<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Renaissance der Nachtzüge

Wer wird denn gleich in die Luft gehen

Von Christian Schwägerl
 - 21:54
Durch die Nacht von Berlin nach Wien, bequem mit dem Nachtzug.zur Bildergalerie

Dass schon eine einzige Flugreise mehr erderhitzendes Kohlendioxid freisetzt als die meisten anderen Dinge, die man im Alltag so tut in einem ganzen Jahr – das hat sich inzwischen herumgesprochen. Der positive Umkehrschluss: Keine andere Änderung im Verhalten bringt pro Kopf so viel für den Klimaschutz, wie vom Flugzeug auf ein umweltfreundliches Verkehrsmittel umzusteigen. Aber was soll man tun, wenn einen die Flugscham – respektive die Liebe zum gewohnten temperierten Klima unserer Breiten – packt?

Eine wachsende Zahl von Menschen wünscht sich, auch längere Reisen mit dem Zug zurückzulegen statt mit dem Flugzeug. Ebenso groß ist aber der Wunsch, für solche Reisen nicht ganze Arbeits- oder Geschäftstage zu opfern. Die Lösung liegt auf der Hand: Nachtzüge. „Vor dem Hintergrund der ganzen Klimageschichte ist die Nachfrage nach Nachtzügen generell spürbar gestiegen“, sagt Siegfried Klausmann, Geschäftsführer des auf Bahnreisen spezialisierten Reisebüros Gleisnost in Freiburg. Die Menschen seien „zunehmend bereit, dafür auch ein bisschen mehr als für den Billigflug zu bezahlen.“ Auch Bernhard Rieder von den Österreichischen Bundesbahnen sagt: „Gerade in den letzten Monaten sehen wir ein weiteres Wachstum“ in der Nachfrage nach Nachtzugreisen. Die ÖBB rechneten für das Jahr 2019 auf einzelnen Linien mit bis zu zehn Prozent mehr Fahrgästen als im Vorjahr. Der Leiter des Fernverkehrs der ÖBB, Kurt Bauer, sagte Ende September bei einer Veranstaltung der „Allianz pro Schiene“ in Berlin: „Wir spüren eindeutig einen Greta-Effekt.“

Mit der Familie im Zug zu Abend essen

Hinzu kommt, dass auch größere Institutionen beginnen, ihren Angestellten nahezulegen oder vorzuschreiben, auf das Fliegen zu verzichten. So fordert etwa die Berliner Humboldt-Universität ihre Mitarbeiter seit September auf, bei „Reisen unter 1000 Kilometer Entfernung, sofern diese mit der Bahn in weniger als zwölf Stunden abgeschlossen werden können“, auf das Fliegen zu verzichten.

Was läge näher, als den Nachtzug zu nehmen? Diese Form des Reisens ist nicht nur für das Klima gut: Man kann noch mit Freunden oder der Familie zu Abend essen, steigt dann im Zentrum ein, bettet sich und wacht am Zielort auf. Der Nachtzug kann gerade für Geschäftsreisende eine wunderbare Alternative dazu sein, um fünf Uhr morgens mit dem Taxi an den Flughafen zu fahren, sich durch die Flughafen-Security zu quälen und gequetscht wie Sardinen in die Luft zu steigen, nur um sich dann vom Shuttlebus durchrütteln zu lassen und den langen Weg in die Innenstadt noch vor sich zu haben.

Der Tag beginnt im Nachtzug mit einem Blick auf die Landschaft. Als Schlafwagenpassagier tritt man geduscht und bereits mit Bordfrühstück versorgt auf den Bahnsteig – mitten am Zielort. Der einzige Haken für deutsche Reisende: Die Deutsche Bahn ist 2016 ganz aus dem Nachtzuggeschäft ausgestiegen, nachdem sie zuvor Verbindungen wie Berlin–Köln, Hamburg–München und Berlin–Paris und auch ihre Autoreisezüge etwa nach Frankreich nach und nach eingestellt hatte. Die Kunden wurden damit vertröstet, dass es schnelle ICEs gebe und zudem Nacht-ICEs mit Sitzen statt Betten. Ein schwacher Trost.

Retterin in der Not sind seit damals die ÖBB. Sie sahen die klaffende Marktlücke und stiegen offensiv in das Nachtzuggeschäft ein. Auf 26 Linien wurde das Angebot mit Partnern ausgebaut, Wien ist nun der größte Nachtzug-Hub des Kontinents. Mit den „Nightjets“ der ÖBB kommt man zum Beispiel von Zürich und Innsbruck nach Hamburg, von Wien nach Berlin, Düsseldorf und Hamburg oder von München nach Rom und Venedig. „Wir befördern im Jahr rund 1,4 Millionen Reisende in unseren Nachtzügen, Tendenz steigend“, sagt Bernhard Rieder und resümiert: „Unsere Entscheidung, europaweit ins Nachtzuggeschäft zu investieren, war goldrichtig.“ Auch die Schweizer Bahnen haben den Bedarf erkannt. Sie sind mit den österreichischen Nachbarn nun im Gespräch, die Angebote und Kooperationen auszuweiten.

Deutschen Nachtzüge, die neue Standards setzen?

Und die Deutsche Bahn? Über die Hintergründe ihres Ausstiegs aus dem Nachtzuggeschäft gibt es unterschiedliche Aussagen. Die DB rechtfertigte sich damals mit schlechten wirtschaftlichen Ergebnissen. Doch Insider berichten, die Bahn habe die Nachtzüge immer als Fremdkörper behandelt, sie künstlich mit Kosten belastet und damit schlechtgerechnet. Zudem sei das Angebot durch ausbleibende Investitionen sukzessive heruntergewirtschaftet worden.

