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Skiort Schöneck

Container mit Ausblick

Von Kristina Pezzei
Aktualisiert am 24.02.2020
 - 07:30
Container als Berghütte: Direkt an der Piste des kleinen Skigebiets in Schöneck stehen drei zu Tiny-Houses umgebaute Seecontainer.zur Bildergalerie
Tief im Vogtland verwandeln Menschen mit Weitsicht Schöneck in einen stilvollen Wintersportort: es gibt guten Kaffee, Burger an der Jausenstation, und man wohnt in Seecontainern direkt an der Piste.

Mit der Dunkelheit kommen die neugierigen Blicke. Dann sehen sie, dick eingepackte Menschen hinter ihren Skibrillen, vom Sessellift hinunter direkt in die erleuchtete Fensterfront und schauen den Bewohnern zu wie sie am Tisch sitzen und reden, essen, lesen, schreiben. Die Bewohner tun so, als merken sie es nicht, so als hätten sie die Aufmerksamkeit nicht verdient. Sie sitzen ja nur da, in ihrem Seecontainer, am Rand einer Skipiste in Schöneck, dem hinteren Winkel des Vogtlandes, wo sich Tschechien, Bayern, Thüringen und Sachsen treffen. Auch sie sind zuvor den Hang an ihrem Domizil vorbei hinabgeschwungen, normale Feriengäste in einem Durchschnittsfamilienskigebiet. Aber was ist schon normal?

„Du bist einzigartig. Dein Urlaub ist es auch“ bewirbt Jan Hesse, der Mann hinter den Seecontainern, seine Idee. Verwuscheltes dunkles Haar, Bart und Funktionskleidung, auch bei Terminen im Rathaus trägt der Mittvierziger Bergschuhe. Hesse, zweifacher Vater und Einheimischer, hat fast zehn Jahre an seinem Seecontainerprojekt getüftelt. Auslöser sei ein Bericht in einer Architekturzeitschrift gewesen, in dem zu Mini-Häusern umfunktionierte Container vorgestellt worden seien, erzählt er. Hesse beginnt zu zeichnen, erst wahllos, dann strukturierter. Der Nachbar, ein Architekt, hilft. „Ich wollte ein Konzept, das minimalistisches Wohnen mit möglichst maximalem Naturerlebnis ermöglicht“, sagt Hesse. Wie eine Berghütte – mit smarter Technologie und bis ins Detail durchdachter Innenausstattung.

Dass so eine Idee Wirklichkeit werden kann in der Abgeschiedenheit des Hinterlands, liegt ein ganzes Stück weit am Ort selbst: Die Menschen in Schöneck, 3500 an der Zahl, sind einiges gewöhnt und bei allem Argwohn gegenüber Neuem irgendwie auch stolz darüber, sich in Lebensgefühl und Aussehen von der Umgebung abzuheben. Während in anderen peripheren Orten Tristesse das Straßenbild prägt, sticht in Schöneck kaum Leerstand ins Auge. Die öffentliche Anreise ist mühsam und doch bedient die Bahn gleich zwei Haltestellen im Ort. Zwei Supermärkte und eine Handvoll Bäcker garantieren die Nahversorgung, ein Krankenhaus und eine weiterführende Schule ergänzen die Infrastruktur. In Schöneck herrscht Vollbeschäftigung.

Ein visionärer Softwareunternehmer

Ende Februar eröffnet offiziell die Jugendherberge, ein mutiger Neubau nach einem Entwurf Dresdner Architekten: Mehrere aneinander gebaute Häuser ganz in schwarz, innen dominiert von einem Farbspiel aus schwarz und gelb. Auch hier geben große Fensterfronten den Blick auf die umliegenden Gebirge frei – Schöneck bezeichnet sich mit Recht als „Balkon des Vogtlandes“, der Ort bildet den Abschluss des Hügelzuges. Die beherrschende Farbenwahl etwa in den Tagungsräumen muss man mögen – Decke, Wände, Fußboden, alles ganz in gelb und den ganzen Tag.

