<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Skifahren exotisch (1)

Die Wiederentdeckung der Gemütlichkeit

Von Alex Westhoff
Aktualisiert am 07.01.2014
 - 17:48
Irgendwo da unten ist die Tschechische Republik. Doch das interessiert die Skifahrer an der Schneekoppe nicht, weil sie sich hier in einer ganz und gar selbstgenügsamen Welt in Weiß bewegen.zur Bildergalerie
Einsame Pisten, idyllische Panoramen, traumhaftes Bier: Skifahren im Riesengebirge ist ein entspannter Spaß - solange man sich nicht mit dem Riesen Rübezahl anlegt.

Wenn man knapp unterhalb des Gipfels vom Černá hora, dem Schwarzenberg, auf der Terrasse einer dieser skigebietstypischen, kreisrunden Bars sitzt und die Musik erstaunlich gut ist, nicht zu laut und ohne den immergleichen Bumm-Bumm-Beat; wenn die meisten Gäste ihre Gesichter sehr regelmäßig in ihre Bierhumpen senken, ohne dabei albern zu werden, und die moderne Kabinenseilbahn zwischen zwei Songs nur ein leises Surren von sich hören lässt; wenn die Nachmittagssonne die kerzengeraden, wie schockgefroren dastehenden Fichten abendrot anstrahlt und man sich am ersten Skitag noch wundert, warum in 1260 Meter Höhe für das Sandwich und das halblitergroße Bier weniger als vier Euro fällig sind - dann machen sich die Gedanken selbständig beim Blick in den wolkenlosen Himmel, der ohne Unterlass Farben anrührt, dem eisigen Violett ein zartes Rosa beimischt, das sich schließlich zu einem kräftigen Pink auswächst, um dem Skitag im Riesengebirge ein feuriges Finale zu bescheren. Und in diesem Augenblick vermisst man die Alpen plötzlich kein bisschen mehr.

Dann kehren die Gedanken wieder zurück an den hölzernen Tisch und zu den Fingern, die am Glas mit dem exzellenten Pilsener Urquell klamm geworden sind. Als sich die Musik weiter auf gutem Niveau hält, stellt sich die Frage, ob die Wirtin auch deutsche Après-Ski-Knaller im Repertoire hat, schließlich kommen zehn Prozent der Gäste im Skigebiet Černá hora aus Deutschland. Und denen steht womöglich auch im tschechischen Schnee der Sinn nach den Partyheulern, die ihnen aus den Alpen so vertraut sind. Da knarzt es in den Boxen, als ob der Plattenaufleger bewusstlos auf sein Pult gestürzt sei und mit seinem Körper alle Knöpfe gleichzeitig gedrückt halte. Sekunden später ertönen die ersten Takte eines ganz miesen Neunziger-Jahre-Hits: „Eins, zwei Polizei, drei, vier...“ Und nach kurzer Zeit knarzt es abermals in den Boxen, als sei der Plattenaufleger wieder zu sich gekommen und betätige nun, peinlich berührt, den Nothalt. „Eins, zwei Polizei“ wird abgelöst, verbannt, vergessen.

Betörend schön

Die unaufgeregten Tschechen und Polen, die den überwiegenden Teil der Skifahrer am Schwarzenberg hart an der Grenze zwischen ihren Ländern stellen, lassen sich von musikalischen Irrungen nicht stören in ihrem steten, scheinbar unumstößlichen Tagesrhythmus Skifahren-Biertrinken-Skifahren-Biertrinken. Ist das der Grund dafür, dass Après-Ski hier eher ruhig und entspannt als bemüht hyperaktiv daherkommt, also mehr Garmisch als Ischgl? Und da ist er wieder, der Vergleich mit den Alpen, der nicht gerecht ist und sich auch gar nicht lohnt, aber sofort einen Minderwertigkeitskomplex durchschimmern lässt bei den Einheimischen, die im Hotel, beim Skiverleih, auf der Hütte rührig um guten Service bemüht sind und dabei ausnahmslos ausgezeichnet Deutsch oder Englisch sprechen. Die Sätze beginnen dann regelmäßig mit: „Ja, in den Alpen...“ oder: „Da können wir nicht mithalten...“.

Dabei sollten sie eher sagen: Nehmt uns doch als Anti-Alpen wahr! Gut und günstig! Denn wer sein Jahresurlaubsbudget nicht von einer Woche alpinen Skifahrens erheblich dezimieren lassen will, wird Černá hora so empfinden. Hier purzeln die Euros für Hotel mit Wellnessangebot, Hüttenmahlzeiten und Skipass - 22 Euro für einen Tag, bis neun Uhr abends auf beleuchteten Pisten - nicht aus dem Portemonnaie. Vielmehr lassen sich die tschechischen Kronen darin leicht und gut zusammenhalten. Und wer glaubt, dass zwischen 600 und 1300 Meter Höhe nur in wenigen Winterwochen des Jahres ausreichend Schnee liegt, der irrt. Das Riesengebirge hat sein ganz eigenes Klima, das eine Skisaison von Dezember bis April und manchmal sogar bis Mai ermöglicht. Dazu richten Schneekanonen stets ihre Läufe auf die Pisten, um zur Not etwas nachzuhelfen.

