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Fotografien aus Goldmine

Unter dem Matsch liegt das Gold

Von Freddy Langer
Aktualisiert am 26.02.2020
 - 21:50
Goldmine Serra Pelada von Salgadozur Bildergalerie
Vor mehr als dreißig Jahren fotografierte Sebastião Salgado die Goldmine von Serra Pelada. Jetzt gibt es die beklemmende Reportage als Buch – und in einer Ausstellung.

Fünf Jahre lang hatte Sebastião Salgado vergebens versucht, eine Genehmigung zu erhalten, in der Goldmine von Serra Pelada fotografieren zu dürfen. Aber so lapidar sagt er das nicht. Vielmehr zählt er die Jahre einzeln auf: 1981, 1982, 1983, 1984, 1985 – stets ein neuer Antrag, stets die neue Ablehnung. Dann erst geht ein Lächeln über sein Gesicht, denn es geschah das, was er als Wunder und sein größtes Glück bezeichnet: Die Kontrolle über das Gelände ging vom Militär über an eine Kooperative, und nun durfte er den Ort nicht nur einen kurzen Tag lang besuchen, wie es früher manchem erlaubt worden war. Er konnte bleiben. Mehr als einen Monat lang. Mit sechzig Kilo Reis im Gepäck, dreißig Kilo schwarzen Bohnen und zweihundert Schwarzweißfilmen nistete er sich bei den Arbeitern ein, die tags im Schlamm wühlten und nachts in Hängematten unter aufgespannten Planen schliefen.

Serra Pelada: Das war ein riesiges Loch in Brasilien am Rande des Amazonas-Regenwalds, von Menschen mit primitivsten Mitteln in die Landschaft gegraben. Zweihundert Meter breit, zweihundert Meter tief, aufgeteilt in Claims von zwei mal drei Meter Größe. Zweiundfünfzigtausend Männer wühlten im Schlamm, füllten ihn in Säcke, vierzig Kilo schwer, und schleppten die Bündel über wackelige Leitern nach oben. Stießen sie jedoch auf eine Goldader, stapelten sie die Säcke am Rand des Claims und durften als Lohn einen davon behalten. So lagen Dreck und Reichtum dicht beieinander.

Für Salgado war der Besuch in der Mine Teil einer größeren Arbeit: seiner Sammlung letzter Beispiele harter, körperlicher Arbeit im Industriezeitalter. Was ihm vorschwebte, war eine Art weltumspannende, archäologische Suche nach Arbeitsbedingungen wie im Mittelalter – unter Fischern in Sizilien, Arbeitern beim Schwefelabbau in Indonesien oder den Männern an der Küste von Bangladesch, die ausrangierte Schiffe so groß wie Wohnblocks mit Zangen und Handsägen zerlegten. Die Mine von Serra Pelada aber katapultierte ihn umweglos in alttestamentarische Zeiten: So muss es in König Salomons Minen ausgesehen haben, und so muss es beim Bau der Pyramiden zugegangen sein. Ein, zwei Dutzend dieser Bilder, die wirken wie Aufnahmen aus einem Höllenschlund und hinter denen wie Wasserzeichen die Gemälde Hieronymus Boschs aufschimmern, gingen damals als Reportage um die Welt.

Erst jetzt, eines gebrochenen Beins wegen, fand Salgado Zeit, aus den siebentausend Aufnahmen das Material für einen Bildband zusammenzustellen – er ist ein Schaudern machendes Dokument des Schuftens, der Gier – und der Enttäuschung. Im Jahr 2014 war die Mine leergeräumt und wurde geschlossen. Von den dreißig Tonnen Gold im Wert von vierhundert Millionen Dollar war das wenigste bei den Arbeitern gelandet.

Und er? Hat er damals nicht vielleicht auch hin und wieder nach dem Gold geschielt? Sebastião Salgado stutzt für einen Moment, dann lächelt er und zeigt auf die Wände der Kölner Galerie, in der seine Fotografien hängen: „Das ist mein Gold!“

„Gold“ von Sebastião Salgado. Taschen Verlag, Köln 2019. 208 Seiten, zahlreiche Schwarzweißfotografien. Gebunden, 60 Euro. Eine Auswahl der Fotografien zeigt die Kölner Galerie Bene Taschen (Moltkestraße 81) bis zum 9. Mai. www.benetaschen.com

„Gold“ von Sebastião Salgado. Taschen Verlag, Köln 2019. 208 Seiten, zahlreiche Schwarzweißfotografien. Gebunden, 60 Euro. Eine Auswahl der Fotografien zeigt die Kölner Galerie Bene Taschen (Moltkestraße 81) bis zum 9. Mai. www.benetaschen.com

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Langer, Freddy
Freddy Langer
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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