Schmalkalden

Wenn Thüringen dabeisteht, schmeckt es immer gut

Von Lothar Schirmer
Aktualisiert am 16.11.2020
 - 06:55
 Die Türme von St. Georg überragen das wogende Meer aus Ziegeldächern in Schmalkalden.zur Bildergalerie
Von Ofensäuen, Schwerspatmühlen und einer Kloßikone: Eine Heimkehr nach Schmalkalden auf der Suche nach verlorenen Erinnerungen.

Es ist lange her, dass ich zum letzten Mal in Schmalkalden war. Genau sechsundvierzig Jahre. Geburt, Taufe, Schule, die erste Freundin – alles da passiert. Ich war sogar Fahrschüler dort, aber in einem anderen Sinn, als man meinen wird. Der Urgroßvater hatte eine Fabrik, der Großvater war Bürgermeister, die Mutter eine Ikone des lokalen Fotografen. Und jetzt? Jetzt sieht immer noch alles irgendwie aus wie damals. Und irgendwie auch ganz anders. Manchmal kommen bei diesem Spaziergang Vergangenheit und Gegenwart zur Deckung. Eines freilich ist neu: Trotz vieler Baufälligkeiten und leerstehender Gebäude ist das Stadtbild ein einziges Bad in frisch gestrichenen Fachwerkhäusern. Da scheinen die Farbvertreter gute Arbeit geleistet zu haben, wenn auch bisweilen des Guten zu viel. Aber der Zahn der Zeit wird es schon richten.

Auf dem Weg in die Altstadt überqueren wir die Schmalkalde, Fluss und Namensgeber der Stadt. Momentan ist sie zu einem Bach geschrumpft, und es bedarf einiger Überzeugungskraft, meiner Begleiterin klarzumachen, dass dieser Bach bei längerem Regen im Gebirge oder gar Schneeschmelze zu einem gefährlichen und hochwasserträchtigen Strom anschwellen kann, vor allem, nachdem sie sich mit einem zweiten Bach, der auf der anderen Seite der Altstadt entlangfließt und den schönen Namen „Die Stille“ trägt, verbunden hat. Und dann fällt mir plötzlich wieder ein, dass kaum, dass mir vor langer, langer Zeit, nachdem ich Tom Sawyer und Huckleberry Finn kennenlernte, die Schmalkalde sogar zum Mississippi wurde.

Fuchsenkothe und Soldatensprung

Die Blutbuche in der Weidebrunner Gasse scheint mir neu, obwohl sie riesig ist. Mächtig steht sie auf einem zur Straße hin geöffneten Grundstück, das mit Parkbänken drapiert ist. Der kleine Platz mit dem großen Baum trägt den ebenso schönen wie seltsamen Namen „Platz Stadt Fontaine“, nach der zweiten, der französischen Schwesterstadt Schmalkaldens. Der französische Name und seine pompöse Fassung scheint mir zwischen den Straßen der Altstadt, die mit Teutonica wie Katzensprung, Entenplan, Leere Tasche, Stumpfelsgasse, Fuchsenkothe, Ziegengasse, Hoffnung und Soldatensprung eine ganz eigene, vertraute Poesie besitzt, ein Fremdkörper. Auf Nachfrage, was es mit diesem wunderbaren Baum inmitten der ehemals geschlossenen Straßenzeile auf sich habe, erfahre ich, dass es sich bei dem winzigen Stadtpark um den „Wachenfeldschen Garten“ handle und das Haus zu seiner Linken die Hauptverwaltung der Privatbank Wachenfeld & Gumprich gewesen sei, die das Bürgertum des Kreises und seiner Nachbarstädte vom späten neunzehnten Jahrhundert an mit Finanzdienstleistungen versorgt habe.

Das Schicksal dieses Hauses, man könnte die Fortsetzung des Romans „Soll und Haben“ von Gustav Freytag danach schreiben, sei hier in wenigen Worten skizziert: Max Gumprich, der jüdische Teilhaber, wurde 1938 im Gefolge der Novemberpogrome ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert und dort unter Anwendung körperlichen Zwangs genötigt, gegen eine Ausreisegenehmigung nach Kuba für sich und seine Frau auf sein Vermögen zu verzichten. Ein Herr von Dadelsen trat sofort als neuer Partner an die Seite der Wachenfelds, die Bankgeschäfte wurden bis 1945 weitergeführt. Im Jahr 1949 wurde auch den „arischen“ Teilhabern die weitere Ausführung der Geschäfte per Gesetz verboten, die Bank enteignet und liquidiert. Diese Geschichte würde auf einer Gedenktafel den Platz eher zieren als deren Verdrängung hinter der Aufschrift „Platz Stadt Fontaine“; auch wäre „Wachenfeld und Gumprichs Garten“ wohl ein würdiger Name für diesen Ort. Jedenfalls geht von dem Baum etwas höchst Lebendiges und Zukunftsfähiges aus. Im Übrigen überragt er das Gewitter der toten Fachwerkbalken um ihn herum bei weitem.

