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Schweden

Bunte Blumen auf dem Leib

Von Kristen Benning
Aktualisiert am 06.12.2008
 - 09:15
Liebevolle Handarbeit: Kein Pferdchen gleicht dem anderen.
Die schwedischen Pferdchen, die es auch auf unserer Weihnachtsmärkten gibt, kommen aus Nusnäs in der Landschaft Dalarna. Dort kann man zuschauen, wie sie geschnitzt und bemalt werden.

Schwungvoll landet eine Kiste frisch geschnitzter Dalapferdchen auf dem Tresen der Werkstatt. Der Schnitzer nimmt sich Kekse und schenkt sich einen Kaffee ein. Dann stapft er ins Kontor, um seine Lohntüte zu holen. Er ist Sozialarbeiter in Mora am Siljansee in der Landschaft Dalarna. "Wir zahlen bar", flachst Bertil Grund, einer der drei fest angestellten Schnitzer in der Pferdeschnitzerei "Grannas Olsson Hemslöjd" in Nusnäs. "Der Bank vertrauen wir das Geld nicht an." Mit der Schieflage der Banken freilich hat das nichts zu tun, es ist hier immer schon so gewesen. Lohnarbeiter brauchen das Geld meistens sofort.

Dalarna war einst die "Streusandbüchse" Schwedens, der Sandboden gibt nicht viel her. Felder sieht man wenige. Es dominieren Kiefernwälder und Weiden. Hier und dort grasen Schafe und Pferde. Jahrhundertelang waren die Menschen arm, bis sie erkannten, dass man mit dem roten Sandstein der Region schöne Gebäude errichten und mit Kiefernholz kunstvoll arbeiten kann - irgendwann entstanden die bunten Holzpferdchen, die zu Weihnachten schon lange nicht mehr nur in Schweden auf Märkten angeboten werden.

Hundert Jahre altes Holz

Nils Wallin, ein anderer der drei fest angestellten Pferdeschnitzer, sucht im Sägewerk von Mora Holz aus. Kleine Holzstücke springen von weit oben, dort, wo Bäume zu Brettern zugeschnitten werden, auf ein Fließband herunter. Das Sägewerk verwendet sie nicht. Trotzdem seien sie teuer, ruft Wallin in den Lärm. Ein Kubikmeter koste knapp vierzig Euro. Die Stücke, die Wallin aussucht, müssen mindestens siebzehn Zentimeter lang sein, außerdem dürfen sie möglichst keine Astlöcher haben. Das Holz muss über hundert Jahre langsam gewachsen sein, zu erkennen an den eng eng beieinanderliegenden Jahresringen. Diese Qualität erreicht ein Waldbesitzer, wenn die Kiefern eng beieinanderstehen und der Boden arm an Nährstoffen ist. Dann schießt der Baum nicht in die Höhe, sondern bildet durch langsames Wachsen gutes Kernholz. Zwei Stunden dauert es, bis Wallin seinen Kubikmeter Holz beieinanderhat.

Zurück in der Werkstatt der Pferdeschnitzerei glätten Nils Wallin und Bertil Grund gemeinsam das Holz. Dann wird die Fläche mit den Umrissen von Pferden gestempelt, so dass das Tier nun mit der elektrischen Bandsäge herausgearbeitet werden kann. Einen Finger hat er sich noch nicht abgesägt, Blut fließt eher beim Schnitzen. "Ich schneide mich, wenn mich Touristen ansprechen", sagt Wallin.

Kaffeepause, wenn Mähne und Ohren fertig sind

Um sich die Arbeit zu erleichtern, trickst er und weicht hartes Holz in Wasser ein. Beim Schnitzen fühle es sich dann an, sagt er, als schäle man eine Kartoffel. Grundsätzlich geht es darum, die Ecken zu runden, um dem Pferd eine natürlichere Gestalt zu verleihen. Jedes Bein bearbeitet er mit drei Schnitten, so dass es relativ breit bleibt. An schwierigen Rundungen, etwa dem Hals, kerbt er das Holz ein, damit es beim Schnitzen nicht bricht. Den Daumen auf der Klinge, führt er das Schnitzmesser von der Kerbe aus vom Körper weg in Wuchsrichtung. Die Unterseite wird mit fünf, sechs Schnitten gerundet. Zwei bis drei Mal führt er dann das Messer über den Kopf. Nach kurzer Zeit sind auch Mähne und Ohren fertig. Dann gönnt er sich eine Kaffeepause, Zeit zum Erzählen. Gestern, gesteht er, habe er nur zwei Stunden gearbeitet. Er habe am Siljan geangelt, wo es momentan viele Forellen gebe, weil im vorigen Jahr das Netz einer Fischfarm kaputtgegangen sei. Nach einer halben Stunde geht es weiter. Jetzt kommen die Feinarbeiten mit der Messerspitze. Das Pferd hat am Ende keinen ausgearbeiteten Kopf, nicht einmal einen Schwanz. Die Handarbeit soll erkennbar bleiben.

