Sommerurlaub in Dänemark

Von der Gleichheit des Augenblicks

Von Simon Strauß
28.07.2021
, 06:05
Die kleine Ferienkolonie „Lystrup Strand“, im Norden der dänischen Halbinsel Djursland gelegen, ist nicht einfach ein Geheimtipp
Eine Reise ins dänische Djursland – wo die Blicke der Glücklichen aufs Meer fallen und die Winde die Segler hoch hinausschleudern. Auch ein paar geheime Orte sind hier noch zu entdecken.

Frühmorgens, wenn die Wellen langsam aufwachen und über den Sand heranrollen, wenn die Flut wieder gemächlich ansteigt und ihre verlorenen Kinder – all die Muscheln, Krebse und Quallen zu sich nimmt –, dann läuft man in der aufgehenden Sonne an den kleinen Strandhäusern vorbei und sieht durch die Fenster, wie alte Damen in Bademänteln am Tisch sitzen und gebeizten Lachs essen. Sieht, wie der Wind über die Dünen fährt und die verschlafenen Grashalme wiegt. Sieht, wie die Fischerboote ungeduldig im Watt wackeln und darauf drängen, endlich wieder vorwärtszukommen.

Die kleine Ferienkolonie „Lystrup Strand“, im Norden der dänischen Halbinsel Djursland gelegen, ist nicht einfach ein Geheimtipp. Es ist ein Ort, der so viel Liebenswürdigkeit und Ruhe, so viel Gelassenheit und Dauer ausstrahlt, dass man hier wie während einer Kur gestärkt wird. Gestärkt vom freundlichen Gruß der Nachbarn, gestärkt vom wolkenverspielten Himmel, gestärkt aber natürlich vor allem vom Blick aufs weite, alle Katastrophen verschluckende Meer. Man muss den Blick nach all den Monaten in den engen vier Wänden erst wieder gewöhnen an diese bewegte Unendlichkeit. Vorne in den Dünen führen Treppen hinunter zum Strand, aber im Grunde schaut man besser aufs Meer, als dass man versucht, in ihm zu schwimmen. Nur Kinder können hier hervorragend baden, alle anderen laufen minutenlang nur bis zu den Knien im Wasser und warten vergeblich darauf, dass sich der Untergrund senkt.

Was „Lystrup Strand“ so angenehm macht, ist die Gleichheit des Ausblicks. Alle Häuser stehen in der ersten Reihe, kein Wetteifern, kein Übertrumpfen ist nötig. Der egalitäre Anspruch geht auch über auf die Architektur: Alle Häuser sind mehr oder weniger gleich klein, haben flache Dächer und breite Fensterfassaden hin zum Meer und einen Vorgarten, in dem man abends sitzen, den Grill rauchen lassen und sich mit einem Glas in der Hand auserwählt fühlen kann.

Alles konzentriert sich auf die Fenster

Das Haus ganz am Ende der kleinen Küstenstraße kann man über Airbnb mieten. Die Schlüssel sind an einem geheimen Ort versteckt, im Schwedenofen liegt schon das Holz, die Rückwand ist mit Meeresmotiven bemalt, und das Trampolin wartet auf ausgelassene Kinder. So klein und beklemmend das Haus von innen auf den ersten Blick wirkt, so gemütlich und behaglich wird es einem im Verlauf des Aufenthalts: Die Nähe zum Meer lässt einen am Ende selbst die Enge des Matratzenlagers unterm Dach großzügig erscheinen. Denn alles konzentriert sich sowieso nur auf die Fensterfassade hin – so transparent der Lebensstil dadurch wird, so stolz grüßt man bald schon die vorbeiflanierenden Nachbarn vom Frühstückstisch aus.

