Spanien

Was vom Epos übrig blieb

Von Tilman Spreckelsen
15.12.2015
, 16:30
Die gotische Kathedrale von Burgos, erbaut im 13. Jahrhundert, ist weithin sichtbar und innen labyrinthisch.
Ohne El Cid wäre die spanische Literatur, ach was, Spanien nicht denkbar: Aber woher kam der Nationalheld? Eine Spurensuche in Burgos.
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Als El Cid in seine letzte Schlacht ritt, war er gerade gestorben. Friedlich, wie es heißt, vielleicht an einer Wunde, die er im Kampf erlitten hatte, wahrscheinlich jedenfalls in seinem Bett. Weil aber die Feinde allzu sehr gegen die Mauern von Valencia drängte, jene Stadt, die der Cid einige Jahre zuvor von den maurischen Spaniern zurückerobert und zu einer christlichen Enklave ausgebaut hatte, verfielen seine Hinterbliebenen auf eine List: Sie zogen dem Toten seine Rüstung an, setzten ihm den Helm auf, hievten ihn auf sein treues Streitross Babieca und trieben das Pferd mit der Leiche vor sich her aufs Schlachtfeld. Angeblich ergriffen die Mauren aus lauter Angst vor El Cid die Flucht, und Valencia war fürs Erste gerettet.

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So endet die Geschichte des spanischen Nationalhelden Rodrigo Díaz de Vivar, genannt El Cid Campeador, wenigstens in der Fassung der Legenden, die schon bald nach seinem Tod am 10. Juli 1099 in Umlauf waren. Das Versepos „Cantar de Mio Cid“, das ihm ein unbekannter Autor hundert Jahre nach dem Tod des Campeador widmete, endet sogar noch ein bisschen früher: mit einer glanzvollen Hochzeit. Wer aber wissen will, wie die Sache anfing, muss in die nordspanische Stadt Burgos reisen, gut 500 Kilometer nördlich von Valencia in der Region Kastilien-León gelegen. Er wird auf eine Stadt stoßen, die ihren berühmtesten Sohn nach allen Regeln der Kunst verstieß, die ihm die schlimmste Demütigung seines Lebens zufügte. Und seither alles unternimmt, um ihn heimzuholen.

Zum Beispiel mit einem Volksfest, das jährlich zu Ehren des Cid abgehalten wird, immer Anfang Oktober und dann in einer gestopft vollen Stadt. Das geht hier schnell, denn die prächtig erhaltene Altstadt ist zum Fluss Arlanzón hin durch mächtige Häuserzeilen hin abgeriegelt, und auch sonst ist die Enge der mittelalterlichen Metropole noch überall zu erleben. Wenn dann das Fin de Semana Cidiano begangen wird, das Wochenende, das El Cid gewidmet ist, steht vor dem Dom und auf der Allee zwischen Fluss und Stadt eine Bude neben der anderen. Die Passanten kaufen Gebäck, Edelsteine, Holzlöffel und Blutwürste mit Reisfüllung, und je weiter das Fest fortschreitet, desto mehr Menschen tragen mittelalterlich anmutende Kostüme. Am Samstag, als vom Balkon des Arco de Santa María, des gewaltigen Tors, mit dem die Altstadt den Zugang zum Fluss reguliert, der große Umzug eröffnet wird, läuft eine kostümierte Gruppe nach der anderen über die Allee, am Tor vorbei und über die Brücke auf die andere Seite des Arlanzón: Musiker mit Drehleier, Zinken und Trommeln, Ritter in Kettenhemden, die ihre Schwerter in die Menge halten und Bogenschützen, die Bonbons zu den Zuschauerbänken werfen, Attila der Hunnenkönig mit seltsamen Gefolgsleuten, Mönche, Tänzer, Fahnenschwenker, Reiter, Kinder. Und wie sonst im Karnevalszug denkt man ständig, dass das jetzt doch mal die letzte kostümierte Gruppe sein müsse, bevor dann schon wieder eine hinter den Alleebäumen hervorkommt.