Was es in Schöneck auch gibt: Ein Café mit einer gelernten Barista, ein Restaurant mit gehobener Qualität, eine Jausenstation, bei der die Tomatensuppe frisch gekocht und die Burger mit Rind aus regionaler Zulieferung angeboten werden, ein Bistro, in dem der Besitzer die unterschiedlichen Abgangsnoten beim Geschmack verschiedener Kaffeeröstungen erklärt. Vieles davon geht zurück auf Rainer Gläß. Der gebürtige Schönecker hat nach der Wende mit einem Partner das Unternehmen GK Software gegründet, einen mittlerweile börsennotierten Weltmarktführer für Systemlösungen im Einzelhandel. Der Konzern pflegt Niederlassungen in der ganzen Welt, Gläß steuert die Geschäfte nach wie vor von Schöneck aus. Oberhalb des Ortes hat er einen Campus angelegt, mit Café, betriebseigenem Kindergarten, hochwertiger Kantine, Kletterwand, Fitnessstudio.

Fachkräftemangel kennt er nicht. „Wer als Unternehmen gute Mitarbeiter möchte, muss so aufgestellt sein, dass sich die Menschen für dieses Unternehmen gern entscheiden“, sagt Gläß. Für die Beschäftigten, die aus dem In- und Ausland für eine Stelle bei GK nach Schöneck ziehen, hat Gläß im Ort Wohnungen angemietet. Für den sportlichen Ausgleich sorgen eine festangestellte Trainerin und ein Skilehrer. Gläß baut sich seine Welt, wie sie ihm gefällt: Für wichtige Gespräche und die Pflege von Kundenkontakten braucht es ein gewisses Ambiente, also lässt er mit dem Tannenhaus ein Restaurant und Hotel der gehobenen Klasse bauen, ein Entwurf mit architektonischem Anspruch. Partner und Zulieferer in der Region sind wichtig, schließlich brauchen auch die Lebensgefährten von potenziellen Spitzenkräften einen Job in der Gegend, also treibt er die Digitalisierung der Region voran. Damit eine der Skipisten FIS-zertifiziert werden kann, muss eine Startrampe entstehen – also kauft Gläß, selbst begeisterter Skifahrer und Gründer von einem der zwei örtlichen Skiclubs, ein Kettenfahrzeug für die Planierarbeiten.

Drei Container aus Hamburg

Gläß setzt um, was er für wichtig und richtig hält. „Widerspruch wird nicht geduldet“, erzählt einer aus dem Ort. „Das dumme ist, er hat auch wirklich immer Recht, und er weiß bis heute, woher er kommt.“ Der Konzernchef lässt die Öffentlichkeit teilhaben. „Schöneck ist ein exzellenter Lebensort“, erklärt er sein Engagement. „Man kann hier Leben und Arbeiten inmitten einer wunderschönen Landschaft mit ausgezeichneter Infrastruktur.“ Vor allem sorgt das Unternehmen nicht zuletzt durch seine internationale Belegschaft, die zum Teil im Ort lebt, und die Investitionen für eine ständige positive Unruhe in Schöneck.

Vielleicht hat auch Jan Hesse seine Seecontainer-Idee dank dieser Grundstimmung gerade so durch den Stadtrat bekommen. Auch er hat sich mit seiner Frau für ein Leben in Schöneck entschieden, engagiert sich ehrenamtlich im Stadtrat. Drei Container kauft er im Internet, ein Lastwagen bringt sie knapp 600 Kilometer von Hamburg nach Schöneck und stellt sie auf einem unbebauten Platz vor dem Haus der Familie ab. Hesse, der neben einer Ausbildung zum Mediengestalter eine Tischlerlehre absolviert hat, beginnt mit dem Bau der Inneneinrichtung. Stockbett, Tisch und Innenverkleidung gestaltet er von regionalen Holzfirmen, die Fensterfronten zu einer langen und einer schmalen Seite sind in Kunststoff gefasst – ein Kompromiss, der Langlebigkeit willen. Der Boden wird mit PVC verlegt. Am Ende passen Bett, Tisch und zwei Stühle hinein, eine Miniküche samt Mikrowelle, Aufbewahrungsmöbel für Kleidung und ein vollständiges Bad auf zwölf Quadratmeter. Und auch: Ein an der Wand angebrachtes Ipad, das zum Fernseher werden kann, Beleuchtung mit mehreren Dimmstufen, eine USB-Ladestation. Wer möchte, kann die Eingangstür per App öffnen und schließen, weniger Technikaffine benutzen herkömmliche Schlüssel.

