Leben mit den Wellen

Von CHRISTINE WOLLOWSKI, Fotos: MARCOS PACHECO

7. April 2021 · Brasilien trifft die Pandemie besonders hart. Das Gesundheitssystem ist überfordert und der Tourismus liegt am Boden, etwa im Surferort Itacaré.

Die Bougainvillea an der kopfsteingepflasterten Flaniermeile Pituba leuchtet violett, das Grün der Bromelien in den Gameleira-Bäumen schwebt vor den Fassaden in Pink, Türkis und Dottergelb. Die Abendsonne spiegelt sich in den Schaufenstern für Strandmode und Schmuck, die Kellner haben Stühle auf das Straßenpflaster gestellt. Jazzklänge aus der Jungle-Bar stimmen auf den noch jungen Sommerabend ein, ein Surfer mit von der Sonne ausgeblichenen Locken trägt sein Board unterm Arm: Itacaré ist das Klischee für brasilianisches Easy Living. Fast unwirklich schmiegen sich die Strände an den atlantischen Regenwald, die Wellen rollen perfekt auf den goldenen Sand. Deswegen kommen Menschen aus der ganzen Welt in das kleine Städtchen im Süden des brasilianischen Bundesstaats Bahia.

Doch an diesem Spätsommerabend im März fehlen die Urlauber, die 92 Prozent der Wirtschaft bewegen. Nicht die Brasilianer, die hatten bereits im Januar trotz Pandemie auf der Pituba gefeiert. Auch nicht die Europäer, die kommen eher im Juli und August. Wer in Itacaré jetzt gerade fehlt, sind die Israelis. Brasilien erlebt die bislang schlimmste Zeit der Pandemie: Mehr als 3500 Tote pro Tag, voll belegte Intensivstationen, fehlende Beatmungsgeräte und erst zwei Prozent der Bevölkerung haben die zweite Dosis der Impfung erhalten. In Den Haag ist Präsident Bolsonaro deswegen des Völkermordes angeklagt. In Itacaré sind, wie im ganzen Land, die Folgen zu spüren.
Wenig los auf Itacarés Flaniermeile Pituba.
Wenig los auf Itacarés Flaniermeile Pituba.

Eine hochgewachsene Frau mit kurzen Locken steht vor einem schmalen Haus und blickt nachdenklich auf die nahezu leere Flaniermeile der Stadt. Vor zwei Jahren hat Adriana Bondi hier ein Hostel für Rucksackreisende eröffnet. Zufriedene Besucher hinterließen ihr auf der Wand in der langen Wohnküche Dankeszeilen wie: „Popcorn um Mitternacht und Kuchen zum Frühstück, wir haben uns wie zu Hause gefühlt“ oder „Manchmal trifft man Engel im Leben, Adriana ist einer davon“, und gaben ihr Bestnoten auf den Buchungsplattformen. Deutsche, Argentinier und Türken haben ihre Sprüche auf Adrianas Wand geschrieben. Aber die weiße Flagge mit dem blauen Davidstern an der Eingangstür zeigt, woher die meisten ihrer Gäste stammen: Israel. Es sind die jungen Israelis, die nach ihrer Militärzeit reisen, um sich wieder ans Zivilleben zu gewöhnen – eine Tradition, die jährlich rund 50.000 junge Leute pflegen. Adriana Bondi hat schon vor Jahren Hebräisch gelernt, um sich auf diesen Markt zu spezialisieren.

Adriana Bondi hofft, dass die Gäste aus Israel bald zurückkommen.
Adriana Bondi hofft, dass die Gäste aus Israel bald zurückkommen.