Die El-Cid-Legende, ein Heldenepos

Erst als nach den bunt angezogenen Mittelalterdarstellern ein nüchterner Wagen der kommunalen Straßenreinigung den Prozessionsweg entlangfährt, ist die Sache klar. Die Reiter haben sich in diesem Moment schon auf den breiten Rasenstreifen am Flussufer begeben, wo ein Turnierplatz abgesteckt worden ist und sie nun gegeneinander antreten können. Andere schießen mit Langbögen auf Strohballen oder besuchen die Zelte der Handwerker. El Cid, so hieß es in der Ansprache, habe sich darüber beklagt, dass er so allein auf dem großen Denkmal sei, das man ihm ganz in der Nähe des Ufers errichtet hat. An diesem Vormittag hätte er keinen Grund dazu.

El Cid, Standbild in Burgos, stadtauswärts reitend.
El Cid, Standbild in Burgos, stadtauswärts reitend. Bild: Tilman Spreckelsen

Tatsächlich ist das Grün beidseits des Arlanzón eng mit der El-Cid-Legende verknüpft. Das Heldenepos, das ihm gewidmet ist und eigentlich den Beginn der spanischen Literatur markiert, setzt ein, als der unglückliche Ritter von seinem König verstoßen wird. Und das mit grausamer Konsequenz: Als El Cid, zu diesem Zeitpunkt noch einfach Don Rodrigo, abends mit einem kleinen Gefolge nach Burgos geritten kommt und sein eigenes Stadthaus betreten will, steht er vor verschlossenen Türen. Nur ein kleines Mädchen hat Mitleid und klärt ihn auf: Man dürfe ihm nicht öffnen, niemand in der Stadt wage es, ihm auch nur ein Brot zu verkaufen, denn wer sich ihm im geringsten hilfreich zeige, dem würden die Augen ausgestochen. Befehl des Königs.

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Bis auf den heutigen Tag wird in Burgos das planierte Grundstück am Hang gezeigt, auf dem einst dieses Haus gestanden haben soll, ganz in der Nähe des Sankt-Martin-Torres, und es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie der junge Adlige, von allen verstoßen, seinen Weg quer durch Burgos nimmt, am jenseitigen Ufer lagert und sehnsüchtig auf den Hang schaut, an den sich die Stadt hinter massiven Mauern schmiegt - noch heute ist das ein wundervoller Blick. Don Rodrigo, so stellt man sich vor, weiß natürlich, dass er schleunigst verschwinden sollte, und trotzdem schlägt er sein Lager dort auf und schaut und schaut. Vielleicht ragten damals darüber schon die Anfänge der romanischen Kathedrale hinaus, deren Bau einige Jahre zuvor begonnen worden war. Heute sind da die mächtigen Türme ihrer gotischen Nachfolgerin, begonnen 1221, zu der Zeit also, als bereits Chroniken und Dichtungen den Ruhm von El Cid verbreiteten.

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Zwei Kisten voller Gold

Dessen einstigen Rauswurf aus der Heimatstadt konnte man in Burgos zwar nicht mehr rückgängig machen, schließlich gehört der erzwungene Aufbruch zur Heldengeschichte: Ohne ihn kein Eroberungszug von Nord nach Süd, keine ständig wachsende Anhängerschar, keine Beute, kein Reich in Valencia. Und es ist kein Zufall, dass sich der rauschebärtige Cid auf seinem Denkmal an der Plaza del Mio Cid nicht etwa Richtung Altstadt wendet, sondern zum Fluss - wenn man hier an den Helden des spanischen Nationalepos denkt, soll das heißen, dann denkt man an seinen Abschied.

Im Kloster San Pedro.
Im Kloster San Pedro. Bild: Tilman Spreckelsen

Aber in den Überlieferungen der Cid-Geschichte, die im 13. Jahrhundert entstanden, taucht plötzlich ein gewisser Martín Antolínez auf und rettet die Ehre der Stadt. Sein Beiname: „el burgalés conplido“, der rechtschaffene Burgalese. Er kommt aus dem Tor, setzt über den Fluss und bringt den Lagernden erst mal Brot und Wein. Dann verfällt er auf einen faulen Trick: Der König hatte seinem treuen Ritter vorgeworfen, er hätte Steuergelder unterschlagen. Also bringt Martín Antolínez zwei beschlagene Holzkisten heran, füllt sie mit Sand vom Flussufer und leiht sich mit diesem Pfand von zwei Geldverleihern sechshundert Mark - er behauptet, in den fest verschlossenen Kisten sei reines Gold.

