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Sarajevo

Die Rosen des Todes und die Lust des Lebens

Von Johannes Freybler
Aktualisiert am 12.02.2020
 - 12:09
Die Miljacka hilft, den Ort zu begreifen. Der Fluss fließt, aus dem bosnischen Bergland kommend, in ein sich weitendes Tal und begleitet Sarajevo wie ein topographischer Zeitstrahl.zur Bildergalerie
Sarajevo ist tief verstrickt in seine tragische Geschichte, die bis in die jüngste Vergangenheit reicht. Doch die bosnische Hauptstadt denkt gar nicht daran, an ihr zugrunde zu gehen.

Als wir nach Sarajevo kamen, regnete es. Die gewohnte Patina des südöstlichen Europas ist an solchen Tagen besonders ausdrucksvoll. Von den umliegenden Bergen krochen Nebelschwaden der Innenstadt entgegen, und unter tiefhängenden Wolken waren die Bauten in allen Schattierungen schlammfarbenen Betons noch bedrückender als üblich. Dazwischen standen glänzende Shopping Malls und Glastürme von Sparkassen, die scheinbar aus dem Himmel der Globalisierung herabgefallen waren und in ihrer unwirklichen Perfektion den Eindruck einer Endzeit noch verstärkten.

Wir kamen aus Dubrovnik, das zwischen Pinien, Klippen und azurblauem Meer dem Konsens für erhabene Schönheit sehr nahe kommt – und dabei zu einer Kulisse für „Games of Thrones“ und Kreuzfahrtlandgänge zu verkommen droht. So weit wird es hier niemals kommen, das war schon bei der Einfahrt klar. Sarajevo ist die Kulisse seiner selbst: einer fast unerträglich überladenen Geschichte und einer umtriebigen Großstadt im Herzen des Balkans.

Die Miljacka hilft, den Ort zu begreifen. Der Fluss fließt, aus dem bosnischen Bergland kommend, in ein sich weitendes Tal und begleitet Sarajevo wie ein topographischer Zeitstrahl von der Urstadt der Osmanen im Osten bis zu den Plattenbauten der Jugoslawen im Westen. Am Fluss findet der Spaziergänger Halt, schlendert an dem plätschernden Rinnsal entlang, wirft einen Blick in die von einer Kuppel behütete Kunstakademie, bewundert die Leichtigkeit des Festina-Lente-Stegs in Form einer schwebenden Schleife und beobachtet die verbeulten Straßenbahnen, die sich am anderen Ufer durch den Verkehr quälen und mit ihren Farben den Betrachter in ihren Bann ziehen: das gebrochene Weiß von übernächtigtem Schnee, ein fluoreszierendes Textmarker-Blau, gefolgt vom stechenden Gelb bosnischer Limonade und schließlich eine Bahn im Rot geronnenen Blutes.

Zwei Schüsse später war der Frieden abhandengekommen

Wir kommen an der mächtigen Synagoge der Aschkenasim und am osmanisierenden Musikpavillon im At-Mejdan-Park vorbei, überqueren auf der Lateinerbrücke den Fluss, und am anderen Ufer, vor einer unscheinbaren Steinplatte am Eckhaus vis-à-vis, wird unser guter Vorsatz, nicht allzu sehr im Vergangenen zu graben, erst einmal ausgesetzt. Das heute im Haus befindliche Museum Sarajevo 1878–1918 gibt genauestens Auskunft: An dieser Stelle, vor der Delikatessenhandlung Moritz Schiller, hatte Gavrilo Princip nach dem missglückten Attentat vom Morgen des 28. Juni 1914 ausgeharrt; anderen Quellen zufolge trank er einen Kaffee. Der Wagen des Thronfolgerehepaares näherte sich wenig später ein zweites Mal und hielt, nachdem er falsch abgebogen war, direkt vor dem Attentäter, um auf die Uferstraße zurückzusetzen. Zwei Pistolenschüsse später war Europa der Frieden endgültig abhandengekommen, und „Sarajevo“ wurde zum Inbegriff einer Zeitenwende, die so gewaltig war, dass in der Wahrnehmung der Welt der eigentliche Ort, die Wirklichkeit der bosnischen Kapitale, dahinter zu verschwinden drohte.