Der größte Teil der ausgesägten Pferde geht an fünfzig Heimarbeiter, darunter viele Rentner. Bezahlt wird nach Größe. Die kleinsten Pferde sind nur einen Zentimeter groß, sie werden aus Erle geschnitzt. Sonderanfertigungen können ein Meter groß werden wie das Pferd vor dem Rathaus des Nachbarorts Rättvik. Dieses Tier hat Gudmuns Slöjdfabrik in Rättvik produziert, für den Kenner daran zu sehen, dass es leicht andere Formen und Farben hat. Außerdem gibt es die Hersteller Nils Olsson Hemslöjd AB in Nusnäs und Färnäs Hemslöjd in Färnäs. Jedes Jahr produzieren sie Hunderttausende von Pferdchen.

Symbol für Schweden

Seit fast vierhundert Jahren wird das Dalapferd hergestellt. Im Winter waren die Bauern im Wald und haben gearbeitet. Ihr treuster Freund war das Pferd, das das Holz gezogen hat. Am Abend haben sie dann kleine Pferde für die Kinder als Spielzeug geschnitzt. "Der Körper des ältesten bekannten Pferdes aus dem Jahre 1624 war länger als die heutigen", erzählt Ivar Johansson, der gerade ein Buch über Nusnäs und seine Geschichte geschrieben hat. "Seit den fünfziger Jahren allerdings hat sich das Design des Pferdes kaum verändert. Denn es ist leicht zu sägen, hat seine Balance und ist nach rationalen Gesichtspunkten gestaltet."

Fast zweihundert Jahre lang schnitzten die Menschen vor allem, um sich zu beschäftigen. Die ersten Firmen entstanden Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Es waren in erster Linie Familienbetriebe. Einige stellten aber schon Stücklohnarbeiter an. Die Grannas-Olsson- und die Nils-Olsson-Werkstatt in Nusnäs wurden 1922 gegründet - von zwei vierzehn Jahre alten Buben. "Ein fester Kundenkreis half ihnen beim Überleben", berichtet Johansson. Den anderen Betrieben aus der Frühzeit gelang dies nicht. Auch wollten die wenigsten Nachfahren die Betriebe weiter- führen. Immerhin brachten drei größere Unternehmen in Mora noch die Kraft auf, sich 1939 an der Weltausstellung in New York zu beteiligen. Sie sammelten siebentausend Dalapferde und verschifften sie nach Amerika, darunter ein mehr als ein Meter hohes Pferd. "An dem konnte keiner vorbeischauen", sagt Johansson. Über Nacht wurde das Dalapferd berühmt - und zu einem Symbol für Schweden. Danach war es zwar einfacher, Holzpferde zu verkaufen. Der finanzielle Erfolg blieb dennoch aus. Johansson hat die Namen von sieben kleinen Unternehmen zusammengetragen, die in den dreißiger und vierziger Jahren von dieser Arbeit "reich und glücklich" werden wollten. "Aber sie haben kaum etwas verdient", weiß er. Und so starb auch diese Generation in den siebziger Jahren aus. Geld gab es damals nur in der Land- und Forstwirtschaft, im Sägewerk und beim Fischen.

Zum Geburtstag von Bill Clinton

Den Olssons aber half der Tourismus der sechziger Jahre. Urlauber, vor allem aus Amerika, wurden busweise nach Nusnäs gefahren. So berühmt wurde das Pferdchen nun wieder, dass es als repräsentatives Geschenk taugte. Bob Hope hat eines bekommen, ebenso Doris Day und Elvis Presley. Mitglieder des Obersten Rates der Sowjetunion erhielten es, Bill Clinton bekam eines zum fünfzigsten Geburtstag vom Ministerpräsidenten Göran Persson. Der Auftrag war geheim; er kam vom schwedischen Konsulat. Das Pferd wurde fünfundsiebzig Zentimeter groß und wog fünfundzwanzig Kilo. Es wurde aus mehreren Holzblöcken zusammengeleimt. Als Carl Bildt seinen Auftrag als Friedensvermittler in Bosnien zu Ende führte, verschenkte er vierhundert der Tiere.