Weil die Geschichte so schön ist, wird noch heute in einem Nebenraum der Kathedrale von Burgos eine entsprechende Kiste gezeigt. Kleinere Repliken gibt es in jedem Andenkenladen der Stadt, neben den beiden Schwertern des Cid in jeder Größe vom Brieföffner bis zur maßstabsgetreuen Kopie. Selbst die vielen Pilger, die Burgos besuchen, weil es eine wichtige Station auf dem Jakobsweg ist, können den vielen Hinweisen auf den Cid im Stadtbild kaum entgehen, schon gar nicht in der Kathedrale, wo in der Vierung eine große Marmorplatte eingelassen ist, als Grabmal für Rodrigo und seine Frau Jimena. Und wer am Cid-Wochenende abends den Domplatz besuchte, konnte vor einem Portal auf einer Holzbühne ein Stück sehen, dass die Geschichte von der Verbannung und vom späteren Triumph des Cid erzählte.

El Cid zu Ehren findet in der Altstadt von Burgos im Herbst ein Fest statt.
El Cid zu Ehren findet in der Altstadt von Burgos im Herbst ein Fest statt. Bild: Tilman Spreckelsen

Bei so viel späterer Verehrung fragt man sich, warum man den Mann überhaupt hinausgeworfen hatte. Die angeblich veruntreuten Steuern seien nur ein Vorwand, heißt es. Das eigentliche Drama habe sich ein paar Straßen vom Dom entfernt abgespielt, in einer Kirche, die mit ihrer vollkommen schmucklosen Fassade bruchlos in die Häuserreihen eingebaut ist. Jetzt, während der Cid-Feiern, verirren sich nur wenige in die Iglesia de Santa Águeda, die sich von innen als überraschend filigraner Bau erweist. Hier soll der junge Ritter Rodrigo, der unter König Sancho II. von Kastilien einen rasanten Aufstieg begonnen hatte, nach Sanchos Ermordung den neuen König Alfons VI. gezwungen haben, vor den versammelten Edelleuten des Landes feierlich zu beschwören, dass er nichts mit dem Tod seines Vorgängers zu tun hätte - eine Beleidigung, die Alfons nie vergeben hätte. Im „Cantar“ heißt es über El Cid und den König: „Was für ein guter Vasall! Wenn er doch nur einen guten Herrn hätte“, und das ist in Spanien längst ein geflügeltes Wort geworden.

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Der König stiftete einen steinernen Sarkophag

Martín Atolínez, der rechtschaffene Burgalese, begleitet dann El Cid ein Leben lang. Mit dem Geld aber, das er seinem neuen Herrn verschafft, rüstet der seinen Zug aus und sorgt auch dafür, dass seine Frau Jimena und seine Töchter Elvira und Sol während seines Exils im Kloster San Pedro de Cardeña unterkommen. Das Kloster liegt abgeschieden etwa zehn Kilometer entfernt von Burgos, dazwischen sind Felder, ein Dorf, ein Park, schließlich ein Wäldchen. Die Fassade zeigt vielleicht den Cid, vielleicht auch Sankt Jakob als blutrünstigen Bekämpfer der Mauren. Am Rand des Parkplatzes bezeichnet ein Stein die Stelle, wo Babieca, das Pferd des Cid, begraben sein soll. Die Straße hierher haben Zwangsarbeiter angelegt, erzählt der junge Abt, Brigadisten, die im spanischen Bürgerkrieg gefangen genommen worden waren und ins verlassene Kloster gebracht wurden. Bis zu fünftausend Gefangene waren hier zugleich untergebracht, eng aufeinander, vor allem im Winter. 1942 kamen die Mönche wieder.

In den Gassen der Altstadt von Burgos.
In den Gassen der Altstadt von Burgos. Bild: © Bildagentur Huber

Als nach dem Tod des Cid dessen Reich in Valencia zusammenzubrechen drohte, ließ Dona Jimena den Leichnam ihres Mannes exhumieren - es sollte nicht das letzte Mal sein -, überführte ihn nach San Pedro de Cardeña und musste offenbar dafür bezahlen, dass El Cid hier begraben werden durfte. Als später der Kämpfer gegen die Mauren (der in Wirklichkeit auch für sie gekämpft hatte, nur spricht das „Cantar“ davon nicht) rückblickend zum Helden aufstieg, merkten die Mönche rasch, was für einen Schatz sie mit seinen Gebeinen hatten. König Alfons X. von Kastilien stiftete einen steinernen Sarkophag für den Cid und Dona Jimena, der noch heute in einer eigenen Kapelle des Klosters besichtigt werden kann.