Dänische Sommertage finden fast kein  Ende: Ferienhäuser am  Strand von Lystrup.
Dänische Sommertage finden fast kein Ende: Ferienhäuser am Strand von Lystrup. Bild: Simon Strauss

Später wird im Haus nebenan Geburtstag gefeiert, und über die Hecke schallen, mehrstimmig gesungen, melancholische Lieder, die Sonne verweist die Wolken des Platzes. Vorne, wo die kleine Straße zurück ins Land führt, markiert ein kleines Toilettenhäuschen mit Fahne und zwei weißen Türen das kleine Zen­trum der Ortschaft. Hier treffen sich sonntagvormittags zwei Männer, um unbeaufsichtigt von ihren Ehefrauen ein Bier zu trinken. Der eine fährt in seinem alten Fiat vor, der andere parkt seinen Kabinenroller etwas abseits. Ein paar Minuten bleiben sie erst noch in ihren Gefährten sitzen, dann nicken sie sich zu, greifen nach der Kühltasche und treffen sich vor dem Toilettenhäuschen auf einer Bank. Da sitzen sie dann eine halbe Stunde, reden wenig, trinken in kleinen Schlucken zwei Flaschen leer und schauen aufs Meer. Vielleicht machen sie das schon seit Langem so – eine Gewohnheit, ein Ritual seit Jahrzehnten. Wenn einer von beiden einmal nicht mehr da sein sollte, dann wird der andere eben die zwei Flaschen für ihn mittrinken, das könnten sie sich versprochen haben.

Fischburger mit Schwarzbrot

Man kann in Djursland auch wunderschöne Ausflüge machen. Zum Beispiel nach Bønnerup, einem gemütlichen Fischerörtchen mit alten Fischerhäuschen und einem noch aktiven Fischereihafen. Der Wind weht hier so stark, dass die vor jedem Haus stolz gehissten dänischen Fahnen gegen ihre Stangen schlagen, als wollten sie sich losreißen.

Man kann in Djursland auch wunderschöne Ausflüge machen.
Man kann in Djursland auch wunderschöne Ausflüge machen. Bild: Simon Strauss

Vor der Küste rasen die Kitesurfer durch die Fluten, stürzen, springen, heben ab - manchmal zwei, drei Meter hoch. Erstaunlich, dass keiner von ihnen Angst hat, in die kreisenden Rotoren der nahe gelegenen Windkrafträder zu geraten. In der Markthalle rechts von der Hafenverwaltung kann man täglich frischen Fisch kaufen. In weißen Styroporkästen liegen die ungewöhnlichsten Meerestiere aus, die freundlichen Verkäuferinnen erklären genau, wie man sie zubereiten muss. „Brosmen“, also Lumben und „Kuller“, also eine Art Schellfisch sind gerade im Angebot und besonders gut für den Grill geeignet, sagt die Fischverkäuferin, auf deren Pullover ein zähnefletschender Haifisch mit Zahnstochern prangt.

Draußen sitzen die Dänen vom Wind geschützt in ihren Autos und essen genüsslich Fischburger mit Schwarzbrot – offensichtlich eine Spezialität, die weit bekannt ist. Der Sturm wird stärker, Mülltonnen werden durch die Gegend geschoben, Bänke verrückt, und auch die Kitesurfer brechen ihren waghalsigen Wellenritt jetzt ab. Aber die Dänen sitzen weiterhin ruhig in ihren Autos und essen und schauen freundlich durchs Fenster.

Der Strand ist die Sehenswürdigkeit

Einer der schönsten Strände in der Region ist „Fjellerup Strand“. Er liegt vor den Toren von Grenaa, einer ruhigen Handelsstadt auf der Nasenspitze von Djursland mit alten Industrieruinen und einer mittelalterlichen Kirche am Marktplatz, wo im Sommer jeden Samstag Musik gespielt und Bier gezapft wird. Der Strand aber ist die eigentliche Sehenswürdigkeit: Sieben Kilometer lang zieht er sich an der Küste entlang und bietet neben feinem Sand und seichtem Wasser einen Steg mit Rampe, damit auch die insbesondere im maritimen Zusammenhang oft vergessenen Rollstuhlfahrer ohne Weiteres ins Wasser kommen können. Manche wollen von hier aus schon eine Herde Schweinswale beobachtet haben, die von April bis Oktober an der Küste von Djursland entlangschwimmt. Die majestätischen Tiere, die bis zu 200 Meter tief tauchen und bis zu acht Minuten lang die Luft anhalten können, gelten als besonders scheu und erregen daher viel Aufsehen. Hinter den Dünen und auf einem weitläufigen Waldareal liegen viele Sommerhäuser – allerdings nehmen die sich hier eben das, was in Lystrup so wunderbar gleich verteilt ist: die Sicht.

