Zeit für einen anderen Blick

Von CHRISTINE WOLLOWSKI und RAFAEL MARTINS (Fotos)

22. Juni 2022 · Ein Stück Afrika in Brasilien: Salvador da Bahia ist geprägt vom Erbe des Sklavenhandels. Das sieht man am besten durch die Augen der Einheimischen.

Sehen wir auf Reisen nur, was wir bereits kennen? Reproduzieren wir dabei Bilder, die wir anderswo gesehen haben? Im Zweifelsfall sogar vom Rassismus geprägte? Das vielleicht beliebteste Fotomotiv im historischen Stadtzentrum von Salvador da Bahia ist der Largo do Pelourinho mit seinem buckeligen Kopfsteinpflaster und der zartblauen Barockkirche, eingerahmt von bunten Fassaden schmaler Kolonialhäuser. Auf den Werbeflächen, die für die brasilianische Stadt am Meer werben, taucht der Pelourinho ebenso prominent auf wie auf den Erinnerungsfotos der Touristen. Was diese Bilder nicht zeigen: Auf dem heute so fotogenen Platz wurden drei Jahrhunderte lang versklavte Afrikaner verkauft. Mehr als eine Million Menschen wurden nach Salvador verschleppt, überwiegend aus dem heutigen Nigeria und Angola – bis die Sklaverei 1888 verboten wurde. Mit ihnen kamen ihre Traditionen, ihr Glaube, ihre Musik und ihre Koch- und Volkskunst. Afrikanische Einflüsse haben den Pelourinho stärker geprägt als die von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärte Kolonialarchitektur. Mehr als 80 Prozent der Bewohner der ersten Hauptstadt Brasiliens bezeichnen sich selbst als schwarz – Salvador gilt als die afrikanischste Stadt außerhalb Afrikas.

Die Kulisse für das Selfie liefert die Altstadt von Salvador.
Die Kulisse für das Selfie liefert die Altstadt von Salvador.

Und was nehmen Touristen von ihr wahr? Viel zu sehr die Sichtweise der Kolonialherren und viel zu wenig die Sicht der Schwarzen, findet die Fremdenführerin Sayuri Koshima. Die Anwältin hat vor zehn Jahren aus Leidenschaft zum Tourismus gewechselt und sagt: „Ich habe die offizielle Geschichtsschreibung schon immer infrage gestellt.“

Ein paar Hundert Meter vom Largo do Pelourinho entfernt drehen ein Dutzend Menschen der berühmten Kirche Igreja de São Francisco mit ihrem verschwenderisch vergoldeten Interieur den Rücken zu. Stattdessen schauen sie auf die schlichte Fassade eines dreistöckigen Hauses schräg gegenüber. Hier hat die Sociedade Protetora dos Desvalidos, kurz SPD, ihren Sitz, erklärt Sayuri Koshima: eine zu Zeiten der Sklaverei gegründete Bruderschaft freier Schwarzer. Mit ihrer freiwilligen Arbeit und ihren Spenden baute sie eine Art Rentensystem auf, vergab günstige Kredite und kaufte versklavte Personen frei. „Viele Menschen glau­ben ja, dass Sklaven grundsätzlich Anal­phabeten waren, das ist ein großer Irrtum“, sagt die Präsidentin der SPD, Regina Célia, mit Stolz auf ihre philanthropischen Vorfahren.


Heute eine Acarajé-Verkäuferin: In der Altstadt kann man sich für ein Foto traditionelle Bohnenbrötchen und andere Speisen darbieten.
Heute eine Acarajé-Verkäuferin: In der Altstadt kann man sich für ein Foto traditionelle Bohnenbrötchen und andere Speisen darbieten.


Im Gegensatz zu den Großtaten der Kolonialherren werden die Meriten schwarzer Helden kaum gefeiert. Vor dem in Rosé gestrichenen Gebäude der Medizinischen Fakultät erzählt Koshima deswegen von Juliano Moreira. Der Sohn einer Hausangestellten wurde schon als 14-Jähriger an der Universität aufgenommen und entwickelte lange vor Freud psychotherapeutische Theorien. „Nie hätte ich gedacht, dass ein schwarzer Psychiater als Erster an eine Humanisierung der Psychiatrie gedacht hat“, sagt die italienische Juraprofessorin Fiammetta Bonfigli nach der Tour. Und der deutsche Projektmanager Cornelius Kibelka ist überzeugt: „Mein Blick ist jetzt geschärft für das Thema struktureller Rassismus.“


Der Pelourinho reproduziert sein Klischee mitunter selbst.
Der Pelourinho reproduziert sein Klischee mitunter selbst.


Die Idee zur Tour Negra stammt von Guilherme Dias, der zunächst in São Paulo Walking Tours begleitete. „Dabei wurde die Geschichte der Schwarzen einfach nicht erzählt“, berichtet der 35-jährige Journalist. Also nahm er die Sache selbst in die Hand und führte einen „Guia Negro“ durch São Paulo ein, bald darauf einen weiteren für seine Wahlheimat Salvador. „Ich halte mich nicht an die traditionellen Sehenswürdigkeiten, sondern besuche etwa das Museum Memorial das Baianas. Denn obwohl die Baianas überall präsent sind, werden sie kaum wertgeschätzt“, erklärt Dias.