Als das „Freie Wort“ über die Getreideernte berichtete

Am Neumarkt vorbei, findet sich im Kellergeschoss des Hessenhofs, der leersteht, die kunsthistorische Sensation der Stadt: die Fresken der Iwein-Sage – vor den Augen der Öffentlichkeit allerdings verborgen, und das seit Jahrzehnten. Aus Gründen, die wohl mit dem schlechten Zustand der Baulichkeit und der Fresken zu tun haben, traut man sich nicht und hat auch keinen Architekten gefunden, eine Lösung zur Präsentation dieser bedeutenden Wandmalereien aus dem dreizehnten Jahrhundert vorzuschlagen – immerhin zählt das Ensemble zu den ältesten profanen Wandbildern im Europa diesseits der Alpen und ist das einzige Kunstwerk der Stadt von überregionaler historischer Bedeutung. Natürlich würden die Kosten eines solchen Unternehmens die Finanzen der Gemeinde und auch des Landes sprengen und es wäre vielleicht eine Aufgabe für die Kulturstiftung des Bundes: Frau Grütters, übernehmen Sie!

Wir gehen weiter. Über die Herrengasse zum Lutherplatz, dann über die Steingasse, die Salzbrücke und die Mohrengasse zum Altmarkt und der beeindruckenden Stadtkirche St. Georg. Leider sind alle Türen verschlossen, was umso beklagenswerter ist, als aus dem Inneren kostbare Orgelmusik erklingt. Der Organist will wohl seine Ruhe haben.

Von dort geht es in der Abenddämmerung zum Hotel zurück. Zum Abendessen gibt es Thüringer Kartoffelklöße mit Rinderroulade, ein sehr gutes und wegen der für Waldarbeiter bemessenen Portion schweres Essen. Gibt es den Zusatz „Thüringer“, wird man eigentlich nie enttäuscht. Dann sichere ich mir rasch noch ein Exemplar des Lokalblatts „Freies Wort“ vom Ankunftstag, in Erinnerung an die Zeitung, die es schon in meiner Kindheit gab, die aber im Sommer der Jahre 1950 bis 1953 üblicherweise nur über den Stand der Getreideernte berichtete. An diesem Tag hingegen gibt es aus dem Ortsteil Hainsdorf eine Sensation zu vermelden: eine Schlange nie gesehener Größe hatte auf dem gekachelten Stück eines Vorgartens ein Sonnenbad genommen und die Anwohner in Angst und Schrecken versetzt. Es war eine in dieser Größe noch nie gesehene Ringelnatter, aber ihrer Natur nach völlig harmlos. Irgendwann ist sie wieder ihres Wegs gekrochen.

Fünf Reichsmark Honorar

Am nächsten Morgen strahlender Sonnenschein und ein verführerisch blauer Himmel. Die Nacht war von unerhörter Ruhe. Unser erster Besuch gilt der Luther-Buchhandlung am Lutherplatz. Das ist nicht nur eine déformation professionelle. Die freundliche Buchhändlerin, Frau Beyer, war uns während der Reisevorbereitungen mit der Lieferung tatsächlich existierender Schmalkalden-Literatur behilflich, und vor allem mit einem aktuellen Stadtplan, ein Druckwerk, das kein Schmalkaldener braucht, so klein ist die Stadt, aber ein fremder Besucher eben doch. Außerdem weiß Frau Beyer Bescheid über den Verbleib des Stadtfotografen Franz Stitz und seines Nachlasses.