Der besondere landschaftliche Reiz des Riesengebirges entfaltet sich erst, wenn man sich von der bereitstehenden Pistenraupe von der Bergstation der Gondel zum Grat des Černá hora bringen lässt, weg von den Pisten des Skigebiets von Janské Lázně, dem einstigen Johannisbad. Unter einer Decke aus Schnee sieht es noch sanfter aus als ohnehin schon: weiche Linien, alles im Fluss, da ist nichts Zackiges, Zerklüftetes, der nackte Fels hält sich verborgen. Das Panorama mit dem Sněžkou, der von der Sonne beschienenen Schneekoppe, dem mit 1602 Metern höchsten Berg in der Tschechischen Republik, ist betörend schön. Man beginnt es sofort zu vermissen, wenn man dann auf Waldwegen hinunter ins Skigebiet von Pec pod Sněžkou gleitet, dessen Name auf Tschechisch so attraktiv wie melodisch klingt.

Das hier ist Tschechien

Die gesamte Skiregion mit ihren siebenunddreißig Pistenkilometern umfasst noch drei weitere, mit dem kostenlosen Skibus erreichbare Gebiete, die sich indes nur für Familien und Anfänger anbieten. Wahre Könner auf Skiern werden sich auch auf den anderen Pisten des Areals nicht herausgefordert, aber doch vergnügt fühlen. Die Kabinenseilbahn für acht Personen surrt in acht Minuten von Janské Lázně hinauf auf den Černá hora, und die Abfahrten entpuppen sich für ein Skigebiet dieser Höhe und Ausmaße als überraschend lang. Hier lässt sich eine Genussfahrt an die nächste reihen, wobei es besonders schön auf den Schneisen durch die Fichtenwälder ist. Herausgefordert wird also weniger die skifahrerische Qualität als vielmehr der Geist. Dessen Abwehrkräfte sind in Černá hora so zu schulen, dass man nicht allzu häufig den Versuchungen der zahllosen Einkehrmöglichkeiten erliegt. Denn dort kommen nicht die immergleichen alpinen Spaghetti und der ewige Kaiserschmarrn auf den Tisch, sondern Eintöpfe, Bratwurst, Gulasch und Haxe in der Tradition der böhmischen Hausmannskost. Asketen kommen allerdings weniger auf ihre Kosten, weil „fleischlose Gerichte“ und „nicht alkoholhaltige Getränke“ auf den Speisekarten in äußerst bescheidener Auswahl und fast verschämt ganz unten stehen.

Lange kann man dem Locken der Hütten nicht widerstehen. Und so landet jeder irgendwann im urigen Kiosek U Staré Canovsky, dem Kiosk an der alten Seilbahn mit seinen dunklen Holzwänden, dem alten Kachelofen und einer garstigen Hexe, die grinsend und besenreitend von der Decke hängt. Dort wird mittags eine Soljanka serviert, ein süß-saurer Gemüseeintopf mit reichlicher Wursteinlage, der zum Niederknien gut ist - für zwei Euro, ein großes Bier dazu, macht insgesamt 3,25 Euro. Der Teller wird blitzeblank leergegessen, und in diesem Moment fällt es angesichts des Völlegefühls schwer, an einen Fortbestand des Skitages zu glauben. Doch das wäre eine Sünde angesichts dieses Sonnenscheins.

In Pec pod Sněžkou sieht der Skifahrer sofort: Das hier ist Tschechien und nicht irgendein Alpenort, denn im Schnee leuchten die bunten Holzhäuser im landestypischen Roubenka-Stil mit ihren tief heruntergezogenen Dächern. Grotesk fehl am Platz wirkt nur das Hochhaus des Hotel Horizont, das sich wie der Turm zu Babel in den Himmel schraubt - als sein eigenes Mahnmal wider den Größenwahn und architektonische Verwirrung zugleich. Es sieht aus, als habe es der real existierende Sozialismus vergessen mitzunehmen, als er von uns ging. Die bunten Häuschen hingegen stehen an den Hängen der Schneekoppe wie von einem Heimatmaler mit schnellem Pinsel hingetupft. Allerdings ist das Skifahren hier ein exklusives Vergnügen: Dem Veto der Verwaltung des Nationalparks Riesengebirge, der in erster Linie die in diesen Breiten einzigartige Tundralandschaft schützen soll, ist es zu verdanken, dass winters wie sommers nur 250 Menschen je Stunde auf den Sněžkou hinaufgefahren werden. Überhaupt ist es eine mitunter schmerzliche Koexistenz zwischen Nationalpark und Skiresort, dessen Investor große Pläne hat. Bis zum Jahr 2020 soll das Gebiet auf sechzig Pistenkilometer ausgebaut werden, zwei weitere Seilbahnen sollen die Berge dafür überspannen. Dass diese Expansion von den Verantwortlichen des Nationalparks argwöhnisch betrachtet wird, versteht sich von selbst.

