Prachtvoll: Der Frohnhof

Als Willy Brandt einmal den Mauerfall verschlief

Von KLAUS SIMON, Fotos: MAXIMILIAN VON LACHNER
Prachtvoll: Der Frohnhof

05. August 2022 · Ein Spaziergang durch Unkel, den Ort, in dem sich die Liste des Einwohnermeldeamts liest wie ein Who is Who der deutschen Kultur- und Wirtschaftsgeschichte.

Unkel? Nicht unbedingt ein Name, der jedem geläufig ist. Und nur die wenigsten werden damit ein konkretes Stadtbild verbinden. Gerade einmal fünftausend Menschen leben dort. Aber unter den Bürgern waren so viele Prominente, ob Dichter, Schriftsteller, Intellektuelle, Politiker oder Vorstandschefs börsennotierter Unternehmen, dass der spanische Ministerpräsident Felipe González dem Rheinstädtchen im Jahr 2011 zur Eröffnung des Willy-Brandt-Forums mit auf den Weg geben hat, es solle „ein Weltdorf“ werden. Bis es so weit ist, firmiert die nördlichste Gemeinde von Rheinland-Pfalz als „Kulturstadt am Rhein“. Was nicht die schlechteste Wahl ist.

Mit der Gründung der Dachmarke 2012 nahm ein Strukturwandel an Fahrt auf, der Unkel aus der Schockstarre erlöste, in die das Städtchen nach dem Ausbleiben der Kegelklub- und Tanzveranstaltungstouristen seliger Wirtschaftswunderjahre versunken war. Zehn Jahre später ist die eingeläutete Wende zu einem Qualitätstourismus mit den Standbeinen Kultur und Natur auf gutem Weg. In der Altstadt wurde kräftig saniert und der Leerstand deutlich reduziert. Das Willy-Brandt-Forum und nicht zuletzt die vielen großen Namen früherer Bewohner ziehen Kulturreisende an. Der Rheinsteig, der Rheinuferradweg und die direkte Nähe zu den Naturparks Siebengebirge und Rhein-Westerwald locken Aktivurlauber. Eine Reihe von Veranstaltungen setzt über die Saison verteilt Höhepunkte. Die „Offenen Ateliers“ locken Anfang Mai in Ateliers und Werkstätten. Zu Pfingsten belebt der Open-Air-Markt „design+gestaltung am rhein“ die Rheinpromenade. Zum sommerlichen Straßenmusikfestival „Ars Fontana“ werden Fachwerkgassen und Plätze der Altstadt zur Bühne von Chören, Bands, Solisten. Die „Kunsttage Unkeler Höfe“ setzen im September zeitgenössische Kunst vor denkmalgeschützter Bausubstanz in Szene.

Ein Traum, auch für Radfahrer: Die Uferpromenade am Rhein in Unkel
Ein Traum, auch für Radfahrer: Die Uferpromenade am Rhein in Unkel

Ohne finanzielle Hilfe wäre vieles nicht möglich gewesen. Die aber kam. Knapp anderthalb Millionen Euro sind seit 2016 von Land und Bund als Fördergelder für die historische Altstadt geflossen. Im vergangenen November überreichte der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz einen weiteren Förderbescheid über achthunderttausend Euro.

Gründe genug für Gerhard Hausen, zuversichtlich in die Zukunft zu schauen. „Unser Pfund sind die Bürger“, weiß Unkels ehrenamtlicher Bürgermeister. Was für den ehemaligen Abteilungsleiter aus dem Verteidigungsministerium auf der Bonner Hardthöhe mindestens so viel wiegt wie die Fördergelder. Als Nächstes soll der Bahnhofsvorplatz neu gestaltet und der Bahnhof barrierefrei werden. Die Entwicklung der Rheinpromenade zur ebenfalls barrierefreien Flaniermeile mit mehr Plätzen für die Gastronomie ist ein weiteres Nahziel. Eine Fußgänger- und Radfahrerbrücke zwischen dem benachbarten Erpel und Remagen unter Einbeziehung der Stümpfe der 1945 eingestürzten Ludendorff-Brücke bleibt vorerst ein Traum, über den immerhin schon mit einer Machbarkeitsstudie diskutiert wird.