Franz Stitz war ein Freund unserer Familie und vieler anderer Familien in Schmalkalden gewesen, er war sozusagen der Hausfotograf des Bürgertums und hat über Generationen hinweg – von 1903 bis 1958, anschließend übernahm seine Tochter das Geschäft – alle Familien zu allen Anlässen einzeln und in Gruppen fotografiert. Ich machte als Drei- oder Vierjähriger meine schicksalhafte erste Erfahrung mit der Fotografie in seinem Atelier. Außerdem war er der Schöpfer der Thüringen-Ikone, die meine Mutter 1935 als fünfzehnjährigen Backfisch in Schmalkalder Tracht und mit einer Schüssel dampfender Thüringer Klöße in den Armen zeigt. Das Motiv hat es zu einer Postkarte und einem Plakat gebracht und war jahrelang ein Bestseller des Fotografen. Auf Nachfrage hat Stitz meiner Mutter fünf Reichsmark Honorar in die Hand gedrückt; sie hatte wohl in der Zeitung gelesen, dass man für so etwas auch Geld verlangen kann.

Die Spur, die uns die Buchhändlerin weist, führt ins Schlossmuseum Wilhelmsburg zu Frau Dittmar. Sie hat als Archivarin des Museums die Lebensgeschichte des Fotografen sorgfältigst recherchiert. Und, das ist die große Überraschung, sie hat die Landschaftsaufnahmen von Stitz in Form seiner Archivkarten auf einem ihrer Schreibtische offen zur Hand, so können wir im Schnelldurchlauf eine Fotowanderung durch die reizvolle Umgebung Schmalkaldens und ihre Veränderung im Lauf der Jahreszeiten, so, wie alles vor etwa hundert Jahren aussah, genießen. Vieles ist mir unbekannt, manches erkenne ich wieder und würde gern länger bleiben, um diesen Schatz genauer zu studieren. Es ist ja eine visuelle Sensation, hundert Jahre nach ihrer Zersiedelung eine Landschaft fast im Urzustand betrachten zu können.

Der Jammer mit der Ofensau

Vom Schloss, dessen Gartenanlage seit der Landesgartenschau 2015 kostbar rekonstruiert wurde, sparsam in der Form, aber farbenprächtig, werfen wir einen Blick auf die Stadt zu unseren Füßen. Die Türme von St. Georg überragen das wogende Meer aus Ziegeldächern auf den Fachwerkhäusern, und auch die Wachenfeldsche Blutbuche reckt sich daraus hervor. Dann steigen wir in die Stadt hinab – und stoßen auf ein seltsames Monument: einen auf einem Eisensockel plazierten großen Klumpen. Kenn ich nicht, denke ich. Und dann denke ich noch, dass er aus Stein der Stein der Weisen sein könnte. Aber der Klumpen ist aus Eisen, und die Beschriftung des seltsamen Denkmals bereichert meinen Wortschatz um das schöne Wort „Ofensau“.

Es handelt sich dabei um den Rückstand von Roheisen, der sich bei der Eisengewinnung an der Sohle des Schmelzofens ansammelt. Denkmäler entstehen dabei eher selten, vielmehr ist dieser Rückstand des Eisenschmelzers Kummer, weil er sich nicht weiterverwerten lässt. Das Problem ist, dass die Klumpen in der Regel zu groß sind, um wieder eingeschmolzen zu werden, und andererseits auch nicht mehr geschmiedet werden können. Genau genommen handelt es sich um Abfall von hohem Materialwert – und damit um ein Bild ökonomischen Jammers. Das Phänomen tritt im Übrigen auch bei großen industriellen Hochöfen auf, wo die Ofensau dann drei bis vier Tonnen schwer und erst beim Abbau eines Hochofens entfernt werden kann. Das Lexikon nennt auch die Bezeichnungen „Eisensau“, „Salamander“ oder „Härtling“. Wieder was gelernt.

Auf der Salzbrücke in Schmalkalden erinnert die zu einem Denkmal erhobene Ofensau an den ältesten Schmelzofen, der hier, mitten in der Fachwerkstadt, seinen Standort hatte und ein Kollektiv von Schmieden mit eisernem Rohstoff versorgte, aus dem sie ihre Produkte hämmern konnten. Im sechzehnten Jahrhundert soll es in Schmalkalden zweihundertfünfundzwanzig Schmiedewerkstätten gegeben haben. Die Eisenverarbeitung war die handwerkliche Spezialität der Stadt, begründete mit der Herstellung von Waffen sowie Werkzeugen für Gewerbe und Haushalt die Basis des materiellen Wohlstands durch die Jahrhunderte und erklärt wohl auch einiges in der Psyche und dem Charakter ihrer Bewohner. „Eisern und evangelisch“, so hat es ein Fernsehjournalist einmal sprachlich geprägt. Was davon zu halten ist, mitten in einer Stadt, die aus Holz gebaut ist, Brennöfen aufzustellen, die Temperaturen von tausend bis zwölfhundert Grad erzeugen, darüber kann man geteilter Meinung sein. Ängstlich kann man es jedenfalls nicht nennen. Die vielgepriesene Thüringer Waldluft hat wohl dafür gesorgt, dass die Atemwege der Einwohner das alles überlebt haben.

