Straßenfotografien von Frauen

Spieglein, Spieglein in der Straße

Von Freddy Langer
24.01.2022
, 20:27
Fotografierende Frauen gab es schon immer und auch überall auf der Welt – aber jetzt hat ihnen Gulnara Samoilova ein Forum geschaffen. Und gleich das passende Buch dazu zusammengestellt.
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Das schönste Straßenfoto der Welt hat Garry Winogrand an einem strahlenden Sommertag des Jahres 1968 in den Straßen New Yorks vor dem Schaufenster eines Herrenausstatters aufgenommen. Eine junge Frau hält eine Eistüte in der Hand, legt den Kopf nach hinten und lacht der Kamera aus vollem Herzen zu. Zack, hatte Winogrand das Bild purer Lebensfreude auf den Film gebannt. Aber es war keineswegs ein zufälliger Schnappschuss, wie ein Blick auf weitere Bilder verrät. Sondern ein herausgekitzelter Moment. Die Frau hatte mit ihrem Freund auf dem Bürgersteig gestanden, auch er ein Eis in der Hand, und es macht zunächst den Eindruck, die beiden unterhielten sich einigermaßen ernst. Aber dann müssen sie Winogrand bemerkt haben, und er nutzte die Möglichkeit zu einem Sekundenflirt, ging immer näher auf die Frau zu und trieb sie, auf charmanteste Weise, wie man unterstellen darf, in die Enge, bis sie unmittelbar vor dem Laden stand.

Eine lachende Frau allein macht allerdings noch kein großartiges Foto aus. Dazu wurde das Bild erst durch die Schaufensterdekoration mit einem kopflosen Kleiderständer, über dem ein Jackett hängt, dessen Kragen exakt die Form der Eistüte aufgreift. „Pass bloß auf“, scheint deshalb die Frau zu sagen, die ihren Mund weit aufgerissen hat, „dass ich dir den Kopf nicht geradeso abschlecke wie dieser Waffel das Eis.“ Dass sich Garry Winogrand im Fenster spiegelt, macht ihn unmissverständlich zum Adressaten der kecken Warnung. Von den Passanten, die sich am linken Rand durchs Bild wühlen, braucht er keine Hilfe zu erwarten.

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Wird die Kamera zur Waffe?

Als Garry Winogrand 1975 sein Buch „Women are beautiful“ herausbrachte, wählte er die Aufnahme für den Titel. Ein halbes Jahrhundert später ist es kaum vorstellbar, dass ein Straßenfotograf Frauen noch ungestraft in die Enge treiben kann, um ein Bild aufzunehmen, und sei er noch erfüllt von einem schamlosen Enthusiasmus; im Gegenteil. Schon vor Langem hatte ein New Yorker Bürgermeister erwägt, die Straßenfotografie in Manhattan zu verbieten. Und in Berlin musste vor einigen Jahren nach einem aufsehenerregenden Prozess das Plakat einer Ausstellung abgehängt werden, weil sich eine Passantin erkannt hatte – und nicht gefiel. Welche Motive also bleiben den Straßenfotografen, nicht nur um das Leben in all seinen Facetten zu dokumentieren, sondern – mehr noch – um den eigenen Platz in der Welt auszuloten? Denn Straßenfotografien, so hat Joel Meyerowitz, einer ihrer wichtigsten Vertreter, bei Gelegenheit erklärt, seien ja zuallererst Selbstpor­träts. Der Fotograf versuche seine eigene Befindlichkeit in der Außenwelt gespiegelt wiederzufinden.

Jetzt hat Gulnara Samoilova, in der russischen Republik Baschkortostan aufgewachsen, aber 1992 nach New York übersiedelt, wo sie zu den führenden Fotoreporterinnen gehört, eine Gruppe internationaler Straßenfotografinnen zusammengerufen, die auf Instagram als „womenstreetphotographers“ ihre Bilder posten, die gemeinsam ausstellen, auch virtuell im Netz, und sich austauschen über ihre Erfahrungen und Erwartungen. Dass sie in den Straßen Männer in die Enge treiben, bis sie ihnen schallend in die Objektive lachen, ist nicht zu erwarten. Aber was könnte den weiblichen Blick auf die Straße ausmachen? Wird die Kamera zur Waffe? Gleicht sie einem Schutzschild? Oder wird sie zu einer Art Freibrief, zur selbst erteilten Genehmigung, hinzugehen und hinzuschauen, wo immer man möchte?

Gulnara Samoilova ist keine unerfahrene Fotografin. Vor zwanzig Jahren wohnte sie fünf Blocks entfernt vom World Trade Center und rannte, als sie den ersten Schlag hörte, direkt dorthin, fotografierte zunächst verletzte, schreiende Personen, die ihr auf der Straße entgegenkamen, dann aus der Froschperspektive den Moment, in dem der erste Turm wankte, und fortan, als sie wie durch ein Wunder überlebt hatte, panisch fliehende Menschen inmitten eines Niederschlags aus Asche. Mit diesen Bildern des Terroranschlags vom 11. September 2001 gewann sie beim World-Press-Fotopreis. Wenn sie heute hinter der Straßenfotografie eine gesellschaftliche Aufgabe sieht, hat das deshalb einiges an Gewicht. „Ich glaube, dass die Straßenfotografie Menschen zusammenbringt“, sagt sie. „Je mehr Männer und Frauen die Welt durch die Augen von Frauen betrachten, desto herzlicher und verständnisvoller werden wir einander begegnen, über Unterschiede hinweg.“

