Sparen im Urlaub

Dass die sich das leisten können

Von Ulrike Wiebrecht
22.05.2022
, 19:38
Die Engadiner Landschaft kommt der gemeinen Vorstellung vom perfekten Bergidyll schon sehr nah.
Salecina, ein selbstverwaltetes Ferienzentrum im Oberengadin, verwirklicht seit 50 Jahren die Utopie der Erholung für alle, in einer der schönsten Landschaften der Schweiz.
ANZEIGE

Zugegeben, ich war nicht gerade amüsiert, als ich am ersten Abend eineinhalb Stunden Geschirr abwaschen musste. Erst mittags war ich angereist, lange um den Silsersee gewandert und gerade noch rechtzeitig zum Abendessen zurückgekommen. Danach hätte ich den Tag am liebsten mit ein, zwei Gläsern Rotwein ausklingen lassen. Stattdessen stapelten sich vor mir um die vierzig Teller mit unappetitlichen Essensresten. In den Schüsseln klebte noch der Käse von den Pizzoccheri, in den Schälchen schwammen unansehnliche Puddingpfützen.

Immerhin leisteten mir zwei andere Gäste beim Abwaschen Gesellschaft: eine etwa sechzigjährige Alleinreisende aus Luzern und ein jugendlicher Familienvater, der mit seiner Frau und zwei Söhnen aus Berlin gekommen war. Ganz unterschiedliche Menschen. Doch beide Stammgäste des Salecina, die viel von ihren Aufenthalten erzählen konnten. Was treibt sie dazu, ihren Urlaub in einem selbstverwalteten Ferien- und Bildungszentrum zu verbringen, wo man sich das Zimmer mit drei oder elf mitunter völlig fremden Menschen teilen und beim Kochen, Abwaschen oder Putzen helfen muss?

ANZEIGE

Zum einen lockt viele der Preis. In einer der schönsten Landschaften der Schweiz nahe Sils Maria kann man schon ab vierzig Franken pro Nacht wohnen und essen. Je nach Geldbeutel und Selbsteinschätzung zahlen die Gäste vierzig, 55 oder 66 Franken, Kinder und junge Erwachsene noch weniger. Einmal im Jahr dürfen sogar die, die ganz wenig haben, für nur zweihundert Franken eine Woche bleiben. Einschließlich Halbpension. So kommen weniger Betuchte in den Genuss derselben Bergwelt, für die andere im benachbarten, noblen Waldhaus mehr als das Zwanzigfache bezahlen. „Aber es kommen durchaus auch Gutverdiener zu uns. Sonst würde sich das Projekt nicht tragen“, erklärt Silvie Kiefer, die im Leitungsteam von Salecina arbeitet.

Ein 300 Jahre alter Bauernhof

Rund um den alten Bergbauernhof am Maloja-Pass auf 1800 Meter Höhe gibt es nichts als Almwiesen. Keine Straßen, so gut wie keine Autos, dafür umso mehr Kühe. An meinem ersten Abend tollen draußen jede Menge Kinder am Lagerfeuer, die kaum ins Bett zu bekommen sind. Die Erwachsenen können sich währenddessen am nächtlichen Himmel sattsehen. „Das Haus mit den meisten Sternen zwischen Bergell und Engadin“, lautet ja der Slogan des Salecina. Und die gibt es hier tatsächlich im Überfluss. Sie stehen nicht für Luxus, sondern für eine unvergleichliche Bergwelt mit Gipfeln wie dem 2600 Meter hohen Piz Salecina ohne irgendwelche Lichtverschmutzung ringsum.

Salecina: Rund um den alten Bergbauernhof am Maloja-Pass auf 1800 Meter Höhe gibt es nichts als Almwiesen.
Salecina: Rund um den alten Bergbauernhof am Maloja-Pass auf 1800 Meter Höhe gibt es nichts als Almwiesen. Bild: Ulrike Wiebrecht

Mittendrin der Bauernhof, der wie aus der Zeit gefallen scheint. Das Haupthaus mit Essräumen, Küchen, Speisekammer, Büro, einer beachtlichen Bibliothek, Spielzimmer und einem kleinen Laden hat bereits über 300 Jahre hinter sich. Die Schlafräume befinden sich im benachbarten ehemaligen Stall, der „nur“ 270 Jahre alt ist. Man könnte sich wie im 18. Jahrhundert fühlen, würden nicht hier und da ein paar Aufkleber für „Black lives matter“ oder „Refugees welcome“ plädieren.