„Als wir nach Unkel zogen, waren die letzten Tage der guten, alten Zeit angebrochen. In der Altstadt gab es noch einen Haushaltswarenladen und eine Buchhandlung“, erinnert sich Rex Stephenson. Der Brite aus dem nordenglischen Yorkshire lebt seit fünfundzwanzig Jahren in Unkel und ist ein Glücksfall für den Ort. Stephenson hat am Kulturstadtkonzept kräftig mitgefeilt, war bis vor wenigen Jahren Vorsitzender der dafür gegründeten Entwicklungsagentur, hat Kontakte zu Mainzer Ministerien geknüpft und baute von Anfang an auf maximale Bürgerbeteiligung.

Geschichtsträchtig: In dieser Villa in Unkel wurde die Landesverfassung von Rheinland-Pfalz erarbeitet.
Geschichtsträchtig: In dieser Villa in Unkel wurde die Landesverfassung von Rheinland-Pfalz erarbeitet.
Auch vom Wasser aus überzeugt der Blick: die Burgruine Drachenfels von Unkel
Auch vom Wasser aus überzeugt der Blick: die Burgruine Drachenfels von Unkel
Verwunschen: Blick entlang der Uferpromenade am Rhein in Unkel
Verwunschen: Blick entlang der Uferpromenade am Rhein in Unkel

Der ehemalige Berufsoffizier, der durch eine zweite Karriere als Manager in der Telekommunikationsbranche ins Rheinland kam, ist kein Nostalgiker. Im Vorteil-Center, einem in den Siebzigerjahren in fußläufiger Entfernung zur Altstadt gebauten Einkaufszentrum, erkannte der heute Achtundsiebzigjährige früh einen Garanten für die Attraktivität des Standorts Unkel. Stephenson, der für sein Engagement mit der Wirtschaftsmedaille des Landes Rheinland-Pfalz ausgezeichnet wurde, verliert bei allem Stolz auf Unkels Geschichte nie die Zukunft seiner rheinischen Wahlheimat aus dem Blick. Als Beispiel nennt er den noch jungen Bürgerpark zwischen Bahnlinie und Einkaufszentrum. Das gut zwei Hektar große Gelände, auf dem früher das Freibad lag, ist Begegnungsort und Gemeinschaftsgarten, punktet mit einem Bolz- und einem Beachvolleyballplatz und bietet einer Fahrradwerkstatt und dem Kontaktkreis Flüchtlinge Raum. Für das Projekt gab es den Deutschen Nachbarschaftspreis und den Preis der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt.

Nicht alles kann auf Anhieb gelingen, nicht einmal in Unkel. Seit 2019 ist das Herz der Altstadt eine klaffende Baubrache, aus der rosafarbene Wolken aufsteigen: die Pink Clouds, ein Werk aus rosa besprühtem Kaninchendraht der in Unkel lebenden Künstlerin Martine Seibert-Raken. Sie markieren die gewaltige Lücke, die der Abbruch des maroden Traditionsgasthofs „Zur Löwenburg“ an der Ecke Frankfurter und Freiligrathstraße hinterlassen hat. Woran sich vorerst nichts ändern wird, seit die Investoren für das geplante Löwenburg-Quartier im vergangenen Sommer von ihren Plänen zurückgetreten sind. Wunschprojekt bleibt ein Hotel, das für mehr Verweildauer in Unkel sorgen könnte. Sich dafür entschieden, in Unkel zu bleiben, und das dauerhaft, haben sich schon jetzt etwa zwei Dutzend Künstler und Kunsthandwerker. Als Ateliers und Werkstätten konnte die Stadt in vielen Fällen leer stehende Ladenlokale und Geschäfte vermitteln.

Wolken müssen nicht weiß oder grau sein: Pink Clouds von Martine Seibert-Raken
Wolken müssen nicht weiß oder grau sein: Pink Clouds von Martine Seibert-Raken