Mehrere tausend Israelis kommen jedes Jahr nach Itacaré und sorgen für eine Art zweite Hochsaison. Im März 2021 bleiben sie aus, zum ersten Mal seit mehr als einem Jahrzehnt. Die jungen Leute, die sich sonst Ende Februar – oft zum ersten Mal in ihrem Leben – auf den Weg in die Welt machen, sind Anfang zwanzig und von mehreren Jahren Militärdienst geprägt. Als bräuchten sie eine Ersatzfamilie, sind fast alle in Gruppen unterwegs und folgen einer festen Route. In Itacaré nehmen sie Surfunterricht oder trainieren Kampfsport, tanken Sonne und feiern die Nächte durch, bevor sie Richtung Rio oder São Paulo weiterziehen. Während europäische Urlauber eher individuell auftreten, haben Israelis kein Problem damit, im halben oder ganzen Dutzend aufzutreten. Sie posten ihre Tipps auf Social Media; wer einmal ihre Gunst gewonnen hat, kann sich einer Gästeschar sicher sein. 

Wer genau hinsieht, findet in Itacaré vielerorts Hinweise auf diese Klientel. Zum Beispiel am Restaurant Alamaim, das arabische vegetarische Küche serviert. Der Name ist hebräisch und bedeutet „auf dem Wasser“ – und unter dem portugiesischen Schild „vegetarisch“ hängt ein weiteres mit dem hebräischen Schriftzug gleicher Bedeutung. „Ich habe viele israelische Freunde“, erklärt Besitzerin Madalena Silva im offenen Gastraum, „die haben mir gezeigt, wie sie bei sich zu Hause kochen. Wenn die jungen Leute auf ihrer langen Reise bei mir ankommen, fühlen sie sich wie bei Muttern.“ Normalerweise bilden sich in den tropischen Sommermonaten deswegen oft lange Schlangen vor dem Restaurant. In diesem Sommer war das anders. Vegetarisch und arabisch, das sind zwei kulinarische Ausrichtungen, die in Brasiliens Nordosten eher weniger verbreitet sind.

Im Nordosten des Landes eher exotisch: Arabische vegetarische Küche.
Im Nordosten des Landes eher exotisch: Arabische vegetarische Küche.

Doch das Ausbleiben der Israelis ist nur ein weiterer Schlag, den die Küste verarbeiten muss: Der erste kam Ende 2019, als die Strände mit Rohöl überschwemmt wurden. Anfang März 2020 fand dann im Luxus-Resort Txai eine private Hochzeitsfeier statt, zu der rund 500 Gäste eingeflogen waren. Einer davon hatte sich bei einem Skiurlaub in Europa mit einem Virus angesteckt. Beim Feiern infizierte er andere Gäste. So erreichte Covid-19 die Region. Der Bürgermeister von Itacaré reagierte prompt und riegelte den einzigen Zugang zur Stadt ab. Die Sperre bescherte Itacaré geringe Ansteckungszahlen und monatelang geschlossene Hotels, Restaurants und Läden. Als fünf Monate später das Virus im Land immer noch nicht unter Kontrolle, die Wirtschaft in Itacaré aber schwer beeinträchtigt war, schulte die Stadt die Unternehmer in Sicherheitsmaßnahmen und öffnete ihre Toren trotz Pandemie. Es folgte ein frenetisches Jahresende mit vor allem regionalen Gästen, ein schwacher Jahresbeginn und dann – nichts mehr.

Der ehemalige Profisurfer Thor, der eigentlich Cristovao Costa dos Santos heißt, betreibt am Ende der Pituba eine Surfschule. Auch bei ihm hängt die Fahne mit dem Davidstern an der Tür. „In dieser Jahreszeit stammen 90 Prozent meiner Schüler aus Israel“, sagt der 52-Jährige. „Manchmal bringe ich an einem Tag mehr als 40 mit einem Kleinbus an den Strand. Sie kommen gern zu mir, denn ich unterrichte sie komplett auf Hebräisch.“ Wo Europäer einen Wochenkurs buchen, reiche den Israelis ein einziger Unterrichtstag. „Dann wollen sie auf dem Board stehen können, und das lernen sie bei mir“, versichert Thor und zeigt auf Beweisfotos von stolzen Surfanfängern.

Im Wasser ohne Maske, am Strand schon: Surflehrer Thor und Strandverkäuferin Cacau.