Gottheiten auf Souvenirgröße geschrumpft: Orixás
Gottheiten auf Souvenirgröße geschrumpft: Orixás


Die ersten Baianas verkauften ihr Acarajé, die frittierten Bohnenbällchen mit Füllung, noch zu Ehren der afrikanischen Göttin Iansa. Heute arbeiten ihre mehr als 4000 Nachfahrinnen in Reifröcken und Turban auch als Modell für Erinnerungsfotos oder locken Urlauber in Souvenirläden. Im Job lächeln sie und blenden eine oft harte Realität aus: Die Einnahmen reichen kaum zum Leben, das Reduziertwerden auf ein Stereotyp nagt an der Seele. Gut zwei Dutzend Baianas nehmen an einem Unterstützungsprogramm der SPD teil – sie bekommen Lebensmittelpakete, werden über Menschenrechte aufgeklärt und finden Menschen, die ihnen zuhören. „Neulich haben wir einige gefragt, was sie im Leben glücklich macht – keine wusste eine Antwort“, erzählt Regina Célia.


Manchmal muss man genau hinsehen: dieses Acarajé ist eine Attrappe.
Manchmal muss man genau hinsehen: dieses Acarajé ist eine Attrappe.


„Touristen sehen in Salvador immer noch vor allem die Stereotypen“, urteilt der Journalist Antonio Pita, der auf der Plattform „Diaspora Black“ schwarze Unternehmen und Initiativen vorstellt. Ob Baianas, Capoeira-Spieler, Tänzer in den Folkloreshows oder Gläubige in den Tempeln der afrobrasilianischen Religion Candomblé: Selten entstünde ein echter Kontakt, ein tiefer gehendes Verständnis. Besonders der Candomblé übt mit der farbenfrohen Kleidung der Gläubigen, den mitreißenden Rhythmen und fremdartigen Riten eine große Faszination auf Besucher aus. Manche Priester akzeptieren zahlende Zuschauer, die während der Feste in einer abgetrennten Ecke bleiben müssen. In sogenannten Kulturshows führen professionelle Tanzgruppen stilisierte Versionen religiöser Szenen auf und stellen typisierte Gottheiten dar. „Ich bin gegen diese Art Folk­lore, ich begleite meine Kunden lieber tagsüber zu den Tempeln, damit sie am Alltag teilnehmen können“, erklärt Nilzete Santos, Gründerin der Tourismusagentur Afrotours. Bei diesen Besuchen erklärt sie das Leben im Terreiro, wie das Tempelgelände genannt wird, ermöglicht Gespräche, zeigt den Kräutergarten. Oft können die Besucher sogar ein reinigendes rituelles Bad nehmen.


Nilzete Santos hält nichts von Folklore-Candomblé für Touristen.
Nilzete Santos hält nichts von Folklore-Candomblé für Touristen.


Diese Art authentischer Erlebnisse ist zunehmend gefragt. Auch konventionelle Reiseveranstalter bieten inzwischen Schnupper-Capoeira-Stunden oder Trommelnachmittage an. Manche Kunden sind auf der Suche nach eigenen afrikanischen Wurzeln. Andere fühlen sich vom Ruf Salvadors als „schwarze Stadt“ angezogen. Das große Potential hat auch die Regierung erkannt und noch vor der Pandemie einen „Afro-Plan“ für den Tourismus entwickelt, der jetzt umgesetzt werden soll. „Wir werden Salvador als schwarze Welthauptstadt positionieren“, erklärt Tourismussekretär Fabio Motta, Angehöriger der weißen oberen Mittelschicht, „das Produkt haben wir schon, wir müssen es nur noch vermarkten“. Zielgruppe seien vor allem amerikanische Schwarze, die „große Summen auf ihren Reisen ausgeben“. Motta spricht davon, spezielle Ethno-Touren durch die Stadt zu entwickeln, schwarze Unternehmer für den globalen Markt zu qualifizieren und verhandlungssicher zu machen. Schwarze brauchten mehr Schulungen, um sich zu Protagonisten zu entwickeln, meint er und verspricht: „Das nehmen wir jetzt in die Hand.“


Monica Tavares im Restaurant Roma Negra
Monica Tavares im Restaurant Roma Negra


„Wir können eine Menge Sachen ganz gut“, kommentiert Monica Tavares trocken. „Angesichts der Bewegung des Black Money, bei dem Schwarze bevorzugt von Schwarzen kaufen, unserer Besetzung des Territoriums hier auf dem Pelourinho und anderer Initiativen kann die Regierung gar nicht anders, als auf dieser Welle mitzuschwimmen.“ Tavares ist seit ihrem 16. Lebensjahr Unternehmerin. Die 45-Jährige kommt aus der Peripherie Salvadors und hat sich Buchhaltung und Mitarbeiterführung selbst beigebracht. In ihren Läden sind alle Angestellten schwarz, Afrolook ist erwünscht, und das Dekor ist repräsentativ: Im Restaurant „Roma Negra“, das gehobene Gastronomie mit afrikanischen Einflüssen zu bezahlbaren Preisen anbietet und dessen Teilhaberin sie ist, hängt eine Wand voll mit Porträts schwarzer Persönlichkeiten. „Das hübsche Postkartenbild des Pelourinho lebt eben auch von den Slums drum herum, von der Musikalität der Bewohner, von ihrem Gang, ihrer Mode, ihrer Persönlichkeit. Das lässt sich nicht einfach ausblenden.“