Mit unterschiedlichen Finanzierungshilfen aus ganz Dänemark wurde in Ebeltoft ein außergewöhnliches Kulturzentrum geschaffen.
Mit unterschiedlichen Finanzierungshilfen aus ganz Dänemark wurde in Ebeltoft ein außergewöhnliches Kulturzentrum geschaffen. Bild: Kulturloft

Fährt man von der Küste weiter südlich wieder etwas ins Land hinein, gelangt man in den vielfach ausgezeichneten Nationalpark Mols Bjerge. Hier, wo beim letzten Eisvorstoß vor etwa 18 000 Jahren die Gletscher zum Stillstand kamen und ihre Zungen sich ins Land geschnitten haben, sodass tiefe Buchten um die langgestreckten Hügel zurückblieben, hier wurden gefährdete Tierarten wieder angesiedelt. Insbesondere Wildpferde, die seit 2016 in Freiheit leben, begegnen dem Besucher. Durch die Randmoränenlandschaft führt ein verzweigtes Wegenetz, das man zu Fuß, mit dem Fahrrad oder auch hoch zu Ross erkunden kann. Vorbei kommt man an bronzezeitlichen Hügelgräbern, mittelalterlichen Burgruinen, stillgelegten Mühlen und – besonders eindrucksvoll – an markanten Toteislöchern, die durch abgebrochene Eisbrocken entstanden sind.

Attraktion für kleine Kinder

Vom Wandern oder Reiten müde, bietet die nahe gelegene Kleinstadt Ebeltoft eine gute Gelegenheit für einen Kaffee oder streunenden Spaziergang. Schiefe Fachwerkhäuser, verwinkelte Gassen mit Kopfsteinpflaster und blühende Stockrosen sind die charakteristischen Kennzeichen einer ehemals florierenden Hafenstadt. An diese Zeit erinnert unten in der Bucht noch das Holzsegelschiff „Fregatten Jylland“, dessen Besuch heute Familien mit kleinen Kindern als Attraktion dient. Das 1301 gegründete Städtchen hat viel von seinem maritimen Flair verloren, aber dafür gibt es seit vergangenem Jahr ein neues, strahlkräftiges Wahrzeichen: „Maltfabrikken“, die alte Malzfabrik, die durch landesweite finanzielle Unterstützung in ein lebendiges Kulturzentrum verwandelt wurde und erst seit einigen Monaten eröffnet ist.

Pompös thront das rote Backsteingebäude auf einem Hügel und erinnert damit an die ursprüngliche Ausdrucksabsicht seines Erbauers: Ein mutiger Malzunternehmer, der seinen sozialen Aufstieg durch den industriellen Prunkbau allen vor Augen führen wollte und hier von 1869 an Malz für die Bier- und Kaffeeproduktion herstellen ließ. Zeitweilig wurde das Ebeltofter Malz in alle Brauereien Skandinaviens exportiert. Das Malz brachte Geld in die Stadt und sorgte über vier Generationen lang für Wohlstand und Wohlfahrt. Erst in den wirtschaftlich fatalen Achtziger Jahren musste die Malzfabrik schließen, obwohl ein besonders rühriger Mitarbeiter das Werk übernahm und unter Einsatz von höchstem persönlichen Risiko zu retten versuchte.