ANZEIGE

Bis 1970 wurde das Gehöft noch bewirtschaftet, dann gab der letzte Pächter auf. Damit schlug die Stunde für Amalie und Theo Pinkus, ein Schweizer Ehepaar, das damals auf der Suche nach einem geeigneten Objekt war und das Anwesen mithilfe von Spenden – das Wort Crowdfunding benutzten sie noch nicht – kaufte, um seine Vision von einem selbstverwalteten Ferienzentrum zu verwirklichen. Geprägt vom Geist der 68er-Bewegung, wollten sie ein Haus gründen, das allen offensteht, vor allem aber politisch Interessierten aus linken Bewegungen. Hier sollten sie sich über neue Ideen austauschen und andere Formen des Zusammenlebens erproben können. Ideologisch nicht klar eingegrenzt, aber immer getragen von einer humanistischen Grundhaltung.

ANZEIGE

Max Frisch, Herbert Marcuse und Theo Pinkus - eine legendäre Begegnung

Die aus dem Tessin stammende Amalie Pinkus hatte sich zuvor als linke Aktivistin in der Frauenbewegung engagiert, der 1909 in Zürich geborene Theo Pinkus seine Karriere in Berlin beim Rowohlt-Verlag begonnen. Als es für ihn als Juden und Kommunisten 1933 in Deutschland zu gefährlich wurde, ging er in die Schweiz zurück. In Zürich gründete er eine Buchhandlung und den Limmat-Verlag, der unter anderem das Standardwerk „Geschichte der Schweizerischen Arbeiterbewegung“ herausgab. „Ein ungeheuer umtriebiger, aber auch spezieller Mensch“, erzählt Marianne Frisch, die mit Pinkus befreundet war und damals auch unbedingt mit ihrem damaligen Mann das Salecina besuchen wollte. Noch heute erinnert ein großes Foto im Obergeschoss des Hauses an die legendäre Begegnung von Max Frisch, Herbert Marcuse und Theo Pinkus bei einem Seminar. Später spendete Frisch sogar die Summe, die ihm durch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zuteilwurde, dem Projekt.

Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch (mitte), der deutsch-amerikanische Philosph Herbert Marcuse (links) und Theo Pinkus vor dem Tagungszentrum Salecina bei Maloja im Kanton Graubuenden, aufgenommen im Jahr 1976.
Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch (mitte), der deutsch-amerikanische Philosph Herbert Marcuse (links) und Theo Pinkus vor dem Tagungszentrum Salecina bei Maloja im Kanton Graubuenden, aufgenommen im Jahr 1976. Bild: KEYSTONE

Ob sie damals über die Weltrevolution debattierten? Mancher vermutete im Salecina in der Anfangszeit schon Untergrundkämpfer. Die Schweizer Bundespolizei überwachte das Anwesen, bei dem eine rote Fahne auf dem Dach wehte, Nachbarn protestierten, weil die Betreiber aus Spaß eine Straße dort oben in „Ho-Chi-Minh-Weg“ umbenannt hatten. Theo Pinkus soll allerdings jungen Leuten geraten haben, lieber Revolutionäre im Beruf als Berufsrevolutionäre zu werden. In diesem Sinn versteht sich auch das Salecina als eine kleine tägliche Revolution. Eine, die nicht mit großem Pathos oder gar Gewalt, stattdessen mit gemeinsamen Aktivitäten wie Wandern, Langlaufen, Chorsingen, Kochen, Abwaschen, aber natürlich auch mit Gesprächen und teils hitzigen Debatten voranschreitet. Und die 2017 von der CIPRA, der Schweizer Sektion der Internationalen Alpenkommission, mit dem Hauptpreis für Nachhaltigkeit im Tourismus ausgezeichnet wurde.

Der Silsersee: Auf der einen Seite liegt das Salecina, auf der anderen das Waldhaus.
Der Silsersee: Auf der einen Seite liegt das Salecina, auf der anderen das Waldhaus. Bild: Ulrike Wiebrecht

Das Konzept hat sich bewährt und kann nach fünfzig Jahren eine stolze Bilanz ziehen. Mit seinen 56 Betten bringt es das Salecina auf rund 10.000 Übernachtungen pro Jahr. Ein großer Teil der hauptsächlich deutschen, italienischen und Schweizer Gäste kommt immer wieder, manche schon seit vierzig Jahren, wie Silvie Kiefer berichtet. Auch die Akzeptanz in der Nachbarschaft sei gestiegen.