Dabei muss man nur vom Fluss abzweigen und ein paar Gassen durchlaufen, um einen erstaunlichen Ort an der Nahtstelle der Kulturen zu entdecken. Der Bascarsija-Platz, mit seinen unregelmäßigen Grenzen wie zufällig hingezeichnet, ist gesäumt von gedrungenen Holzhäusern und einer Moschee, die wiederum von einer Tausendschaft kontaktfreudiger Tauben bevölkert wird. Schon der achteckige Brunnen mit seinem hölzernen Gitterwerk und dem von einer Kuppel bedeckten Baldachin schlägt einen Bogen durch Zeit und Raum, ganz tief hinein ins Osmanische Reich. Drum herum zieht sich ein orientalisches Viertel, wie es in Europa außerhalb der Türkei vermutlich nirgends existiert: die schmalen Gassen der Handwerkszünfte, steinerne Bazarbauten, versteckte Eingänge zu den Höfen der Karawansereien.

Im Leben des Viertels verankert

Dazwischen rauchen die Kamine der Cevapcici-Bratereien und duften die hier „Burek“ genannten Blätterteigstrudel auf ihren verbeulten Blechen. Die zuckersatten Berge von Lokum, Halva und Baklava, die in Kupfer getriebenen Kaffee-Service, die pastellfarbenen Stapel der Orientteppiche und das leise Gurgeln der Wasserpfeifen kommen unseren Vorstellungen des Orients verdächtig nahe. Und doch ist all dies nicht nur eine für den Tourismus arrangierte Bühne, sondern im Leben des Viertels fest verankert. Davon zeugen die staubigen Schreinerwerkstätten, das Chaos der Änderungsschneidereien und das Glitzern der Koranbuchhandlungen mit ihren Devotionalien.

Deutlich abgesetzt davon liegt die Hauptmoschee Gazi Husrev-beg aus dem sechzehnten Jahrhundert. Der Hof ruht friedvoll unter einem Dach aus Laubbäumen, Wasser plätschert zwischen den Schalen des Moscheebrunnens, der von einem mächtigen Pavillon aus Holz überspannt wird, und das schlanke Minarett reicht bis fast zu den Wolken. Das Auge bleibt immer wieder an den blau-goldenen Fayencen des Portals hängen. Daneben, in der mit Teppichen ausgelegten Vorhalle, haben sich ein paar Betende niedergelassen, und auf einer Großleinwand wird ein sakrales Konzert gezeigt. Wenn es ein paar Grad wärmer wäre, würden wir uns am liebsten niedersetzen, dem ungewohnten Klang der Männerstimmen lauschen und ein wenig über die sichtbare Welt hinaus sinnieren.

Gegenüber, in der Medresa, der ehemaligen Koranschule, wird in einem kleinen Museum des Erbauers Gazi Husrev-beg gedacht, der als Gouverneur die Stadt zum prosperierenden Hauptort des bosnischen Sandschaks gemacht hat und dessen Bauten und Stiftungen immer noch das Viertel prägen – und offensichtlich auch ambitionierte Nachfolger anregten: Der moderne Nachbarbau der Bibliothek wurde vom Emirat Qatar finanziert.

Ein Abglanz von Wien

Nicht weit davon steht als steinerne Intarsie auf dem Boden „Meeting of Cultures“ geschrieben. Sie markiert den Übergang von Osmanisch zu Kakanisch, von Baklava zu Cremeschnitte, vom Grün des Propheten zu Schönbrunner Gelb. Wenn dort ein Hauch von Istanbul zu spüren war, so liegt hier ein schwacher Abglanz von Wien über der Stadt, ein Marsch einmal quer durch den Historismus, mit Säulen, Kuppeln und Portalen, so weit das Auge reicht. Unübersehbar steht die katholische Kathedrale an der Ferhadija-Fußgängerzone, und in der Nachbarschaft erhebt sich eine ungewohnt große orthodoxe Kirche, in der zwei ältere Damen, ins Gespräch vertieft, vor der goldenen Ikonostase stehen. Hier fügen sich mit Kirchen, Moscheen und Synagogen die letzten Teile zu dem, was einmal Klein-Jerusalem genannt wurde – der Traum vom friedlichen Zusammenleben der Religionen, den man jetzt wieder träumen darf.

Ein k.u.k. Kaffeehaus suchen wir allerdings vergebens, flüchten aber vor dem einsetzenden Regen in den Klub Jeden, eine durchgestylte Lounge beim Nationaltheater. Dort sind wir auf einmal mittendrin im jungen Sarajevo, das nichts anderes sein möchte als ein weiteres Haus im globalen Dorf – mit der Besonderheit, dass es die Karte nur auf Bosnisch gibt und hemmungslos geraucht wird. Hier feiert und flirtet eine Nachkriegsgeneration bei Latte, Burger und W-Lan, eine Normalität, die im Fall dieser Stadt, die so viel Geschichte tragen muss, beruhigend wirkt und hoffnungsvoll. Wir sollten zum Filmfestival im August wiederkommen, wird uns geraten, oder zum Jazzfest im Spätherbst, dann steppt hier der bosnische Bär.