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Blättert man sich durch das Buch „Women Street Photographers“, das Gulnara Samoilova herausgegeben hat mit jeweils einem Bildbeispiel von hundert ihrer Kolleginnen, erhält man einen Eindruck von ihrer Vision. Es ist ein Buch des Friedens oder zumindest des friedlichen Nebeneinanders. Nicht zuletzt weil sie bei der Abfolge der Aufnahmen nicht streng den Namen alphabetisch gefolgt ist, sondern aus hundert Bildern eine Geschichte montierte. Wie sehr sie dabei getrieben war vom Verlangen nach Poesie, verdeutlicht gleich das erste Bild, das sie selbst aufgenommen hat, während einer Dorfkirmes in ihrer russischen Heimat: Zwei Jungen naschen von Bergen gewaltig aufgeplusterter Zuckerwatte, die genauso aussieht wie die Wolken über ihnen. Und prompt glaubt man für einen Moment, die beiden Buben griffen beherzt nach dem Himmel.

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Ein versöhnliches Bild der Welt

Was folgt, sind Feste und Rituale aus religiösem Anlass, einige surreal wirkende Momente des Alltags, Spiegelungen, in denen Menschen auf magische Weise verschwinden, während sie sich wenige Seiten später in Indien, Russland und Dänemark mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf den Weg nach anderswo machen. Noch später legt sich Nebel und Dampf über Gesichter, aber man spürt keine Gefahr, sondern glaubt die Personen seltsam beschützt. Den Begriff Straße hat Gulnara Samoilova dabei weit gefasst, denn für manche Bilder tauchten die Fotografinnen ins Meer ein oder dokumentieren das Leben am Strand. Am Ende treibt ein Kind bei Regen wie schwerelos in einem Pool, ganz selbstvergessen, als sei es Teil der Elemente, und nun könnte das Buch gerade wieder von vorne beginnen.

Es ist ein freundliches, versöhnliches Bild der Welt, das hier ausgebreitet wird und zu dem auch die Gesten und die Mimik der Menschen beitragen. „Ihr Blick“, schreibt eine der Fotografinnen zu ihrer Aufnahme einer Frau in einem Café in Melbourne, „besaß eine Wärme und Intensität, dass es mein Herz gerührt hat.“ Eine andere hat den Moment eingefangen, in dem drei voll bekleidete Palästinenserinnen zum ersten Mal in ihrem Leben in der schäumenden Brandung des Meeres stehen und ihre Angst umschlägt in Freude und Gelächter. Und eine weitere schreibt zu ihrem Bild zweier Frauen in Kairo, die in bunten Kleidern unter bunter, zum Trocknen aufgehängter Wäsche mehr entlangstolzieren, als dass sie gingen, sie hätten so viel Würde, Stärke, Entschlossenheit und Hoffnung ausgestrahlt, wie sie es sich zu diesem Zeitpunkt für sich gewünscht habe. Unversehens taucht so der Gedanke von Joel Meyerowitz auf, wonach es sich bei Straßenfotografien um Darstellungen des eigenen Empfindens handele. Das bin ja ich, sagen also auch diese Straßenfotografinnen – oder wenigstens: Das wäre ich gern.

Als Edward Steichen Mitte der Fünfzigerjahre seine epochale, alle Besucherrekorde brechende Ausstellung „The Family of Man“ zusammenstellte und auf Wanderschaft um den halben Globus schickte, verband er damit nach dem Krieg friedensstiftende, völkerverbindende Absichten. Alle Menschen sind gleich, war die Botschaft, erleben die gleichen Freuden und leiden unter den gleichen Kümmernissen. Das Buch „Women Street Photographers“ könnte man als deren Fortsetzung verstehen. Wiederum geht es um ein Bild der Welt, in dem die Unterschiede zwischen den Kulturen eher aufhoben wirken, als dass sie hervorgehoben würden. Dabei stammen die Bilder von Fotografinnen aus vierunddreißig Ländern.

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Aber dann lassen sich doch Feinheiten entdecken, wie das Bild jenes Mannes in Tel Aviv, der sich den Hut vors Gesicht hält, weil seine Religion es ihm verbietet, die Fotografin anzuschauen. Oder das Porträt einer Inderin, der die Fotografin so nahe gekommen ist, wie diese es bei einem Mann niemals geduldet hätte. Wie Frauen überhaupt viel leichter anderen Frauen oder Kindern näher kommen können. Und dann glaubt man immer häufiger herauszulesen, um welche Geschichten es hier geht, nämlich um die Teilhabe am Leben – und mehr noch: um dessen Magie. Und so wäre das Bild von dem Herrn mit dem Hut vor dem Gesicht nicht der Rede wert, sähe es nicht so aus, als flöge der Schwarm von Hunderten von Vögeln am Himmel direkt aus seinem Hut heraus, gerade so, als handele es sich um einen genialen Zaubertrick.

„Women Street Photographers“ herausgegeben von Gulnara Samoilova. Prestel Verlag, München 2021. Etwa 220 Seiten, zahlreiche Fotografien in Farbe und Schwarz-Weiß. Gebunden, 35 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Langer, Freddy
Freddy Langer
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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