Der mächtige Moa: Unterwegs passiert das kleine Schlauchboot eines der letzten natürlichen Waldgebiete Sierra Leones.

Fluss ohne Widerrede

Text und Fotos von ALEXANDER DAVYDOV
Der mächtige Moa: Unterwegs passiert das kleine Schlauchboot eines der letzten natürlichen Waldgebiete Sierra Leones.

13. Januar 2021 · Vom Versuch, den mächtigen Moa in Sierra Leone auf seinen letzten Kilometern zum Meer zu begleiten. Mit einem Schlauchboot.

„Vielleicht war das Ganze doch keine gute Idee“, kommt es mir in den Sinn, als wir unser Schlauchboot auf das tosende Ziel ausrichten. Ein Krampfen in der Magengegend. Und es liegt nicht an der Lebensmittelvergiftung, die mich seit Tagen quält. Das Rauschen der graugrünen Stromschnelle, wenige Meter entfernt, verkündet Unheil. Es ist die größte, die uns bisher auf diesem fremden Fluss im Süden Sierra Leones begegnet ist. Hier walzt sich der mächtige Moa vorbei an scharfen Klippen und verschwindet hinter einer Kurve in einem Wasserfall. Es führt kaum ein Weg daran vorbei. „Bist du sicher, dass wir das machen wollen?“, fragt mein Reisegefährte Nick. Das sonst so heitere Gesicht des jungen Arztes wirkt besorgt. „Ja.“ Ich klammere mich am Paddel fest, bis die Knöchel weiß heraustreten. Nun beginnen auch wir die Abfahrt in unserem Boot. Wird schon gutgehen. Einen Wimpernschlag später kommt es ganz anders.

Seit Jahren reisen Nick und ich gemeinsam nach Westafrika, und seit Jahren träumen wir von einer Expedition durch die Gewässer des mächtigen Moa. Über 470 Kilometer lang, entspringt der Fluss dem Hochgebirge Guineas in einem der letzten verbliebenen Regenwälder der Region. Weiter südlich durchschneidet er Sierra Leone, um im Atlantik zu münden. Unsere Route verläuft auf seinen letzten 72 Kilometern. Von der Binneninsel Tiwai aus geht es zur Mündung in Sulima dicht an der Grenze zu Liberia. Trotz ausführlicher Recherche weiß niemand, was auf uns zukommt. Die wenigen Berichte vergangener Versuche, den Fluss mit einem kompakten Schlauchboot, auch als Packraft bekannt, komplett zu durchqueren, endeten oft vorzeitig. Die Expeditionen scheiterten am Material, an Krankheiten und Verletzungen. Es dürfte Jahre her sein, dass sich jemand in einem Schlauchboot an unsere abgelegene Route herangewagt hat. Satellitenbilder und Erzählungen Einheimischer zeigen: Uns steht eine Reise bevor durch ein Labyrinth aus Strudeln, Stromschnellen und trügerischen Nebenläufen. Über das Internet werden wir auf den Briten James Torvaney aufmerksam, der als einer der wenigen Reiseveranstalter Ausflüge in Sierra Leone anbietet. Unsere gewünschte Route ist allerdings auch ihm unbekannt. Aber sein Abenteuergeist ist geweckt. Mit Torvaneys Hilfe und Erfahrung planen wir die Tour. Er warnt uns: Es ist keine Reise, die er mit seiner gewohnten Kundschaft machen würde.

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13.01.2021
Quelle: F.A.S.