Ein Reisebus steht jetzt vor der Tür, mit einer Schulklasse aus Orsa. Nils Wallin rollt Holz in den Nebenraum. Dann setzt er sich vor den Eingang und schnitzt. Kameras klicken. Bertil Grund mischt sich unter die Schüler, damit die Stichsäge nicht den Vortrag seiner Frau Christina Liljegren stört. Die Chance, die Pferde in den Köpfen der Kinder fest zu verankern, lässt sie sich nicht entgehen. Sie zeigt ihnen schöne alte Pferde. Christina Liljegren ist heute zweiundfünfzig Jahre alt; seit sechzehn Jahren arbeitet sie bei Grannas, vorher war sie Polizistin in Stockholm. Wenn sie von der positiven Entwicklung der Egion erzählt, geht ein Strahlen über ihr Gesicht. "Früher waren wir Menschen in Dalarna sehr arm, aber auch stolz und erfinderisch. Jetzt sind wir reich."

Liebevolle Handarbeit

Christina Liljegren ist - sagt der Buchautor Johansson - die Führungspersönlichkeit des als Aktiengesellschaft geführten Unternehmens. Offiziell ist hier zwar keiner der Häuptling. Es wird vielmehr betont, dass jeder seine Kernkompetenzen habe. Doch letztlich ziehe sie die Fäden. "Es war wichtig, dass sie gekommen ist", meint Johansson. "Sie hat ein modernes Unternehmen geformt."Der Vortrag ist beendet. Grund setzt sich wieder an die Bandsäge. Nun sägt er vor den Schülern sehr große Pferde aus Brettern aus, die er bei Ankunft des Busses neben den Arbeitsplatz geschoben hat.

Nach dem Schnitzen wird das Pferd in Farbeimer mit roter, blauer, grüner oder weißer Farbe gelegt. Anschließend muss es zwei bis drei Tage trocknen, dann bemalt es Birgit Johansson mit Blumen. "Man soll die Pferde zweihundert Jahre lang behalten. Daher versuche ich, so schön wie möglich zu malen." Einige Einheimische, die zu Besuch kommen und Nachrichten vom Kirchenchor mitbringen, bezeichnen sie als Künstlerin. Das Fernsehen hat sie schon oft gefilmt. Wohl jeder, der Nusnäs besucht hat, kennt sie, denn selten ist jemand, der kreativ arbeitet, so exponiert wie sie in der Mitte des Verkaufsraums. Auf ihrem Tisch liegen Pferde, Pinsel und bunte Ölfarben. Mit dreizehn Jahren schon hat Birgit Johansson ihr erstes Pferd bemalt. "Wie alle Mädchen in meiner Klasse wollte ich nach der Schule Geld mit dem Bemalen der Pferde verdienen. Ich hatte schon als Kind dabei zugesehen." Sie grundierte zunächst Pferde für die besseren Malerinnen - mit schlechten Pinseln. Es war grausame Arbeit, fast unmöglich, erregt sie sich, sofern man diese sanfte Frau als aufgeregt bezeichnen kann.

Lieferengpässe in der Weihnachtszeit

Die Pferde bemalt sie in einer Technik, die Sticko-Erik Hansson aus Risa bei Mora im achtzehnten Jahrhundert entwickelt hat. Er hat mit zwei Farben im selben Pinsel gemalt. Ein schmaler Rand des Pinsels ist mit blauer Ölfarbe getränkt, ein breiter mit weißer. So lassen sich weiße Blütenblätter mit einem feinen blauen Rand malen. Da das Malen aufwendig ist, verdienen Malerinnen mehr als Schnitzer. Zwei weitere sind außer Birgit fest angestellt. Nur sie dürfen große Pferde bemalen. Zehn freie Mitarbeiterinnen zwischen dreißig und sechzig Jahren bestreiten mit kleinen Pferden ihren Lebensunterhalt. Sie leben überwiegend in Nusnäs und Falun. Um Frachtkosten zu sparen, holt Wallin die Pferde selbst ab. Die Nähe zum Unternehmen ist deshalb wichtig.

Not und Strenge der frühen Jahre sind einer lockeren Stimmung gewichen. Dafür sorgt freilich auch der Erfolg des Unternehmens. Mittlerweile ist es sogar schon zu Lieferengpässen gekommen. "Zum einen aber ist sehr schwierig, gute Schnitzer und Maler zu finden und auch auszubilden", sagt Christina Liljegren. "Zum anderen leiden wir an neuen Produktionsmethoden. Das Sägewerk, von dem das Abfallholz geholt wird, hat neue arbeitende Maschinen angeschafft. Da gibt es für die Werkstatt immer weniger Holzabfall." Dennoch kommen Bestellungen nun sogar schon aus Japan. Und noch immer galoppiert das Pferdchen aus Dala weiter um den Globus - neuen Märkten entgegen.

Quelle: F.A.Z.
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