Trekkingtour durch Bhutan

Im Bruttonationalglück

Von Stephanie Geiger
03.06.2018
, 14:06
Der Jichu Drake liegt am Rande des Jigme-Dorji-Nationalparks. In Anbetracht seiner steilen Eisflanken ist es vielleicht ganz gut, dass seine Besteigung tabu ist.
Hier gibt es 96 Schneeleoparden, hohe Berge, die nicht bestiegen werden dürfen, kaum Straßen, nur eine einzige Verkehrsampel und keine Seilbahn. Verzicht? Entbehrung? Nicht bei einer Trekkingtour durch Bhutan.
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Fangen wir vielleicht mit dem an, was wir über Bhutan gehört und was wir uns über das Land zusammengeträumt hatten: Nur eine begrenzte Anzahl an Touristen dürften das Land jedes Jahr besuchen, man müsse eine Art Eintrittsgeld bezahlen, ziemlich viel sogar, dafür sei es tabu, die hohen Berge zu bestiegen, weil sonst die Gipfel-Götter gestört würden. Es gebe kaum Straßen in Bhutan, nur eine einzige Verkehrsampel, dafür aber 96 Schneeleoparden. Und regiert wird das Land von einem echten König mit dem langen Namen Jigme Khesar Namgyel Wangchuck, der eine wunderschöne Frau haben und der seine Untertanen mit Wohltaten umsorgen soll.

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Es klingt alles wie im Märchen. Auch, dass der König statt wirtschaftlicher Prosperität die Zufriedenheit der Menschen zu seinem politischen Ziele gemacht hat. Ein kleines Glück für ein Land, das als eines der ärmsten der Welt gilt. Bruttonationalglück nennen sie das in Bhutan.

Mit diesen Bildern, Geschichten und Mythen im Kopf fliegen wir in das Land hinter den hohen Bergen des Himalaja. Bei dem sagenhaften Flug von Kathmandu Richtung Osten ziehen fünf Achttausender am Fenster vorbei. Und beim Anflug auf den Flughafen von Paro kommt die Maschine den Bergflanken beängstigend nah. Auf der Fahrt durch Paro, dem Dorf mit ein paar Tausend Einwohnern, das sich um den Flughafen gruppiert, reiht sich, wie aus einer längst vergangenen Zeit, ein Fachwerkhaus an das nächste. Tobgay, unser Reiseleiter, deckt die Illusion auf: „Die meisten dieser Häuser wurden erst nach 1985 gebaut, im alten Stil, um die Tradition zu bewahren.“ Tobgays trägt einen karierten Gho, eine Art knielanger Bademantel, der die traditionelle Kleidung in Bhutan ist, und bei offiziellen Anlässen von den Männern zu schwarzen Kniestrümpfen getragen werden muss.

Ein Kloster in der Felswand

Wir wollen Bhutan, das etwa so groß ist wie die Schweiz ist, aber nur 800.000 Einwohnern hat, zu Fuß erkunden. „Auch der König geht viel zu Fuß“, erzählt uns Tobgay, als wir zum Tigernest-Kloster aufsteigen, das imposant an der Felswand klebt, wo Guru Rinpoche auf einem Tiger reitend gelandet sein soll. Der Weg ist anstrengend und schweißtreibend. Eine Seilbahn gibt es in einem Land, das jahrzehntelang sogar das Fernsehen verboten hat, natürlich nicht. Dafür sind die Menschen Anfang des Jahrtausends gleich in das Internetzeitalter stolperten, weshalb heute jeder ein Smartphone hat, das sogar in den hintersten Winkeln funktioniert. Der König will die Menschen mit der flächendeckenden Mobilfunkversorgung von der Landflucht abhalten.

In den Alpen gäbe es eine Bahn, in Bhutan muss man zu Fuß zum Tigernest-Kloster gehen.
In den Alpen gäbe es eine Bahn, in Bhutan muss man zu Fuß zum Tigernest-Kloster gehen. Bild: Stephanie Geiger