Die Erfolge der ÖBB bringen nun wieder Bewegung in die Sache. Die „Wirtschaftswoche“ berichtete Mitte September, bei der Bahn setze unter dem Eindruck gestiegenen Umweltbewusstseins und gestiegener Nachfrage ein Umdenken ein. Eine Rückkehr ins Nachtzuggeschäft sei denkbar, der DB-Chef Richard Lutz selbst treibe die Sondierungen voran. Das Magazin zitierte jedoch auch einen denkwürdigen Satz aus dem Großkonzern: „Unklar ist zum Beispiel, wie komfortabel die Wagen sein sollen.“

Die ÖBB setzen auch hier neue Standards. Anfang 2022 gehen dreizehn neue Nightjet-Züge im Wert von 200 Millionen Euro an den Start, deren Produktion läuft gerade an. Das Design: elegant, modern, komfortabel. „Kundennachfrage und Auslastung sind gerade bei den Schlafwagen sehr hoch – deswegen werden die neuen Nightjets auch immer zwei Schlafwagen haben, jedes Abteil mit Dusche und Toilette ausgestattet“, sagt Bernhard Rieder. Für Alleinreisende soll es Mini-Suites geben.

Nach ihrem kapitalen Fehler, aus den Nachtzügen auszusteigen, wäre die Deutsche Bahn jetzt gefragt, sich zu profilieren. Träumen sei erlaubt: Wie wäre es mit Nachtzügen, die neue Standards setzen? Das betrifft in erster Linie das Design der Schlafsessel, Liegeabteile und Schlafwagen, bei denen es Ziel sein müsste, dass Einzelpersonen, Familien und Gruppen flexibel reisen können und jeder Passagier, also nicht nur der im Schlafwagen, morgens duschen und entspannt – nicht auf sein Bett gekauert – frühstücken kann.

Lounge-Waggon mit Bar, Bibliothek und Musik

Das Potential ist aber noch weitaus größer: Wie wäre es zum Beispiel mit verschiedenen Spezialwaggons, die Bedürfnisse von Geschäftsreisenden ansprechen: Co-Working-Plätze für die Zeit vor dem Schlafengehen oder die Frühschicht vor dem Termin. Oder für die Bedürfnisse von Urlaubsreisenden: Wie wäre es mit einem Lounge-Waggon mit Bar, Bibliothek und Musik, in dem man abends noch zusammen abhängen, lesen oder mitreisenden Autoren bei Lesungen zuhören kann? Mit einem Fitnessabteil, in dem man Kalorien abstrampeln und noch ein bisschen Krafttraining machen kann? Oder durchsichtigen Dächern? Durch die könnten Reisende den Sternenhimmel sehen, vielleicht mit einem Podcast von Weltraumreportern im Ohr oder Augmented-Reality-Anwendungen, um die Landschaft und Kultur entlang der Bahnstrecke zu erkunden.

Es ist durchaus denkbar, dass eine echte Nachtzugoffensive mit neuen Services das Reiseverhalten von Grund auf ändern könnte – weg vom klimaschädlichen Geschäftstrip mit dem Flugzeug, hin zur komfortablen Nachtreise. Das geht nicht mit dem früheren rollenden Material, das den Charme eines evangelischen Gemeindezentrums aus den sechziger Jahren versprühte. Der Geschäftsreisende von heute erwartet Komfort und will keine Zeitreise in die Vergangenheit machen.

Hier liegt das Hauptproblem für die Deutsche Bahn: Wenn sie einsteigen will statt zuzusehen, wie ÖBB und SBB den Markt unter sich aufteilen, dann muss sie sich beeilen. „Das Wagenmaterial muss erst noch beschafft werden, und das ist auf jeden Fall ein Prozess, der sich über Jahre hinziehen wird“, sagt Nachtzugexperte Siegfried Klausmann von Gleisnost. Zudem müssten auch Bahnen in Nachbarländern, wie die französische SNCF und die italienische Trenitalia, überzeugt und in Lösungen eingebunden werden. Man stelle sich vor, wie das wäre: ganz Europa von einem Netz dicht getakteter, komfortabler Nachtzüge überzogen – eine Revolution des Reisens, so modern wie umweltfreundlich.

Bei einem modernen Nachtzugkonzept würde es im europäischen Netz am besten mehrere Züge pro Nacht geben, die am nächsten Tag pünktlich und gestaffelt ankommen. Großen Bedarf sieht Klausmann, der über seine Kunden das Ohr direkt am Markt hat, zum Beispiel auf den Strecken von München, Berlin und Hamburg nach Paris, auf der Strecke Amsterdam via Köln nach Warschau und zwischen Frankfurt und Barcelona. „Diese Verbindungen waren bis zu ihrer Abschaffung immer sehr, sehr gut ausgelastet oder sind sehr vielversprechend, sie wären ganz bestimmt wirtschaftlich erfolgreich zu betreiben“, sagt Klausmann.

Die Zeichen stehen gut für eine Renaissance des Nachtzugs – aus Umweltgründen ebenso wie aus dem Bedürfnis heraus, Reisezeit sinnvoll zu nutzen. Vielleicht wird man sich in Zukunft fragen, wie das jemals sein konnte, dass Leute für einen Trip von Berlin nach Paris ins Flugzeug gestiegen sind. Und vielleicht wird es normal, nach Mallorca nicht mal schnell zu fliegen, sondern mit dem Nachtzug nach Barcelona zu fahren und dann weiter mit wasserstoffgetriebenen Fähren. Der Klimaschutz könnte uns, anders als befürchtet, statt Verzicht eine neue, entspanntere Reisekultur bringen.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenÖBBDeutsche BahnBerlinHumboldt-UniversitätHamburgMünchenParisFamilie