ANZEIGE

Undogmatisch und pragmatisch

Getragen wird das Ferienzentrum von der Salecina-Stiftung mit hierarchiefreien Strukturen. Die Verwaltung übernimmt der Stiftungsrat, der zweimal jährlich zusammentritt und sich neben den vier festangestellten Teammitgliedern, deutschen und italienischen Muttersprachlern, aus etwa vierzig Gästen zusammensetzt. „Im Prinzip ist jeder stimmberechtigt, der mindestens ein Jahr lang mitgearbeitet hat“, erklärt Silvie Kiefer. „Das Gremium ist ganz gemischt, es sind alte und junge Leute von Hamburg bis Genua dabei.“ Die entscheiden über praktische Belange, ob zum Beispiel neue Matratzen angeschafft werden sollen, aber auch Grundsätzliches. Wenn es früher eher um die Frage ging, ob man sich zur Friedensbewegung bekennen soll, ist in jüngster Zeit die Klimakrise in den Blickpunkt geraten. Das Salecina sieht sich als ökologischer Vorreiter, der bis 2030 klimaneutral werden will. „Das ist eine wirkliche Herausforderung“, sagt die Teammitarbeiterin. Zwar beziehe man den Strom aus Wasserkraft und heize mit Holzschnitzeln. Schwierig werde es aber beim Thema Ernährung. Auch wenn die verpackungsfreien Milchprodukte aus der Region kommen, Obst und Gemüse stammen meist aus der Westschweiz, da in der Gegend nur wenig wächst. „Wir versuchen, möglichst viele Bioprodukte einzukaufen“, erklärt Kiefer. „Aber Bio ist auch immer der weitere Weg.“ Der größte Klimakiller seien allerdings die Transportwege. Selbst wenn die Gäste wie gewünscht mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen – ab zwei Übernachtungen fahren sie dann auch gratis im Bergell und Oberengadin –, so sind diese dennoch nicht gänzlich klimaneutral.

Es gibt also genügend Themen mit Konfliktpotential. Und dennoch klappt es mit der Selbstverwaltung. Worin das Geheimnis liegt? Wahrscheinlich darin, dass der Salecina-Rat eher undogmatisch und pragmatisch vorgeht, statt sich im ideologischen Klein-Klein aufzureiben. Zum anderen sollen die Gäste in der Regel keine Schnäppchenjäger und meist „gemeinschaftserprobte Menschen“ sein. Aber sicher hat auch die atemberaubende Landschaft, an der sich Künstler wie Giovanni Segantini oder Alberto Giacometti abgearbeitet haben, ihren Anteil daran, dass die Utopie von Theo und Amalie Pinkus Wirklichkeit wurde.

Bild: fbr./sie.
Der Weg ins Oberengadin

Anreise Das Ferien- und Bildungszentrum Salecina liegt in Maloja, nicht weit entfernt von St. Moritz. Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist (z. B. mit dem Zug bis St. Moritz, von dort mit Postauto nach Maloja und kleiner Fußweg, Sparpreise ab Deutschland gibt es schon ab 19,90 Euro), fährt ab zwei Übernachtungen in der Region gratis. Die Umgangssprachen sind Deutsch und Italienisch. Zum Teil finden hier auch Yoga-, Bergwander-, Flora-, Sprachkurse oder Politwochen statt.

Unterkunft Das Salecina hat schlichte Zweier-, Vierer- oder Zwölferzimmer. Bettwäsche wird gestellt. Für die Halbpension zahlt man je nach Selbsteinschätzung den ermäßigten, kostendeckenden oder solidarischen Preis von 44, 55 oder 66 bis 77 Franken, Kinder und Jugendliche bis 25 Jahre zwischen 22 und 44 Franken. Im Gegenzug helfen die Gäste beim Kochen, Putzen oder sonstigen Aufgaben. In den Aufenthalts- und Essräumen mit Kamin gibt es WLAN-Empfang, außerdem eine gut bestückte Bibliothek.

Weitere Informationen unter salecina.ch, zur Region unter engadin.ch und myswitzerland.com

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Sprachkurse
Lernen Sie Englisch
Sprachkurse
Lernen Sie Französisch
Sprachkurse
Lernen Sie Spanisch
Sprachkurse
Lernen Sie Italienisch
ANZEIGE