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Praktischerweise ist hier alles zusammengetragen, was nur entfernt mit ihm zu tun hat. An der Wand erinnern große Schilde an die tatsächlichen und die sagenhaften Weggefährten des Cid, auch seine Töchter sind dort genannt, allerdings nicht mit ihren realen Namen Cristina und María, sondern mit denen, die sie im „Cantar“ tragen - Elvira und Sol. Sie sind die tragischsten Gestalten im Epos. Auf Wunsch des Königs, der den Cid wieder gnädig aufgenommen hat, sollen sie die beiden Grafen von Carrión heiraten, zwei feige Versager, die ihre Frauen dann auch bei nächster Gelegenheit blutig peitschen und in der Einöde zum Sterben liegen lassen. Glücklicherweise werden sie noch rechtzeitig gefunden, die Grafen werden bestraft, aber statt die Mädchen in Ruhe zu lassen, werden sie gleich wieder verheiratet. Wie diese Ehen ausgehen, verrät das Epos nicht.

Die fröhlichste Heimholung eines Phantoms

Immerhin hatten sie im Tod wenigstens Ruhe. Ihr Vater dagegen, dessen Grabmal im Kloster von den vielen ehrfürchtigen Berührungen glänzt, musste sich nicht nur eine Menge Knochen als heute weithin verstreute Reliquien entnehmen lassen. Sein Monument wurde auch in den Napoleonischen Kriegen, als die Franzosen Spanien beherrschten, in die Stadt Burgos überführt und unter Weiden und Platanen auf der Paseo del Espolón aufgestellt, der Dammpromenade am Arlanzón-Ufer. Ein schöner Ort, aber weil die Franzosen es besonders gut meinten, schnitten sie vier Ecken aus dem Stein, um dort die Stützen eines Baldachins zu befestigen, und diesen Frevel sieht man noch heute, nachdem das Monument längst wieder nach San Pedro gebracht worden ist.

Nur El Cid und Frau Jimena ruhen jetzt im Dom - vielleicht, wer weiß das schon genau. Schließlich hat der Cid des „Cantar“ und der vielen Legenden den echten Don Rodrigo längst verdeckt. Die Cid-Feiern von Burgos aber sind die fröhlichste Heimholung eines Phantoms, die man sich denken kann.

Bild: F.A.Z.
Der Weg zu El Cid

Anreise Am besten mit Lufthansa, Direktflug von Frankfurt nach Bilbao etwa 140 Euro. Von dort weiter mit dem Überlandbus, Dauer: eine Stunde 45 Minuten, circa 14 Euro. Abfahrtszeiten und weitere Infos unter: www.alsa.es/en. Gleiches gilt für die Anreise über Madrid, Flüge mit Lufthansa oder Iberia ab 80 Euro, Bustickets rund 19 Euro.

Unterkunft Sehr schön und zentral ist das „Méson del Cid“ (www.mesondelcid.es) gleich neben der gotischen Kathedrale von Burgos. Doppelzimmer ab 55 Euro

Film 1961 drehte Anthony Mann den Historienfilm „El Cid“ mit Charlton Heston und Sophia Loren in den Hauptrollen. 2005 erschien der spanische Zeichentrickfilm „El Cid - Die Legende“.

Literatur Das „Cantar de Mio Cid“ ist bei Reclam in einer zweisprachigen Ausgabe lieferbar (11,80 Euro). Im selben Verlag liegt auch Pierre Corneilles Schauspiel „Der Cid“ vor, ebenfalls zweisprachig (7 Euro). Richard Fletchers Biographie „El Cid“ ist bei Quadriga erschienen (24 Euro).

Weitere Informationen: Spanisches Fremdenverkehrsamt Frankfurt;
Myliusstr. 14, 60323 Frankfurt, Tel. 069/725033; www.spain.info

Quelle: F.A.S.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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