<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Strandurlaub

Die Farben des Sandes

Von Thomas Lindemann
 - 11:57
zur Bildergalerie

Man muss davon ausgehen, dass es im Paradies keinen Strand gab. Adam und Eva haben sich wohl nie auf Sand gelegt und an der Küste den Wellen gelauscht. Denn, wenn man den christlichen Mythos einmal ganz Ernst nimmt: Kurz nach der Erschaffung der Erde war einfach noch nicht genug Zeit vergangen für das, was vielen der schönste und entrückteste aller Orte ist. Für den Strand.

Denn Sand ist Zeit, und zwar viel Zeit. Er besteht aus fein zermahlenem Stein, und es dauert Jahrmillionen, bis die Wellen die Steine auf die Größe zerrieben haben, die es braucht, bis aus ihnen Sand wird. Etwas mehr als ein zwanzigstel Millimeter bis hin zu zwei Millimetern ist der Durchmesser der Körner dann. Größere sind dann schon Kies wahr. Die Strömung wirft die Körner immer wieder ans Ufer, schleift sie aneinander. Was sie da aneinander schleift, entscheidet nicht nur über die Konsistenz, die Feinheit des Sandes: Sondern auch über die Farbe. Denn auch wenn Strände meistens gold-gelb-beige sind, es gibt sie in fast allen Farben.

Golden

Das in der Sonne golden wirkende helle Braun am Sandstrand ist hier zu Lande normal, an Nord- und Ostsee, wo die Deutschen ihre Tücher ausbreiten und ihre Strandkörbe mieten. Denn der deutsche Sand besteht, wie überhaupt die meisten Sande der Welt, aus Quarzgestein. Der Quarzsand, der auch zur Herstellung von Glas benutzt wird, ist in seiner Reinform eigentlich weißgrau. In der Natur aber ist er mit Anteilen von Lehm und Ton vermischt, die für die gelbgoldene Farbe verantwortlich sind. Sand ist eben niemals wirklich nur eine Sorte Gesterin – und deswegen kann er so viele Farben annehmen.

Weiß

Diese Farben ist eine Ausnahme: Die weißen Traumstrände, nach denen wir uns in Europa so sehnen, und die eher auf der Südhalbkugel zu finden sind, bestehen eigentlich aus Kalk. Sie sind, auf den Malediven etwa oder in Florida, nicht zufällig in der Nähe von Korallenriffen gelegen. Hier sonnt man sich nicht auf Sand im eigentlichen Wortsinn, sondern auf den zur Millimetergröße zermahlenen Überresten von Korallen oder Muscheln. Unter Meeresbiologen gibt es eine relativ neue Theorie, die vielleicht nicht ideal zur Ästhetik eines Traumurlaubs passt: Dass es nämlich Fischkot ist, der die Strände weiß gefärbt hat. Der Papageienfisch sei es, der fast den kompletten Tag damit verbringe, Algen von Korallenriffen abzufressen. Dabei nimmt er Partikel der aus Kalk bestehenden Koralle auf – und die Alge selbst ist ebenfalls hoch kalkhaltig. Umweltforscher vom Waitt Institute in Kalifornien wollen herausgefunden haben, dass der bunt schillernde Fisch auf diese Weise rund dreihundert Kilogramm Sand im Jahr produziert. (Und überall, wo der vom Aussterben bedrohte Papageienfisch in seiner Population bedenklich zurückgegangen ist, mehren sich auch die Anzeichen, dass Riffe und Korallen sterben.)

Schwarz

Schwarzer Sand ist vulkanischen Ursprungs, häufig auf Island, aber auch den Kanarischen Inseln oder auf Hawaii. Hier haben die Jahrhunderte dunkle Lava zu Pulver zermahlen, vulkanische Asche ist ebenfalls enthalten. Besonders dramatisch wirkt Vik, am südlichsten Ende Islands. Vík í Mýrdal heißt der Ort genau genommen, was „Bucht am sumpfigen Tal“ bedeutet und passend zu allen Island-Klischees wie aus einer Fantasy-Serie klingt. Dort und auch an dem nahe gelegenen Gletschersee Jökulsárlón, der ebenfalls pechschwarze Strände hat, ist es mit rund acht Grad Celsius im Jahresmittel viel zu kalt zum Schwimmen. Dafür bietet der Winter ein besonders dramatisch wirkendes Spektakel, wenn mächtige Eisblöcke über die dunkle Sandfläche verteilt liegen und gleißend weiße Akzente setzen. Übrigens sind die schwarzen Strände auch anderswo eher nicht zum Baden geeignet. Auf Lanzarote etwa geht es oft viel zu steil ins Meer, und die Strömung ist unberechenbar. Merke: Schwarzer Strand ist wie schwarze Piste. Nur für Profis (Surfer vor allem) oder Lebensmüde geeignet.

Grün

Hawaii hat noch eine andere ungewöhnliche Farbe zu bieten: Grün. Und das ganz ohne Pflanzen, hier ist kein Chlorophyll im Spiel, auch wenn es so aussieht. Der „Green Sand Beach“ oder Papakolea-Strand besteht zum Teil aus Olivinen, das sind Mineralarten aus der Gruppe der Silikate. Ein Vulkan hat die Färbung verursacht, der Maunaloa. Sein mehrere zehntausend Jahre alter Kegel enthält das Olivin, das den Sand grün macht. Die Kristalle des Minerals sind schwerer als Sand und deswegen bleiben genau sie am Strand liegen, wenn Wellen und Wind ihre Arbeit getan haben.