Über dem Wolkenmeer

Der Skitourismus ist in Černá hora kein einfaches Geschäft. Das Gebiet leidet vor allem unter der zu geringen Übernachtungsquote. Die Tschechen kommen überwiegend als Tagesgäste und nicht als Urlauber für eine Woche wie in den Alpen - und das auch nur, wenn das Wetter passt. Viele Wintersportler toben sich zudem auf den neunzig Loipenkilometern aus und bringen der Liftgesellschaft keine Einnahmen. Das würden Menschen wie Miloslav Sobor am liebsten von heute auf morgen ändern. Der drahtige Mann hat sich die Körperspannung des ehemaligen Leistungssportlers bewahrt, die sich unter dem roten Skilehreranorak deutlich abzeichnet. Sobor ist in Pec pod Sněžkou geboren und aufgewachsen, heute betreibt er hier eine Skischule und einen Skiverleih. Er war einst der beste Skifahrer der Tschechischen Republik und so etwas wie der Pionier des Rennsports in seiner Heimat in den sechziger und siebziger Jahren: Vierter in der Kombination bei der Weltmeisterschaft in St. Moritz 1974, Elfter im Riesenslalom bei den Olympischen Spielen in Innsbruck 1976 und ein fanatischer Skifahrer bis zum heutigen Tag.

Slalom und Riesenslalom konnte man auch auf den damals noch unpräparierten Hängen im Riesengebirge trainieren, erzählt Sobor. Mit einer motorgetriebenen Seilwinde ließen sie sich den Berg immer wieder hinaufziehen - kein Vergleich zu den professionellen Trainingsbedingungen in den Alpen. Und mit der Unterstützung des Staates brauchte Sobor schon gar nicht zu rechnen. „Tennis und Skifahren galten als Kapitalistensportarten“, sagt er. Mitte der siebziger Jahre, zu seiner besten Zeit, fand aber ein Umdenken statt. Die alten Geschichten von Entbehrung, Widerstandsgeist und Leidenschaft hat Sobor gerne seinen Athleten erzählt, denen er acht Jahre lang als Cheftrainer der tschechischen Nationalmannschaft vorstand. In diese Zeit fiel auch der WM-Triumph von Śárka Záhrobská im Slalom, dem größten Erfolg des tschechischen Rennsports überhaupt. Bis heute ist Sobor bei Rennen des internationalen Skiverbands als Technischer Direktor dabei, wacht über das Regelwerk und die Sicherheit der Athleten.

Die schönsten Momente sind für Miloslav Sobor die Nebeltage, wenn Dörfer wie das gesichtslose Janské Lázně, einst Ferienort vieler DDR-Bürger, hinter einem dichten Schleier verschwinden und man schon wenige Meter höher auf ein Wolkenmeer hinabschaut, das die gesamte Tschechische Republik luftdicht abzuschließen scheint und wie ein riesiger, flauschiger Schaumteppich wirkt. Es ist eine ganz eigene Skiwelt - viereinhalb Stunden von Berlin und Nürnberg, drei Stunden von Dresden und zwei Stunden von Prag entfernt. Hier sind Etikette unwichtig und Angeber mit Luxusausrüstung ungern gesehen, hier wird nicht im Schnee flaniert und promeniert, sondern schlicht und einfach Ski gefahren, ohne den Druck, kaum berührte Steilhänge und Tiefschneepassagen verpassen zu können. Denn es gibt sie schlicht nicht. Und selbst der Geübteste wird es kaum wagen, die eng stehenden Fichten am Pistenrand als Slalomstangen zu benutzen.

Ein solches Verhalten würde wohl auch den Zorn von Rübezahl entfachen, der es gar nicht gerne hat, wenn man sein Terrain betritt; das dürfen nur die Wölfe, die hier durch die Wälder streifen. Guten Menschen tritt der Berggeist des Riesengebirges meist freundlich und gerecht gegenüber, schlechten Menschen aber arglistig und launenhaft. Und ob man für Rübezahl zu den Guten oder Schlechten zählt, will man dann doch lieber nicht herausfinden.

Informationen über das Skigebiet gibt es im Internet unter www.skiresort.cz, allgemeine Auskünfte unter www.czechtourism.com. Die Reise wurde von der Tschechischen Zentrale für Tourismus unterstützt.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.