Am nächsten Morgen fahren wir drei Stunden lang vorbei an Reisfeldern über eine holprige Straße in den Jigme-Dorji-Nationalpark. Von hier wollen wir zu Fuß weiter, ganze sieben Tage lang. Während Tobgay, der nun Trekkinghose, T-Shirt und einen Indiana Jones-Hut trägt, uns von den bhutanischen Nationalparks erzählt – es gibt fünf, der Jogme-Dorji-Nationapark ist der zweitgrößte und das wichtigste Schutzgebiet für Schneeleoparden in Bhutan – verteilen unsere acht bhutanischen Begleiter das Gepäck der sechsköpfigen Wandergruppe auf sechzehn Pferde. Wir selbst schultern nur leichte Tagesrucksäcke. Und dann geht es los. Durch baumhohe Rhododendren mit dunkelroten, hellvioletten und pinken Blüten, durch einen dichten Wald, entlang an einem ungezähmten Gebirgsfluss. Später serviert unser Koch bei einem Picknick auf einer Strohmatte das Mittagessen. Er hat vorgekocht und alles in einem Isolierspeisegefäß mitgetragen: Reis, Fleischcurry und Gemüse. „Wenn wir viel Glück haben, dann sehen wir vielleicht einen Schneeleoparden“, sagt Tobgay. Doch in den nächsten sechs Tagen treffen wir nicht einmal auf Spuren eines Schneeleoparden. Pech gehabt. Was Tobgay uns erst später erzählen wird: Er ist seit mehr als zwanzig Jahren im Nationalpark unterwegs, hat aber erst einmal eines der scheuen Tieres beobachtet.

Am späten Nachmittag erreichen wir unseren Lagerplatz. Küchencrew und Pferdetreiber haben das Lager aufgeschlagen. Sechs gelbe Kuppelzelte stehen wie eine verstreute Yakherde auf einer kleinen Lichtung herum. Normalerweise würde es jetzt so weiter gehen: Wir machen den Reißverschluss unseres Zeltes auf, platzieren den Rucksack auf dem nackten schwarzen Zeltboden und packen Isomatte und Schlafsack aus. Dann falten wir unsere Fleecjacke zu einem Kopfkissen und frieren uns in den Schlaf. Aber wir sind ja in Bhutan.

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Märchenhafte Wunderwelt

Trekking in den vergangenen Jahren deutlich gewandelt. In bestimmten Regionen Nepals (etwa im Everest-Gebiet und auf dem Annapurna-Trek) schlafen Trekker heute nicht mehr mit Zelt sondern in Lodges mit passablen Betten und wärmenden Öfen. Auch Camping wird immer luxuriöser und Glamping, wie das heißt, wenn Zelte mit Wellnessjacuzzi, Kaffeevollautomat und Satellitenfernsehen ausgestattet sind, boomt seit einigen Jahren. Doch bei aller Veränderung sind Zelttrekkings noch immer sehr spartanisch und man lernt Entbehrungen auszuhalten. Jedes Zelt, jeder Klappstuhl, jede Gasflasche wird auf dem Rücken von Pferden, Yaks oder auch von Menschen in die Abgeschiedenheit geschleppt. Für Komfort ist kein Platz. Also wird das Gepäck klein gehalten – egal ob man nur ein paar Tage oder kraftzehrende Wochen unterwegs ist. Sechs T-Shirts oder nur eines? Sonnencreme in der Familienpackung oder in der Reiseprobiergröße? Es gibt Weitwanderer, die verzichten sogar auf die Zahnpflege. Andere brechen den Stiel ab, und packen nur den Bürstenkopf ein. Doch hinterher schätzt man dann die Errungenschaften der Zivilisation wieder umso mehr.

Auf dem Tempelfest in Paro, dem Bergdorf mit Flughafen.
Auf dem Tempelfest in Paro, dem Bergdorf mit Flughafen. Bild: Stephanie Geiger

Wir öffnen also den Reißverschluss unseres Zeltes und fragen uns: Gibt es schon in Höhen von 3000 Metern Höhenpsychosen, die Realitäten vorgaukeln, die es gar nicht gibt? Oder hat unser Koch halluzinogenen Pilze in das Mittagessen gemischt, damit wir Trekkinggäste bei Laune gehalten werden? Eine märchenhafte Wunderwelt tut sich in unserem Zelt auf. Die gelbe Zeltwand funkelt golden. Statt des blanken schwarzen Zeltbodens entdecken wir einen flauschig roten Teppich und darauf eine fast fünf Zentimeter dicke weiche Isomatte, die uns alle Befürchtungen vor einer harten Nacht nimmt. Die Isomatte hat einen fein gewebten Überzug aus Baumwolle. Und darauf liegt wiederum ein Kopfkissen, ebenfalls mit frischem Überzug. Und das Beste ist: Es ist keine Halluzination. Teppich, Matte, Kopfkissen, das alles gibt es wirklich. „Nichts Besonderes. Das ist bei uns immer so“, sagt Tobgay. Wir sind ja in Bhutan.