Jugoslawisches Dekor und balkanisches Seelenessen

Wie ein griechischer Tempel steht die Markale zwischen den Häusern. Der Name zeugt von einer etwas verkümmerten österreichischen „Markthalle“, in der es zwar keinen Schinken mehr gibt, dafür aber nach Käse und getrocknetem Fleisch von Ziege, Schaf und Rind duftet. Das Restaurant „Srebrena Skoljka“ schwebt auf einer Empore über dem Markttreiben, doch es bezaubert mit seiner Erdverbundenheit; hier gibt es weder Schaumwein noch Tapas, sondern jugoslawisches Dekor und balkanisches Seelenessen. Der Name Markale weckt aber auch Erinnerungen an den Bosnien-Krieg, das Trauma der Belagerung ist stets präsent in dieser Stadt. Am Nordrand des Marktes befindet sich eine der „Rosen von Sarajevo“, eine Markierung in Form von Blütenblättern, die aus dem Asphalt gemeißelt und mit blutrotem Lack gefüllt wurde. Hier traf eine Granate der Belagerer in eine Menschenmenge, die Namen der fast vierzig Opfer sind an der Wand des Marktes verewigt.

Wir durchqueren noch einmal den Schmelztiegel der Kulturen bis zum östlichen Rand der Altstadt. Dort steht die Vijećnica am Flussufer, dreieckig, rot-orange gestreift, übervoll mit ihren Simsen, Zinnen und Säulchen, Ornamentkacheln und fein ziselierten Stalaktitengewölben. Es ist, als hätte sich das Schicksal der Stadt in diesem Bau verdichtet. Von den neuen österreichischen Herren kurz vor der Jahrhundertwende als Rathaus im maurischen Stil erbaut – vielleicht war das ein architektonischer Integrationsversuch, eine Geste an die islamische Welt, vielleicht auch nur eine Mode der Zeit –, wurde der inzwischen als Nationalbibliothek genutzte Bau von serbischen Belagerern ziemlich genau hundert Jahre später in Brand geschossen. Die Asche von zwei Millionen Büchern regnete über die Stadt, und das Bild des Cellisten Vedran Smailović in den Ruinen ging um die Welt und verschaffte der Stadt ein wenig von der bitter benötigten Aufmerksamkeit.

Vučko, das jaulende Olympia-Wölfchen

Der Wiederaufbau erlangte Symbolkraft für das ganze Land. Seit 2014 erstrahlt der Bau wieder in den ursprünglichen Formen, aber auch mit einer suchenden Unbestimmtheit, die man von Berliner Stadtschlössern kennt. Im Keller wird mit vielen Fotos der Stadtgeschichte gedacht, in einer Ecke erinnert ein gedeckter Tisch mit Kaffeegeschirr an den Besuch des österreichisch-ungarischen Thronfolgerehepaars vor ihrer Fahrt an die Lateinerbrücke, und in einem Nebenraum wurde die Einrichtung des Kriegsverbrechertribunals aus Den Haag aufgebaut, mit originalen Kunstledersesseln und sonnengebleichten Flachbildschirmen. Im zentralen Lichthof läuft der Film „Scream for me Sarajevo“ vor fast leeren Stühlen. Der Iron-Maiden-Frontmann Bruce Dickinson erzählt darin von seinem Konzert 1994 in der belagerten Stadt. Und über allem schwebt die grün-blaue Rose des Glasdachs, vermeintlich unversehrt und makellos wie eine Prothese. Beim Hinausgehen lesen wir, auf einem Sandstein eingemeißelt, etwas von „Serbian criminals“ und „Remember and warn“. Der Weg zur Versöhnung ist oftmals lang.