Der Feldhase gab ein Zeichen

Unweit der Salzbrücke dann die stolz überdimensionierte Stadtkirche St. Georg, die nach siebzigjähriger Bauzeit 1509 noch als katholische Kirche geweiht wurde und bald darauf zum Zentrum der Reformationsbewegung werden sollte. Es wird behauptet, Luther habe darin gepredigt. Gleich daneben das Rathaus. Im Ratskeller, der uns wegen der Qualität seiner Küche empfohlen wurde, wollen wir speisen, aber ein Schild verkündet lakonisch: „Das Restaurant ist aus betrieblichen Gründen geschlossen.“ Also wenden wir uns dem Stadtgrill gegenüber zu – und bestellen Thüringer Rostbratwurst. Wir sind’s zufrieden.

Am folgenden Tag dann endlich die familiären Pflichten. Erst der Friedhof, dann die Häuser der Großmütter. Von touristischen Attraktionen mag ich in keinem der Fälle reden. Dennoch: Der Friedhof liegt hübsch an einem Berghang außerhalb der Stadt in einem kleinen Tal am Eichelbach. Er ist gepflegt, die Gräber liegen im Schatten vieler Bäume. Und er ist riesig, so groß, dass es sofort als Verrücktheit erscheint, ein Grab zu suchen, dessen Lage man nicht kennt. Dass wir dennoch, seltsamen Zeichen und Impulsen folgend, nach einer Viertelstunde vor dem Familiengrab der Utendörffers stehen, in dem auch meine Eltern liegen, könnte man als Beweis für parapsychologische Begabung betrachten. Oder ganz einfach als Glücksfall. Welchen Zeichen wir gefolgt sind? Unter anderem einem ausgewachsenen Feldhasen, der aus einem Gebüsch sprang und vor uns her lief.

Wir werfen noch einen Blick auf den jüdischen Friedhof, dessen Tor verschlossen ist. Man hat wohl als Zeichen brüderlicher Verständigung die Grabsteine des alten jüdischen Friedhofs, der sich vor dem Stiller Tor außerhalb der Stadtmauern befunden hatte, umgesetzt, soweit sie die Nazizeit überlebt hatten, und ihnen als Geste des Respekts ebenfalls am Eichelbach an einem schönen grünen Hang eine Heimstatt gegeben.

Dann zur Schillerhöhe auf dem Röthberg, wo sich Großvater Schirmer noch vor der Vertreibung aus dem Bürgermeisteramt 1933 in einem kleinen Häuschen niedergelassen und mit Großmutter Sophie vier Kinder großgezogen hat. Luftlinie wäre es nicht weit. Aber einen direkten Weg vom Eichelbach aus hinauf gibt es nicht mehr. Vielmehr muss man durch die Innenstadt um den Röthberg herumfahren fahren. Grund ist das, was der Volksmund das „Schmalkalder Loch“ nennt: ein Erdfall größeren Ausmaßes am Fuße des Röthbergs, der sich 2010 zugetragen hat. Das Gelände, obwohl mittlerweile mit Kies verfüllt, ist so instabil, dass manche Verkehrswege gesperrt sind. Ganz Schmalkalden weiß das, aber dem Fremden wird nirgendwo die plötzliche Verwandlung von Durchgangsstraßen in Sackgassen erklärt. Auch der neueste Stadtplan verschweigt das Hindernis. Vielleicht sind den Schmalkaldern die Unfälle in ihrer Geschichte peinlich. Jedenfalls ist das Schmalkalder Loch so unsichtbar wie unpassierbar und wird es wohl noch einige Zeit bleiben.

Tag und Nacht lief die Schwerspatmühle

Aufgewachsen bin ich eine Zeitlang bei der Großmutter und der Urgroßmutter mütterlicherseits, in deren Anwesen in Auehütte. Ich wurde dort abgegeben, als ich fünf war, und wieder abgeholt, als ich acht war. Über die Kochkunst der beiden alten Damen konnte ich mich nicht beklagen, jedenfalls habe ich mich bei der Schulspeisung nicht vorgedrängt. Mit sechs wurde ich eingeschult und lernte lesen und schreiben, in zwei Jahren in vier verschiedenen Volksschulen. Nicht nur die Familienverhältnisse waren durcheinander, sondern auch die Verwaltungsbezirke, und vielleicht war auch der Lehrervorrat kriegsbedingt begrenzt. Aber da ich gern lesen lernen wollte, machte das alles nichts. Als ich lesen konnte und dazu noch das Fahrradfahren erlernt hatte, kam ich mir fast schon wie ein Erwachsener vor. Nicht gerade wie ein Autofahrer, aber immerhin befreit von der Qual, lange Strecken als Fußgänger bewältigen zu müssen.

