf den nächsten Urlaub in nichts nachstehen. „Dachten sie wirklich, sie würden mich damit bestrafen, dass sie mich in mein Zimmer verbannten“, beendet Xavier de Maistre sein Buch. „Ebenso gut könnte man eine Maus in einen Kornspeicher stecken.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Langer, Freddy
Freddy Langer
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
  Zur Startseite

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.