Dass die „Berg-heim Lofts“ direkt am Pistenrand stehen, ergibt ein Zufall: Es war der einzige Platz, das im B-plan-Gebiet lag. Ein Kran hebt die Container im Herbst vor eineinhalb Jahren auf das planierte Fundament. Der größere, für eine Familie gedachte Kubus liegt rechtwinklig über einem der zwei kürzeren, wie eine von einer Fensterfront abgeschnittene Landungsbrücke. Vor den Häusern bieten großzügige Terrassen im Sommer ein zweites Wohnzimmer. Ein biologisches Klärwerk entsteht etwas zurück gelagert, es folgen langwierige Verhandlungen über Baurecht, Brandschutz und Fluchtwege – kaum einer in den Behörden weiß, welche Regelungen konkret für Wohn-Container gelten.

Ein- und Ausblicke

Und die Nachfrage steigt – Skifahrer schätzen den unmittelbaren Pisteneinstieg, auch wenn diese Piste eher Skianfängern genügt, sehr lang ist sie nicht. Im Sommer ziehen die Ferienwohnungen Downhill-Fahrer an, auch sie nutzen den Sessellift, im Wald verlaufen mehrere Bike-Trails. Wer möchte, kann im Ifa-Hotel Frühstücken, Abendessen und vergünstigt das Schwimmbad besuchen; der Hotelkomplex mit eintausend Betten im Charme sozialistischer Architektur liegt im Rücken der Container, fünf Fußminuten entfernt an der Bergstation des Sessellifts, angeschlossen durch eine eigene Bahnhaltestelle.

Notwendig ist das nicht: Für gut Organisierte funktioniert das Tiny-House-Konzept perfekt. Kein Teil steht überflüssig, nichts fehlt – von der induktionsherdtauglichen Espressokanne bis zum gekühlten Bier, Marke Hamburger Craft, Spielkarten und einem analogen Stadtplan. Auf dem Klorollenhalter kann man das Mobiltelefon ablegen, Taschenhalter an der Tür sind per Magnet verschiebbar. Vorhänge schaffen Privatsphäre, aber nur, wer sie aufzieht, kann die Aussicht erleben: Von Ochsenkopf und Schneeberg, den markanten Fichtelgebirgsgipfeln, bis hin zu den Ausläufern des Thüringer Walds. Freilich darf man nicht zu zimperlich sein, was die Privatsphäre betrifft. Bisweilen läuft der Sessellift bis 21 Uhr, die Piste ist beleuchtet und Skifahrern bietet sich ungehindert die breite Fensterfront der Ferienwohnung. Manch einer winkt, Jugendliche pfeifen.

Die Container sind so konzipiert, dass sie problemlos an einem anderen Standort aufgebaut werden könnten, doch das käme für Hesse nicht in Frage. Er setzt für die langfristige Auslastung nicht zuletzt auf soziale Medien, eine Instagram-Reisegruppe war auf Einladung des Tourismusverbands drei Tage zur Fotosession da. Das mit den neugierigen Blicken nämlich funktioniert andersherum genauso, nur wunderbarer: Wer zur Dämmerung im Bett liegt und den Blick gen Piste und Sessellift richtet, sieht, wie die Sonne gemächlich hinter den Gipfelwellen des Fichtelgebirges verschwindet. Ganz langsam, Minute um Minute, taucht sie den Horizont in einen Himmel aus blutorangener Farbe.

Der Weg nach Schöneck

Anreise Per Bahn dauert die Fahrt von Berlin knapp fünf Stunden; ab Zwickau fährt die Vogtlandbahn und hält am Ifa-Hotel/Skilift; ein Loipenhaus befindet sich im Bahnhof.

Skifahren Das kleine Familien-Skigebiet hat sechs Lifte und Pisten; Tageskarte 23 Euro, skiwelt-schoeneck.de.

Übernachten Die Seecontainer kosten ab 75 Euro/Nacht: berg-heim.de. Im Tannenhaus schläft man gediegen, das Doppelzimmer kostet ab 140 Euro/Nacht (tannenhaus.de), die Jugendherberge (Mitgliedsausweis!) ab 26,50 Euro pro Nacht.

Quelle: F.A.S.
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