Den einen nicht geringen Teil meines Schülerlebens in Schmalkalden habe ich zwischen der Station Auehütte und dem Bahnhof Schmalkalden verbracht, wo mich der Frühzug der Reichsbahn täglich absetzte und ich mit anderen sogenannten Fahrschülern zur Siechenrasenschule pilgerte. Wenn es das Wetter zuließ, schlenderte ich nach Schulschluss gern nach Auehütte zurück, den Auerweg entlang. Ich ließ das Gelände, auf dem das Gaswerk – damals, und heute die „Nougatwelt“ – ihre besonderen Gerüche verströmten, links liegen, bog rechts in die Bahnunterführung ab und lief an der Schmalkalde entlang, um die sich der Ortsteil Aue angesiedelt hat, bis zur Auehütte, wo meine Vorfahren im neunzehnten Jahrhundert ein Eisenwerk betrieben hatten, die in der Familie berühmte Auehütte. Als die Eisenverhüttung unrentabel wurde – das Ruhrgebiet hatte die thüringische Eisenverarbeitung abgehängt – richteten sie in der Halle des Hüttenwalzwerks eine Schwerspatmühle ein. Schwerspat ist der umgangssprachliche Ausdruck für Baryt. Ziemlich schwere Kieselsteine wurden dort zu weißem Steinmehl zermahlen. Das Mehl war so fein, dass es, in Wasser gemischt, unter anderem für medizinische Zwecke als Kontrastmittel bei Röntgenaufnahmen, in der Papier- und Fotoindustrie als Beschichtung von Barytpapier und in großen Mengen als stabilisierender Zuschlag für Baumaterial sowie in der Reifenherstellung verwendet wurde. Die Mühle lief Tag und Nacht mit einem leisen Geräusch, und wenn es mal nicht zu hören war, wusste man, dass es irgendein technisches Problem gab oder Wartungsarbeiten im Gange waren. Feines, aber relativ schweres Steinmehl überzog das Mühlwerk und das Innere der Halle wie frisch gefallener Schnee. Fegen war angesagt, Staubwischen praktisch zwecklos.

Gegenüber dem Mühlengebäude stand das Haus der Großeltern, in dem ich lebte, bewacht von den beiden alten Damen. Da wollen wir hin. In Aue gehen wir durch die Quergasse zum Bett der Schmalkalde, dann kommen wir noch bis zum Wehr hinter der Siedlung, wo der Wohlstand der Familie Utendörffer seinen Anfang genommen hatte mit der Anlage eines Kunstgrabens, der Wasser aus der Schmalkalde ableitete und die Energieversorgung der Auehütte sicherstellte, zunächst über ein Wasserrad und später über eine Turbine. Leider ist der Fußweg den Graben entlang, den ich in meiner Kindheit so oft ging, verbaut, der Wassergraben ist aufgelassen, die Wiesen und Äcker sind zu Bauland mutiert. Wir gehen also zum Auto zurück und versuchen eine zweite Annäherung über den Ortsteil Haindorf. Auch dort war ich einige Monate zur Schule gegangen, bevor die Haindorfer Volksschule nach Aue verlegt wurde.

Die Pflege vorchristlicher Bräuche

In Haindorf passieren wir ein griechisches Restaurant mit dem schönen Namen „Metaxa“, lassen es aber rechts liegen und widmen uns stattdessen der sehr schönen, sehr kleinen Kirche, von der die Großmutter immer behauptet hat, der legendäre Bonifatius habe dort gepredigt. Jedenfalls war es vor der Reformation eine Wallfahrtskirche gewesen, und sie ist mit ihrem Baukörper aus rotem Sandstein so etwas wie die Miniaturausgabe der Schmalkaldener Stadtkirche St. Georg.

Daneben steht das alte Schulhaus, in dem jetzt der Pfarrer residiert. Ich nehme einen Gemeindebrief mit. Unter der Rubrik „Unsere Gottesdienste und Veranstaltungen“ ist für Samstag, den 20. Juni, eingetragen, dass „aufgrund der aktuellen Situation“ das geplante Sonnenwendfeuer der Freiwilligen Feuerwehr Mittelschmalkalden leider ausfallen müsse. In Haindorf fühlt man sich wohl auch für die Pflege vorchristlicher Bräuche verantwortlich.

