FAZ plus ArtikelTourismus nach Corona

Was wird nun aus Venedig?

Von Petra Reski
Aktualisiert am 16.07.2020
 - 21:46
Der fast menschenleere Markusplatz in Venedig in den Morgenstunden.zur Bildergalerie
Wochenlang herrschte Stille auf Venedigs Plätzen und Kanälen. Jetzt tauchen wieder die ersten Besucher auf – und mit ihnen die Frage: Wie soll es weitergehen?

Auf unserem Bootssteg erinnert ein riesiger schwarzer Fleck an den Lockdown. Hier verspritzte ein Tintenfisch im Todeskampf seine Tinte, bevor er von einer Möwe erlegt wurde. Während dieser zehn dystopischen Wochen, als wir uns nur zweihundert Meter vom Haus entfernen durften, unser Kanal aussah wie von unten beleuchtet und die Amseln nicht mehr von den Motorbooten überstimmt wurden, waren in Venedig sogar die Möwen gezwungen, wieder zu ihrem Kerngeschäft zurückzukehren. Tintenfische und Krebse zu jagen ist natürlich ungleich anstrengender als das bequeme Leben im Massentourismus, in dem die Möwen sich damit begnügen können, Touristen das Sandwich aus den Händen zu klauen. Um das zu verhindern, wurde auf der Terrasse des Hotel Gritti sogar ein Falkner eingesetzt.

So gesehen gehören auch die Möwen zu den Gewinnern der touristischen Monokultur, der in Venedig seit dreißig Jahren wie einer Staatsreligion gehuldigt wird. Und das, obwohl jeder Bauer weiß, dass Monokulturen einen erhöhten Einsatz von Dünge- oder Pflanzenschutzmitteln zur Folge haben. In Venedig düngt man die Monokultur mit Airbnbs, Billigflügen, Hotels, Kreuzfahrtschiffen und Ausflugsbooten. Mit Luxusresorts anstelle von Krankenhäusern, Tiramisu-Take-aways statt Gemüseläden und Sonnenbrillen-Sonderverkäufen statt Arztpraxen. Nahezu täglich werden veränderte Nutzungsbestimmungen für Immobilien und Sondergenehmigungen für Spekulanten verspritzt. Das tägliche Leben der Venezianer wurde ausgerottet wie lästiges Unkraut. Kurz: Man beseitigt das, wovon man lebt. Eigentlich einfach zu begreifen. Und ebenso einfach zu ächten – wären da nicht die enormen Interessen des globalen Massentourismus, der wichtigsten Industrie des einundzwanzigsten Jahrhunderts mit weltweit anderthalb Milliarden Touristen im Jahr.

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Quelle: F.A.Z.
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