Der Kunsthandwerker Sandro Pereira de Oliveira ist am Pelourinho groß geworden.
Der Kunsthandwerker Sandro Pereira de Oliveira ist am Pelourinho groß geworden.


Die neuen schwarzen Akteure bringen wie nebenbei den Candomblé in den Alltag zurück. Am Ausgang des Roma Negra etwa steht eine Statue der Gottheit Exu zusammen mit ein paar Kerzen als Opfergaben. Ein paar Straßen weiter wacht ein weiterer streng blickender Xangó in Ebenholz vor einem Souvenirladen. „An dem haben sich schon viele Leute gestört, aber der Xangó bleibt hier! Ihm habe ich es zu verdanken, dass mein Geschäft läuft“, sagt der Ladeninhaber und Holzschnitzer Sandro Pereira de Oliveira selbstbewusst. Der Zwei-Meter-Mann lebt und arbeitet seit Kindertagen auf dem Pelourinho, erst als Lastenträger, inzwischen als Inhaber von zwei Läden, demnächst will er ein Restaurant eröffnen. Sein Hinterhof, in dem er mit zwei Angestellten Holzfiguren der Orixás genannten Gottheiten schnitzt, grenzt an den Laden „Botica Rhol“, in dem Sueli Conceicao afrikanische Mode verkauft – und Naturkosmetik, die aus Kräutern, die in Candomblé-Tempeln wachsen, gewonnen wird. „Ich halte es nicht für verkehrt, unsere Kultur zu vermarkten“, sagt die 45-Jährige, „aber bislang geschieht das noch zu oft, indem die schwarzen Akteure zu Objekten und die Kultur zu Folklore degradiert werden.“


Sueli Conceicao stellt Mode und Naturkosmetik in Salvador her.
Sueli Conceicao stellt Mode und Naturkosmetik in Salvador her.


Bisher haben sich vielleicht ein gutes Dutzend schwarzer Unternehmer im Herzen des Pelourinho etabliert. Aber sie stehen für einen Paradigmenwechsel. Wie sagt Restaurantbesitzerin Monica Tavares: „Wir erobern uns unseren Platz zurück!“ 


Anreise
Zum Beispiel mit TAP Air ab Frankfurt via Lissabon oder mit Lufthansa via São Paulo, ab 1300 Euro.

Unterkunft
Das Hotel Pousada do Pilar befindet sich in einem charmant renovierten Altbau mit Dachterrasse im zentralen Künstlerviertel, DZ/F ab 65 Euro pousadadopilar.com. Das Aram Yami Hotel in Salvador, Sto Antonio, hat Pool und Dachterrasse, ca. 95 Euro aramyami­hotel.com. Und das neue Hotel Fasano Salvador ist die eleganteste Möglichkeit, am Pelourinho zu wohnen, 420 Euro fasano.com.br.

Essen
Im „Roma Negra“ blickt man auf den Largo São Francisco, Gourmetküche mit afrikanischem Einfluss, faire Preise (@romanegrasalvador). Das „Ó paí Ó“ am Largo de Jesus hat einen Dekomix aus New York und Candomblé, abends oft Livemusik und traditionell bahianische Küche (@opaiopelo). Das „Malembe“ ist zugleich Cocktailbar und Restaurant mit afrikanischer Atmosphäre und sehr gutem Essen, leider ohne Terrasse (@malembesalvador).

Afrotours
Rundgänge durch die Altstadt und zu verschiedenen Candomblé-Tempeln, circa 40 Euro pro Person (@afrotours_bahia).

Guianegro Salvador-Negra-Altstadtspaziergang mit Blick auf schwarze Helden und Geschichte, nur zu festen Terminen, ca. 40 Euro/Person guianegro.com.br.

Memorial das Baianas Praça da Sé, Pelourinho, Museum zur Geschichte und Gegenwart der Baianas, der Frauen im traditionellen Reifrock, die frittierte Bohnenbällchen verkaufen.

Museu da Musica Multimediapalast mit Dokumentarfilmen, Fotos und Audios der brasilianischen Musik, teilweise nach Stadtvierteln von Salvador geordnet, Eintritt ca. 4 Euro cidadedamusicadabahia.com.br.

Livemusik zum Sonnenuntergang gibt es sonntags neben dem Museum für moderne Kunst, MAM. Ein kleines Café und mehrere Bars bieten Essen und Getränke mam.ba.gov.br.

In der Wüste Israels In einem anderen Sand
Natursensationen in Utah Gott wohnt schön


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