Gegenüber der Kirche, erinnere ich mich, hatte es die Schmiede der Familie Danz gegeben, dort hatte ich als Kind noch gesehen, wie Hufeisen geglüht und gebogen und Pferde damit beschlagen wurden. Den Gasthof gegenüber der Kirche, der im Mittelalter Wallfahrer versorgt hatte, gab es nun auch für Werktätige nicht mehr.

Verschwendung gilt es zu verhindern

Wir biegen in den unteren Ortsteil ab. Die Wiesen vor dem Ortseingang sind alle bebaut mit der riesigen Abfüllanlage der Thüringer Waldquelle. Links davon sehen wir schon von weitem die Gebäude der Auehütte. Aber ein Schild hält uns auf: „Privatgrund. Betreten verboten.“ Das ist neu. Wir stellen das Auto ab und ignorieren den Hinweis. Die Spuren der frühen Industrie sind getilgt, obwohl die Gebäude noch stehen, und es ist offensichtlich, dass die Immobilie zu einer luxuriösen Wohnanlage entwickelt wurde und wird, deren Dimensionen den alten Bauwerken mit seinen Scheunen und Lagerräumen folgen. Pferde auf den Feldern deuten nun eher auf einen Ponyhof hin als auf den Transport schwerer Güter. Die große Linde, an deren starken Ästen ich so lustvoll geschaukelt hatte, hat die neuen Zeiten nicht mehr gesehen. Sie ist mit Stumpf und Stiel verschwunden. Als ich das Haus der Großeltern erreiche, hält mich eine junge Frau an: „Was suchen Sie hier?“ Ich sage: „Ach, nur verlorene Erinnerungen.“ „Haben Sie hier mal gewohnt?“ fragt sie. „Ja.“ Dann wird das Gespräch etwas freundlicher, wir tauschen sogar Adressen aus, und am Ende empfiehlt sie uns, bei jenem Griechen einzukehren, an dessen Lokal wir vorbeigefahren sind.

Ein lässiger, älterer, leicht melancholischer Wirt griechischen Aussehens empfängt uns und stellt uns wortlos zwei Gläser Ouzo auf den Tisch. Eine außergewöhnliche Geste in der eher sparsamen Thüringer Gastronomie. Wir fragen natürlich gleich: „Wie sind Sie denn hierher gekommen?“ „Ach, das ist eine lange Geschichte“, sagt er traurig, und da er keine Lust verspürt, sie zu erzählen, bedrängen wir ihn nicht. Eine halbe Stunde später sind der Parkplatz und das Restaurant besetzt, und er hat viel zu tun.

Der Besuch der Stadtkirche wird unsere letzte Tat in Schmalkalden, ein großer Bau aus Buntsandstein. Jetzt lassen die Türen sich öffnen. Der Bilderschmuck ist, wie bei protestantischen Kirchen üblich, ärmlich bis karg. Die Spezialität dieses Christentums sind ja Orgelmusik und Predigt. Als ich den Taufstein in der Mitte sehe, muss ich grinsen. Zu gut kann ich mich daran erinnern, denn dort war ich als Fünfjähriger, bei lebendigem Bewusstsein und in Abwesenheit der Eltern, getauft worden, als sich die Beziehung der Familien zur christlichen Kirche nach dem heidnischen Einbruch der Nazizeit wieder normalisiert hatte. Ich sorgte für großen Schrecken bei meinem Taufpaten und den übrigen Gästen, als ich im Scherz so tat, als wolle ich den Umschlag mit dem Taufgeschenk im eisernen Kasten für die Kirchenkollekte versenken. Ich wusste, dass sie diese Verschwendung verhindern würden. Drei Mann stürzten sich auf mich, um den Umschlag, der, wie sich später herausstellte, fünfzig Ostmark enthielt, vor dem zu retten, was sie für kindliche Naivität hielten. Ach, meine neuen christlichen Brüder, sie waren so leicht zu durchschauen.

Diesmal hält mich niemand davon ab, als ich einen Schein in den eisernen Kasten stecke.

Lothar Schirmer kam 1945 in Schmalkalden zur Welt. Seit 1972 lebt er in München, wo er den Schirmer/Mosel Verlag leitet.

Quelle: F.A.Z.
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