Außergewöhnliches Kulturzentrum

In den kommenden Jahrzehnten verfiel das im Städtchen als „Rote Lady“ bekannte Gebäude immer mehr, bis sich vor einigen Jahren ein Aktionsbündnis aus lokalen Unternehmen, Kunstaktivisten und Politikern bildete und die Sanierung der Industrieruine in Angriff nahm. Mit unterschiedlichen Finanzierungshilfen aus ganz Dänemark wurde so ein außergewöhnliches Kulturzentrum geschaffen, das lokalen Gewerben, kulturellen Akteuren und öffentlichen Dienstleistungen eine Plattform bietet. In dem Gebäude ist nicht nur ein Malzmuseum, eine Bibliothek und ein wunderbares Archiv beheimatet, sondern auch wieder eine Mikrobrauerei. Unten im Keller sitzt in einer Art offenem Atelier eine junge Malerin, die an „immersiven Landschaftsporträts“ arbeitet und hier gerade eine „Residency“ hat. Im flexiblen Ausstellungsraum daneben wird eine Schau vorbereitet, die sich mit dem dänischen Kolonialismus auseinandersetzt. Im ersten Stock sind Gemeinschaftsarbeitsräume für Freiberufler entstanden, in einem aufgeschnittenen Betontrichter, an dessen Außenwand noch Graffiti von einer anderen Zeit erzählen, kann man sich für eine Besprechung zurückziehen.

Bild: F.A.Z.

Überall schaut man durch großzügige Fensterfassaden aufs Meer und kann für eine Kaffeepause sogar auf den alten Fabrikturm steigen. Man merkt sehr bald: Das ist ein Ort, der den angekratzten Stolz der alten Provinzstadt aufs Neue beflügelt, der ihr das Bewusstsein zurückgibt, etwas Besonderes und Wertvolles zu sein. Denn das, was im Mo­ment ja in allen europäischen Ländern droht - die mentale und politische Konzentration auf einige Großstädte bei gleichzeitiger impliziter oder expliziter Herabsetzung ländlicher Regionen als rückständige Provinz -, hat auch Dänemark erfasst. Der enorme Wahlerfolg der rechtspopulistischen „Dänischen Volkspartei“ bei den Wahlen vor ein paar Jahren war ein Schock und hatte nicht nur zur Folge, dass sich etwa die Sozialdemokraten eine robustere Einwanderungspolitik zulegten, sondern auch, dass solche regionalen Großprojekte wie die „Maltfabrikken“ deutlich bessere Unterstützung erfuhren. Auch beim Spaziergang am Hafen begegnet einem das Versprechen einer besseren Zukunft wortwörtlich an jeder Banklehne. Dort hat die Stadtverwaltung nämlich Pop-up-Sitzbänke beschriftet und aufgestellt, die sinnbildlich für die neue unternehmerische „Test and Trial“- Mentalität der Kommune stehen sollen. Über einen QR-Code können die Einwohner sich an dem urbanen Transformationsprozess beteiligen und bei der Realisierung eines „internationalen Kreativzentrums“ helfen. Die etwas aufgeblasene Stadtplaner-PR beiseitegelassen – den Namen Ebeltoft sollte man sich merken. Hier findet ein neues Lebensgefühl sein Zentrum, das den Blick aufs Meer und die Nähe zu Wildpferden, die schnelle Internetverbindung und die Möglichkeit, große Vorhaben wirklich umzusetzen, höher schätzt als den angeblich immer rasenden Puls der Großstadt.

Im touristischen Faltblatt, das man von den freundlichen Angestellten der „Maltfabrikken“ zugesteckt bekommt, beschreibt im Editorial ein junger Djursländer Musiker seine Liebe zu dieser Region und bekennt, dass man hier „ziemlich perfekt“ leben könne. Wer also im Moment noch nach gut erreichbaren Destinationen für den Sommerurlaub sucht, sollte das dänische Djursland im Blick behalten.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt /  Strauss, Simon
Simon Strauß
Redakteur im Feuilleton.
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