Auf dem Höhepunkt des Luxus: Letztes Lager auf dem Chomolhari-Trek in Bhutan.
Auf dem Höhepunkt des Luxus: Letztes Lager auf dem Chomolhari-Trek in Bhutan. Bild: Stephanie Geiger

Und das war noch nicht alles. Nach dem Abendessen tritt Tobgay aus der Dunkelheit in den Lichtkegel des Messzeltes und hält ein Bündel Wärmflaschen in der Hand. Ist das Teil des staatlichen Glückseligkeitsprogramms? Wir zweifeln nun wirklich, ob das noch etwas mit dem Trekking zu tun hat, das wir eigentlich erleben wollten. Bisher hat ein bisschen heißes Wasser in der Alu-Trinkflasche doch auch gereicht, um im Schlafsack die Füße warm zu machen. Tobgay lächelt und drückt uns als Gute-Nacht-Gruß kleine LED-Stehlämpchen in die Hand, deren Akkus untertags von der Sonne aufgeladen worden waren, und die uns nun an jedem Abend in unseren Zelten Licht spenden sollen. „Wir wollen, dass ihr glücklich und zufrieden seid“, sagt Tobgay. Und als wir vor das Messzelt treten, liegt dort unser Lagerplatz ausgeleuchtet im Schein von Akkulampen, damit niemand von uns über eine Zeltschnur stolpert.

Wandern muss man noch selbst: eine Etappe auf dem Chomolhari-Trek.
Wandern muss man noch selbst: eine Etappe auf dem Chomolhari-Trek. Bild: Stephanie Geiger

Am nächsten Morgen fragen wir uns, ob nun auch noch irgendwo eine Sänfte steht, in der wir in den nächsten Tagen getragen werden. Doch das Gehen nimmt uns auch in Bhutan niemand ab. Wie Schneeleoparden auf der Suche nach Beute, streifen wir getrieben von dem Wunsch, möglichst viel von dem Land uns seinen Menschen in uns aufzusaugen an den nächsten Tagen durch Täler und über Bergrücken, die alle Farben der bhutanischen Stoffe enthalten, als sei die Landschaft gewoben. Voller Enthusiasmus wandern wir an einzelnen kleinen aus Holz errichteten Häusern vorbei, die verstreut und verloren in der Landschaft liegen. Einmal treffen wir in einem kleinen Weiler mit nur fünf Häusern einen Lehrer, der uns über seine Freude erzählt, in der Einsamkeit neun Schüler unterrichten zu dürfen.

Bild: F.A.Z.

Wir campieren im Basislager des 7324 Meter hohen Chomolhari, auf dessen bedrohlich steile Eiswände wir stundenlang starren und die uns darüber philosophieren lassen, wo die Erstbesteiger wohl ihren Weg gefunden haben mögen, bevor das Bergsteigen hier verboten wurde. Und wir überqueren an unserem vorletzten Trekkingtag sogar einen fast fünftausend Meter hohen Pass, etwas höher als der Montblanc. Während erst noch Wolken um die Gipfel wabern, bildet sich plötzlich wie von Wunderhand eine Lücke, durch die wir bis zum weißen Gipfelaufbau des Kangchendzönga sehen, dem östlichsten Achttausender.

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Wir wollen uns gerade wieder auf den Weg machen, da hält uns Tobgay, dessen Ruhe uns in den vergangenen Tagen fasziniert hat, noch einmal zurück. „Erinnert ihr Euch noch an das Tigernest-Kloster und das, was Guru Rinpoche gesagt haben soll? Es gibt keinen Weg zum Glück – Glücklichsein ist der Weg.“ Wir nehmen den Rucksack ab, setzen uns noch einmal. Was drängt uns eigentlich?

Der Weg nach Bhutan

Anreise Bhutan hat einen internationalen Flughafen in Paro, wo Flüge aus Kathmandu oder Delhi landen. Der Flug über Kathmandu bietet sich allein schon wegen der beeindruckenden Sicht auf zahlreiche Achttausender an.

Einreise Die Einreiseformalitäten sind strikt. Touristen müssen verpflichtend eine Agentur im Land haben und mit einem Führer unterwegs sein. Jeder Tourist zahlt pro Tag 250 Dollar (200 Dollar in der Nebensaison). Darin enthalten sind Transport, Reiseführer, Hotel und Restaurant. Das Visum bekommt man nur mit einer Einladung durch eine bhutanische Agentur.

Die beste Reisezeit für Bhutan ist von März bis Mai und von September bis November.
Trekking Das Chomolhari-Trekking im Jigme Dorji Nationalpark hat der Starnberger Trekkingreiseveranstalter Top Mountain Tours im Angebot, ab 5120 Euro; www.top-mountain-tours.de.

Literatur Andreas von Heßberg: „Reiseführer Bhutan: Unterwegs im Himalaya-Königreich“, Trescher-Reihe Reisen 2016, 19,95 Euro. Linda Leaming: „Das glücklichste Land der
Welt: Mein Leben in Bhutan“, Malik 2013, 15 Euro.

Quelle: F.A.S.
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