Der grüne Sand Hawaiis - in der Sprache der Einheimischen Mahana, was „warm“ bedeutet - wurde einst für magische Kräfte verehrt. Frauen ließen sich eingraben, atmeten durch ein Bambusrohr, das aus dem Sand hervorlugte. So verharrten sie mehrere Stunden, das Ritual wurde als Symbol der persönlichen Reifung und Wandlung gesehen. Es gibt übrigens bis heute keine Straßen an diesen Strand, wer ihn sehen will, muss sich von Einwohnern für zehn Dollar hinführen lassen.

Rosa

Außer Steinen und Mineralien kann auch die Tierwelt für besondere Farbtöne verantwortlich sein. Am „Pink Sands Beach“ auf den Bahamas, auf der Insel Harbour Island in der Nähe von Dunmore Town, sind es winzige Insekten mit rosafarbenem Panzer. Diese so genannten Foraminiferen geben dort dem Sand seine einzigartige Farbe, weil ihre Panzer angeschwemmt werden, wenn sie sterben. Die Tierchen leben auf der Unterseite von Korallenriffen – etwa dem nahe gelegenen Devil‘s Backbone, dem „Rückgrat des Teufels“ – und verarbeiten den Kalk der Riffe. Die rosa Färbung setzt sich vor allem im nassen Sand auffällig durch, so dass sich an diesem Strand ein ganz besonders greller pinkfarbener Streifen an der Küste entlang zieht, genau in dem Bereich, wo das Meer gerade noch hinreicht, der Sand also feuchter wird als in der Umgebung. Die Färbung des Sandes ist übrigens nur leicht pink – was ja eigentlich erstaunlich genug ist: Die üblichen Bilder bei Instagram oder Google-Bildersuche sind nämlich schamlos mit Filtern eingefärbt. Immerhin, das Wasser ist auch ohne Filter so klar und blau wie auf Kitschpostkarten. Und überfüllt ist dieser Strand auch nicht.

Blau

Nur blau existiert nicht. Normalerweise. Es gibt zwar die Plava plaža, deutsch: den „blauen Strand“, im Südwesten Kroatiens, der Name ist aber nichts weiter als ein Marketing-Köder für die Touristen an der Adria. Eine blaue Flagge bedeutet in der dortigen Symbolsprache, dass das Meer besonders sauber ist. Blauen Sand gab es einmal ganz kurz, in einem typischen Sonnenland, aber fernab der Küste: Beim ATP-Tennisturnier in Madrid, vor sechs Jahren, schimmerten alle Plätze plötzlich blau. Ion Tiriac, der Ex-Manager von Boris Becker, hatte das Turnier organisiert und den blauen Sand besorgt. Es hagelte Kritik und ein Linienrichter wurde bewusstlos, angeblich, weil der Sand giftig sei (was sich absolut nicht nachweisen ließ und durchaus Hysterie gewesen sein könnte). Fast alle Spieler, die ausschieden, schoben die Schuld auf den Sand. (Roger Federer hat damals übrigens gewonnen, doch auch der hatte sich beklagt.) Im Jahr danach, und seitdem immer, war der Sand dort wieder rot. Blauen Sand will offenbar niemand. Allenfalls beim Meeresleuchten ist die Farbe akzeptabel. Das deutsche Meeresleuchten, das schwach ist, aber in der Nordsee durchaus wahrnehmbar, wirkt übrigens eher grünlich. An der Küste von Pingtan in der südostchinesischen Provinz Fujian sollen die Mini-Glühwürmchen, die für dieses Phänomen verantwortlich sind, blau leuchten.

Farblos

Der Strand als solcher ist bedroht, so wie manch anderes Naturphänomen auch. Den Stränden der Welt geht nämlich der Sand aus, wie die Vereinten Nationen erst im Herbst verlauten ließen. Mindestens drei Viertel aller Strände weltweit seien betroffen. Sand ist beliebt als Rohstoff – auf dem Bau, für Glas, für Asphalt, selbst in Reinigungsmitteln oder Zahnpasta. Viele Küstenorten der Welt kämpfen gegen das Verschwinden ihrer Strände. Bei Fort Bragg in Kalifornien wartet ein Glasstrand auf Badegäste, und, sie kommen, wie man hört, in Scharen. Der Abraum einer Glasdeponie war eher zufällig für den Materialwechsel verantwortlich. In Florida wurde die Idee jedoch schon aufgegriffen, indem Strände mit Recycling-Glas aufgefüllt werden. Dass Strände nachgefüllt werden müssen, ist für deutsche Ohren keine Überraschung. Auf Sylt wird das seit Jahren praktiziert. Auch Singapur lässt in gigantischem Umfang seine Küste aufschütten. Da wo der Sand herkommt – unter anderem von den Malediven –, sind die Folgen spürbar. Seit den Sechzigern wird Sand hin und her exportiert. Und wo er schwindet, werden die Probleme mit Erosion enorm. Die Malediven sollen zwölf Inseln verloren haben.

Die so genannte „Sandvorspülung“, bei der Sand aus dem Meeresboden gefördert und an die Küsten geblasen wird, wird in Florida oder eben auf Sylt praktiziert. Aber sie gilt als wenig effektiv, jedenfalls auf lange Sicht. Das Meer bewegt die Sandmassen permanent hin und her, gerade an Strand und Küste gilt: Nichts hat Bestand, alles fließt. Und die Strömung gleicht Gruben auf dem Meeresboden einfach wieder aus. Es gibt noch keine Patentlösung im Kampf gegen schwindende Strände.

Thomas Mann nennt das Strandleben eine „sorglos sinnlich genießende Kultur am Rande des Elementes“ - so schreibt er in seiner Novelle „Der Tod in Venedig“. Diese Kultur ist also durchaus in Gefahr. Egal in welcher Farbe.

Mehr Sand, Strand und Sonne gibt es im „Strand-Spezial“ im Reiseteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenMaledivenFloridaHawaiiKalifornienUrlaubUN