Prominentes Beispiel einer baulichen Umwidmung bleibt das Willy-Brandt-Forum in den Räumen eines ehemaligen Sparkassengebäudes. Im Eingang hängt ein ikonisches Bild des ehemaligen Bundeskanzlers und Friedensnobelpreisträgers von 1971. Es zeigt ihn im Jeanshemd, die Zigarette locker im Mund, in den Händen eine Gitarre. Mehr Beatnik war unter den Kanzlern der alten Bundesrepublik nie. Staatstragend wirkt hingegen das eichendunkle Arbeitszimmer aus späteren Unkeler Jahren, das die Witwe Brigitte Seebacher-Brandt gestiftet hat. Für Verwunderung mag das präsentierte Abiturzeugnis vom Johanneum zu Lübeck sorgen. Brandt bekam in Religion die Note sehr gut. Aus so einem konnte nur etwas werden. Was, zeigt die Bildergalerie im Untergeschoss. Herlinde Koelbl porträtiert einen nachdenklichen, altersschönen Mann, der sein Gesicht in die Hände stützt. Auch Georg Meistermanns seinerzeit als verstörend empfundenes Porträt „Farbige Notizen zur Biographie des Bundeskanzlers Willy Brandt“ hängt in der Dauerausstellung. Das Bild schaffte es Anfang der Siebzigerjahre trotz der Empfehlung des Porträtierten nicht in die offizielle Galerie der Kanzler. Der Ankauf wurde verweigert. Ein Glücksfall für Unkel – noch einer. Ebenfalls im Untergeschoss dienen die Schließfächer des ehemaligen Tresorraums als Kuriositätenkabinett für Brandt-Devotionalien. In einem Fach liegt etwa die Schere, mit der dem Ex-Kanzler im „Salon Irene“ die Haare geschnitten wurden, in einem anderen ein Karnevalsorden, der Brandt verliehen wurde.

Blickfang: Das Willy-Brandt-Forum hinter dem Eschenbrender Hof
Blickfang: Das Willy-Brandt-Forum hinter dem Eschenbrender Hof

Und weshalb diese Verehrung Willy Brandts mit einem quasi eigenen Museum? Brandt hat in Unkel die letzten dreizehn Jahre seines Lebens verbracht, und dort soll er denn auch – im gerade neu bezogenen Haus Auf dem Rheinbüchel 60 – den Fall der Mauer verschlafen haben. Der Fernseher sei angeblich noch nicht angeschlossen gewesen. So analog war das Leben einmal.

Und gleich noch einmal Weltpolitik in Unkel, mit einem weiteren Kanzler, diesmal einem zukünftigen. Konrad Adenauer fand 1935 im an der Rheinpromenade gelegenen Pax-Heim Zuflucht vor Verfolgung und Inhaftierung. Im Erholungsheim für katholische Kleriker blieb der ehemalige Oberbürgermeister von Köln nicht untätig, sondern nutzte die Zeit, um an einer seiner Erfindungen, einem elektrischen Insektentöter, zu arbeiten.

Und die anderen prominenten Bewohner der Stadt? Die Liste ist lang und wird auf einer der Stadtführungen, die der umtriebige Geschichtsverein Unkel anbietet, Name für Name abgearbeitet. Neben Politikern wären Großunternehmer, Industriekapitäne, Dichter, der führende Kölschrocksänger, ja sogar Deutschlands dienstältester Enthüllungsjournalist zu nennen. So viel wird schnell klar: Im idyllischen, von der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf, der Metropole Köln und der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn schnell zu erreichenden Unkel ließ und lässt sich nieder, wer im Rheinland etwas gilt.

Das Steintor der Henkel / DuMont Villa in Unkel
Das Steintor der Henkel / DuMont Villa in Unkel
Hereinspaziert: Das Steintor der Henkel / DuMont Villa in Unkel
Hereinspaziert: Das Steintor der Henkel / DuMont Villa in Unkel

Dazu zählt etwa Fritz Henkel. Im Jahr 1927 ließ der Lenker des in Düsseldorf ansässigen Weltkonzerns für Waschmittel und viele Gebrauchsgüter am Rand der fachwerkseligen Altstadt die ehemalige Villa des Kölner Verlegers Neven DuMont zu einem Landhaus mit sagenhaften tausendsiebenhundert Quadratmetern Wohnfläche umbauen. Nach dem Abriss 1960 und dem Neubau eines Bungalows blieben immerhin noch das gewaltige Steinportal, eine ehemalige Kutschenremise und ein stattliches Verwalterhaus stehen.