In Thors Lagerraum warten Dutzende von Boards. Was macht er, um den Verdienstausfall auszugleichen? Selber mehr surfen? Thor lacht. „Ich setze nie auf eine einzige Karte“, erklärt er. „Wenn ich nur ein Surfbrett hätte, würde ich ja die beste Welle verpassen, falls eins kaputtgeht. Im Geschäft ist es genauso: Ich gebe Unterricht, aber ich verleihe auch Boards und baue neuerdings selber welche.“ Den kompletten Januar hat er außerdem eine Gruppe von jungen Leuten aus São Paulo betreut, die beschlossen hatte, für einen Monat Homeoffice am Strand zu machen. „Die habe ich morgens zwischen halb sechs und acht unterrichtet, danach mussten sie ins virtuelle Büro“, sagt Thor: „Wenn es Arbeit gibt, ist mir die Uhrzeit egal.“

Auch Scarlett Casagrande, Spitzname Cacau, ist um fünf aufgestanden und hat den ganzen Morgen zu Hause mit ihrer Lebensgefährtin Flaschen befüllt und etikettiert. Jetzt sitzt sie auf den Felsen der Badebucht Ribeira und kuckt auf die Kokospalmen und die leeren Strandbars. „Ich spreche schlecht und ungern Englisch“, sagt die 25-Jährige, „aber die Ausländer fehlen sogar mir.“ Neben ihren hausgemachten Chilisaucen verkauft Cacau abends in ihrem Laden auch Kokoskrokant, Maniokmehl und karamellisierte Kakaomandeln. Die Süßigkeit stellt ein Freund her, der eigentlich Fremdenführer ist. „Der einzige zweisprachige, der in der Stadt offiziell regis­triert ist“, erklärt Erasmo Carlos stolz, als er mit seiner Fahrrad-Rikscha vor Cacaus Laden hält, um neue Ware anzuliefern. Anstatt ausländische Besucher durch den Ort zu kutschieren, für sie zu dolmetschen oder sie im Leihauto an die weiter entfernten Strände zu fahren, bringt er jetzt öfter ältere Personen per Rikscha zum Arzt oder verkauft Kakao aus der familieneigenen Pflanzung. „Normalerweise verdiene ich im Sommer genug, um das Haus zu renovieren und neue Klamotten zu kaufen“, sagt er, „in diesem Jahr reicht es gerade zum Essen.“

Erasmo Carlos fährt mit seiner Rikscha nun Einheimische zum Arzt, und Adriana Bondi legt Tarotkarten.

Bei Hostelinhaberin Adriana Bondi wurde es an manchen Tagen sogar dafür knapp. „Irgendwann habe ich meinen besten Tisch verkauft, um Lebensmittel zu kaufen“, berichtet sie. Sie hatte sich bei ihrer Familie eine größere Geldsumme geliehen, um das Hostel einzurichten, mit Küchengegenständen, Betten und Wäsche auszustatten, und keine Sorge, dass die Rückzahlung nicht klappen würde. Für ihre israelischen Kunden legte sie Playlists mit den neusten israelischen Hits an, im Kühlschrank stand für alle gefrorenes Acai bereit, und Frühstück gab es bei Adriana rund um die Uhr. „Ich weiß, wie der Sabbat zu begehen ist, und kenne mich mit den jüdischen Feiertagen aus“, sagt sie. Kein Wunder, dass alle bei ihr wohnen wollten. Jetzt legt Adriana Bondi online Tarot, um die Rechnungen bezahlen zu können. „Ich könnte mir ein Zimmer mieten und nur Karten legen, davon ließe sich leben“, sagt sie, „aber ich liebe das hier!“ Solange ihre Lieblingskunden nicht kommen, weil es keine Flugverbindungen gibt, bleibt sie über Whatsapp in Kontakt. Von einem israelischen Freund kam jetzt eine Nachricht, die alles verändert: Er schrieb, die Flüge zwischen Israel und Brasilien seien wieder aufgenommen: „Die ersten sind schon unterwegs zu dir!“ 

Bestseller in Bahia: Selbstgemachte und betäubend scharfe Chilisoßen gehören zu den beliebtesten Mitbringseln.
Bestseller in Bahia: Selbstgemachte und betäubend scharfe Chilisoßen gehören zu den beliebtesten Mitbringseln.

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07.04.2021
Quelle: F.A.S.