Nicht weit davon geht es bergauf. Hier im Osten der Stadt rücken die Berge näher ans Zentrum. In den Wäldern dort oben, am Berg Trebević, sollen noch die Reste der Rodelbahn liegen, auf der – für Rodelliebhaber unvergesslich – Stanggassinger und Wembacher zu Gold gesaust sind und die es heute mit ihrem morbiden Charme auf Instagram schafft. Ja, auch Olympia gehört zur Geschichte der Stadt, Nostalgiker können im Basar T-Shirts mit dem Maskottchen von 1984 erstehen, Vučko, dem jaulenden bosnischen Wölfchen. An der Kovači-Straße mit ihren Handwerkern und Händlern begrüßen uns dagegen zutrauliche Katzen. In einer Bäckerei bekommen wir einen Coffee to go, der zäh wie Olivenöl aus der Maschine tröpfelt und unsere Geschmacksnerven berauscht. Wäre die Welt eine bessere, hätte man dann die Verantwortung für globale Kaffeeketten den Bosniern übertragen? Das fragen wir uns beim Gang über die Pflastersteine bergauf, um an der nächsten Straßenecke zu verstummen: Ein Strom aus Marmorstelen fließt den Hügel herab, zahllose gleichförmige, schlanke Grabsteine, in einer ähnlichen Schattierung von Weiß gehalten, als wären sie alle zusammen gealtert.

Sprachlos vor dem Leid

Mehrmals haben wir die Fakten zum Krieg gelesen, hier aber erst wird das Grauen greifbar. 1425 Tage dauerte die Belagerung. Scharfschützen feuerten permanent von den Hügeln herab. Im Mittel fielen an jedem Tag 329 Granaten auf die Stadt. Mehr als elftausend Menschen wurden getötet, davon tausenddreihundert Kinder.

„Shahid“ wird der Friedhof der Märtyrer genannt, der Begräbnisort für die Verteidiger der Stadt. Ein paar Grabsteine stammen angeblich aus dem fünfzehnten Jahrhundert, zur Zeit der Österreicher wurde das Gelände zum Park umgewidmet, aber mit dem Beginn der Kampfhandlungen 1992 wieder als Friedhof aktiviert. Im Zentrum der Anlage, unter einer metallenen Gitterkuppel, fand auch der erste Präsident eines unabhängigen Bosniens, Alija Izetbegović, 2003 seine letzte Ruhe. Gleich neben dem Gottesacker erhebt sich eine einheitlich gefügte Mauer, die noch nach frischem Mörtel riecht. Erst als wir nähertreten, erkennen wir, dass auf jedem Stein ein Name steht. Es müssen Tausende sein. Die Mauer stützt einen Gedenkort für neun bosnische Kriegshelden, der erst vor ein paar Monaten eröffnet wurde. Die jungen Hostessen tragen blaugraue Schleier zur beigen Daunenjacke und erläutern in fast akzentfreiem Englisch erst die Kriterien für Heldentum und dann all die Orden, Stabskarten und persönlichen Erinnerungsstücke. Wir stehen sprachlos vor diesem Leid, aber auch vor der Pathetik, denn Heldengeschichten, so kommt uns in den Sinn, sind selten dem Frieden zuträglich. Aber uns Ferngeborenen steht kein Urteil zu. Aus dem Tal rufen die Kirchenglocken zur Messe.

Nur Natur und Gegenwart

Ein wenig bergan, hinter den unscheinbaren Mauerresten des Gelben Forts, wandern wir durch ein fast ländlich anmutendes Viertel. In einer einsamen Gasse, die einen Laubwald durchquert, lädt uns das „Caffe Kamarija“ ein, ein hölzernes Haus aus weiß getünchten Brettern. Am steilen Hang zwischen den Bäumen liegend, wirkt es wie ein Baumhaus, mit der großen Glasfront zum Tal hin zugleich naturverbunden und urban. Drinnen ist es behaglich, friedvoll und warm. Ein paar Handwerker diskutieren bei Kaffee und Zigaretten, eine junge Frau sitzt mit einem Buch da. Die Farben der Bäume leuchten herein, dazwischen öffnen sich Blicke auf die Stadt.

Gleich unter uns schlängelt sich die Miljacka aus ihrem Felsental und lässt den Blick weitergleiten zur Altstadt und nach Westen, dorthin, wo Hochhäuser im Dunst liegen. Dort werden wir morgen im bosnischen Geschichtsmuseum beklemmende Szenen aus der Belagerungszeit betrachten und, weiter im Westen noch, ein paar Schritte durch den „Tunnel der Hoffnung“ unter der Startbahn des Flughafens gehen, der mehr als zwei Jahre lang der einzige Ausweg aus der Stadt war. Hier oben aber gibt es nur Natur und Gegenwart. Wir werden noch einen Kaffee bestellen und eine Weile auf die friedvoll ruhende Stadt blicken.

Informationen online unter www.sarajevo-tourism.com.

Quelle: F.A.Z.
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