Nicht ganz so imposant, jedoch ebenfalls repräsentativ, ist das blassrosa getünchte, Mitte des achtzehnten Jahrhunderts ursprünglich für den kurkölnischen Kanzler Freiherr Gottfried von Buschmann errichtete Palais, in dem Ferdinand Freiligrath von 1839 an mit Blick auf den Rhein lebte. Vom spätbarocken, „Strolchenfels“ genannten Anwesen rief der vom Vormärzdichter zum Dichter der Romantik geläuterte Westfale zum Wiederaufbau des 1839 eingestürzten Rolandsbogens am gegenüberliegenden Ufer auf. Freiligraths Ruf blieb nicht ungehört. Schon 1840 stand der Bogen wieder.

Es geht auch eine Nummer kleiner. Wolfgang Niedecken, dessen Opa, genannt Bapp, Winzer im heute eingemeindeten Nachbardorf Scheuren war, erinnert sich an Sommertage bei Tante Lisbeth. Ein Lieblingsziel des späteren Kölner Mundartrockers war das Büdchen am Schiffsanleger. Das Büdchen gibt es noch immer. Gegenüber steht der neogotisch überbaute Fronhof. Wir ahnen es. Auch der herrschaftliche Bau mit dem von hohen Mauern abgeschirmten Park hat einen prominenten Eigentümer: Günter Wallraff. Oft soll sich der Enthüllungsjournalist nicht in seinem Domizil aufhalten, hat aber Deutschlands zeitweilig berühmtesten Obdachlosen und späteren Bestsellerautor Richard Brox hier beherbergt.

Strahlender Anblick: die Villa Haus Rabenhorst in Unkel
Strahlender Anblick: die Villa Haus Rabenhorst in Unkel

Das seit Jahrzehnten bekannteste Gesicht der Stadt aber gehört einem Mädchen mit apfelroten Wangen, das so herzig lächelt, wie nur pumperlgesunde Kinder es zu tun vermögen. Ihr Zuhause ist eine Fabrikantenvilla aus der Gründerzeit, der Sitz von Haus Rabenhorst gleich hinter dem Bahnhof. Vor genau siebzig Jahren hat der Safthersteller mit seinem „Rotbäckchen“ einer von Mangel gebeutelten Nachkriegsgesellschaft Gesundheit versprochen. Zum runden Geburtstag strahlt das Mädchen mit dem himmelblauen Kopftuch noch immer aus deutschen Supermarktregalen und ist in knapp vierzig Ländern der Welt vertreten.

Die Erfolgsgeschichte von Haus Rabenhorst begann freilich schon 1898, als der aus einem Weingut entstandene Betrieb sich auf „nicht alkoholische Getränke“ spezialisierte, gemeint war Traubensaft. Deutschlands damit ältester Traubensafthersteller führt aktuell mehr als siebzig Frucht- und Gemüsesäfte, Nektare, Punsche, Smoothies im Programm. Das meiste davon gibt es im Werksverkauf neben der Villa.

Auch die Pützgasse ist reich an Fachwerkhäusern.
Auch die Pützgasse ist reich an Fachwerkhäusern.

Zurück an die Rheinpromenade, die eine der wenigen weder von einer Eisenbahnlinie noch einer Uferstraße bedrängten Flaniermeilen am Strom ist. Der fünfzehnminütige Spaziergang von der Rabenhorst-Villa ans Ufer des Stroms führt einmal quer durch die Altstadt. An der Ecke eines herausgeputzten Barockhauses lächelt eine Madonna von der Mondsichel. In der Pützgasse brummt es vor der Weinwirtschaft „Im Lämmlein“, dessen Ruf bis nach Bonn und Köln reicht. Fachwerk links, Fachwerk rechts. Dann fällt die kopfsteingepflasterte Gasse sanft zum Anleger der Bonner Personenschifffahrt ab. Bis zu zwölf Meter tief ist der Rhein bei Unkel, so tief wie an keiner anderen Stelle zwischen St. Goar stromaufwärts und der deutsch-niederländischen Grenze stromabwärts. Der Blick schweift nach Norden, wo sich die Ruine von Burg Drachenfels auf einem Kegel des Siebengebirges wichtigmacht. Soll sie doch.

Information:

Tourist- und Bürgerinformation der Kulturstadt Unkel am Rhein,
Linzer Straße 2,
53572 Unkel,
Telefon: 02224/3309,
im Internet: www.unkel-kulturstadt.de

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